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Full text of "Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens"

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BUCHER UO n 
ISfiMML^NG 



»Pro ■» Vlt-iwt.T-fa =3 






Union I>eutfcrte Derlagegefellfciiaft in Stuttgart, Berlin, Ceip?ig. 
Soeben beginnt in unferemDerlage^uerfch. einen: 

„3Me bitten £>er Pölker" 

Ciebe und tteirat und <8eburt, Keltgion und Aber- 
glaube, CebenagerDotniheiten und Kultureigentümiidi- 
keiten, £od und Seftattung bei allen Völkern der <£rde. 

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guten Prii>atbiblioth|ek, ee bietet eine reiche IDiffensquelle 
für reife Ulenfdien, eine fdiöne und nütjlidie Unterhal- 
tung für die mußeftunden und ein 3ildermnterial , roie 
es jum Studium diefeß CThcmaö bisher nodi nirgends fo 
Dollkommen und 311 fo billigem Preife geboten rourde. 
fibonncmcnle uni> Probelieferungen in allen 3ud|r|nn61ungen. 



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vtlfCrCltC itl ^ cr • 6 ' bliott > eP öcc Unterhaltung und öca ÜMflena" haben infolge 

[ fadjgemä&er Derbrettunq in allen Sct)id)ten her Beoölnerung öauentbe 

tDirkungsftraft. EDegcn öer 3nfertionspreife, insbefonbere öer Preife für Dorjuge feiten, 
roenbe man jid) an öie fln3eigengefd)8ftsftelle öer v BibIiotb,eh öer Unterhaltung unö bes 
IDijfens'* in Berlin S 61, Blüdjerfrrafje 31. 



(£utc tattouette 




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bebingt 
®efunb$eii 
langet £e= 



»cu, erhält btc 
nergie unb Spann- 
fvaft, bic &aupt* 
faftoren für ba$ heutige 
r n>ivt(d)af titele Tvortf ommen ! 

ift bio befte unb bequemfte Körperpflege, feftigt 
©efunbbeif unb Körper traft, beugt ber (£nt-- 
mtcflung oon Ävanfbeiten »or unb entfernt 
etwaige ivranfbeiföftefte unb franfbafte \Hb- 
lageruugen auß ben ©ewefren. 2ßer fiel; gefunb 
erbalten teilt, mufj für bte Sanay*3Äaffage 
7j Sfünbcben fäglirf) erübrigen. 

oii bc$iebcii bureb alle ©efd>äfte, 
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Sanax-Fabrik: BERLIN N. 24, Friedrichstr. 131 d. 



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lasenl 
'fornu 



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lOOOOOe im Gebrauch 





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*BtbHotl)cf 
der Unterhaltung 
und des tWflfenr- 



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8u bcc 5)umorc6tc „§a& Qlutoüno" von 9*ut>olf 25acjjfd^ 

(S. 16) 

Origtnaljeidjnung von 9ftax 33ogd. 



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Mictytt 
der Unterhaltung 
und des a>i0en$^ 



mit 

(Drigmolbciträgcn 

der l)ttootro0ctid|t^n 
6d)riff|teUcr und ©eichten 
foxvit 3al)lrcid)cn 
3Uiiftrationen 



JatytganQ 1914 * fifytw 6anö 




Uniott Deutle tterlagögefdlfdja;? 
Stuttgart ❖ Berlin * Äeipjlg 



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Copyright 1914 by Union Oeutr*c Pecicigegcfellföaft in Stuttgcrt 
Drucf der Union Dcntföc DtrlagegcfcuT^afi in Stuttgart 



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^ 258* ÄfcS 




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Seite 



^umorcefc Don 9Utbolf 93ar#<f>. 9Hit 93Hbem r>on 
9Hay 93ogel 5 

Da* Rofajlmmcr* 

53cnc3iantf4>cr Vornan i>on <£. i>.2lMcrdfdb-&a lief kern 
(Jortjcfcung nnb 6d>lufe) 22 

Der felfge tttajor« 

Vornan von ©corg Hartwig ($mmj) ftwppel) . . 49 

<Einc jlratittnenföttle. 

93on £otf>. 93renfenborff. 9Hit 9 SMlbcrn .... 85 

Das Ucd)t de* ßinde*. 

SIodcIIc ven Henriette v. 9Hecrf>cimb 101 



flmdfenftudien im Jtmmer. 

SJou fc ?alfcn^oc[t. mt 5 Silbern 174 

Daö Cauffäjföetn 

Sine 6d;nuiggclgefd>id>te. 55on Rad $aufi ... 185 



Damen su Pferde« 

55oii Ola Hilfen. 9Rit 8 fcil&ern 198 

flTanmgfaltiges: 

*5>ic (Srfmwjen ?lffifen 212 

(Sin rettenbev Einfall 214 

ftutfofiiäicn in bot ?lgia (Sophia 216 

$>üö iMlb bev q3tiii5cffin 218 



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4 gn&alt6-33er5ei4>uid. □ 

■ ■ — ■ — — -- 

Seite 

8onfirmationsge(cfcenec 219 

(Sin Eogelbuell 224 

Steuer Ob[tftänber 225 

mt eub. 

Sttertarürbige <£(>rlic&eeitepi:obe 225 

$)ie SSerbrüberungsfanone 226 

5>ie 33lumenbinbefunft 227 

6ie brauet feinen 6a; u$! 229 

5>ie Sr5fd)e ob Altern 230 

§err t>on £allei)tanb 232 

9Htt 93üb. 

ßöntg unb £ogenfd)liejjer 237 

<£in 93oU8aufftanb wegen giofe gebactenen Q5rotee 237 

§>te 9Hontenegrinet unb bie §>tfätpün 238 

3m ©egenteil 240 




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▲ 

♦ 


▲ 

♦ 


♦ 


♦ 



Das /lutofmo- 

^umoresfe oon Rudolf 0ae$fö« 

mit Fildern oon t 

Ulax Bogel. (nad)dru<f oerboten.) 

^^cr pielbefcfjäftigte «-Patentanwalt $arer war in 
feinem 33ureau mit 6ichtung ber £ageeeingänge 
beschäftigt, ab ihm ber ^ommerjienrat 3^att>icfcn ge- 
melbet würbe, ßarer fprang auf unb ging bem 2tn- 
gemelbeten entgegen, ein Seichen, tx>ie fef>r er ihn 
fd>ä^te. 

„©uteu borgen, f^xt ^ommerjienrat — ^atte 
recht lange nicht bie tyxel" 

„3a, mein lieber §err Sparer, id; habe fchlieftlkh 
auch no< $ anbere Arbeit, tann mich nicht ausfchüefo- 
lich für (Srfinbungen erwärmen. §>ae ift getpiffermaften 
nur mein ®te<fenpferb in 6auergurlen5eiten. Ünb 
ba je^t tpieber einmal flaue Seiten finb, fehen 6ie 
mich h^*» §aben (Sie toaö ©efcfjeiteö auf Sager?" 

„9lch, §err ßommer^ienrat, bie <£rfinber leben jetjt 
auch m 6auergur!enaeiten. Eingänge maffenhaft, 
unb }eber (Srfinber t>ält natürlich feine Srfinbung für 
toeltumtpaljenb, aber leiber halten bie 6ad?en näherer 
Prüfung meift nicht ftanb. Ober hätten 6ie £uft, 
fich für bie aufjehraubbaren Gtiefelfof)len ine 8eug ju 
legen, eine (Srfinbung, bie, tpie ber befcheibene (£r- 
finber behauptet, bie einjige ertpähnenötperte <5r- 
ftnbung feit ber (Srfinbung ber ©ampfmafdnne bar- 
fteltt?" 



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S>as Slutofiuo. □ 



»Stein, ich baute, deinen Stuftet tpill id; nid>t 
brotlos machen. 6inb ftbre 2lnerbietungen alle pon 
bcmfclbcn Kaliber?" 

„£eiber, leiber," feufote bei* '-Patentanwalt. „38eun 
nicht balb ber pon fo pielen <£infenbem mit bem be- 
unifoten Sruftton ertpähnte grofce (Schlager wirtlich 
eintritt, mache ich bae Kontor &u tmb gehe f)iec mit 
biefer ,neueften ötrtdmafchine für ben ^ausbebarf, 
ber effettpollften (£rfinbung &toeier 3ahrhunberte', fyau- 
fieren. $>a bin id> tpenigftene fieser, bafc id> pon irgenb 
einer empörten Hausfrau fchnell unb hoffentlich fchmerj- 
I06 aus biefem irbifchen Sammertale erlöft toerbe." 

$>er ^ommerjienrat lachte h* r 5 uc *>* ^9la f mein 
lieber, ich t>offc, baft 6ie bas nicht nötig h a b* n werben; 
bie Herren (Srfinber forgen fd>on bafür, fttynm eine 
hübfdje Leibrente &u perfd>affen. Slber emfthaft: bas 
©elb foll nod) immer auf ber (Strafe liegen, unb ein 
(£rfinb#r i(t boef? eigentlid; ber näcbfte baju, es aufzu- 
heben. 2lber fie guden jupiel in bie 2öol!en, fehen bort 
il>r liebgetoonnenes < -ph < wtafiebilb unb ftolpern babei 
über ben foliben ©rofehen." 

„3<*, SPhantafie toirb genug auf ben 9ttartt getpor- 
fen," betätigte ber ^atentantpalt „§>a habe ich ^ut€ 
toieber eine Slntünbigung erhalten, bie, nach ®cf>rci- 
ben 511 urteilen, bie tüfjnfte 3bee fein muj, bie feit 
langer Seit jemanb gehabt haben tann. Slber ber £r- 
finber tut fehr geheimnispoll, perfönlich ipill er feine 
(Srfinbung porführen, unb toenn 6ie noch ein Teilchen 
Seit h a l> c ^; Ö^tt S^ommerjienrat, tonnen 6ie felbft 
noch &<*5 SDunber aller Seiten gebührenb beunmbern." 

3n biefem Slugenblid trat ein Schreiber ein unb 
gab eine 93ifitentarte ab. 

,$W) t ba ift er fchon! Stlfreb SRüUec Reifet be- 
rühmte Sßann, — Waffen 6ie ihn eintreten." 




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7 



(Sin CWauu 111 mittleren ftabrcu betrat bae» Simmer 
mit fttpd haften unterm Stern. ,/?llfreb Oftüller" ftelltc 
er (id; r>cn\ 

„33itte, nehmen (Sie piat>," (agte ber Patentanwalt, 




„unb lüften 6ie ben 0d;leier i>on Sbrem ©ef>eimniö. 
£>er §err f?ier ift ber S^ommerjienrat 2ftatl;iefen, ber 
eine bebeutenbe (Srfinbung &ur gejd;äftlid;en Ver- 
wertung jud;t. Vielleicht führt (Sie beibe ein glücflid>er 
Sufall l;ier ^ufammen." 

2Ufreb Füller {teilte feine haften r>or(td;tig nieber. 
w 9tteine Srfinbung ift, wie id; roor;l ofjne Übertreibung 



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5>as Slufoiino. 

... — . . — - . 



□ 



jagen barf, äufcerft toic^ttg, auffefjenerregenb unb ge- 
währt Slueblict auf ungeahnte 2ttöglichteiten. S)abei 
ift bei ©ebante an fid; fef>r einfach, fojufagen bas 
(Si bes Kolumbus, unb bas einzig 3Bunberbare baxan 
ift eigentlich, baft noch niemanb früher ben ©ebanten 
aufgegriffen unb in bie £at umgefet^t l>at. freilich 
ift mir bas SBert aud> erft nach äufcerft pertpictelten 
unb langroierigen 93erfuchen geglüctt." 

„6ehr tntereffant !" unterbrach it?n ettpae unge- 
bulbig ber ^ommerjienrat „2lber rpae fyabtn 6ie 
benn eigentlid; erfunben?" 

„S>a6 Slutoftno," jagte ftolj 2Ufreb Füller, tpobei 
er feine gu^rer ertpartungepoll anfah. 

§)aö ertpartete (Srftaunen trat jebod? bei feinem 
ein. Stein gefchäftömäftig jagte ber Patentanwalt: 
„(Sin guter Slame. 9ttan fann fid? piel ober nichts 
babei benfen. (Sin Por$ügüd;e$ 9*eflametPort ! 2lber 
toae bejagt bas SBort?" 

Qctwae gefränft ertlärte Sllfreb Füller: „$>aö $luto- 
tino, une fein 2tame bocf> tpohl !lar auebrüeft, ijt ein 
ßinematograph, ber fid) felbjt betätigt, unb jroar gleid)- 
3eitig als Phonograph. S)er Apparat ijt jo bejdjaffen, 
bafo er unauffällig überall hingejehafft unb mitgenom- 
men tperben tann. $>urct> eine einfache 6d>alt- 
berpegung in ©ang gejetjt, fixiert er alle ©egenftänbe 
unb alle Saute feiner Umgebung, bie bann jeberjeit 
fpäter rpieber hör- unb jichtbar gemalt tperben tonnen." 

„§m, eine fmbjche (Srfinbung," bemertte ber $om- 
merjienrat, „aber bod> wofyi nur fet>r bejct>ränft per- 
tpenbbar." 

„Slber erlauben (Sie, mein §err," ereiferte fid> ber 
(Srfinber, „im ©egenteil pon gerabeju unbejehräntter 
33ertpenbbarteit. 9Hein Apparat macht ben SP|>oto- 
grapsen unb ben Phonographen überflüffig. Kenten 



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□ §umcrc&!c t>on 9*ubolf 35ar^fd>. 9 

6ie ficf> auf ber fteife. 9ttan tätigt meinen Apparat 
einfach um. 2ln einer Imbsen ©egenb brüett man 
auf einen &nopf, unb nun t>ält ber Apparat alle £id)t- 
jtrahlen feft, bie fein Jdjarfee Objettip trifft, ©er ftilm 
läuft, wenn man ihn nicht aufhält, fcct>6 6tunben lang 
weiter, unb auf feinem Gtreifen ift jd>led>terbing$ allee 
aufgezeichnet, was überhaupt ju feigen war. Unb nicht 
nur -bas. §>as eingebaute feine Ot>r t>ört gleichzeitig 
alles, unb ba beibe £eile fi)nd>roniftijcf> arbeiten, finb 
bie ©efchefmiffe fpäter naturgetreu aueberjugeben. 
Unb benten 6ie an bie Oper: mit meinem Apparat 
perjehen, tonnen (Sie ficf> ungezählte ©enüffe perfchaffen. 
©erabeju unentbehrlich aber wirb ber Apparat in 
S^riminalfällen werben. Untrüglich unb untäufchbar 
werben bie tatjächlichen Vorfälle jeberjeit bargeftellt 
werben tonnen, jebe Ginne6täufd>ung ber Beugen läfot 
{ich feftftellen unb berichtigen. Unb fo gibt es noch 
piele SWöglichteiten, in benen mein Apparat unfd>ät$- 
bare ©ienfte leiften wirb." 

©er Srfinber hatte warm unb über&eugenb ge- 
fprochen. 

„§>as wäre allerbingö eine gröfce 6ache," meinte 
nachbentlich ber Patentanwalt, „können (Sie uns ben 
Apparat porführen?" 

Sllfreb Füller entnahm bem haften ein <5tui, baö 
nicht Piel größer ab eine elettrifdje £afchenlampe war. 
gärtlid; ftrich er über ben fieberbejug. „§>aö §Wt 
ift ber eigentliche Apparat. 6ie fef>en t>icr zwei tleihe 
unauffällige Öffnungen. §inter ber einen ift ber 
£id;t-, hinter ber anberen ber £autempfänger eingebaut. 
Qn ber 9ttitte ift eine größere Öffnung mit hinterge- 
lagerter ©lühbirne, beren Söirtung ber ber gewöhnlichen 
elettrifd;en £afd;enlaternen entfpricht, um bem £id>t- 
empfänger auch in ber ©unfelheit ein Slrbeitöfelb 311 



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10 S>as Slutoüno. □ 



geben. S>ie ftilmftreifen, bie wejentlid> von ben jetjt 
gebräuchlichen abweidjen, jiub im Apparat jelbft boppelt 
porhanbeu, nad;einanber einfd>altbar tmb jeberjeit 
auswechfelbar. €ne finb trotj tytet großen tätige 
fo windig im Ilmfang, bafr man bequem ein $>ut$enb 
in bei* SBeftcntafcbe unterbringen fann. Qc^t btüde 
id> f>icv an ben ®nopf, ber burd; ben Meinen 6d>teber 
t>icr feftgelegt werben taut, §>ev tieine 6chalter t>icc 
betätigt bie £ampe — unb {ofort tritt 2tuge unb Ohr 
bes Apparate in SöUlfamfeit. 2öäf;renb bae £rieb- 
wert läuft, lafjen 6ie mich ben 3nf>alt bee aweiten, 
größeren $aften$ erflären. (Sr enthält bie Qlppaxatt 
jttt 3Diebergabe ber Silber unb Saute. §>a Iwbeu 
ttfc 5uuäd)ft einen £autperftärter unb l>ier ben 33er- 
grö&erungsapparat für bie Silber. §>urd; bieje §>rähte 
hier werben beibe haften miteinanber perbunben, unb 
nun arbeiten bie Apparate burd> eingebaute 6eleu- 
jellen unb 3il>nlid>c6 ungefähr u>ie {Jernphotographie 
unb lautfprechenbe Telephone, nur baft burch eine ganj 
bejonberedlrfinbung, bie ich aunäcbft nod; geheimhalten 
möchte, QMlb unb £on junächft aufgefpeid>ert iperben 
unb nach 53ebarf jeber&eit fpäter herporjubringen finb. 

£>ie 33ilbd?en auf bem ftlim jeigen bie ©egenftänbe 
fünfhunbertfach pertleinert, fic laffen fid) aber fo weit 
pergrfcfjern, baf$ burd;auö fd>arfe unb gut ertennbare 
Silber auf ber £einwanb erfcheinen. $>ie £aut- unb 
£icf)tperftärfer mit ben $ltbmappatat<m jinb natürlich 
fehr feinfühlige Qippamte, bie jorgfältig behanbelt 
werben wollen, boch arbeiten fie bei nur einigermaßen 
aufmerlfamer 33ebienung burchaus \ icher; fie fönnen 
burd; elettrifd;en 6tar!ftrom betätigt werben, bod; ge- 
nügt auch 33atterieftrom, tpie ich ihn pertpenbe." 

§>er Patentanwalt unb ber S^ommerjienrat be- 
trachteten aufmertfam unb mit 5ad;!enntni$ bie Su- 



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□ 



5)iiinot'C6fc von 9\ubolf 3tari>fd>. 



11 



bebörteile bes Stutotincs unb Heften {id> über bied 
unb jenes aufHäven. 

OTct>t als eine halbe <5tunbe tnoebte babei ver- 
gangen {ein. 

„9tim möchten tpir aber auch bie Arbeit 3l>res 
Apparates wirtlid) {eben unb boren," meinte {cblieftlicb 
ber ^3atentauiv>ait. 

„€>el>r gern, nut i>abe id; teilte ^rcjeftionsleinwanb 
bei mir, aud; ftört bas Tageslicht." 

„9Had;en wix alles," erüärte ber Patentanwalt, 
lieft bas £ageslid;t bind? fd>were bunfle (Stoffe ab- 
bämpfen unb perwies ben (Srfinber auf eine weifte 
3Banbfläd>e als projeftiousfläcbe. 

Qlls alles bereit war, {teilte ber (Srfinber 5iinäd;ft 
bei ©aslicf>t unter gekannter Slufmerffamteit bes 
^ommer^ienrats feine Apparate ein. 2lls bann bas 
ßimmer oerfiuftert würbe, erfebien an ber $Banbfläcbe 
in anbertfjalb Öuabratmetergröfte bas QMlb bes ftlm- 
mers, mau {al; bie Hantierungen ber brei perfonen 
barin, baju hörte man beutlid; tyre ©e{präd;e mit 
genauer 38iebergabe ber einzelnen 6timmfärburtg. 

9Zad> einer SMertelftunbe {prang ber S^ommerjienrat 
auf. „§>as ift ja groftartig, aufterorbentli<$ t" rief er 
begeijtert. „§err Füller, id> gratuliere! <£nblid> mal 
eine grofte 0ad>e!" 

»3V *&atf bei Patentanwalt ein, „nidjt übel, 
daraus läftt {id> {djon etwas mad>en." 

9lls ber Apparat {ein 2öi{{en ausgegeben l;atte unb 
bas £ageslid;t wieberfjergeftellt war, befprad; ber 
Patentanwalt mit bem (Srfinber bie jur Pateut- 
anmelbung erforberlid?en 6d?ritte. §>er babei $ur 
Erörterung tommenbe ^oftenpunft brachte ben <Sr- 
finber {id;tlid> in Verlegenheit. 

9lber ber ^ommer^ienrat {prang tafhuMl ein unb 



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12 



übernahm bie Prägung ber im ooraus entjtef>euben 
Soften. „3<$ intereffiere uiicf> febr für $f)re (Srfinbung, 
#err Füller," wehrte er beffen §>ant ab, „unb würbe 
mid) freuen, wenn 6ie mir gtjren Apparat &u weiteren 
93erfud?en einige Seit überliefen. 9tatürlicf) ver- 
bürge i<$ mief) fowobl für bie unoerfefjrte 9ttkfgabe als 
aud> bafür, ba{$ fein Unbefugter Kenntnis t>on ber 
(Srfinbung erhält." 

Füller zögerte mit ber Antwort 

„§err 9ftüller," rebete ber Patentanwalt &u, „6ie 
tonnen bem §errn S^ommer^ienrat ben Söunjcf) rut>ig 
erfüllen, 3£r 6d>aben wirb ee nid>t fein, benn ber §err 
^ommerjienrat t>at |<$on manche (Srfinbung ausge- 
probt unb man<$em Srfinber bie nötige finanjielle 
llnterftü^ung gewährt/' 

Snblid) fagte Füller, wenn aud; immer no<$ &au- 
bernb, &u. §>er ^ommer^ienrot liefe fid> nochmals ein- 
ge^enb ben ©ebraudj ber einjelnen Apparatteile er- 
tlären, bann enbete bie Sufammentunft. 

* * 

£agüber ^atte fid> ber ^ommerjienrat oiel in 
(Sebanten mit bem Slutofino 'befdjäftigt. §>ie oer- 
fd>iebenften 9ftöglid?teiten ber 93enüt$ung bes Appa- 
rates toaren tym burd> ben $opf gegangen, unb er 
befd>lofe, gleich eine baoon auszuprobieren, ab er 
am Abenb feine £od?ter jum 93efucf> bes £f>eatere 
gerüftet faf>. 

„§>u, <£lli," jagte er, „id> £abe l;eute eine neue 
eleftrifcf)e Laterne entbedt, bie ganj aufeerorbentlid) 
gepriefen wirb. (£s ift eine Steilheit, 9Han trägt fie 
um ben §als wie ein Opernglasetui, l;at baburd) bie 
§änbe frei unb braucht überbies nid>t, wie bei ben 
übrigen £afd>enlampen, bie §anb am ©aicftnopf &u 



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□ Öumoceöfc m\ 9Uibolf 93ar$fch. 13 

■ " ~i .— ■ —TT -■ - r 



galten. §>u btre^ft jrfet ben fleinen Gemalter, unb bie 
£ampe brennt, folange bu roünfcheft." 

Über bie eigentliche 93ebeutung bes Apparates, 
ben er t>ort>er bereits eingeteilt ^atte, fagte er nichts. 

SUi u>ar nicht fehr erbaut oon ber Neuerung. „9lber 
33ater, fo ein $>ing umhängen, ift reichlich umftänblid) 
für eine £afchenlampe!" 

„0ei bu lieber nicht fo umftänblich!" mahnte ber 
93ater. „3d> roünfche, bafe bu bie fiampe heute be- 
nüttft; ich 9*b* roegen ihrer Verwertung mit bem 
<£rfinber in Verbinbung." 

5>a bie ^amilic bes ßommerjienrats bie Seibenfehaft 
bes Katers t>inficf>tüc|> neuer (Srfinbungen !annte, gab 
(£Ui ihren 2öiberfpruch auf unb f>mg bae> <£tui um. 

,,©eh aber oorfid>tig bamit um," rief ihr ber $om- 
merjienrat noch nach unb freute fid; über jtoeierlei: 
einmal über bas gute $lu6fef;en feiner Tochter unb jum 
5u>eiten über bie erfte prattifche Verwertung bee 
Apparates. 

5tnberen £ag$ liefe er jid> ben Qippatat jurücfgebeu 
unb fragte babei (Sllt, roie fie bamit jufrieben getoefen 
fei. „S>ie £ampe leuchtet gut," Jagte biefe, „aber &um 
^weiten 9Hale nehme ich f^ nU$t. 3d> bin boch fd)liefelich 
fein ßofferträger." 

§>er S^ommerjienrat lachte, „28arum fo über- 
treiben! 3>as §>ing ift boch 9<*n$ gedieh!" 

„9ta, es geht, ©ann tyabt M> mich aber faft nod> 
baoor gefürchtet, benn bas tieft unb fummt ja, ab 
roäre eine ^öllenmafchine barin oerfteeft." 

„$>iefc SCOeiber!" brummte bee ßommeraieurats 
6ohn, ber 6tubent. „Gonft fptelt ihr euch immer auf, 
ale formtet ihr bie Söelttugel in anbere Dichtung brehen, 
unb babei fommt euch bei einer einfachen £ampe bae» 
fürchten. — $Das ift's beim eigentlich bamit, Q3atet?" 



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14 



„Ö nid>te, (Slli fyat melleid>t nod) bic Söagncnnujif 
in ben Oi>ren gehabt. $>ie Sampe ift mir 511c 93er- 




toethmg angeboten wotben, unb id> u>ill jic aus- 
probieren, SDillft t>n jic aud? einmal benutzen, ffmtt?'' 
„$Baruin nicht? ftd> foinmc beute ioa(?rfchcinlid; 
foa>icfo jpät nach i)oujc." 



□ ifjumorcele von 9Uii>olf ^ai*^[d). 15 



„6d;ön, id> laffe fic in beiu gimmec Rängen," 

©egen Slbenb (teilte ber S^ommeraienrat ben ^weiten 
ffilm ein. &ber am näd>ften £ag f?atte bei 4 Pommer- 
jienrat gefd>äftlid) auswärts 511 tun, unb erft gegen 
2lbenb, als et nad) §au(e fam, backte er an bas 2iuto- 
fino. <£r t>oIte ben Apparat (elbft aus bem Simmer 
(eines 6ol>nes herüber unb machte ficf> in (einem $lt- 
beitsjimmer barüber, bie ©ef>eimni((e bes 2lutofinos 
ans £id>t &u aiet)en. 

5Us er alles porbereitet t?atte, l>olte er nod; JJrau 
unb £od>ter fjeran, Smil war leiber nidjt ju £au(e. 

„2U(o, perefjrte §err(d;aften," rebete ber Pommer- 
jienrat (eine erftaunten tarnen an, „if>r feib je^t 
$ublitum, unb id> bin S^inobireftor. §>ort fef>t if>r 
(d>on bie £einwanb, bie ebenfo gefpannt ift, wie id; es 
(d)on bin unb if>r es balb (ein werbet. §>ie £eiuwanb 
wirb eud) rxämixä) geigen unb (ogar (pred>enb geigen, 
wie (id> bae fträulein £od>ter unb ber §err 6ot>n 
bes &ommer$ienrats 9flatfne(en aufterfjalb bes päter- 
lid;en §au(es amü(iert l;abeu." 

„$lber 33ater, was (oll bas fjeifren?" fragte etwas 
unruhig bic £od>ter. 

„§a(t bu ?(ng(t, (£lli? $>u ainü(ierft bid; bed; gcu>ife 
nur fc, bafe bie £emwanb nid)t 311 erröten braucht," 
rief ber ^ommerjienrat. — „$Ufo je^t bitte id; mir 
9*ul;c aus. 6e^t euch unb feib gan3 artiges ^ublitum." 

(£r hantierte au ben Apparaten, unb im uäd>fteu 
Slugeublict ecfdjien auf ber ^einwaub £lli, unb mau 
l>örte ibr ©efpräd; mit bem 33ater wegen 9Rttna^mc 
bor eleftrifd;en £ampe, ba fal; mau 9ftatbtefen felbft, 
bor feiner (Tocfctct bas Stui umbing. Qtun waubelte 
auf bor Veiuwanb ber ^orfaalbcr7?hitbiefenfd^eu5Bob- 
nuug porbei. ©mm bas fluteube geben ber 6trafre. 
5>ie Dcrjd;iebeiuutigften £>eräufd;e Hangen bind; bas 



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16 



S>a5 2lutofiiio. 



3immcr : 9Jutof>upen, 5Bagengera jf el, 9ftenf<$enjtimmen, 
bas klingeln unb (Saufen ber ötrafcenbafm. 2Ule ©e- 
räuf<$e paßten jid? t>aarfcf>ai*f ben Betpegungen an, fie 
tpuct>fen aujammen, jo baft man meinte, alles bas felbft 
511 fjören unb ju fet)en, tpas bie £eimpanb jetgte. 

$3or ben aufs ^öd)fte erftaunten 8ujd><*uern jpielten 
f ic|> alle bie (leinen 6jenen in £ebenstreue ab, bie an 
(Slli — pon if>r tpa(>rjd>einlid> gar nicf>t beamtet — 
porbetgejogen toaren.*) ge^t jat> man einen 6trafcen- 
bafjntpagen galten, unb bann — (Slli u>ar eingejtiegen 
— jeigte f icf> ba$ Wageninnere. Sllle $ommenben 
unb ©efjenben mußten jid> auf ber £euupanb mit allen 
tyren 93etoegungen jeigen. §>ann rief ber 6d?affner: 
„£l>eaterplat}." Slnbere 33ilber folgten. 22tan jaf> bas 
betpegte £eben por bem £f>eater. 3e^t trat ein ele- 
ganter §err auf (Slli 311. 9Han f>örte il>n jagen: „(Suten 
Slbenb, 6d>a$!" unb £lli barauf: „©uten 2lbenb, Lieb- 
ling!" 

(Sin fe^t erftaunted „9Zanu!" folgte biejer 8**>ie- 
jpradje, biesmal aber Pom ^ommerjienrat auege- 
jprod;en. §>te Butter jal; if>rc £od?ter eigentümlid; 
fragenb an, bie blutrot im ©efid>t bajafc unb mit be- 
ftürjten Lienen tpie ein 93erbred?er auf ber Slntlage- 
bant 

3n5u>ijd;en tpidelte jid; ber ftilm weiter ab. SHan 
jal) fejtlid) getleibete 9Henjd;en bie treppen bes 9flujen- 
tempete emporjteigen, f)örte luftiges £ad>en unb per- 
nabm weitere ©efpräd>e $tpijcben <£lli unb bem #erru, 
bie cntjd>ieben auf längere, nähere 33etauntjcbaft 
jd>liefoen liefen. 

§>er 5^ommer3tenrat jagte sunäcbft nid>tö baju, 
jonbern liefe ben Apparat tpeiterarbeiten. 3ebo4> 

*) 6tcl>c bflö litclbilb. 



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halb jeigten fid> auf ber £eintpanb nur buntle, unge- 
tpifje $läd;eru Offenbar f)ing er je^t in ber ©arberobe, 
bebeeft pon ^leibungöftücfen. <£nblid> tpurben tPteber 
93ilber ficfjtbar* 9flan faf) bae ©etriebe nad> beenbigter 
£f>eaterporftellung unb fjörte Jdjüeßüd) füfces £iebee- 
geplauber jtpifdjen SUi unb tyrem Begleiter auf bem 
§eimtpege. 9Zicf>t5 bettelt ber infame Apparat für 
jid>, fogar ben SJbfdneböeufe, mehrmals tpieberfjolt, ■ 
betamen bie 8ufcf>auer porgefe^t 

$>en ^ommerjienrat fd?ienen bie £atjacf>en ju 
pergnügen, benn er lachte leife por fict> f>in, 6d;liej3Ücf> 
\a\) man bie erleuchtete £reppenflur, man fjorte <£IU 
bie SBofmungstür auffdjliefcen unb jaf> fie in it>r Simmer 
ge^en. 

hiermit fc^lofe ber S^ommerjienrat bie 93orfteüung, 
fntpfte bas eleftrijd)e £id>t an unb faf) auf feine £ocf>ter, 
bie tyr ©efi<$t an bie 53ruft ber Butter gebrüett fjatte 
unb pon ben futterarmen umfd>lungen unb geüeb- 
foft tpurbe, ,,QXatürlid>/' meinte er troefen, „ba Rängen 
jie rpieber jufammen u>ie ^ed) unb 6d?tpefel! — Stber 
bas nütjt nichts, <£lli, bu f>aft uns fcf>mäf>Ud> Unter- 
gängen, fdjäme bid>!" 

$>ieö braute Sllis $opf \)od>, unb tro^ig ettpiberte 
jie: „%d> brauche mid> nicf>t &u fdjäment" 

„Sticht? 2iud)gut! 3ft ber §err nid>t (SmUs 5*eunb, 
ber Sljfeffor?" 

JSh Slffeffor $ern. Sc tpäre nächtens fotoiefo 311 
bir getommen." 

„6o, fo, bas ift ja red)t nett ! §>ae perefjrte f^äulein 
£od)ter perliebt ftd>, läfot fid; f>eimüd> (üjfen, 6<$at$ 
f>in, Liebling f>er, unb ber (reujbumme 93ater t>at bann 
tpeiter nichts 511 tun, als feinen (Segen unb bie Mit- 
gift )tt geben!" 

„2lber 9Hann, iparum regjt bu bid; benn fo auf!" 

19H. VIII. 2 



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18 $>aö Slutotino. 0 

befd>toid>tigte bie Butter. „$>05 ift bod> nun einmal 
fo in ber SBelt. 2Bie toar'e benn bamals, als toir uns 
tennen lernten? §aft bu ba pielleid)t meine Altern 
erft gefragt, ob bu mich füffen bürfteft? §>u t>aft es 
einfad? getan — unb bas u>ar gut jo, benn fonft hätte 
ich bid) gar nicht genommen." 

§>er ^ommerjienrat lachte. 

„3ch finbe eö überhaupt nid;t ^übfc|> pon bir, 
93ater," fchmollte <£lli, „mir nachspionieren. §abe 
ich bir }e Slnlafe baju gegeben?" 

„Stein, ßlli," meinte ber 93ater, „aber es ift bod> 
immerhin l?übjd; ; toenn man gelegentlich erfährt, toie 
fid> bie S^inber ohne bie mahnenben elterlichen Q3iide 
bewegen. — 9Um tpollen toir mal fetjen, toie fich ber 
§err 6ol;n in biefem ftalle benimmt." 

$>er jtoeite Jilm begann fid> abjutoideln. 3n biefem 
Slugenblicfe bctxat <5mil 9ftatf)iefen baö Simmer. 

„511), bas ift t>üt>fcf>, baft bu tommftl" begrüßte if>n 
ber 23ater. „6o, fe$ bid> 511 bem übrigen ^ublitum." 

<£m\i tat penpunbert, une tym geheimen. 

2luf ber Seintpanb fat> man je^t bas Simmer (£mil6 
unb bann btefen felbft. £>ann betpegte er fid> mit bem 
Slutotino unb betxat ben 33orfaal, too er es an einen 
§afen aufhängte, tpas man baran ertannte, bafc (Emil 
felbft tpieber auf ber Seimpanb erfd;ien. 9ttan fah, 
toie er oor einem 0piegel normale föraroatte unb 
§aar orbnete. 3e^t erfdjien neben ihm 93erta, bas 
§ausmäbd?en, unb half ihm in ben Hantel. 2lber 
toaö tpar bas? (Smil breite fid; plö^lich rafd? l;erum, 
tniff bie 93erta in bie 33aden, tpoju er Jagte: „9Za, 
fleiner ®d)äter, 6ie fehen toieber einmal blitjfauber 
aus! 2Bie ift'ö benn — tleineö Muffel gefällig?" 

$>aö folgenbe Sichern ber 93erta war beutlid? 
hörbar. 



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□ §umorc6!e von 9lubolf 95ari&fd). 19 



„2lber <£mill" unterbrach bic Vorführung aürnenb 
bie JJrau ^ommcrjicncat 

„$lber (Srnil!" &ürnte in ebenfo gerettet (Sntrüftung 
ber §err ^ommcrjtcnrat 

Weitere peinliche flberrafd>ungen blieben ihnen jum 
©lüd erfpart. 921an hörte ein entferntes ©eräufch, 
u>aö ben §errn 6tubio peranlafcte, fchleuntgft $u per- 
fchtpinbeu. §)abei tyatte er pergeffen, baö Slutotino 
mitjunehmen, benn nod; immer hing eö an bem ©arbe- 
robehaten unb jeigte je^t, u>ie ftcf> 93erta im (Spiegel 
mufterte» £ö tpar ein hübfd>er $lnblid — bas jugenbliche 
©eficht mit ben froren Qlugen unb ben angenehmen 
Sügen, auf benen noch ein heimliches fächeln ju liegen 
fd>ien. gebod? f<$ien bie ftrau ^ommer^ienrat !einen 
äftbetifchen 6inn ju haben, benn fie murmelte mit atem- 
lichem Sngrimm: „SMefe ^erfon!" 

Qlud) ber §err S^ommeraienrat tpar jeijt unruhig 
getporben unb rüdte auf feinem 6itj ^in unb her. 93e- 
rut>igenb legte feine (Sattln ihren $lrm auf feine Gcf>ul- 
ter unb begütigte: „9*ege bid) nicht auf, lieber 9ttann, 
biefe ^eefon tperbe id> heute nod; entlaffen!" 

§>a erfcf?ien plö^lid; auf ber £eintpanb ber §err 
$ommer$ienrat felbft, tpie er pon einem Ausgang nach 
§aufe fam. 

33erta eilte gefd>äftig auf it>n ju, um if>m ben Hantel 
abjunebmen. 

5lber, o S)immel, tpas fah man ba? 

$>er §err ^ommer^ienrat tniff gleid; feinem (Sohne 
bie 93erta in bie SBange unb tätfd?elte if>r tpobtoollenb 
bie runben <Sd>ultern: ,„9tun, Heiner harter?" tlang 
es ba^u aus bem infamen Apparat, 

3et$t \)kit es ben ftommerjienrat nid)t mehr auf 
feinem 6itj. §aftig befreite er fid> pon feiner fitau, 
{türmte jum SlutoKno unb fd>altete ben Apparat mit 



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20 



$)as 2lutofino. 




einem fold>en 9tu<f <\u$, baf$ biejet polteinb ju 
23oben fiel. 

Oann lieft fid; bei: S^oinmecäienrat jtöt>nenb in 



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□ §umore8te von ftubolf 23ar$f#, 21 

i . . ■ • — - 



einen 0effel fallen unb rief: „6o ein nieberträ<$tige6 
Teufelszeug !" 

6eine (Sattln aber perliefe bas 3immer. 6ie fagte 
nur: „§>as f ft ja unerhört!" §)o<fy fo nad>brücfli<$ jagte 
fie es, baft bie Surüdbletbenben ahnten, fic l>abe nod> 
fefjr piel mef>r &u fagen. 

(Srnü ()atte itt^tpif^en bas Sitnmer uneber £ell 
gemalt. (Slli trat tyrem gefnieften 23ater unb fagte: 
„(£s bleibt unter uns, lieber 23ater! ilbrtgens — barf 
i<$ für nädjften öonntag §errn Slffeffor ^ern einlaben?" 

§>er 23ater niefte nur ftumm ©etPäi>rung. 9ttit 
frohem £äd>eln ging (Slli hinaus. 

2Um fani Smil netyer, aucf> er fpraef? {einem 93ater 
^Troft &u: „(gilt l>at red?t, es bleibt alles unter uns* 
$önnteft bu mir übrigens mit einem blauen Sappen 
beibringen?" 

Söortlos griff ber ^ommerjienrat in bie £afcf>e, 
brachte ein 6<$ecffKft f^erpor unb füllte einen 6d>e<f 
aus, ben Smll bantenb in Empfang nat>m. 

.2116 er allein a>ar, faf> ber ^ommer^ienrat finnenb 
auf bie in blenbenber Unfdjulb prangenbe £emtpanb. 
S)ann fdjrieb er an ben <£rfinber Füller: 

„Slnbei erhalten Gte Jtyre Apparate ^urücf. (Sollte 
ettpas baran befcf)äbigt fein, fo bitte id> um bie 9ted>- 
nung. 3m übrigen l>abe id> mid> überjeugen (äffen 
müffen, bafc 3f?r Slutotino mef>r 6d>aben als Stufen 
bringt. 3d> fefje besfjalb pon feiner gefd>äftltd>en 23er- 
tpertung ab/' 

23on ba ab u>ar ber §err ^ommerjienrat 2ftatyiejen 
gegen neue (Srfinbungen mifctrauifd). 




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I 




Das Kofo3immcr. 

Üene3tamfd)er Roman oon € . p. Uersfeld; 

ßalkftrem. 



(Jartfeijuna und ecfrluß ) ▼ (na<f)&rucf verbeten.) 

(^fctorc fdnen biejen Langel an 5(u6brud6fäf>ig- 
\J feit anjprecfjenber &u finben, ab tr»enn 5>on ©ian 
tyt ein tt>ot>lgejetjted 6prüd;lein aufgejagt hätte; um 
torreft 511 fein, mufj gejagt werben, baf$ et Jid> fold> 
ein (Sprüchlein fdjon ausgebaut unb grünblich über- 
hört t>atte. $lber angeflehte bes Unenvarteten pergaft 
er ebenjo grünblich, u>as er hatte Jagen Jollen, unb bas 
Jprad) u>ieber Q3änbe für ihn unb bie (£d;theit {einer ©e- 
fühle. Jiore empfanb bas aud; mit bem feinen guftinft 
bes^erjenö, ber in folgen gältet! nid;t irrt, jie empfanb 
aud), bafo er Jie in ben Firmen (?ielt tpie ein Heiligtum, 
unb machte feinen 33erfud;, Jid; 511 befreien, was ja 
aud? räumlid; Jd;u>er 5U machen getpefeu toäre. 

„Qa, ©ian," Jagte Jie nur leije. „(£s l?at wofyi alles 
Jo tommen müjjen, ipie's gefommen ijt — nkfjt wahr?" 

„$ld;, giore — UT *b &U weifet nicht einmal, tpie's 
gefommen ijt," meinte er aufatmenb. „(5s ijt ja ein 
reines Söunbcr, baft unb u>ie id; bid) finbeu mufcte. 
Unb nun gar noch in biejem £od; ! — (Sejeguet (et es, 
biejes 2od), benn es ijt bod; tpeuigftens neutraler 23obeu 
— jtpijchen ben Etagen!" 

S>ie l;ellen Xräneu bes '©lüefs unb ber Führung nod; 



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□ Cornau t>on <£. t>. 2lMer8felb-33alleftrem. 23 



in ben Augen, mufete fyioce je^t aber bod) lachen, „Unb 
u>as für ein 93oben!" jagte fie. „Sin ftufo oben, ber 
anbere unten — nie im £eben I>ätte id> pennutet, bafo 
id> mid> in fold; einem £ocf>e perloben toürbe. — ©tan, 
nidjt tpaf?r, bu perfpridjft mir heilig, unb nid)t nur ber 
£äd;erlic£feit tpegen, bafc bu nie, niemale unb feiner 
einzigen 6eele jemals perrätft, tpann, tpo unb tpie tpir 
uns gefunben?" 

§>on ©ian f>ätte in biefer feiigen @tunbe npd; ganj 
anbere §>inge l;eilig pcrfprod>en. (£r tonnte aufoerbem 
bie 2Belt im allgemeinen unb feine engere SBelt im 
befonberen unb toufete, bafe fie nid>t leicht an „Sufällig- 
feiten" glaubt. 

$lucf) er felbft glaubte ja nid?t an ben Sufall, fonbem 
toar feft baoon überzeugt, bafc eine fei>r, fef>r gütige 
93orfef>ung bas ©lü<* feines Gebens auf bemfelben SBeg 
5u il>m geleitet, auf bem por wenigen £agen erft bas 
93erf>ängnis )U il>m emporgeftiegen tpar, bas if>m fein 
bürgerliches £eben pernic^ten wollte. 

„3<$ vperbe biefe treppe pergolben laffen," gelobte 
er fid> mit einem Reiften §>an!gefüf)l im ^er^en, unb 
bod) fcf)ien fie tym, fo n>ie fie eben tpar, fcf)on pon purem 
©olbe ju fein. 

grgenb ein ©eräufd; — ob pon oben, ob pon unten, 
blieb unentfdjieben — fd;recfte bas feiige <£aar in feine 
forreften 9*äume jurüct, bic il;r ©el;eimnis fo trefflid) 
u>af)renben Paneele fd)loffen \\ö) unten tpie oben, unb 
bie Angehörigen §>on ©ians fonnten ftd> in ber JJotgc 
rufjig, aber erfolglos bie Stopfe ^erbred;en, too in aller 
Qöelt if>r Snfel bejiefningstpeife ©ruber es möglid) ge- 
macht l;atte, ftd> mit {Jiore 9Mbecf ju perloben. 

gnfolge biefes (Sreigniffes erfuhr aud> §)oftor 3öinb- 
müller nichts pon bem ©eljeimnis bes Paneels atpifdjen 
bem ^ofa^immer unb ber Gtanja bei 93ruftolone, als 



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24 



er turj barauf bei ftiore porfprad), um fie in {ein Vor- 
haben einautpeihen, 

6ie tarn fkh ein flein tpentg ,,fcf)änbltd)" por, u>ie 
fie fo ruhig unb ohne aud) nur ben fleinften SBtnt ju 
erteilen, baneben ftanb unb 5ufah, tpie SBinbmüller bie 
(Stelle fud)te, an ber bas Paneel f ic^ dffnen liefe. 2111er- 
bings l?ielt er fid) nid)t lange bamit auf, ba es barauf 
nun nid)t mehr antam, fonbern er nur ber 2öiffenfcf)aft 
tpegen nod) einen Skrfud) machte. 

„3Dir tperben fchon nod) bahmterfommen — toenn 
nid)t pon biefer, fo bod) pon ber anberen 6eite," Jagte 
er nach turjer Prüfung. „9Barum id) eigentlid; !am, 
ift bie 93itte, heute nacht tykv 2Bad)e galten ju bürfen. 
<£s tpäre nämlid> nicf>t unmöglich, bafe gi?rc ungebetene 
33efucherm ber pergangenen Q^ad>t nod) einmal ben uns 
unbetannten Söeg in bas ^ojajtmmer betritt, unb id) 
möchte fie gern babei abfaffen. 3d) ftehe unter bem 
6iegel bes §>ienftgehetmntffe6 unb barf Qlmen eine 
nähere Slufflärung über biefe ganje Angelegenheit nid?t 
geben, $omtefod)en, unb bin mir betpufet, bafo id) mit 
meiner fonberbar fd)einenben Sumutung ganj pon 
3l)rem guten ^Dillen abhänge," 

„©anj unb gar nicht — perfügen 6ie pollftänbig - 
über mid), benn icf> möchte bie Angelegenheiten bes 
Kaufes £erraferma ganj 511 ben meinen machen," per- 
fidjerte ftiore mit glühenben 3öangen. 

Söinbmüller f)orcf)te auf, faf> fie prüfenb an unb 
fchmunjelte. „Hm fo beffer," Jagte er mit einer 93e- 
friebigung, bie toeit über fein 33erufsintereffe hinaus- 
ging. „2Bir tpollen aber nid)t weiter barüber reben, 
$omtefed)en, bamit bae §aus £erraferma mein nächt- 
liches Einbringen bei 3hnen nid;t als Übergriff betrachtet 
unb meinen <pian &u pereiteln fud>t» Söenn alles &ur 
9*uhe gegangen ift, haben 6ie bann pielleid)t bie ©üte, 



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□ Vornan von <£. p. 2lbler6felb-93alleftrem. 25 

mich in ben 6aal neben bem ^ofajtmmer einjulaffen 
— ich (ann von bort burd> bte herabgclaffene Sortiere 
bie £ür gegenüber beobachten unb fdjlage t>or, baß 6ie 
tief) febeinbar, roie gewöhnlich, jur 9Uil>e begeben. 3ft 
es fo red>t?" 

„33ollftänbig," ftimmte ftiore &u. „SBeiß ©i — toeiß 
ber 2ttard)efe oon Syrern Vorhaben?" 

„§m," machte SBinbmüller namentlich. „<£r tpeiß 
es noch nicht, aber ich ^ a ^ c bafür, baß er eingeweiht 
werben muft. Unter bem ,£auö' oerftanb id) eigent- 
lich nur bie tarnen beweiben, bie id> nicht beunruhigen 
möchte. 3ch h<**>* <*uch nod; anbere ©rünbe, fie außer- 
halb ber 6ad>e ju laffen. 5Bäre ee 3hnen fet>r peinlich 
ober unangenehm, wenn id; §)on ©ian als mögliche 
§ilfötraft im ^intergrunb hielte?" 

,,©ar nicht unangenehm wäre es mir. 9Heine JJrage 
jielte fogar barauf hin/' erwiberte ftiore einfach unb 
ernft. 

„€ue finb bas oernünftigfte ,weiblid)e Jrauen- 
jimmer', bae mir feit lange begegnet ift," rief SBinb- 
müller lachenb. „©eftatten 6ie mir, &ur Sibwechflung 
auch einmal ben Propheten fptelen ju bürfen, inbem 
id> 3hnen weiefage, baß 6ie einmal — hoffentlich in 
nicht 3U ferner Seit — eine ibeale ©iplomatenfrau 
fein werben." 

„$)ae ift eine billige ^rophejeiung," rief $iore im 
gleichen £one. „Stadlern ich mich eben mit ,©ian' 
grünblid; oerfchnappt, ift bie ganje 5Bahrfageret über- 
haupt nichte wert." 

SBinbmüller reichte ihr beibe §änbe. „33in ich 
erfte, ber 3hnen ©lüd wüufchen barf ?" fragte er h^lich. 

„3d; freue mich, ßic'ft finb. Slber eö ift fonft 
ein großes ©eheimniö, bas nod; feine Gturtöe alt 
ift," entgegnete fie mit ftrahlenbem ©eficht. 



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26 



$06 ^ofajimmct. 



„©efjeimniffe finb meine Gpe^ialität," meinte er, 
„nur ift'ö mein 5kruf, fie 311 entlüden. 3n biefem 
ftalle aber werbe id> gebulbig warten, bis id; mid; 
ungefnnbert freuen barf, unb fjeute na#t mit boppelter 
2Btd)ttg£eit bie S^renbame be^ie^ungsweife ben (£f>ren- 
on!el fpielen. Gie tönnen babei gana ruf>ig fein, benn 
i<$ ^abe Übung in biefer 9*olle." 

3m ©runbe wax'e SBinbmüUer aber piel weniger 
fcf>erahaft &umute, ale er eö ausbrüette, benn er war 
gar nid>t fo ficfjer, bafc fein <pian ju irgenb einem Er- 
folg führen würbe; es war fogar jetm gegen eine 311 
wetten, bafc $>onna £enia bad ^ofa^immer permeiben 
würbe, nun fie wufcte, bafc es bewohnt war; aber SBinb- 
müller war entfdjloffen, biefen 33erfud; 511 wagen, ben 
er barauf begrünbete, bafe bie ^rineipeffa offenbar in 
tyrem fiogie etwaö fud>en wollte, jum minbeften bod; 
aber einen Qwed mit tyren wieberfjolten 33efud>en 
oerbinbeu mufjte. SBas für ein gwect bieö auej) war: 
bie §auptfad?e blieb, i^rcr I>abJ>aft 511 werben, unb 
jwar aus bem einigen, rein menfd)lid)cn ©runbe, fie 
ifjrer Gelbftgefangenfd>aft 311 entreißen, in ber fie fid> 
ja nur unter bem Spange einer unerhörten Jurdjt 
por — ja, pot was unb por wem? — befinben tonnte. 

★ * 
* 

2luf ftiote legte fid), als SDinbmüller fie oerlaffen 
hatte, um 5>on ©ian auf3ufu<$en, plo^lid; wie ein 211p 
bas 93ewufetfetn, bafc fie ben Slbenb in ©efellfcf>aft ber 
$räf)enf>aufen8 jujubringen fyatte, unb fie jerbrad; fid; 
ben föopf nad) einer (Entfdjulbigung, um biefem ©enufe 
31t entgegen, ßopffdjmeqen porfefn^en? 6ic faf) in 
ben Gpiegel unb mufcte lad>en, als ifyt baraus if>r blü^en- 
bes, ftral;lenbee ©efidjt, it>re tyeiten klugen entgegen- 
blidten. Jrau p. 5^rä()enbaufen würbe fieser fommen, 



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D Vornan pon <£. p. 2U>ler6fclb-93alleftrem. 27 



f ic|> pon ber SBafcrfceit ber Sntfcfculbigung au überzeugen, 
fie würbe natürlich nicf)t ein SBort baoon glauben unb 
wieber pon intern Söiwtgena 511 reben anfangen. 

„<£s ift gräfclicf), aber \ö) werbe mief) einfad) ine 
93ett legen müffen," backte fie betrübt. „Söas will i<# 
benn fonft machen? 3d> Eann unb i>arf es bod> ntc^t 
risfieren, bafc ber aufeerorbentlidje 58iwigena auf aller- 
f)öd)ften 33efel)l feiner grau 92httter erft anfängt, mir 
bie (Sour 51t fefmeibent <5r mag fein, wie er will — 
aber bas barf id> tym wir!li<$ nidjt antun. — 38ie 
fpät ift es je^t? <£rft fünf Uf>r? Cty, bann f>abe id> 
ja nod) eine ©nabenfrift, benn fo halb wirb ja wo^l 
bas £rio $umm, SBenn unb $i<$ nod> nidjt l;eim- 
fef>ren." — 

ftiore OTclbed war ein 6onntagsftnb unb fcatte in 
if>ren fcärteften 33ebrängniffen immer ©lüd gehabt 
6ie war fid) taum ber tyr gefd>enften ©nabenfrift be- 
wußt geworben, als ein Liener erfd;ien unb if>r ben 
33efud> ber 9flarcf>efa melbete. Überrafd;t über biefe 
2lus5ei<3mung pon feiten ber alten §>onna ging fie tyr 
burd) ben 6aal entgegen unb führte fie in bie 0tan^a 
bei 33ruftolone. S^aum f>atte ber feierlid; folgenbe 
Liener bie £ür hinter ifmen gefd;loffen, als bie 9ftard>efa 
fie järtlid; unb bewegt in bie Slrmc fd;lofe. 

„38eld> f ro£e 93otfd;af t l>at ©ian mir eben gebraut I 
SBeifct bu, baft beine Butter meine £od?ter f>ättc werben 
foüen? 3d) t)abe fie geliebt wie mein eigenes ^inb 
unb £abe fie fo ungern hergegeben — unb nun bift 
bu, cara mia, meines Enteis 93raut geworben! 3cf> 
l;ab's broben nid>t ausgemalten unb mufetc fommen, 
bid; an mein §era 511 fd;liefoen!" 

ffiore fd>lang wortlos if>re 2lrme um ben §als ber 
alten §>ame, „S^t l;abe ich wieber eine §eimat!" 
flüfterte fie feiig. 



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$>oö 9fo>faj Immer. 



□ 



Unb bann faften bie beiben, bie 2Ute unb bie 3 U ^9 C ; 
&ufammen unb plauberten, bie bann £orebana, gefolgt 
pon §>on ©ian, fjereingeftürmt lam, Poll pou ber großen 
Steuigteit, um bic neue 0d>ioägerin ju umarmen. 

§>em glücflidjen Quartett in ber 6tanja bei 93rufto- 
lone perflog bie $*\t rote auf klügeln, bis mit einem 
9ttale bie fcfjarfe, roeittragenbe (Stimme pon 'Stau 
p. $räl>enf)aufen, bie mit tyren Herren aurüctgete^rt 
tpar, fojufagen bie 6tunbe i"d)lug. 

„§>te fjatte id) ja gan$ pergejj'en!" rief JJiore mit 
fomifdjem 6d>reden. 

,,3d) aud>!" geftanb 3>on ©ian ladjenb. „33efon- 
bers aber t>atte id) oergeffen, bafr id? ja bei §errn 
p. föräfcen&aufen feierlid) um beine §anb anhalten 
muß. Göll id>'s gleid) tun?" 

,,3d) roeift nid>t," meinte ftiore jroeifelnb. „9Jktn 
23ormunb lebt in $räf>tpinfel unb erwartet einen folgen 
feierlichen $Jft fid>er mittags um jrDölf in ftraef, roeifcer 
93tnbe, tpeiften §anbfd)ul)en unb Splinber, ein £eller- 
bufett in ber §anb. 60 f>ab' id>'s roenigftens in S^täJ>- 
roinfel gejefjen unb bin fef>r fdjarf barüber belehrt roor- 
ben, baft es fid> fo für einen §eiratsfanbibaten jdjidt." 

„§>a voit aber ntdjt in ftrctyroinfel, Jonbern in 93e- 
nebig finb — " 

„ftinber, bie £eute finb lädjerlid) tleinftäbtifd) — 
es if t toafjr," fiel bie 9ttard>eja ein, „aber roir perbanfen 
ifjnen unfere fttore. §ätten jie bei uns nidjt gemietet, 
{0 f)ätten wxt bid>, mein liebes £öd>terd>cn, nid)t fennen 
gelernt." 

giore ftui^te, öffnete bie Sippen, um etipas ju jagen, 
befattn fid> aber eines anbeten unb meinte ftatt beffen: 
„6ie — u?ir roerben aber bie erften unb legten Bieter 
fein, bie im ^ala^o £erraferma eingejogen jinb — 

nid)t wa\)t, ©ian?" 



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□ Vornan von <E. p. SIMerefelb-StaUeftrem. 29 



S>er Sttardjefe feufete ein u>enig unb antwortete 
nicht gleid;. „2Senn's nach mir, nach uns allen ginge 
— gettfifc," fagte er bann 3ögernb, „5lber es gebt leiber 
nid>t nach uns, fonbern nad) bem ftwanq ber Umftänbe. 
gd> bin burd) — burdh Abtragung von 0d>ulben meines 
93rubers unb {einer JJrau gejtrmngen, ju biefer Sttafc- 
regel ber Vermietung 511 greifen, u>enn id; meine 
£aufbaf)n nid>t aufgeben u>Ul. (Ss roirb mir fd^er, 
barüber &u fpred>en, aber fchliefclich bin id> es bir bod> 
fd>ulbig, reinen SBein über meine 93erhältntffe einju- 
fd>enfen, Itebfte $iore. gd> fann bir einen alten, in 
93enebigs ©efdjichte berühmten tarnen bieten, aber 
an irbifdjen ©ütern eben nur gerabe, a>as tnapp jum 
ftanbesgemäfoen £eben reicht — * 

„2Us ob id) banach früge!" fiel ftioxe lebhaft ein. 
„9Iein — nein t §>er ^alajjo £erraferma foll unb barf 
leine Bieter mehr fefjen, benn — benn id) fomme ja 
nid)t mit leeren §änben, unb ich l>offe, bu roirft nid)t 
ju ftola fein, um anjunehmen, a>as id> mitbringe, fon- 
bem es als bas §)eine betrachten, 933as follte id; allein 
wo\)i aud) mit bem pielen (Selbe anfangen?" fchlofc fie 
ladjenb. 

„ftiore — roas rebeft bu ba?" rief bie 9flard)efa 
erftaunt. ,,3d) meine bod) gehört $u haben, bafo bu, 
u>ie bie gute (Eanbiani ftcf> ausbrüefte, ,nid)ts f>cift**" 

„§abt ihr bas gehört?" fagte {Jiore mit einem glücf- 
lid>en £äct>eln. „Söte fd>ön! 3d; meine, u?ie fct)bn, 
roie herrlich für mid), bafc ihr alle mich tro^bem auf- 
genommen unb als bie Sure begrübt tyabt, als roäre 
ich bes feiigen Profus einzige (Srbin. Oh, it>r reifet 
nicht, iras ihr mir bamit fd)enft: bas 93ett>ufetfein, bafc 
ihr mich um meiner feibft toillen liebt, mid; liebt, nur 
toeil ©ian mich gewählt! 9fom, bes feiigen Profus 
(Srbin bin id; jtoar nid;t, aber bie meiner ^atin, bie 



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30 9tofajtmmer. □ 



mich bei ficf> aufnahm, als ^apa ftarb, unb weil er 
i^rc 3ugenbliebe roar, fo t>at fie mir alles hinterlaffen, 
roas fic befeffen hat. 3<t> backte fclbft niemals, bafc es 
oiel fein tonnte, benn fie lebte fo einfach unb- fah, 
roie's mein Detter $ri^ OTcIbc<f fct>u gefdmtacfpoll aus- 
brüdte, roirflid) a>ie eine ,alte 93ogelfd)euche' aus. 2lbcr 
originell toie fie roar — f ie hatte ein golbenes §erj 
unb f>at mir mehr als it>rc paar Millionen hinterlaffen: 
bas Slnbenten an ihre grofce, grofoe Siebe, Unb roas 
nun bie ßrähenhaufens betrifft — fie Ratten ,teinen 
<pia^' für mtd>, als ^apa ftarb unb 93ater ^umm mir 
5um 93ormunb beftimmte; nad?bem aber auch meine 
^atin heimgegangen unb es etroas ju oertoalten gab, 
ba Ratten [ie ^la^ unb fcfjlugen mich breit, &u ihnen 
5U ziehen, unb mithin — " 

„Mithin bift bu unfere Mieterin !" fiel §>onna £ore- 
bana ein, 

„Eigentlich ja, aber uneigentlich Ijabe id>'s für höf- 
licher gefunben, ben $rät)enhaufens bamit ben for- 
tritt einzuräumen." 

„Partim alfo V 4 rief bie 9flard)efa unb fügte läcbelnb 
hin^u: „<Ss u>irb ein fd)tperer 6d;lag für ©ina (Eanbiani 
fein, toenn {ie erfährt, bafo fic einmal in ihrem £eben 
ettoas nicht geroufct l;at, toas ihren lieben 9tächften 
angeht !" 

„3d> bin auch (ehr froh, bafc kh's nicht geunifet habe," 
ertlärte §>on ©ian, „tro^bem ich mir fchon 33ora>ürfe 
gemacht höbe, bich in meine 0orgen hereingezogen zu 
haben, ftiore." 

„£ugenb tsirb belohnt," rief £>onna £orebana. „(Ss 
hätte uns eigentlich ftu^ig machen tonnen, bafe ftiore ,mit 
nichts' Toiletten oon ^aquin trägt, unb toir bachten in 
imferer 33linbheit, baft Jrau 0. Shähcnbaufcn fold; eine 
offene §anb unb foldf) t>orzüglid;en ©efdmiad fwt — " 



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0 Vornan von <£. p. &Mer8felb-93aUeftrem. 3l 



Sin Klopfen an ber £ür unterbrach biefcö ©e- 
ftänbnis, bae ftiore töftüd? amüfterte, unb auf tyr 
„herein" erfd)ien §err o. $r<tyen()aufen in bem gimmer. 

„ftumm!" machte er einleitend „^arbon, id> 
backte, meine 9ttünbel tsäre allein. 3cj> tüffe (guter 
S7$4ttena 8<wtb — 3J> r Liener, $>onna Sorebana. 
§err 9ttard)efe — id>. grüfee 6ie! — tarn! 93in fet>r 
erfreut, bie §errfcf>aften f)ier porjufinben — bie reine 
ftamiüenpartte fo^ufagen!" 

„3n ber £at!" nat>m bie 2Hard>efa ba& Stork „<5ö 
ift eine ftamilienpartie im tpafjren 6inne bes 5Borte6, 
benn mein <£nfelfof>n f>at fid; eben mit ^omteffe 9ftelbed 
perlobt unb fjatte es oor, fobalb als mögltd) bei 3()nen 
offiatcU um tyre §anb anau^alten." 

„Verlobt?" rief ber alte £err. „©ratulicre — gratu- 
liere f?er3lic^ft! M fetjte er ftraf>lenb fjin&u, b^\ann f icf> 
bann aber unb friegte einen fid>tlid>en 6d>recf* „3d> 
freue mid? natürlid;," ftotterte er, „aufoerorbentlid) fo- 
aufagen, aber icf> u>eifc bod; nidjt, ob meine fttau — 
id> tserbe gleid; gelten, es if>r &u jagen. — Ober wollen 

6ie lieber felbft, §err 9ftar<$efe es tpäre in ber 

£at beffer, u>enn 6ie felbft — " 

„Q^atürlic^ toerben urir es Jrau v. &rctyenf>aufen 
anjeigen unb uns porftellen," fiel giore ein. „5>ie 
§auptfad>e ift aber, bafe €>ie fiel) freuen unb &uftimmen, 
ba @ie ja bod) ber 33ormunb finb." 

„^urnrn!" mad>te §err p. S^rät)ent?aufen betreten. 
„3d> fjätte es tPot>l nicf)t gleid) fagen follen — meine 
liebe 'Stau unb \ö) pflegen alle Angelegenheiten immer 

gemeinfam 511 beraten tpir u>ollen eö überlegen. 

3atD0t>l, tpir toollen es überlegen!" 

„©eu>if$ — überlegen 6ie nur! Slber an ber £at- 
fad>e lann es ja nichts mel;r änbern, bafc 6ie 3bre 
(Kraltdjfte 8u}timmung gegeben haben," Jagte bie 9flat~ 



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32 $>&6 9tofajimmer. ö 



d)eja, ber ber arme <}3antoffelhelb leib tat. „34) banfe 
3()ncn in unfer aller tarnen bafür aufs tpärmfte unb 
bin glüdlicf>, baft Gie fo freunbltd) teilnehmen an unserer 
ftreube. Gie perlieren baburef) freilief) bie ftrahlenbe 
3ugenb ab §ausgenoffin, aber toenn man eine fo 
liebe, reijenbe Sftünbel tyat, mufj man eben barauf 
porbereitet fein, fie über fur& ober lang einem anbeten 
abtreten $u muffen." 

„$umm — himm!" machte §err p. 5^räf)en()aufen 
mit einem 33lid auf bie £ür. „3d> freue mid> tpirllich, 
freue mid) pon ^er^en," fc^tc er bann energifd) hinju, 
„JJiore tft ein fo liebes 9Käbd)en — ja, ja, {Jiore, bas 
(inb Gie ! Itnb bafe Gie gut getPählt haben, bafür bürgt 
mir 31>r ganzer foliber, t>öd>ft foliber Sharafter. §>as 
fage id) unabhängig pon ben 2lnftd;ten meiner lieben 
ftrau — tpohloerftanben. — 3$ tpollte, fie tpüfrte es 
erft," fchloft er mit einem tiefen Geufeer. — 

ftiore ift heute noch eine junge, fd;öne grau unb hat 
nach menfehlichem Srmeffen noch ein langes £eben por 
fid>; follte fie aber Rimbert 3at)re alt toerben, fo toirb 
fie fich felbft bann nicht erinnern fönnen, jemals einen 
ungemütlicheren Qlbenb perlebt ju höben als ben ihres 
33erlobungstages im Greife ber Emilie p, S^rähen- 
haufen. 93ater ,^umm" tpollte ja gern gemütlich fein, 
tpagte es aber nicht; Butter „2öenn" toar ausfallenb, 
fpitj unb bitter, unb nur ber „Slufterorbentliche" per- 
mochte es, eine getPiffe §armlofigfeit in ben Meinen 
$reis 5U bringen, tpofür ftiore ihm bantbar war unb 
ihm bie $rone feiner Gippe, bilblich gerebet, jugeftanb, 
ipährenb fie bie nicht beneibete, ber er bereinft biefe 
Gd;tpiegermutter jumuten tpürbe. Ohne biefes not- 
toenbige Übel toare er tpullid) gar niebt fo übel ge- 
tpefen, biefer Söitpigenj. 

giore roar (ebenfalls feelenfrof), als fie fich enblich 



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I 

d Vornan pon <£. p. $lblet6felb-93alleftrem. 33 



in iE>rc 8"nmer aurücfjiehen tonnte, unb boch hatte 
fie bort noch lange &u tparten, ehe fic annehmen tonnte, 
bafe im §aufe alles &ur 9Uihe gegangen tpar. 6ie hatte 
fich mit §ilfe ber ßammerjungfer jum 6d>lafen por- 
bereitet unb fic bann entlaffen unb empfanb es |>eute 
als günftig, bafe biefer bienenbe ©eift fein Simmer in 
bem pon ben S^rähenhaufens bewohnten JJlügel jen- 
feits beö 6aales hatte. 2lls fic bann allein u>ar, &og 
fic fich tpieber an, perfchlofe alle Saiten unb ipartete 
nun in ©efellfdjaft ihrer jungen ©lüctsträume, tpoburd; 
bie Seit rafcher perging, als es fonft tPot>l ber fiall 
getpefen tpäre, ber §)inge, bie ba tommen follten. 

<Ss toat nach elf lU;r, als es enblid> leife an bie 
£ür bes nörblid) an bas ^ofajimmer ftofeenben 6alons 
flopfte. 6ie öffnete ebenfo leife unb liefe SBinbmüller, 
gefolgt pon §>on ©ian, ein, wonad) erfterer bie Sur 
tpieber perriegelte unb gleichzeitig bas elettrifd>e £id)t 
abbrehte, bas ffiorc tpährenb ber 8^t bes Martens in 
biefem SRaume brennen liefe, tpährenb er gleichzeitig 
burch eine 23etpegung 6d;tpeigen empfahl, ftiore 
fchlüpfte bemgemäfe aud) burch bie h cra bgelaffene 
Sortiere in bas ^ofajimmer, legte fid> bort, toie fie 
tpar, auf bas 93ett unb wartete ruhig, aber toachfam, 
inbem fie bem 9Honblid>t jufah, bas butd) bas offene 
Senfter fdjräg ine Simmer fiel unb bem rofa 0ilber- 
brotat ber 9Höbel, Tapeten unb Vorhänge einen 
golbenen Lüfter gab. — 

Sötnbmüller hatte §>on ©ian im 9tebenraum feinen 
*?3la^ angetpiefen unb felbft fo por ber £ür Soften ge- 
fafet, bafe er bas 9*ofajimmer unb burch beffen offen- 
ftehenbe Sur bie ötanja bei 33ruftolone in geraber £inie 
überfehen tonnte. 3hm perfchlug bas betoegungslofe 
Ausharren auf einer (Stelle nichts, er hatte es in öffent- 
lich unbequemeren Sagen in feinem Berufe oft üben 

19U. toi. 3 



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34 



O 



müffen, wäfjrenb S>on ©ian, als bie porfchritt, 
manchmal bie Stellung 511 änbem f icf> peranla&t füllte. 

(£0 fc^>(ug Mitternacht pon ben nahen türmen pon 
6an <}3olo unb ben 5rari, anbere, fernere ©locfen ftimm- 
ten ein, unb tpieber würbe es totenftill — !aum bafc 
noch eine perfpätete 93arte mit leifem 9Uiberfd;lag an 
bei* Münbung bes (Sadfanals porüberglitt, ober man 
pon ferne (Schritte über bie (Sifenbrüde an ber SBeftfeite 
bes ^alafteö flappern !;ortc. 

llnb wieber (erlügen bie ©loden unb tunbeten bte 
erfte 9ttorgenftunbe; ber 9Honb war hinter bem ^Palafte 
perfchwunben, aber bie 9tad>t fo hell, bafr man bie 
©egenftänbe in ben gimmern beutlich erfennen tonnte, 
benn bie ftenfterläben toaren aud) in ber (Stauda bei 
33ruftolone nicht gefd)lo[fen worben, nur bic in bem 
(Salon, in bem bie §erren fafteu, toaren 5U, fo baft bort 
beren SJnwefenheit nid;t $u erfennen gewefen wäre. 

„Q3ergeblid)e6 harten 1" backte $)on ©ian, fid> lie- 
ber einmal ftredenb, inbem er ficf> ipunberte, u>ie Söinb- 
müller es fertig bringen tonnte, fo unbeweglich ju fitzen. 

$>iefer aber gab bie €>ad;e uod; nicht auf; jwar hatte 
aud> er feine große Hoffnung, £>onna 9Cenia erfcheinen 
ju fefjen, aber bie Möglichkeit war barum boch noch 
nicht auögefd;loffen. Irinnen im ^ofa^immer rührte 
fid> nichts; es toar fo ftill, bafe Söinbmüller bachte, ftiore 
müffe tpohl eingefchlafen fein, (£twas um bie <£de ber 
Türöffnung lugenb, faf> er fie auf ber rechten 6eite, 
ben Qlrm unter bem ^opfe, auf bem Q3ett liegen, aber 
er tonnte nicht erfennen, ob fie bie klugen gefdjloffen 
hatte. 

$>od; nein — fie fchlief nid;t: er fal;, wie fie fid; 
leife aufrichtete unb nad; ber offenen Tür l;iufah. §atte 
fie etwas gehört, bas ihm entgangen war? ©efpannt 
beobachtete er ffiore, ohne barum bie Tür aus ben 



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□ Vornan von <£. p. 91MerßfeU>-23alleftrem. 35 

■ - ■ ■ ■ - mm 



klugen &u sedieren, benn es toar offenbar, baft bas 
junge 9Häbchen ettsas f>örte; es fd;ien faft, als ob fie 
auch etwas fah. Unb bodp — es toar nichts 511 fehen, 
nid;ts 5U hören! 

SBinbmüllers ©ef>ör unb ©eficht toar oft mit bem 
eines £ud)fes oerglichen worben, er fonnte f tc|> jebeu- 
falls barauf oerlaffen. Stoar toar es jei$t toefentlid; 
buntler geworben, nun ber 9ftonb nidjt mehr in bie 
ffenfter hereinfchien, aber er ftanb bod; nod> \)od) genug 
am Gimmel, bafj matt eine <Perfon, bie fid> in £ür 
unb 3inimer bewegte, jtoeifeüos 511 fehen oermocht 
hätte, n>ie er es auch fehen fpnnte, baft ffiore, bas 
^Profil nach ber £ür gerietet, jeijt lautlos oon bem 
33ett (jerabglitt, baneben ftefjen blieb unb bann mit ein 
paar rafd>en (Schritten, bie ber meiere £eppid) oöllig 
beimpfte, oor ben Türrahmen trat. - 

„2öas wollen 6ie fjier, 9ttabame?" t>örtc er fie laut 
unb tlar fragen. „SBie tommen 6ie f>icr herein? §>as 
Simmer ift, wie 6ie fehen, bewohnt." 

9ftit ein paar Schritten ftanb Söinbmüller nun neben 
ftiore. „9flit wem reben 6ie, $omteffe? Söo ift — " 

ftiore legte ihre eistalte §anb auf bie feine unb 
faf> ihn mit grofcen, weitgeöffneten klugen an, in benen 
er felbft in bem herrfchenben unfid>eren £id>t einen nie- 
gefebenen ©lanj leuchten fah. 

„6ie ift toieber fort," fagte fie mit gebämpfter 
Gtimme. „6ie \tanb ijier, genau oor mir — es war 
roie ein Sicht, wie ein leuchtenber, grünlicher Qkbcl um 
fie. — 6ie müffen fie bod; aud; gefeiten haben!" 

2Binbmüller fchüttelte ben $opf, aber er wiberfprad; 
nicht. „9öo ift fie hingegangen?" fragte er nur. 

„3a, faheu Gie es benu nicht?" erwiberte ftiore 
erftaunt. „§>urd> bie Türfüllung hier red;ts. 6ie ging 
genau auf wie jene anbere Hufs — auf unb 511, wäfjrenb 



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36 5>aö ^ofajimmcr. □ 



id> fie anrebete. 98ad;en 0ie £id)t, unb id> werbe cö 
gittert aeigen ! gd> backte, 6ie wären hinter bem £ür- 
ra^men unb paftten auf." 

Söinbmüller breite ftcf> um unb machte $>on ©tan 
ein Seiten, bic fd?tperen 33orf>änge an ben genftern 
bes ^ofajimmccö jujujtcljen, u>äf>renb er felbft in ber 
&tar\b<\ bei 33ruftolone biefes ©efd;äft besorgte, §>ann 
erft breite er bas elettrijd>e £id>t auf. 

„2iun aeigen 0ie uns, n>o $>onna £enia bas Simmcc 
oerlaffen f>at> ^omtefcdjen," fagte er ju ftiore, bic 
unbeweglich auf berfelben (Stelle geblieben war. ©leid?- 
jeitig machte er eine Bewegung gegen 5>on ©ian, ber 
hinter {eine 33raut getreten war, um if>n baran &u 
oerl)inbern, aussprechen, was il>m auf ben Sippen lag. 

„§ier," eru>iberte ftiore mit berfelben felbftoer- 
ftänblidjen 6id)erf>eit, mit ber fie bisher gefprochen, 
inbem fie auf bas mit ber entgegengefe^ten 6eite forrc- 
fponbierenbe Ornament bes 33lumenförbchens auf bem 
^aneel zeigte. „§ier," wieberholte fie, bas jierliche, 
roergolbete 6d>ni^tper! fcurüctfchiebcnb, unb wie linfs, 
fo öffnete fid> auch rechts nun bas ^aneel, lautlos unb 
ohne jebe 0d)wierigteit, nur bafo es nicht wie bort 
eine SBenbeltreppe enthüllte, fonbern einen Jamalen 
©ang. 

„$>a f ft fie hineingegangen," wieberholte ^iorc, 
„Riechen 6ie nicht ben ©arbenienbuft? Xlnb bas — 
bas anbere? Oh, biefe ©arbenien — fie machen mir 
6d>winbel — " 

Unb in ber £at griff ftiore um fich, als ob fie eine 
6tü^e fud?te, bie fie in §>on ©ian auch fanb. 

5öinbmüller nahm fie ihm aber aus ben Firmen unb 
trug fie mef>r, ab er fie führte, 511 bem 33ett. „Segen 
6ie fich ty'm, Romteftdjen, unb fehen 6ie ju # bafo 6ic 
fdjlafen tonnen," fagte er, if>r wie einem S^inbe jurebenb. 



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□ Vornan t>on <£. t>. 2lbler6felb-93alleftrem. 37 

1 



„6ie finb übermübet, Übermacht. 2Bir atpei, §>on ©tan 
unb id;, werben fctjon allein bae — bae> anbete be- 
forgen." 

ftiore ftrecfte fid> ol>ne Söiberftreben auf bem 93ett 
aus, fd>lofe bie Slugen, unb et>e SBinbmüller nod> bie 
§>ede über fie ausgebreitet, betpiefen i^rc ruhigen, tiefen 
Sltemjüge, bafc fie fofort a>ie ein mübes 5^inb einge- 
fd>lafen roar. 

„3ft fie Iran!?" flüfterte §>on ©ian beforgt 

„Stein, nur getftig erfdjöpft," entgegnete Söinb- 
müller ebenfo. „Unb, um es gleid? &u jagen: id> b«be 
nic|>t gefeben, was ^omteffe 97Mbec! fat) — §>onna 
9Cenia! $d) fyabc jebe 33ea>egung fttyvet 33raut perfolgt 
unb l>ätte fet>en müffen, tpas fie &u feigen permeint, 
ober u>ir?lid> gefetjen t>at, §abcn Gie bie ©arbenien 
gerochen? Stein. 3d> aud; nidjt. £ro^bem aber — 
§>od> bavon fpäter. £affen Gie uns nun auf bie ©nt- 
bedungsreife jrpijdjen biefen dauern gelten." 

„Slber id> perftet>e nid>t — " 

„9kin, natürlich nid;t Unb bod> gibt es tatfädjiich 
mel>r §>mge jtpi{d>en §immel unb ©rbe — Gie tennen 
ja ben abgebrofdjenen Gprudj," erauberte SBinbmüller, 
inbem er eine Heine Sljetplenlampe aus ber £af<$c 
jog, fie ent5ünbete unb bamit in ben ©ang hinein- 
leuchtete. 

©r ipar mdpt lang, biefer ©ang, nur ipenige Gd>ritte, 
unb enbete mit einer furjen treppe pon Pier gemauerten 
Gtufen, bie toieberum auf einer 2lrt pon ferner 
Plattform enbeten, pon ber abermals eine ftiutyt von 
Gtufen fid> im Tuntel perlor. 

„§>ort funtelt ettpas," flüfterte 3>on ©ian, auf einen 
©egenftanb beutenb, ber auf biefen Gtufen lag. „©6 
fieljt aus tpie ber golbbronjene 93ügel einer §anbtafd>e 
— einer mobernen, neuen £anbtafd>e — " 



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38 5>aö 9tofaatmmer. □ 



$>amit büdtc er ft<$ unter bem tue Laterne fcalten- 
ben $lrm SBinbrnüllers f>inburc£ unb ipollte auf ben 
an biefem perborgenen Orte fo frembartig anmutenben 
©egenftanb aueilen, ab tyn — nod) cl;e er bie erfte 
ber Pier 6tufen, bie $u ber Plattform führten, betreten 
[)atte — SBinbmüllers Qixm padte unb mit eiferner 
ftraft 5urücft>iclt, 

„Surücf, 9Raritt! Gie rennen ja in ben {teueren 
£ob!" teudjte er in I>5d>ftcr Erregung. „6ef>en Gie 
— fjier!" fuf>r er fort, ofme §>on ©ian lo&julaffen, 
inbem er $u feinen jüfcen, bid)t am (Eingang, auf einen 
eifernen 9*ing zeigte, ber an einer bünnen Rette bc- 
feftigt n>ar, bie an ber Söanb entlang neben ben Pier 
(Stufen bie &u ber Plattform lief, „©ottlob, baft td> 
ben Mechanismus gleid> fudjte unb fanb, als ber 9*itj 
in ber Sttitte ber Plattform bort mir in bie klugen 
fprang — * 

„2Bas ift's bamit? (Es finb $tpei aneinanbergefügte 
fielen, toic id; fefje," fagte §>on ©ian peruninbert. 

„(Es ift eine £rappola — eine Falltür," eripiberte 
SBinbmüller grimmig, inbem er fid; mit ber £anb, bie 
bie Jßatemc f>ielt, über bie Stirn fuf>r, auf ber btefe 
Gdnpeifcpeden ftanben. „9ttit einem $8ortc: bie 
Oubliettc, pon ber im ^alajjo £erraferma bie Gage 
ging, 5>ie Gage ift eine graufige 2Birflid;eeit, unb ber 
erfte Stritt auf bie Plattform |>ätte Gie in ben fixeren 
£ob, in bie <En>igfeit beforbert. §inter bem legten — 
ober piclmefjr bem porle^ten, ber biefen Gcfmtt tat, 
ift pergeffen tporben, bie £rappola ju fd;lieften. Gefjeu 
Gie — fo!" Unb, ficf> bücfenb, 50g er an bem 9*ing 
bie Rette jurüd unb ftreifte il;n über einen gafen, ber 
fid; bid;t neben bem (Eingang unten an ber 3öanb be- 
fanb. „60, " fagte er, fid; aufriebtenb, „nun ift unter- 
halb ber Plattform ber Siegel porgefdjoben, nun bürfen 



■ 



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□ Roman pon (5. v. Slblerefelb-SJaUeftcem. 39 



tpir beibe mit €>i<$er£eit barauf treten. 3d; fenne biefen 
9Hecf>anismus, £abe tyn in einem ßaftell in ben 6abiner- 
bergen bei 9*om gefef>en — &u gi>rem ©lüde gefef>en." 

9tun tpar es §>on ©ian, ber fid> ben gellen 6<$tpeife 
pon ber 6tirn tr>ifd)te. „9Ber i>attc bas f>ier in biefem 
§aufe permutet, für möglid) gehalten!" murmelte er 
mit einem QMid bes 2lbfd>eus auf bie trügerifdje Platt- 
form. 

„§m — es ipirb toofjl nid>t bie einjige £rappola 
in biefer (Stabt fein, ipo man unbequeme Mitbürger 
ber 93ergeffcn£eit übergab — bafjer ber 9iame Öubliette, 
pon oublier, pergeffen," entgegnete SBinbmüller, in- 
bem er einen 6d>ritt porroärts machte. 

„9Bas jagten 6ie eben? §>aft man pergeffen tjätte, 
bie £rappola fjinter bem — parierten $u fc^Itcfeen? 
Söarum hinter bem porletjten?" fragte §>on ©iau 
ftodenb, inbem er Söinbmüller &urücff>ielt. 

SMefer tpenbete fid> um unb fat> ben 97larcf>efe ernft 
an. „28eil bie letzte, bie ahnungslos biefen $öeg naf>m, 
feine anbere geipefen fein bürfte als — §)onna 9£enia." 

„£err bes Rimmels!" fdjrie §>on ©ian auf — fo 
laut, bafo SBinbmüller if>m bie £>anb auf ben 2Bunb 
legte unb buref) ben Eingang jurücflaufd)te, ob ftiore 
von bem Ausrufe nid;t ertpadjt tpar. 

„<5s ift ja ganj Mar," fagte er bann, als brinnen im 
^ofajimmer fid> nichts rührte. „6ie fannte ben SBeg unb 
wollte tfm als Ausgang benü^en, um ben ^alaft barauf 
ju perlaffen. 2Bir a>erben biefen Ausgang jetjt finben. 
6ie tonnte ben 28eg, aber nicf>t bie Öubliette. 2lls fie 
barauf trat, f>at bie Jalltür fid; geöffnet unb fid) bann 
für immer über if)r u>ieber gefd>loffen. 3n bem Slugen- 
blid bes (Sturzes aber ift ifjr burd) bas plö^lid>e $Deid?en 
bes 93obens unter if>v bie £afd>c bort aus ber §anb 
gefd>leubert ivorben, um als ftummer 3^uge für ben 



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1 

40 $>ae 9*ofaaimmer. . D 



graufigen Vorgang ber ©tunbe ber Sntbedung $u 
märten. Unb bas 3nftrument baju tr>ar — 3l>re 93raut, 
§err 9ttarchefe, mit it>rcr ©abe, mehr ju fehen als 
anbere Gterbliche. 0ie toerben banaö) tPof>( auch oer- 
lernen, oon einem ,8ufall' reben — bem Sufall, 
ber biejes 9ttäbd>en in 3h r §aus geführt f>at, um nicht 
nur bae ©lue! %\)tee> £ebens 5U toerben, fonbern auch 
ben legten unb beften 93etr>eis für 3hre 6d>ulblofigfeit 
bei bem 93erlufte bes betrugen §>otumentes ju führen, 
bae, ipenn ich mid? nicht >fehr täufche, in jener §anb- 
tafd;e bort enthalten ift." 

3n tteffter 6eele erfd>üttert folgte §>on ©tan bem 
£>ottor, ber mit erhobener £ampe nun auf bie Platt- 
form unb oon biefer auf bie f icf> im $>unfel oerlierenbe 
treppe trat unb bie längliche, elegante £afd>e oon 
3ud?ten(eber aufhob. Sin paar ©tufen h^rabtretenb 
ftellte er bie £ampe auf bie ftalltür, bie unter ben 
(Schritten ber §>arauftretenben leife bebte unb bamit 
ihre büftere 93eftimmung bem SBiffenben oerriet. §>on 
©tan 511m Vorbeigehen pial$ machenb, öffnete er ben 
nur burd; eine 6d)iebeoorrid?tung oerfchloffencn 33ügel 
unb nal;m einen länglichen, oerjiegelten Hmfd;lag her- 
aus, ben ber Sftarchcfe auf ben erften 33licf ertannte. 

„§)ie 6iegel finb unoerlctjt," bemer!te Söinbmüller, 
inbem er §>on ©ian ben Umfd;lag übergab. „$Bir 
nehmen bie £afd>e natürlich mit uns hinauf. 6ie 
enthält, fooiel ich fche> nur noch ein £afchentud>, ein 
Portemonnaie — hier bie 9ttidfahrtarte für 9iom unb 

— ja, was tf t benn bas? Sin oergilbtes, gerolltes Per- 
gament? Wahrhaftig, ba höben 6ie's: es ift ber Plan 
für bas ©eheimnie biefer biden Sftauer, bie mir fo Diel 
Kopfzerbrechen gcmad;t, ihr §>urchfd;nitt — unb J>iw 
am ffuftenbe eine £ür, bie auf ben Kanal hinausführt. 

— §>onna £orebana u>irb il;n vergeblich fud;en, biefen 



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• 11 1 1 



□ Vornan oon <5. p. $lbler5felb-33allefttem. 41 



«•piam 6er;en 0ie, bie {Jalltür unb bie $ette finb barin 
fäuberüct) eingezeichnet unb mit (Sdjattenftridjen ber 
tiefe, burd) ben 9*oft, auf bem ber tyalaft xutyt, r;inab- 
ge^enbe <Sd;ad>t! 6ie mufe it>n überfeinen ober nid?t 
geroufct Ijaben, toas er bebeutet — nun, eine Slnttoort 
auf biefes (£nttoeber — Ober toerben roir nid)t mef>r 
erlangen. — £affen 6ie uns nun feljen, roo biefe treppe 
münbet, roo biefe £ür nad) bem $anal \\<S) befinbet, bie 
bod) oon aufcen nid>t &u fefjen ift." 

§>ie treppe machte furj hinter ber ftalltür eine 
33iegung unb münbete unten in einen jiemüd) breiten 
©ang, ber oor einer mit §013 oerfleibeten, mannsboben 
£ür enbete, 6ie roar mit fctoei eifernen, fdjroeren 
Siegeln oerfc(>loffen. SBinbmüller fd>ob bic Siegel mit 
einiger 0d;roierigreit aurücf unb tonnte einen Ausruf 
ber Überrafdjung nid?t unterbrüden, benn es roar bie 
innen mit §013 oerfd>alte £aftra, an ber ber ©on- 
boüere f>atte roarten follen unb aud; geroartet fjatte, 
bie fio> langfam unb fd;roer nad? innen beroegte» 

„9Ban foll nid>t fagen, bafc bie 2lrcf)itetten oon e^e- 
bem ni<$t erfinberifer) waten" fagte er mit unoer- 
f>oI>lener 93erounberung* „§>ie §errfd>aften jener fo- 
genannten ,guten alten Seit' Raiten es ja nötig, über 
Littel unb 3Bege &u oerfügen, um bem fef>r langen 
2lrm bes ^atee ber §>rei &u entroeid;en, roenn er fid; 
einmal naef) if>nen ausftredte. 3d> !enne oiele biefer 
fonberbaren SBege, aber biefer oerbient entfdjteben ben 
SPreiö. §>ie £aftra — bie oon aufeen fo unfdjulbige 
£aftra ! Söeun ber braoe ©onboliere fie fid) öffnen ge- 
feiten f)ätte, roäre fie ja freilid; fein ©eljeimnis mef>r 
geroefen, aber ber 2Hof>r, ber feine Arbeit getan, roar 
ja au<$ bann ein unnü^es unb gleichgültiges Sttöbel 
getoorben. ©anj abgefefjen baoon, bafo bem ©onboliere 
fein 9ftenfcf> feine ©efd>id?te geglaubt t>ätte. §>ie £aftra 



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42 



$>as 9*ofa5tmmcr, 



□ 



war von innen gut oerwafjrt, bas Ransel broben hütete 
fein ©el;eimuis fo gut, baft felbft id) es nid)t ergrünbet 
t)abe — nun, unb burd) eine 9ttarmortafel fann fein 
OTcnfd) aus einem §aufe gef)en. 3nfoweit war alles 
bewunberungswert ausgebaut, vorbereitet unb über- 
legt — nur ben €>d)<\ttcn ber alles ausgleidjcnben ©e- 
re<$tigteit faf> §>onna 9£enia bei tyrer oerräterifcfjen £at 
ni<4>t l;inter fid) I?ccfd>reitcn , weil fie nt<£t an bie 
28af)rf)eit bes (Spruches bad)tc ober glaubte: ,§ebc 
<Sd)ulb rächt fid) auf ßrrben!'" — 

Wenige Minuten fpäter ftanben §>on ©ian unb 
SBinbmüller wieber jenfeits ber forgfältig gefdjloffencu 
^aueeltür, unb letzterer beutete mit einem freunbltd)en 
Säckeln auf bk tro^ bes nod; brenneuben £id>tes frieb- 
lid; fcf)lafeube ftiore. 

,,©ef)en wir leife, ftören wir fie nid)t — fie braucht 
ben 6d>laf!" flüfterte er, bas £id;t abbreljenb unb an 
feiner ^anblampe bie 6d)ut$blenbe fdjlieftenb. „Q3er- 
mutlid) tpirb fie morgen nichts oon ben Sreigniffen 
biefer 9tad)t wiffen; id) fd)licfee barauf burd) ben plö^~ 
lid) bei il>r eingetretenen 6d;laf, ber bem oifionären 
Suftanb unmittelbar folgte, -- kommen 6ie!" 

§>ou (Sian folgte bem 9Uife, wenn aud) mit einem 
(leinen Umwege. (£r trat leife, leife neben bas 93ett 
unb füfcte bie reine 6tiru ber 6d)läferin, um bereu 
SRunb ein glücflidjes £äd)eln fpielte wie ber SBiber- 
fdjein eines feiigen £raumes. — 

3m oberen 6tocf wollte $>on <5ian fid) oon feinem 
©aft oerabfd)ieben, bod) biefer bat tyn, in fein 8i™mer 
einzutreten. 

„6d;lafen werben wir ja bod) alle beibe nid)t 
tonnen," fagte er, „unb es bleibt uns nod) einiges 511 
befpred)en. 9fteine 9ftiffion t>iec ift beenbet, unb id) 
werbe mit bem edmelljug am Vormittag nad> 9tom 



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□ Vornan von <£. d. 2lMcrefdb-95alleftrem. 43 



5urüd!ef)ren. SBenn \<fy mir einen 9tat erlauben barf, 
fo ift es ber: kommen 6ie mit unb unterftü^en 6ie 
meinen 23ericf)t bei Syrern <Sf>eft" 

,,3d) f)abe aud; fd>on baran gebad)t," erwiberte 
£)on ©ian bereitwillig^» „(£s ift in ber £at bas 9*id)tige 
unb bürfte aud) von mir erwartet werben. §>ann aber 
werbe icf> jurüd!ef)ren müffen, um — " 

<£r brad? ab, unb ein fd>merjlid)er 8ug flog über 
fein ©efid;t. 

„34) f)abe bas erwartet unb wollte mir barum nod; 
ein 28ort geftatten," fiel SöinbmüHer ein. „93or allem: 
es wirb notwenbig fein, 3t)re tarnen über bie gemachte 
Sntbedung nid>t aufklären. Söie id) bie ®ad)e tenne, 
tann id) nur fagen, baft id) es für geboten l;alte, S^tett 
Gtyef jwar einjuwei^en, §>onna 9£enia aber oor ben 
3()rigen unb ber ganzen 3Delt ber leiber nur )ti großen 
©emeinbe ber 93erfd;ollenen beijujäljlen — 44 

, ,,3d) !ann aber bod>, was übrig ift oon il;ren fterb- 
lid;en heften, nid;t in biefem — £od>e liegen laffen!" 
bxad) $>on ©ian los. „§>enfen <Sie baxan, u>ie furchtbar 
fie gefüfjnt f>at ! §>er ©ebanfe allein mufc ja in jebem 
füf)lenben 9ftenfd;cn Polle Vergebung auelöfen — wie 
tonnte id; tyr, ber SBitwe meines 33rubere, ein d)rift- 
lid)es (5rab oorentfjalteu?" 

,,3d) wäre ber letzte, baju 511 raten, wenn id) nicht 
bie beinahe oöllige Hnmöglid)teit beurteilen tonnte, bie 
llnglüdlid>e aus ber Oubliette f>erau65uf)olen," ent- 
gegnete SBinbmüller ernft. „6ef)en 6ie auf bem ^lan 
ben mit 6d)attenftrid;en angebeuteten 6d;ad;t, be- 
rechnen 6ie feine £iefe, feine £age unb fagen Sic 
mir: roie wollen 6ie auf ben ©runb gelangen, of)ne 
ben ganjen £eil bes <Palaftes abtragen 511 laffen? 33c- 
benten 6ie, wie Diele £age bie 93erunglürfte fd)on in 
ber £iefe liegt — mef)r brauche id; nid)t an^ubciitcn. 



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44 



5) aa 9fr>faätmmer. 



□ 



6ie ift 5a unten unauffinbbar, felbft wenn jemanb fie 
mit einem Taud?erf>elm fud>en wollte, 3$ bin über- 
zeugt, bag gi?r <Sf>ef meine $lnfid>t teilt kennen 6ie 
einen ©eiftlidjen, von bem @ie fidjer finb, bafj er oer- 
f<$wiegen ift, {o laffen 6ie u)r über bem 6<$ad;t ben 
Segen für bie Heimgegangenen fpredjen, fd?lief$en 6ie 
bann bas ^aneel in ber Türfüllung bes 9*ofaäimmers 
fo, bafc fein ,8ufall* es mefjr öffnen fann, unb laffen 
6ie ©ras über bas rätfelfjafte 93erfd>winben ber $>onna 
£enia wad)\zn. §>ie Sßelt, bie fo leicht oergiftt, wirb in 
Qa^resfrift f>öd)ftens noef) t>in unb wieber von it>r als 
oon einer 33erfd;ollenen reben, wenn bie 8ungen mübe 
geworben finb, fid) in Vermutungen ju erfd)öpfen unb 
anberen 6toff jutn ßlatfcf) gefunben f)aben. Sd> 
weift unb fann wol)l oerftet)en, bafe bie Kenntnis biefes 
©etjeimniffes 3l?nen bas §aus fttyxcx Vorfahren oer- 
leiben fann, 6ie f)aben aber aud) an bie 3^rigen, be- 
fonbers an 3t)re würbige ©rofcmutter, &u benfen. llnb 
bann 3^re 33raut! (£5 toäre fd>redlid>, wenn biefer 
(Schatten u)r junges ©lücf trübte! 6ie wirb morgen 
oon ben Sreigniffen biefer 3tad;t faum mef>r oiel wiffen, 
benn id> fjabe es in tyren klugen gefel>en, baft fie fidj's 
unbewußt war, als fie oom 33ett auffprang unb oor 
bie Tür trat — bas finb fcelifd;e Suftänbe, pfpd;ifd>e 
9lätfel, bie noc£ unergrünbet finb, es oielleicf>t immer 
bleiben werben/' 



„3<*/' f^gte ftrau o. $räbcnf)aufen biffig unb mit 
nur fd>led>toert>el>lter 6d>abenfreube, ab fie am folgen- 
ben Tage ben 93efud) bes ©rafen 2ftelbecf empfing. 
»3<*; 3*^ 33<*fc ift mit ben tarnen Terraferma aus- 
gefahren, unb ber 2ttard>efe ift tjeute frül) mit bem 
§>oftor 3Binbfang, ober wie er Reifet, nad; 9*om abgereift, 
nadjbem er fid) geftern mit $omteffe$iore oerlobt ^atl" 



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□ Vornan von <£. p. $lMer8felb-93alleftrem. 45 



„SBaaaö?" mad>te ©raf VRdbcd. „Verlobt? ftiore 
1)<xt fid) mit bem 9ttard)efe perlobt?" 

„3aa>ol)l!" betätigte ftxau p. Sh'äfjen^aufen enet- 
gifd). „Gie fid) mit il;m unb feinem grofcmäd)tigen 
£itel pon §abenicf>tö, unb er fid) mit tyren Mil- 
lionen." 

„^urnrn!" fiel §err p. $rä(>enf)aufen ein. „§>aö 
ift benn bod) u>of)l etwas — fagen tPir, eht>as 311 fd;arf 
ausgebrüeft, liebe 5^"! §>er 9ttard)efe, um ifnn bie 
Sbre $u geben, f>at nid;t getoufct, bafc ^omteffe ftiore 
eine reiche Srbin ift, fonbern uns — l)af>at>a! — uns 
tatfäd)li<$ für bie gehalten, bie tym ben ^fjantafiepreis 
für biefe SBolmung bejahen!" 

„dummes ©erebe!" rief ffrou p. ^räl)enf>aufen 
biffig, es bem Gdjarffinn tyres ©atten überlaffenb, ob 
fie bas auf tyn ober ben 9ftard>efe bejog. „Sin 9ttäbel, 
bas nichts t>at, jiebt fid; bocf> nid)t an toie Jiore! (Es 
{ollte mir einer fo ettpas tpeismad)en!" 

„9tun, \d) l?ab' au<$ nidjt getpufet, bafe ftiore fo 
rei<$ ift," bemerfte ©raf 9Iklbecf jur eigenen 33erteibi- 
gung. ,,©ef)ört fjatte id) wotyi, baft fie pon tyrer ^3atin 
geerbt, aber Millionen — ! Qft tPot>l ein bifcd;en Vor- 
gegriffen, guäbige ffrau, benn biefe <Patin faf), gelinbe 
ausgebrüeft, eigentlid; morbsfd;äbig aus." 

„60 l)örte id) aud;," ftimmte fie 3U. „§>er 6d;ein 
l;at aber ipieber einmal getrogen, benn fie t>at — neben 
anberen 93ermäd>tniffen — Jiore runbe jtoei Millionen 
permad)t. 2tun, ber 93krd)efe tpirb fid) ins $äuftd)en 
lad;en unb bie 33raut baju eben mit in ben S^auf 
nehmen." 

„(Es werben if>n piele um biefen ,$auf beneiben," 
naf)in fid) ber $lufterorbentlid)e nun ber Slbtoefenben 
an. „S^omteffe OTelbccf ift eine fef>r fd;öne, fet>r begabte 
unb fel>r liebenetpürbige junge §>ame, bie — " 



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46 



$>as 9to[ajimmcr. 



n 



„©efchmadfad;e!" rief ffrau p. fträhenl;aufen ab- 
fällig. „<m\d) würbe fic nid>t begeiftem." 

„ßumm !" mad>te u)r ©atte mit einem it>arnen5cn 
33licf auf ben 93efud>. 

„3ft über bie ^odjjeit fd>on etwas beftimmt?" fragte 
9Mbect. 

„SBas weift icf>!" erwiberte ffrau p. $räf>enf>aufen 
wegwerfenb. „§>ic alte 2ftard>efa I>at etwas Pom 
Oftober gerebet unfc mir porgeflunfert, bafo fie natür- 
lich in if>rem Hilter bie weite Steife bis 511 uns nid>t 
machen tonne, unb ftiore barum bei ü)r bleiben unb 
hier »erheiratet iperben folle. §at man fo cta>as fd?on 
erlebt, baft bie 33raut im $au\c bes Bräutigams §och- 
jeit mad)t? 3d) finbe es gerabeju ffanbalös!" 

„Unter ben obtualtenben llmftänben, liebe 92kma, 
unb weil man es ber 9ftard>efa bod) nid>t perbenten 
tarnt, wenn fic ber ^oefoeit ihres Sittels beiwohnen 
will, finbe id; es wirflid) nicht fo unpaffenb," bemerftc 
ber <Profeffor. 

„Slber id) finbe es fo," erflärte ftrau p. $räf;en- 
baufen fd)arf. ,,3d) hätte fonft nid>t jugeftimmt, fo 
lange t>ier ju bleiben. Qlber man ift bod; ber guten 
6itte ein Opfer fcbulbig. 3$ t?abc es auch nur getan 
unter ber 33ebingung, baft id; bie $Bartejeit bis &ur 
9od)jeit nid;t in biefem ungemütlichen alten haften 
abfi^en mu&, unb fieble heute nod) ins ©ranb §otel 
über." 

„2öo Jiore uns eine bequeme unb geräumige $öol;- 
nung fofort jur Verfügung geftellt l;at," plauberte §err 
p. $räl>enhaufen in ber harmlofen Unfd)ulb feiner «Seele 
ftrafjlenb aus, was il>m einen fürchterlichen 93licf pon 
feiner ©attin eintrug. ®t perhieft eine ©arbinen- 
prebigt, bie fich gewafdjen haben bürfte. 

„<5s ift bas 9Hinbefte — bas Sftinbefte, was fie für 



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□ Stenum poii <S. d. SlMcröfelb-Sfolleftrem. 47 



uns tun fonnte, nadjbem fic gefeiert, tote unglücflid; 
id> mich in biefem fogenannten ^alafte fühle," er- 
Jlärte fie. 

„3<*> wollte, id; f>ätte folch einen ^alaft," meinte ©raf 
Stfelbec! ladjenb. „SBas ift bas übrigens für eine Sftardjefa 
£erraferma, oon beren rätfelfmftem 93erfchu>inben heute 
alle geitungen ooll finb? 9Bohl eine 93eru>anbte?" 

„3a, unb tote es ben 2lnfd)ein f>at, eine f>öcf>ft jtpeifel- 
hafte^erfon," faulte Qxau v. ßrähenhaufen. „^öffent- 
lich taud)t fic bis jur §od>5eit nicht toieber auf, 9ttan 
mufe ja eine folche ^erfon einfach fefmeiben, bie fid> 
berart aufführt unb rätfelhaft oerfdptoinbet. 2Han weift 
fdjon, n>as bas fagen toUl!" 

„9tun, nun, 9?kma — " begann ber <}3rofeffor be- 
gütigenb. 

&ber feine Butter fuhr ihm fofort in bie ^arabe 
unb fragte tt>n: „Söillft bu ein fo(df>ce betragen auch 
noch etn>a gar entfcbulbigen?" 

„2luf alle 5älle ift bie (Sache fehr peinlid; unb 
jchmerjlich für bie ftamilie," behauptete er feinen men- 
fc^enfreunblidjereu 6tanbpun!t. 

©raf 9Helbecf aber beeilte fid), burd) eine möglid;ft 
befd>leuntgte 2lbfür5ung feines 33efud>e6 ber entfd)ieben 
aggreffioen Sltmofphäre bes S^rähenhaufenfchen ftamt- 
lientreifes ju entrinnen. — 

„SBenn SDiungenj mit feinem Urlaub nid;t fo un- 
verantwortlich gezögert hätte, fo wäre ftiore nid?t in 
bie 9te$e biefer italienifchen &p\$bubcn geraten, fon- 
bern er hätte bie 93raut heimgeführt <£$ lag einjig 
unb allein baran, baft er 51t fpät tarn," fchloft {Jrau 
t>. S^rähenhaufen ihre ^3rebigt, als fie mit ben Sh^ge™ 
wieber allein war. 

„^urnrn!" machte §err o. fträhenhaufeu, ob ju- 
ftimmenb, ob jweifelnb, blieb unentfehieben. 



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D 



,,®\ä) l" toar aucf> baö einige, tpas ber Slufeerorbent- 
li<$e 3U feiner (Sntfciullbigung an^ufül^ren tpagte. 28as 
er fief) fonft nocf> backte, u>ar feine 6ad>e, aber es barf 
fd?on perraten tperben, bafe er bem 2Kard?efe p. £erra- 
ferma balla £una tro£ allem unb allem pon §erjen 
fein grofces, in jeber §inficf>t großes ©lücf gönnte unb 
fid> barin einig mit feinem 33atcr tpufete* 

§)aö 9*ofa5immer gehört feilte rpieber ben un- 
bewohnten Räumen bes fd;önen alten ^3alafte6 im 
§erjen 93enebig$, unb außer einigen wenigen ^erfonen 
at>nt niemanb, felbft feine fdjöne, neue junge §errin 
nid)t, baft es ber Sluegangepunft ju einer infamen £at 
u?ar unb ju ber Güf>ne, bie if>r auf bem ftufte folgte« 
ift permutlid) nid>t bas einzige ©efjeimnis, bas 
es ju l>üten f>at, unb ipie jene, toeldje bie Qcxt längft 
&ur Gage tperben liefe, fo u>irb aud) baö ber $>onna 
£enia pertlingen unb pergef>en unter bem 5lügelf<$lage 
ber fommenben 3af>rl;unberte. 

«nbe. 




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♦ 


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Der feiige fltajor- 

Komon oon <5cor 9 $artwi0 (€mmy Roeppel). 

♦ (ilacfjdrutf oerbottn.) 

<£rftee Kapitel, 

Of^* meine liebe Jrau 33aronin," fagte g^au 
t>. $alau, if>re §änbe gefaltet auf ben £ifd> 
legenb, „tpte |>at fid> bie 23elt geänbert! 3n meinen 
jungen gafjren — unb bas ift bod> no<$ gar nidjt 
fo lange I>ct — ba tsar es eine ^g-reube, ein junges 
SRäbdjen 511 fein. §>a machte man feine £5|>ere 
£bd>terfd>ule burd> unb freute ftd> auf bie eigene 
§äueli<#teit. §>enn bafe ber ^oefoeitstag ben §ö{>e- 
pun!t be& ©lüde bebeutete, baran jtDeifelte bo<$ bas 
fdjönfte 9ttäbd)en nid>t. Unb teiner SHutter umrbe ee 
übelgenommen, wenn fte — " 

„2luf bie SHännerjagb ging für bie £o<$ter," fiel 
bie ^ommer^ienrätin Hertens mit fpt$em £äd>eln ein. 
„§)a8 tsar bie Seit, wo bie jungen £eute fiel) ni<t>t mal 
bem ^äfolidjjten 2Häbcf)en na^en burften, o^ne einen 
Einfang &u rfetieren, wo jebe ©inlabung eine g^Ugrube 
tpar, jeber f^otillon eine 6d>linge." 

„<£e> wax aber auef) eine geit," ertsiberte g*au 
0. $alau empfinblid?, „wo noef) <Sntl)ufia6mu6 unter 
ber 3ugenb f>errfct>te, ipo bie 2lu&fid>t auf enblk^en 
23efty über lange 93erlobungöja£re fcimoegtrug* 3<$ 

1914. VIII. 4 



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50 

i - - - — 



$>cr fcligc 92kjor. 



fage ausbrücflich trug, benn bamals h<*tte bie £iebe 
noch 6chtpingen. Söenn ber 93erlobungsring an ben 
Ringer gejtecft tourbe — u 

„$>ann fing 's <£lenb an!" fiel bie ®ommer$ienrätin 
abermals ein, unb ihr fd>arfes, hageres ©eficfjt bilbete 
in biefem Slugenblid einen befonberen ©egenfa^ $u 
ben runben, ettpas weichlichen Sägen ber SHajorin 
p. $alau. „$lbcr ber Jamiltenjtola tpar getoahrt, unb 
bie Butter tpar bie £oct)ter losgetporben* 28er aber 
in ber ^atfdje fafc, bas n>ar ber arme 9ttann, bem nach 
ben Jlittertpochen bie «Sachlage meijt fefjr balb flar 
tpurbe." 

„Öfters getpifc," fagte bie ©aftgeberin, bei ber ber 
§>amentee ftattfanb, ^rau guftijrat 33reunkfe, im 93e- 
ftreben, bie Meinungen auszugleichen* „$lber es blieb 
bod> immer eine Sln^ahl junger 2Mbct>en, toie man au 
fagen pflegt, fi^en — unb bas tpar bann für (ie felbft 
unb bie Altern eine <£nttäufd>ung, oft eine recht bittere." 

„Verbitterte 9Henfchen fyat es immer gegeben unb 
£eute, bie fiel) unb anberen bas fieben fauer machen, 
perjüglich bann, wenn einer mit ©eu>alt geheiratet 
unb ©erheiratet tporben ijt" 

„fiiebenbe 0orge a>ar niemals ©etoalt," ertlärte 
Jrau p. $alau. 

$>ie ^ommer^ienrätin griff nach bem ßuehentorb* 
„9ta, aber fo ziemlich ©efchtoiftertinb !" 

„%d) tpollte fagen," fiel bie ©aftgeberin abermals 
befänftigenb ein, „bafe bie neue Seit ba bod? fehr ©utes 
gefdjaffen hat, inbem fie ben Töchtern ©elegenheit unb 
Freiheit gibt, einen 93eruf &u ergreifen, ber ihr fieben 
auefüllt* deinen <Sie bas nicht auch, S* au Baronin?" 

£)ie fchone, blonbe Jrau p. $lüper h<*tte füll por 
fich hingeblicft 2Us fie auffah, ftanb in ihren tiefblauen 
Slugen ein entrueftes 6innen. „geh \>abc fchon fo oft 



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□ Vornan von ©eorg $)arta>ig (Smmp ßoeppel). 51 



perfudjt, mich in biefe Skrufsfreiheit hweinaubenten, 
aber fie behält für mich immer ettoas 9*ätfelhaftes. 
92tan hat ftd> ftets fo por bem (Eintritt ins grofee £eben 
gefürchtet — auch mir (am es als junges 9Häbchen fo 
fc^rcef^aft por. 2luf bem £anbe, tooher ich ftamme, 
toufcte man, bamals tpenigjtens unb auch t>eute piel- 
fac|>, noch nichts pon einer S3etpertung moberner $ln- 
fchauungen. 9Han |>attc (eine (Erzieherin unb toar eines 
£ages ertoachfen, ohne bafc man es eigentlich toufcte. 
5>ie langen bleibet freuten uns, fie gaben ein Anrecht 
auf ben Söallfaal, auf — " 

„9la ja," fagte bie ßommeraienrätin, bemüht, ihrer 
Nachbarin einen neuen 6tich beizubringen, „alles fehr 
fchön in paffenben 93erhältniffen. geh habe boch tt>ahr~ 
haftig nichts bagegen, tt>enn mein 0ohn ein glüdlichec 
(Ehemann tpürbe, aber Vernunft mu& babei fein/' 

„$>ie befte Vernunft ift bie Siebe/' eruuberte bie 
92tajorm p. $alau nachbrücflkh. „93or ber hatte man 
früh** fc>ic D0C etwas (Erhabenem 9tefpe!t. 9tiemanb 
ipagte einen langen 35rautftanb ju befpbtteln, tpie es 
heute geflieht 9Heine SHutter toar breijehn gahre 
perlobt — " 

,,©ott foll mich beiPahren 1" rief bie $ommer$ien- 
rätin, ihr 6tüd 33istuit aus ben Ringern perlierenb. 

„dreizehn gahre V tpieberholte Jrau p. ßalau noch 
nachbrueffamer. „Unb als mein SHann um mich &>arb, 
u>ar er Leutnant ©efjeiratet haben toir, als er Haupt- 
mann uwrbe. geh habe nicht bemertt, bafc biefe $3arte- 
jeit unferem ©lücf 6d>aben getan hat gm ©egenteil, 
toir toufcten nun, tpas toir aneinanber hatten." 

»gh> 5U &et (Ertenntnis hätten 6ie auch 5<^n gah^ 
früher tommen tonnen," bemerEte bie ^ommerjien- 
rätin troefen. „Übrigens fehen 93räutigämer immer 
anbers aus als (Ehemänner/* 



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52 



$>er fcligc Sflajor. 



ftvaix p. ^lüpere 33lide fentten fich übet ihre weifte 
§anb. „6ie fagen bas fo ruf>ig!" 

„91a, ©ewiffereö gibt'ö bod> gar nicf>t ! 28enn Ver- 
nunft unb Überlegung bei ber Gad;e war, ijt's auch 
weiter fein Unglücf. SBenn natürlich jemanb breijehn 
Sahre lang angegirrt worben ift unb im pierjehnten 
mertt, bafc fein Täuberich auch unangenehm werben 
tann, wtberborftig unb eilig — " 

„0agen ©ie, liebe $zau p. $alau," fiel bie Suftia- 
tätin ablentenb ein, „3h* £öd)terchen fommt nun wohl 
balb nach §aufe, 3hre Barbara?" 

5>ie galten auf ber (Stirn ber SHajorin per&ogen 
ficf>. 6ie lächelte, „3a — gottlob I §>ie &wei Sa^re 
<£infamteit finb mir recht lang geworben. 2lber mein 
trüber wollte boch g«rn, bafe Bärbel etwas mehr 6<hliff 
betäme in ber ©rofcftabt, einen weiteren ©efichtötreie. 
<£r hatte auch bie 2lbftd>t, fie auf einen 93eruf rot- 
bereiten &u laffen. 2lber mein feiiger 9Hann würbe 
bas perabfd>eut haben. <£r |>iclt fo fefjr auf leiblich- 
feit, fojujagen auf eine getpiffe Xlnberührtheit bei ben 
grauen — * 

„3a, tpiffen ©ie," fiel bie ßommeraienrätin ein, 
il)re £eeferoiette jufammenfaltenb, „bas ift ja fefjr fchön, 
aber man wirb nicht fatt bapon. Keffer ift'ö fd>on, 
man forgt bereiten bafür, baft ein Kapital angelegt 
ipirb in ben köpfen ber einftmalö auf fid> Slngewiefenen, 
pon beffen Sinjen Nahrung unb Slotburft beföafft 
werben tonnen." 

„9fteine Tochter," erwiberte %vau p. &alau erregt, 
„wirb ihren 2Beg burdjö £eben fd>on finben ohne 
£elephongetlingel, (Sdjultatheber unb 6chreibmafchine. 
geh begreife nicht, wie 9Kütter fich an fold> abhe^enbem, 
neroöö machenbem £agewert ihrer Töchter erfreuen 
fonnen." 



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□ Vornan von ©eorg §arta>ig (Smmp 8ocppd). 53 



; „Söann erwarten Sic Fräulein Barbara?" fragte 
^rau p. Siüvev intereffiert. 

„Übermorgen. 98ir fetern bann gerate ihren neun- 
zehnten ©eburtetag jufammen/' fagte bie 9ttajorin mit 
glücflichem ©tofye. „9Hetn trüber fchreibt mir, bafc 
fie fich gana aufcerorbentlich entwidelt fyat währenb 
biefe* legten Saures — unb wenn man ihre Briefe lieft, 
iff man wirtlich ganj überrafcht." 

„Go talentpoll alfo?" bemertte bie gufti&rätin 
liebenswürbig. 

„§>ichte^ fie etwa?" fragte ftrau Hertens fpty. 

„6ie entftammt einer Familie," betätigte bie 
2flajorin erhobenen Hauptes, „in ber bie ^oefie immer 
&u §aufe war. 9Hein feiiger 9Hann — * 

9Iun waren bie gereimten Stintfprüche bes per- 
ftorbenen 9$e5irEstommanbeur8 ju betannt geworben, 
um nicht ein allgemeines perftohlenee fiächeln 511 recht- 
fertigen. <£r fpract) wie ein QBafferfall in bauernbem 
^eimgetlingel unb hatte eine 9Iooelle im 6tabtblättd>en 
bruden laffen, oon ber bie $ommer$ienrätin behauptete, 
fie beftänbe aus lauter überflüffigen Korten. 

„&et unferem Slrnolf," fiel £rau Hertens mit 91ach- 
brucf ein, „geigten fich in feinen fytycxtn g-legeljahren 
auch mal 93erötnofpen — " 

§>ie SHajorin hüftelte leife. 

„98ir haben ba nämlich mal fo ein 6trophengewäcf>6 
gefunben — im gobfiabenftil. 33om 93ater betam er 
einen burchgreifenben Düffel bafür. §>aburd; ift er oon 
ber <£oefie mit Erfolg geheilt worben." 

„(Sehr ju bebauern — ber junge 2Hann," fagte ^rau 
p. 8alau fdj>arf, währenb bie ^ommerjienrätin bas linfe 
Sluge pielfagenb jubrüdte. 

„3ch Bann übrigens ben ©amen etwas bleues mit- 
teilen/' fiel bie guftiarätin wieberum fürforglich ein. 



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54 



$>er fcltgc Sttajor. 



□ 



„$>ie (Stelle bes (E^cfar^tcö an unferem Rrantenhaue 
ift je^t enbgültig befetjt roorben." 

„9Htt tpem?" fragte Jrau v. ßlüt>er, U>re §atib- 
fefut^e langfam über bie Ringer ftreifenb. 

„mt <£rofeffor 6tettenborn." 

ßii) — ber!" 

„ga, unb tsir tdnnen uns alle baju gratulieren, 
fagte mein 9tfann. (Sein 9Uif als Slr^t für innere 
Rrantheiten fei großartig. Unb eine gute Partie," 
fügte fie fcherjenb tymt>\\, „ift er au&erbem, benn er 
ift noch unbett>eibt." 

„Sllfo gut QBetter für (5f?eafpirantinnen/' rief bie 
i^ommer^ienrätin, f icf> lachenb erhebenb. „QBirb aber 
wv\)[ auch ein t^artgefottener 6ünber fein unb nicht 
roilleue, fich fo balb beteten &u laffen." — 

21b fie brausen roar unb bas ©tü<fd?en QBeges $u 
it>rcr^3tlla jurücf legte, umhufchte ein befriedigtes £äcf>eln 
i^re Sippen. <£e lag auch noch barauf, als fie in ihres 
Cannes Slrbeitsjimmer trat. 

„§>a»ib," fagte fie, ben feibenen 6d>al vom ßopf 
nehmenb, „bie Q3arbara tommt übermorgen toieber. 
geh |>ab'6 aber ber guten Ralau Eingebogen, bafc wir 
ben traten gerochen l?aben. gd> fcabe if>r ein paar 
gan$ gehörige §iebe perfekt oon u>egen beffen." 

®av\b Hertens toar ein unterfe^ter 9Hann, t>on 
t>ielem ©rübeln unb Rechnen t>orjeitig eingefchrumpft. 
6eine Mageren §änbe &ttterten infolge eines €>d>lag- 
anfalles unausgefet^t. Slber auf biefem gebrechlichen 
Körper fafe ein großer unb bebeutenber ßopf mit 
billigem, weifcem §aar unb Energie sertünbenber 
(Stirn. (Seine aurüefliegenben klugen, bie talt unb fd>arf 
um fid> blidten, bargen hinter fich eine 38tllenstraft, 
bie oor feinem §inbernis aurüefgefchreeft toar unb aus 
allen 98ibem>ärtigteiten immer noefr einen Vorteil für 



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□ Vornan t>on ©eorg ©acttotg (<5mmp Keppel). 55 



f icf> unb feine glän^enben 93erhältniffe &u getoinnen 
geawfot hatte. 

Hnb einen Vorteil hotte er aud> f>erauögefd?lagen, 
ale ec im reiferen Hilter bie £od)ter eines ©ejehäfte- 
freunbes jur Jrau genommen, bte nicht mehr junge 
6ufanne fröhlich, bie ihren gungfernftanb fo lange 
bewahrt hatte, bis eine Partie ihren Slnfprüchen geregt 
ju werben oerfprach* §>es Jabritbefi^erö Werbung 
trug biefe (Sicherheit in fid>, unb alfo reichte fie ihm 
§anb unb oäterlicheö (£rbe. 

#el>lfd)lagen unb enttäufchen tonnte in biefer <£{>e 
natürlich gar nichts, 6ie hatte bie Vernunft in ftch, 
pon ber bie Commerz tenrätin heute gefproc^en. Qum 
^flüden pon 93lumen auf bem £ebenspfab unb jum 
2lufbett>ahren ber oertr>e(tten im ^erjenöfdjrein fpürten 
beibe nicht bie geringfte Steigung in fich« 

gtoifd)en ihnen wuchs ein 6ot)n heran, in bem bie 
Statur, launenhaft ober abfichtlid), ber (Enttridlung oon 
(Generationen plötzlich £>alt gebot $lls ein föwäd)- 
liches &inb unb als ein 6chreU)als ohnegleichen be- 
gann biefer erfefjnte <£rbe feinen $>afeinslauf, ben er 
fortbauernb ju bejammern fd)ien. 

$>ie greube bes ßommeraienrats, einen (Srben 5U 
befitjen, bem er bie golbene Saft ungezählter Slrbeits- 
ftunben hinterlaffen tonnte, erhielt einen 93eifa^ miß- 
liebigen 93ertsunberns, als ber gröfeer trerbenbe Slrnolf 
fich außerhalb aller £rabitionen ju enttsufeln begann, 
äußerlich unb innerlich« £>er zarte, blonbe gunge mit 
feinen mäbchenhaft langen QBimpern unb ben beweg- 
lichen STafenflügeln, bie eine <Sprad>e für fich tebeten, 
hatte mit ber ftämmigen 92certensart nichts gemein, 
ebenfotoenig feine zierlichen ©lieber unb gefchmeibigen 
Bewegungen mit- ben törperlichen gigenfefjaften ber 
Familie Jrbhüch. 



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56 



$>er fcligo 98ajor. 



Slber barüber toäre bie elterliche Verwunberung 
ohne weiteres I)intDeggegütten — bie feeltfche Veran- 
lagung u)res 0ohnes u>ar es, ber ihre eigene Veran- 
lagung oöllig perftänbnislos gegenüberftanb, uni> bie 
jene Zustimmungen erzeugte, beren eine tunbjutun 
bie ^ommerjienrätin fid> heute bemüßigt gefunben 
hatte. 

$luf bem §ofgärtd>en bes Qtachbarhaufes, barin 
2Hajor v. ßalau SBohnung genommen, unb bas mit 
bem großen ©arten ber 9Hertensfchen Villa jufammen- 
ftieft, fat) ber Quartaner Slrnolf bie brei gahre jüngere 
Varbara herumtollen unb ihre bieten braunen gopfc 
nach allen Söinbrichtungen fliegen, rt>enn bie toilbe 
3agb hinter bem fläffenben $öter losging. 

§>ann fingen feine umfehatteten klugen mählich <m 
&u glänzen in entjüdtem Gtaunen, unb als es ihm 
eines £ages gelang, iht burch bas ©itter einen ^firfich 
in bie §anb $u fteefen, toar bie Jreunbfchaft gefd>loffen. 
Värbel burfte gemäfc 9Hertensfcher Erlaubnis &um 
©pielen mit bem €?ohn in ben großen ©arten !ommen, 
roobei oorausgefetjt tpurbe, baft jum (Entgelt Bärbel 
p. $alau einen £eil ihrer (räftigen (Eigenart in Slrnolfs 
roeichliche gimperlichteit übergehen liefe. 

S)urd> biefen $mberoertehr tarnen auch M* (Eltern 
in gefellfchaftlichen Umgang, ber auch noch anhielt, als 
ber 9Kajor eines £ages unerroartet bie klugen gefchloffen. 

$>a toar's getr>efen, too Slrnolf ber fchluchjenben 
Värbel bie erftaunte £rage vorgelegt: „^annft bu benn 
auch roeinen?" 

£>ie ^Inttport lautete turj unb bünbig: „Gchaf, bas 
bu bift!" 

9lls bes guten Majors <£cb bie gefellfchaftlichen 
Pflichten feiner (Satt'm auf bas SHinbeftmafe einiger 
$affeebefud>e befchräntte unb bie tärgliche SBittoen- 



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a Vornan t>on ©corg Hartwig (<£mmi) Keppel). 57 



penfion ben ohnehin fdjon befdjeibenen ^auefwltungs- 
ctat noch gart3 bebeutenb ^erabbrüdtc, ftiegen g^au 
p. Kalau bic erften borgen auf um bas allerltebfte %>ad- 
fifchlein, ihr £öchtercf>en. 

Hm ein Lotterielos, bae natürlich nie getpann, 3U 
fpielen, legte fie fid> monatelang Entbehrungen auf» 
23ärbel feilte ee einmal gut haben im Leben — unb 
ba^u gehörte alö Kummer eins ©elb, Plummer jtpei 
©elb unb Plummer brei ©elb. 

gnjtpifchen fuhren bie (Spieltameraben in ihren 
perteilten Sollen fort. Slrnolf ftopfte fich ^eimlid; bic 
£afd>en Poll pon fiedereien aller 2lrt, unb Bärbel per- 
tilgte biefe Liebesgaben mit unpergleichlfchem Slppetit. 
Söenn fie mit ihren ^radjtjälmen eine 2tufo trad>enb 
aufbiß, ging ihm förmlich ein ©egeifterungsfehauer 
burd> bie ©lieber* 

„Ol), tpie bu bas mit ben Sehnen nur machen 
tannft!" 

„0oll \d)'e> ettpa mit ber 9Iafe machen?" beglich fie 
biefes Kompliment. 

Einmal, ab fie ein in feiner §ofentafd>e laulich 
angetPärmtes Bonbon pertilgte, f agte fie plö^lich : „gijr 
follt ja fcheufclich reich fein, fagt 9ttama. Unb unfere 
alte^unlebunte pon Sluftpärterin hat gejagt, it>r tonntet 
euch golbene fielen legen laffen. 3ft bae u>ahr?" 

6eine betpunbernben klugen tpid>en nicht pon ihrem 
lutfd>enben 9Hunbe, ab er gleichgültig niefte. „Unb 
tpenn fchon, tpas tpäre — a 

„6ei boch nic^t immer fo bammlicht — liefen 
hinter betomme ich ^an^ftunben. 9Had), ba& bu auch 
tpelche nehmen barfft, bann hopfen tpir jufammen* geh 
iperbe bir fchon 93eine machen." 

§>er Kommerjienrat \)klt aroar, feiner eigenen 
gugenb eingeben!, alle biefe abfe^tpeifenben 5>inge für 



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58 



S>cc (cligc 9Uajor. 

- 



Slllotria, inbeffen ba 2lrnolf gute 8*ugniffe gebracht, 
erteilte er feine Erlaubnis. 

©er fchüchterne Gehmbaner, ber tseber mit feinen 
§änben noch mit feinen Jüßen ettrae anzufangen 
tpußte, unb beffen Verbeugungen an ein ^lappmeffer 
erinnerten, empfanb eine unermeßliche Jreube an ber 
flotten llngeniertyeit feiner ©enoffin. 

Einmal, ab fie mit Reiften fangen neben u)m 
ftanb, fagte er plö^lich poil fdjeuer §aft: „©u bift fo 
fd;on!" 

„Quatfch l u ertpiberte fie. „QBenn bu tpeiter nichts 
tpeißt!" 

Slber fie richtete fid> bod> \)fyex auf. — 

tpar am 6d>luß einer £an$ftunbe, ba er hinter 
^rau p. f^alau mit u)r nach §aufe ging, ale er in tieffter 
Verlegenheit ein 55lättd>en aus ber $afd>e 50g unb 
il?r in bie §anb brüdte. „£ieö — ach, Kee ' 3* Mtte 
bich I" 

6ie glaubte, es fei ettpas befonbers §übfches barin 
eingetpidfelt, unb griff bereitipiilig 311. „9Keinethalben. 
2lber bu brauebft bestpegen nicht 31t himmeln V 

(Sö tpar aber bloß ein ©ebicfjt unb fing an: „©urch 
alle Gimmel möchte ich Pütjen — " ©er Stped biefes 
gefährlichen 6turjes tpar bie Verficherung, baß bie 
heilige Barbara, bie (Schu^gottin ber Artillerie, ein 
SEaifenfnabe fei gegen bie braunlocfige Barbara 
p. $alau. 

93ärbel fagte tur^tpeg: „©er ift perrüeft mit feinen 
$an> nen," unb tparf bas ©ebid)t in ben ^apierterb. 

©er 9ftajorin aber fing ettpas an ju bämmern, unb 
biefe ©ämmerung erhellte fid; nach unb nach, <*fe ber 
£an$ftunbenball in €>id>t ftanb. 

Barbara tyatte einen befonbere fchönen Orben für 
jtpanjtg Pfennig erftanben unb im ©ürteltäfchchen ge- 



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D Momart von ©eorg #arta>ig (Smmp ßoeppcl). 59 



fd>icft geborgen, Ate bann ber grofce Augenblict {am, 
tyn an ben 9Hann bringen, unb fie tyn an Arnolfs 
8*acftlappe befeftigte, er aber mit bem Ausbrucf über- 
fcf>u>englid)en Nantes päonienl>aft erglühte, ba tx>ar es 
bei £rau r>. 8alau befd?loffene 6acf>e, biefer glänjenben 
Partie allen 93orfcf>ub &u leiften, beffen ein 92tutterfcer3 
nur fällig u>ar. 

Arnolf, beffen £af<#engelb fefjr tnapp bemeffen tt>ar, 
fjatte ^eimlid; ein ©efd>id>töbucf> oertauft, um feiner 
Angebeteten ein paar langftielige 9*ofen in M« § a nb 
brücfen ju tonnen. Ate er es tat, flüfterte er if>r 51t: 
„$8enn \ö) bi<# bo<# eu>ig fo fe^en tonnte! Xraum 
meiner träume! ©ebante meiner ©ebanten!" 

„9la nu!" fagte fie I>alb gefd>meid>elt, t>alb fpdttifcfc. 
„33ei bir ift u>of>l eine 6d>raube Ioö! ^omm — toir 
ipollen lieber tanken!" 

Mnb er tanjte los. Aber tt>ctyrenb bes ^anjens 
flüfterte er nod>: ,,gd) oerge^e oor ©lüctl" 

„€>u fdmappft nächtens nocf> über!" gab fie jurücf. 
5>a füllte fie tyre §anb erbebenb gebrücft. 

8u biefem Ball u>ar aud> bie ^ommer^ienrätin 
erfcfjienen, unb ttrns ^rau d. IMaus Augen nid;t ent- 
ging, bas entging ben fcfjarfen ^liefen ber $ommer$ien- 
rätin fieser nid>t, §>aö fanftfelige Antlt^ ber 9Hajcrin, 
bie tyre £ocf>ter fd>on als Braut bes reichen <£rben 
baf>infd>u>eben faf>, flöfjte tyr 93erbad>t ein — unb 
bamit tarnen bie 93er()ältniffe aus bem ©eleife* 

9Iid>t rafd) ging biefe SBanblung oor fi<$. Aber 
ab bie ^ommer^ienrätin in ber 6cf)ublabe t>on Arnolfö 
€5<$reibtif<$ ein glü()enbes ^oem: „O, bu in toonne- 
poller §ülle tnofpenbe Barbara!" entbeeft fjatte, teilte 
fie tyre Befürchtungen bem ^ommerjienrat mit, unb 
biefer unifcf? bem Berfcf)üd)terten unb in 6d>am 55er- 
ge^enben bermafcen ben $opf, bafc er 3&ei £age l>in- 



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60 



$>er fclige 9Hajor. 



burd) in £ebensunluft bie ©ebulb feiner (amtlichen 
fie^rer auf bie t>5chftc <?kobe {teilte. 

2lbenbö nad; ber f^opfiräfdje Jagte ber l^ommerjien- 
rat ju fetner ©attin: „38as foll übrigens ein Kaufmann 
mit bem Qlbiturium? 3Senn $lrnolf nad> '■prima per- 
fekt ift, net>me \ö) u)n pon ber @c£ule herunter unb 
fd>ide if>n naef) £onbon inö 23an!gefd)äft ST(>eeler 
& ßomp. <£ö ift mir lieber, er mad>t feine Sefcrlinge- 
bummt>eiten ipo anberd als bei mir. Slufeerbem tr>irb 
er bort feine perliebten 6<$rullen am fidjerften I00. — 
§)er gan^e gunge," ful>r er perbriefclid) fort, „ift bie 
reine tpeifee öalbe. 23enn \ö) bente, toie id; in feinen 
Sauren meinen 9Hann ftanb!" 

^rau Hertens, befonbere järtlid? nie peranlagt, 
billigte biefen ^lan buretjaus. „%<$) f>abe babei nod> 
einen §intergebanten," fagte fie beifällig niefenb. 
„9Tu{ter 223f>eeler fjat, fopiel icf> toeijj, ^tsei £öci>ter. 
2öenn er geneigt tpäre — H 

„2lbn>arten, rtic^t porgreifenl" fiel er abtpel>renb 
ein. „§)amit Slrnolf nid?t abfid>tlid> fitzen bleibt, 
fcf>tr>eigen nur porläufig über bie Gad>e, bis bie 93er- 
fe^ung porüber ift/' 

Unb fo gefd?a£ es. 

9Zun bie ©efafjr befeitigt tpar, machte fiel) bie ftom- 
merjienrätin ein Meines, boshaftes Vergnügen baraus, 
ber in füfcen Hoffnungen aufgeljenben 9Hajortn an- 
fdjeinenb tein ©teindjen in ben 28eg 3U tperfen, blofc 
bem 0o^ne legte fie infofern QüQel an, ab fie feine 
Ausgänge unter ftrenge Kontrolle {teilte. Qlber bae 
tonnte fie bod) nic^t perf>inbern, ba& er am 9Tacf>bar- 
f>aufe porüberging unb bei Bärbels Slnblkf brennenbe 
€>ti4>f lammen im ^erjen empf anb, bafo er it>rc ©dmltpege 
mit ben 33üd>ern unterm $lrm freujte unb if>ren fr5t>- 
liefen ©rufe tpie eine §immelsftimme im Ol;r auffing. — 



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□ Vornan von ©eorg §arta>ig (Smmi) Keppel). 61 

$>as toar am Ofterfonntag, ale bie ^ommeraien- 
rätin mit tyrem 0otm befuc*>su>eife bei gtau o. $alau 
porfprad). „91a, tt>as fagen 6ie! Qlrnolf fommt, um 
3£nen abieu ju fagen. Übermorgen fäf>rt er na<$ 
£onbon — unb bleibt ba. Surige £eute müffen ficf> 
in ber 33elt umfe^en." 

©tc 9Hajorin u>ar im erften 9lugenblicf fpradjloö. 
„@o fc^nell !" braute fie enblid) langfam über bie £ippen. 
„Unb 6ie, Slrnolf?" 

<Sr fafc tief unglüdli<$ auf feinem ©tu^l. $>ie 
tränen iparen tym na^e. 

„<£r freut fi<$ natürlich riefig. $>enn tpas Eann einem 
jungen 9Kanne mefcr Vergnügen bereiten, als reifen 
3u tbnnen. 9Han tPtrb tyn fef>r Uebenötpürbig aud? in 
ber ^amüie 92tyeeler aufnehmen — eö finb ba reijenbe 



n 




?! 


SZli 



§>aö mar ein §auptftid>, ber bie 2Hajorm mitten 
ins §erj traf. 

6ie oerfu<$te ein £äd>eln. „<£i, bas ift ja fefjr f<$ön! 
Unb wann roerben u>ir 0ie u>ieberfef)en, lieber Slrnolf?" 

„gd> tseife md)t," fagte er tonlos unb ftri<$ feine 
£anbf<$u£e übermäßig glatt. 

„38er toeife!" fcjjerjte bie ^ommer^ienrätin boshaft. 
„Einige ga^re tpirb eö tt>of>l bauern. Xlnb wenn er 
u>ieberlommt — na, ber Slrnolf oon £eute ift er bann 
tpa^rfcfjeinücf) nic^t me£r, tpenn man fo Diel gefefcen 
unb Dergleichen gelernt &at — nid?t toafcr?" 

g^au o. $alau u>ar nicfjt £ell genug, um hinter bie 
^uliffen 311 fefjen, fie na^m alfo au<$ biefe Sluseinanber- 
fe^ungen für bare 9Künae unb begann bie erfte 0cf>aufel 
^um ©rabe tyrer Hoffnungen aus^u^eben. 

2lber es !am tpieber neues £eben hinein, ab ju 
porgerüefter 6tunbe Slrnolf plb^lid) allein ins Simmer 
trat, n>o 23ärbel H>m toie ein 33all entgegenfprang. 



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62 



§>er fdigc SKajor. 



„gft bas aber ruppig pon bir ! 91a, meinetwegen 
tannft bu laufen, fo tpeit ber Gimmel blau iftt gd> 
werbe mir barum fein graues §aar tpacf>fen laffen." 

„Bärbel — " ftotterte er mit erftidter 6timme unb 
ftredte tyr feine magere §anb entgegen. 

„33erftell bi<$ nic^t rief fie f>aftig. „33raucf>ft ntc^t 
fol<$e Sammermiene ju mad>en. (58 ift mir gan$ piepe !" 

„<piepe ift bir'e?" fragte er tief erfdjüttert. „Ob \6) 
gefce ober bleibe, ift bir piepe?" 

„llnb f<$nuppe ba$u! — §>aö fjaft bu boc^ längjt 
getoufet unb bo<$ nichts gejagt! §>arin liegt beine 
SKuppigteit." 

„9licf>tö £abe icf> getsufct, iö) fcjHPbre es bir!" rief 
er, bie §anb aufs §er$ brüdenb. „2lct>, 93ärbel, icf> 
bin ja fo unglüdlid) !" 

£ier perliefe bie 9Hajorin füll baö Siwmer. gbr 
§offen fafcte tpieber ©runb. 

„3cl> tperbe immer, immer an bi<$ ben!en," fuhr 
er f<$tpärmerifd> fort, in tyren 5lnbitd perfunfen. 

„93led> !" fagte fie, nur tpenig gerührt, „$>u tpirft 
fc^on wae anbereö tun/' 

„9Iur an bid>! gm 93a<$en unb im träumt — 
Bärbel, gib mir ettpaö mit!" flüfterte er perlegen, if>rc 
§anb ergreifend 

„Söas benn?" fragte fie. 

„Sinen — &ufo!" bat er, tyre &ed>te l>cife brüefenb. 
„9ld>, Slrnolf," fagte fie ungetoife, „bas lafe bod> 
lieber fein!" 

„Bärbel — auf fo lange Seit! — gcf> tann'ö nid;t 
ertragen." 

„91a, benn — " 6ie fjielt tym tyr frifc^es, rofiges 
©efid>t entgegen. 

<£r tüfcte fie unb löfte fid> gän^lic^ in SBonne auf. 
„§>u bift mein Gimmel — H 



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o Vornan von ©eorg £artu>ig (Smmp ßoeppel). 63 



€>ie SKajorin hüftelte, bepor fic tpieber eintrat. 

0o u>ar er von Bärbel gerieben. 

SBenn grau p. &alau eine gortfe^ung biefes 
^rennungsfehmeräes in Briefform emwrtet hatte, fo 
irrte jie fich. 9Iiemals flatterte eine Seile für fie ober 
it>re STodjter über ben $anal, felbjt nicht, als 35ärbeb 
ginfegnung jtattfanb. 

„<£r ift ein 9ttipel," fagte 93atbara furjtpeg. „(Sin 
ausgemachtes €5chaf." 

tiefes 6d)tpeigen rührte pon einem 93erfprechen 
^er, baö ber ^ommer^ienrat feinem 0ohn beim Schei- 
ben unter tyienwoxt abgerungen hatte, ot>ne bafe 
Slrnolf in feiner 93ertPO.rrenheit $raft unb 92iut genug 
in fid> gefunben hätte, biefer nieberfchmetternben Jor- 
berung Söiberftanb entgegenjufe^en. — 

(Sin ©chtpager ber SHajorin, ber in Berlin lebte, 
forberte fie auf, ihm bie Tochter jur Sluöbilbung auf 
bem £ehrerinnenf eminar anaupertrauen. dagegen aber 
bäumten fich bie 2lnfd>auungen ber QBittpe, ganj im 
6inne bes perftorbenen 93eäir!ö!ommanbeurö, mit 
9*iefenmacht auf. Site <£rfa^ bafür legte pielmehr grau 
p, ßalau ihrer ©chtPägerin bie Pflicht ans §erj, Bärbel 
$u einer guten Partie ju perhelfen — unter allen 
Xlmftänben. 

£>iefe Umftänbe liefen jeboch auf {ich tparten, unb 
tro^ aller ^otillontrophäen unb ^ulbigungefträufoe 
feierte Barbara ihren achtzehnten ©eburtetag unperlobt. 

gn^trifchen hatte ber ^ommerjienrat Hertens einen 
@chlaganfall erlitten, unb im ^inblid auf bas, ipas 
pielleicht noch tommen tonnte, äußerte er bas Ver- 
langen, feinen (Sohn aurücfjurufen. $)er 9*ü<ftehr 
Slrnolfö ftanb um fo u>eniger im Söege, als baö gräulein 
p. $alau ja für längere geit abtpefenb toar. 

ßaum hatte fich aber bie 3Iachtidht pon ber bepor- 



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64 $>er feügc 9Itajor. □ 



ftehenben §eimtehr bee jungen Hertens Derbrettet, da 
bie SKajorin fich ihre £ochter fd>lcunigft aurüderbat 
unb bafür nun oon ber zornerfüllten ßornmeraienrätin 
auf bem S)amentee bte unjtpeibeutigfte Abfuhr |>in- 
nehmen mußte. 

„§>aoib," ^atte 8*au ^Hertens alfo gefagt, als fic 
ben feibenen 6<$al ablegte, „ic^> habe es ber guten 
^alau heute orbentlid? Eingebogen, baß totr ben 93raten 
gerochen fyaben" 

$>er ßommer^ienrat nidte. 5)ann nahm er mit 
feinen jitternben §änben einen Q3ricf tsieber auf, ben 
er Eurj juoor erhalten. „5öf)eeler fd?reibt mir, baß 
Slrnolf geftern aus feinem ©efcfjäft ausgetreten fei unb 
in einigen £agen bie 9tüdreife antreten tserbe. Sftan 
habe nichts an ihm auszufeilen gefunben außer einer 
fchtt>ermütigen 93erfchloffenheit, bie es unmöglich mache, 
in feine ©efühlstpelt einzubringen." (Er legte ben 93rief 
beifeite. „§>u fd>einft Slngft ju ^aben, @ufanne, 
baß Qlrnolf bie Sugenbliebelei oon bamale fortfe^en 
eönnte?" 

„Slngft nicht. Slber icf> habe ber Hnoerfrorenheit 
ber guten ßalau bereiten heimgeleuchtet. (Einen 93eruf 
3U ergreifen, baju ift bas ^räulein zu pornehm. €>tatt 
beffen ti^erben alle (Segel aufgefpannt, um einen reichen 
9Kann empfangen." 6ie lachte boshaft auf. „Sollte 
mir fo gern §ontg um ben Sttunb ftreichen mit ber groß- 
artigen (Enttpidlung ihrer Tochter. 9ta, \)kt xoat fie 
noch bie reine §opfenftange unb fyatte Slusbrüde rote 
ein ©affenjunge. 93on (Erziehung feine 6pur. Slber 
jet$t, tpo Slrnolf in Gicht tommt, ift es gar nicht aus- 
sprechen, tpie großartig feingebilbet bie Barbara ge- 
toorben ift. — $>ie ganze *Maugefellfd>aft ift mir &u- 
tpiber!" 

„geh toerbe alfo," unterbrach ber ^ommerzienrat 



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□ Vornan t>on ©corg ^arttoig (Smmp f^oeppel). 65 



biefen ßornesausbruch, „mit Slrnolf nod> einmal übet 
Mc <Sad>e fpred;en." 

„Sc ift immer 311 leiten geu>efen," fagte grau 9Her- 
tens, bas Sinter perlaffenb. „(£r barf nut nic^t in 
unrechte £änbe fallen — unb bafür toerbe ich ©orge 
tragen." 



8tr>eitee Kapitel. 
€)er 53inb fegte bie tpelten Blätter mit pfeifenben 
©tbften über ben gafyrbamm, als grau p* Müper ihren 
Söagen bejtieg, ber fte in bie 93orjtabt aurüetführte, voo 
ber £anbfchaftsrat &aron ^lüt>er eine pracf>tpolle 33illa 
befaß. 

£>ie ©trafoenlaternen blinkten burd) bie QBagen- 
fenjter, leuchteten auf unb fdjtpanben tote ©ebanten, 
bie rajtlos !ommen unb pergehen. 3t>r 6chein fiel über 
bas bleiche 2lntlit$, bas in tiefer 93erfuntenf)eit por ftch 
nieberblkfte, nichts fpürenb unb getpat>renb ab bie 
stimmen ber Vergangenheit, bie ein feidjtes ©efpräch 
jählings in ihr aufgefdjeucht. 

§>te ©ummiräber rollten lautlos über bas <Pflafter, 
an ben nebelf eud>ten <Sd>auf enftem porüber, beren Aus- 
lagen h^ute feine Swf^^uer anlocften, ausgenommen 
eine ©ruppe pon ^inbem, bie alle (Süfeigteiten einer 
l^onbitorei mit gierigen Qlugen mufterten. 

§>ie Augen ber jungen grau öffneten (ich loeit beim 
9lnblicf biefer gefunben 23arfüfeler, in benen ber £ebens- 
brang fo mächtig pulfierte trot$ ©türm unb !alter 9Iäffe. 
%\)xz §änbe brüeften fid> ineinanber, unb ein ©eufjer 
glitt über ihre Sippen, ein tiefer, langer ©eufeer. 

§>ie ^ferbe bogen in bie Hinfahrt ein. §>er Liener 
öffnete ben 6d>lag. 

grau p. $lüper ftieg ein paar teppichbelegte ©tufen 
3um Hochparterre hinauf, „§>er §err 33aron ju §aufe?" 

1914. VIII. 5 



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66 5>cr feiige Sttajor. □ 

— . , — - — 

»3f* 5 U £aufe — jatpohl, $tau Baronin." 

@ie liefe fich ben ^Hantel pon ben (Schultern nehmen, 
ihr blonbee §aar trug fie unbebecft. 

<£in Heines 93or5immer burchfchreitenb, öffnete fie 
bie £ür einem großen, blenbenb f>ell erleuchteten 
9toum. 

2ln ben gefdjloff enen ^enfteroorhängen riefelte bas 
£id>t in fatter ^ülle über ben bron^efarbigen 0eiben- 
glan$, legte fich mit perfdjönernber Klarheit über bie 
toetche Farbenpracht bes £eppichö, in beffen buntlem 
©runb alle Umriffe ber 8eid>nung fich wie perjüngt 
burcheinanberfchlangen* 

gn ber 91ät)e bee mittelften ^enfters ftanb ber grofee, 
offene (Schretbttfch, mit 33üchern unb papieren bebeeft, 
barüber eine grünbefdnrmte elettrifche Slrbeitölampe 
ihr milbes 2\ö)t perftreute* gm h<><hlehnigen (Seffei 
fafe lefenb §err p. f^lüper* 

<£r hatte fetner Gattin Eintritt überhört <5rft ale 
fie neben ihm ftanb unb feine 6d>ulter fanft berührte, 
äuefte er nerpös jufammen. „§>u bift est QBarum 
fo heimlich? Qiike, voae> (Schleichen helfet, ift mir in ber 
(Seele jumiber, jieh bir lieber tnarrenbe (Stiefel ant" 

„Unb täte ich'ö, tpürbeft bu morgen fagen: ,£u boch 
bae geug pon ben Sfüfeen,'" ertpiberte fie mit halbem 
£ächeln* „$lber ich * a nn ja anttopfen," 

„Q23ie bie SMenerfchaft pielleichti" Jagte er mife- 
billigend „§>u I>aft gbeen, an benen tpeiter nichts 
auszufeilen ift als ihre Unmöglichkeit." 

ghte Sippen halten bas ertünftelte £äd>eln feft, 
„2lbgefef)en baoon u>äre es mir ertrmnfcht, etwas &u 
pfiffen. $luf meinem elterlichen ©ut rrar einmal für 
turje Seit ein Jörfter (Stettenborn. <£r tonnte fich mit 
^apa nicht ftellen. ^apa fagte — ich erinnere mtd; 
beffen noch recht gut — mit £euten, bie fich ™ehr unb 



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D Vornan oon ©corg ^arttpig (Smmp ßoeppel). 67 



beffer büntten alö ihre ©tellung, tpollte er nid>tö &u 
tun haben." 

„<£m fct>r pernünftiger 6tanbpuntt," tparf Klüper 
gleichgültig ein* 

„9Zun hatte biefer Jdrjter einen 6of>n. ©ae finb 
je^t achtzehn Saf>re £et. Slber auch beffen entfinne 
ich wich stetnlich gut, obtpofjl ich bamalö erft acht gahre 
alt tpar — ee mar ein lang aufgefd>offener 9Kenfch mit 
buntlen §aaren. Xlnb ipenn ich tnid) recht genau be- 
finne, fagte 9Hama einmal, er ftubierc SHebi^in ober 
tpolle 9Kebi3in ftubieren." 

„2lber, bitte," fiel §err p. ^lüper perbriepch ein, 
„baö finb bech 6ad;en — " 

„(Sinen Slugenblid t" Xlnb baö SMkfrefa glitt nie 
eine Vllaüc von ihren £ippen, „3(t es möglich, bafc 
biefer junge 6tettenborn jetjt fchon ^rofeffor, bafe er 
eine Autorität fein tonnte?" 

„98enn er ©lücf gehabt hat, mehr ©lücf alö anbere 
ßurpfufdjer — toarum nicht?" fagte ber 93aron mit 
bitterem £ächeln. 

„@eit geftem ift nämlich ein ^rofeffor 2:runo 
6tettenborn als (E^cfar^t am hiefigen $ran£enf)auö an- 
geheilt, guftijrat 33reuni<fe \)<\t feiner Jrau erzählt, 
bafc er eine ©röfce fei für innere QKebijin." 

„gujti^rat ^reuniefe ijt ein 6chte>ä£er," fagte ^lüoer, 
fein Söuch uneber &ur S)anb nehmenb, „ber feine 223etö- 
heit am beften für fich behielte." (£r tparf baö 95ud; 
leibenfehaftlich auf ben £ifch aurüd. „91ein," rief er 
mit finfterem ©tirnefalten, „nein, baö tPirb nicht ge- 
fchehen! @d>leppe mir nicht noch mehr ggnrranten 
tnö §auö, baö höbe ich fatt 34> &>UI nicht pon neuem 
ben ganzen £ratfch aufgewühlt fehen. §>ae h<** ein 
(Snbe. geben £affen, ber f ict> ^apa^ität fchimpft, I>aft 
bu tnö §auö gefchleppt. QBoju? frage ich* &><*ö h<*t'ö 



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68 $>er feüge Sttajor. ö 

■ ■ ■■■ - - ■ ■ i - - - s ssa 

geholfen? (Stehen bie §>inge heute anbera? — Unb 
bu tpeifet, baft ich biefes Sfyema nicht pertrage, bafc ich 
nid>t enblos baran erinnert fein will. 38aö ftcllft bu 
alfo hinterrüds fokfje fragen an mich? 8ramt eure 
Weisheit in ben £eeö unb Kaffees auö, ich h<*be nichts 
bagegen, benn unnützes 8eug wirb ba überall ge- 
fd>tt>ät$t. 2lber mir will id) bapon nichts getragen 
haben, ©tettenborn ober Füller ober (Schulde ijt mir 
gleich — fie bleiben weg!" 

S>ie junge ftxau hatte bie Sippen feft aufeinanber- 
gepreftt unb bie §änbe über ber ©effellehne gefaltet. 
<£s entrang fid> if>r ein fo tiefer 6chmer3, bafo ihr bas 
$ltmen fd>wer würbe. 

„SHeine <Sd>ulb ijt's bod> nid>t l" rief er auffpringenb, 
achtlos, bafe fie bei ber unoermuteten Bewegung bes 
Stuhles ins ©chwanten geriet. „9Kein Anteil trar 
normal. §)aö Anormale liegt bei bir. linb aus biefem 
©runbe, aus ber Nichterfüllung berechtigter Hoffnungen 
tpill id) bir nid>t bas 9*ecf>t jugefte^en, immer unb eioig 
an bem 311 rütteln, was fid> nicht änbern lägt — bem 
Gimmel fei's gellagt!" 

„(Ss gibt einen Hillen über unferem Hillen," fagte 
fie leife. „53o unfer 93erftänbnis aufhört — " 

ßr unterbrach fie |>cftig» „6ieh bid> um! 6ieh 
weit um bid;! gn alle Greife unferer 33etannten fieh! 
6tel; unter bid> ins (£lenb, in bie 2lrmut — " 

33or itjren klugen fchtrebten bie ©eftalten ber bar- 
füßigen kleinen por bem ^onbttorlaben, unb fie judte 
u>ie getroffen jufammen. 

„0ieh ty\n, tpo bu willft, ob ein ähnlicher Hohn auf 
berechtigte Hoffnungen ju finben ift. Unb wenn bu 
ihn nicht finbeft, bann lege bir bie ^rage por, welche 
^Bciehcit ober weld;es übcrirbifd>e 93erftänbnts ba$u 
gehört, eine folche brutale £äufd>ung ju ertragen*" 



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D Vornan t>on ©eorg §orht>ig (<£mmt) ßooppel). 69 



„<5s ift bein ^inb," fagte fie tavim £5rbar. 

„$>as tociß id>. 5Bas tpirfft bu mir bas oor? des- 
halb 4>aft bu bei jeber Gelegenheit biefen ^intseis bei 
bec §anb, mit bie ©djulb jujufc^ieben? 5>u bift bie 
SHutter. §>amit fange an, $3enn bu barauf eine $lnt- 
u>ört finbeft, bann — " 

„§>u tstllft ^ßrofeffor 0tettenborn ntcf>t Bommen 
laffen?" fragte fte, über ihre blaffe (Stirn ftreicfjenb, 
als müffe fie f icf> mieber auf ettpas befinnen. 

„91ein, nein unb taufenbmal nein!" rief $lüoer 
erregt. „8u uns ins §aus u>irb er fich ja toohl bemühen 
— gefellfchaftüch. Slber bamit fertig! geh tpill feine 
&r$te mehr um mich £aben, um nicht immer an bas 
erinnert ju toerben, tt>as fein tonnte, begreife bas 
enblid>. Unb }e^t lag mich in 9Uihe!" 

@ie tpanbte fiel) fd>tt>eigenb ab unb fchritt hinaus. 
3^r lichtblaues $leib raupte leife hinter ihr auf. 2öie 
©olbgefpinft leuchtete ihr blonbes §aar, ihr toeifeer 
£als tsie Slllabafter. 

Über ben ^orribor ging fie in einen turjen Seiten- 
flügel hinein, ber 5toei gimmer enthielt unb fonft 
nichts mehr. 

SMe 3öucht beffen, toas an @d>ulb unb Xlrheberfchaft 
auf fie gelegt tporben tt>ar, tlammerte fich an jeben 
©chritt u>ie eine fteinerne £aft. Slber fie brüefte bie 
£änbe feft aufs 5)era — in ihm fprach nichts fie 
fcfjulbig. 

3m oorberen ©emad) brannte ein h*Hes ^euer im 
Ofen unb, forgfälttg befchirmt, eine §>edenlampe. 
9Xtd>tö £>untles ober g^rbiges tsar 5U fefjen, alles tr>eifc 
unb fpiegelnb in forgfältiger Feinheit 2luf einem 
6tuhl am flacfernben 55ranb fafc bie behäbige Söärterin, 
ben 0tridftrumpf in ber §anb. daneben ftanb ein 
Hemer ftollftuhl, bequem unb beftens ausgeftattet mit 



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70 $>er fcligc Sftojor. □ 



allem, n>as Gorge unb £iebe ju erfinnen oermag. gn 
ben fd;immernben Riffen lag ein fcfclafenbee ®'mb. 

grau ©trumpe toollte ftct> ergeben, aber bie Baronin 
iptnfte fd)ü>eigenb ab, 0o trat fic netyer unb beugte 
fiel? über bie u>ci^c §>aunenbede. 

„$3ie tpar e&?" fragte fie leife. 

„98ie immer," fagte grau Gtrumpe feufeenb. 
„8tt>ei 6tunben fyat fie egal gequengelt. $3enn fie 
fo toäre, roie $inber fonft finb, tonnte man fie auf 
anbere ©ebanten bringen. 2lber wenn fie tyre 9Täi<fy 
getrunten £at, bann ift'8 nod> gerabe fo." 

„§atte fie 6d>mer5en?" fragte Sljrifta o. fHüoer, 
in bas tleine, gelbliche ©efid)t fd>auenb, bem aucf> 
ntd)t ein §aud> rofiger $mberfrifd?e beigemifdjt toar, 

„©emau^t £at fie genug," enoiberte grau 6trumpe 
adjfeljudenb. ,,©ie tann ja nic^t fo freien trie anbere 
ßinber. SBenn fie f<#läft, ba ift if>r am roof>lften." 

„§at fie na<fy mir oerlangt?" 

„£ut fie immer, grau 93aronin. ^iept immer 
nad; ber 9Tcama. Sft fo 'n gutes, Heines §>ingeld>en. 
58as follte fie aud> ben lieben, langen £ag machen, 
toenn fie nidjt mal maujen follte!" 

<£f>rifta Ijatte fi<$ aufgerichtet. ,,©ef>en 6ie jeijt 
511m Slbenbeffen. 3cf> bleibe £ier." 

3>ie junge grau fafc im niebrigen §oljfeffel, ben 
2lrm auf bie Seltne unb bas blonbe gaupt in bie §anb 
geftü^t. gn \fyx tpar alles burd>einanber getoorfen, in 
qualoollfte 33ertr>irrung gebracht, roas fie fo mü^fam 
unterbrach &u fcaben glaubte. 

§>as geuer ptaffelte um bie 93ucf>entloben, ber SBinb 
flüfterte an ben (Scheiben, unb bie 93anbuf>r tidte tyren 
gleichen, ernften (Sang, (Schritt um 0d>ritt ben $Beg 
jum Gnbe f>tn. 

9Bie lo|>enbe 93ränbe jüngelten aud> tyre ©ebanfen 



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□ Vornan von ©corg S)arttpig (<5mmi) Keppel). 71 



auf, unb tpie fcharfe 0pi^en bohrte ficf> jeber in u)re 
(Seele. 

$>as gwehtbarfte tpar über u)r hoffenbes §era ge- 
feilteren, als ber jammerpolle Krüppel, if>r $inb, Sfleifch 
von intern gleifch unb 93lut pon u)rem 33lut, ins £eben 
hineinwuchs — bas $inb mit bem $u großen ®opf unb 
bem 3U tleinen ©ehtm, bas f^inb mit bem tpelten 
9tü<fgrat unb ben fd>tpachen ©liebern. Unb jie, bie 
fchbne, junge Butter, (>atte u)m biefes <£lenb mit- 
gegeben. 

2lber über biefer feigeren fiaft tpäre ein perfbhn- 
licf>cö £id>t aufgegangen in ber gemeinfchaftlichen 
0prge unb £tebe ber Altern um bas perErüppelte $tnb. 
§>iefes £id>t tpar nie aufgegangen. $n bem §>unfel, 
bas fiel) ihm entgegenftellte, tpar alles erlogen, tpas 
einft fp |>cife unb ftrebenb in U)r geruht. 

§>em 9Hann, ber ben 6ohn unb (Erben PPn U)t 
erwartete, um jahrelangen begehrlichen Öffnungen 
feiner ihm perfeinbeten Gippe in biefem einen Siegel 
ppr^ufchieben, biefem Manne, beffen ganses SBünfchen 
unb §pffen ber ©eburt eines 0ohnes entgegenfah, 
fcf>en!te fie biefes perbilbete ©efd>öpf, ein fied>es 
9Häbd>en. Hnb tpeiter nichts. 

S23ie biefe unumftdfcliche £atfache in ihm fraf$, tpie 
fie ihn, ben fp piel älteren Mann, gegen fein 6d>ic!fal 
unb gegen bie, in ber es fid; pertbrpert hatte, per- 
bitterte unb perherbte, bas tonnte in ber €>eele feiner 
©attin alles burchfehneiben — eines nicht: bie £iebe 
&u bem armen $inb, bie Mutterliebe. Unb reiner 
unb herrlicher u>ar biefe £iebe ppr jeber anberen, tt>eil 
nichts PPn ©iüct unb (Sitelfeit baran fyaftcte, nichts 
ppn Hoffnung, nichts pon Jreube. 

9lur Siebe, reinfte, felbftlofe Siebe. 

Gieben gafjre tparen pergangen feit biefes ßinbes 



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72 



$>cr felige 9Kajor. 



Eintritt in bie $8elt. hieben 3af>re tpar bie Hoffnung 
mit jebem neuen Auftreten eines l;eroorragenben 
Slr^tes trieber aufgeglimmt 2lud> feilte, in tiefet 
©tunbe, f<4>tpc(te bas matte gamtd>en unter ber 2lfcf>e 
allerbitterfter <£nttäufc(>ungen lieber £erpor. 

$>ie 28iffenfd>aft ber ganaen Weit, fd>rie es in tyrem 
§er3en auf, mufcte Littel fud>en unb finben, fol<$es 
Reiben ju linbern unb eine Kraft in bie tränten ©lieber 
l>inein3U3aubem, bie über bas Hnred>t ber 9Iatur 311m 
Sieger tt>arb. 

©tettenborn ! 

gijre ©ebanten glitten an biefem tarnen roeit 
jurüct in eine glücflic^e gugenbjeit, tlammerten fiel) 
baran, bafc biefer felbe Sftann es einft gewefen fei, bem 
fie einen 6traufe frifcf>gepflücfter Kornblumen in bie 
§anb gebrüeft 311m <£d>recfen if>rer <£r3ief>erin. 

Unb mit biefem ©ebanten tarn bie gan3e gugenb 
toieber 3urücf, bie fro^e 9tfäbd>en3eit, biefe tyr jefct fo 
rätfetyafte Seit forglofer Eingabe an ben £ag unb toas 
er eben brachte. 

Von allen, bie im <£lternf>aufe unb in ber 91a<$bar- 
fd>aft pertefjrten, it>ar §err p. Klüper ber ^eiebfte unb 
Vorneljmfte getoefen, für fie felbft unb if)re ©efpielinnen 
piel mef>r 9tefpettsperfon benn ©efellfc^after unb 
£ifd>genoffe. 0o mand>e ältere ©eneration heirats- 
fähiger £öd>ter ^atte pergeblicf) auf feine Werbung ge- 
hofft, pergeblid) ben 9Hitgenufe feines grofoen Ver- 
mögens angeftrebt unb bie 9Kityerrfd)aft auf feinem 
©ütertomple*, <Sr tpar gunggefelle geblieben 3ur 
SJreube feiner Vertoanbtfd>aft, pon ber it>u ein tiefer 
5amilien3tpift fd>teb. 

Unb bann tr>äf>renb einer Jefttafcl, als er bie £erab- 
geglittene 6erpiette aufhob unb ifyt überreizte, fragte 
er plö^lict): „Konnten 6ie Vertrauen 311 mir haben?" 



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□ Vornan von ©corg Qavtwlg (Smmp Keppel). 73 



$>a fie perftänbniölos bie Slugen fentte, fragte er tpeiter: 
„Sollen (Sic mir geftatten, S^ren Altern meine SBünfd^e 
aussprechen? Sollen Gie, (Efjrifta, mir bas ©lücf 
getpä^ren, Gie bie 9Keine ju nennen?" 

$>a tpar alles in if>r in 2lufruf>r geraten, in 93er- 
tpirrung, Gtol$ unb (Entjücfen. Gie trug ben Gieg. 
bapon — unb lauter unb ftiller 9teib biente nur 311 
feiner <£rf>ityung. 

(Sin Sittern ging burd) ben Körper ber £räumenben. 
(Sie fd>rat bapon auf» §>as geuer loljte f>ell unb fjeife. 
9lber pon tyrem §erjen riefelte $älte aus. 

$>ie tpeifce §)ecfe über bem 9*ollftu£l perfdjob fid>. 
Sine §anb tpie bie eines breijetyrigen ßinbes betpegte 
fi<#, unb unter bem porgebauten (Stirnbein öffneten 
ficj) atpetSlugen, blau tpiebie irrigen, unb richteten ben 
93licl auf fie. 

„SHama — -" 

<Ss tpar (ein fdjöner Mang in biefer bebeeften 
Gtimme, bie feiten ein anberes Söort müfjfam f>erpor- 
ftiefc, aber im Of>r ber 9Kutter, bie bie Abneigung bes 
93aters mit boppelter £iebe ausgücf), getpann biefe 
Gtimme einen gauber über alles, tpas an Söo^ltlang 
um fie laut tparb. 

„3<$ bin f)icr/' fagte fie, bie 98ange tyres ^inbes 
tüffenb. „$>u (>aft fd>dn gefcfjlafen. Run nnrft bu ins 
g^euer fef>en." 

$>er taum fühlbare $>rucf ber traftlofen Lutger, bie 
naef) if>rer §anb griffen, beglüefte fie in tieffter (Seele, 
Gie liebtofte bas bünne, blonbe §aar. „9Keme kleine 
toirb je^t munter bleiben unb nid?t tr einen. $>ie Sflama 
tann's gar nid)t fjören, trenn 3fa jammert. §>te 
Gpielu^r feil 3f tt< ^^ f)übfd>e £ieber porfptelen, unb 
grau Gtrumpe fingt pon bem guten ^inbe auf ber 
SMefe." 



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74 §>er feligc QKajor. □ 



32)ie fie es läd>elnb fagte, (rocf> bas talte ©rauen 
toieber burd> it>rc ©lieber. 

§>te5 toar ber (£rbe, ben fie geboren! 

$>er Liener melbete bas 2lbenbeffen an, &ugleid> er- 
sten bie Wärterin, bebeutenb befferer Saune ab auoor. 

S)ie junge Jrau richtete ftcf> langfam tmeber auf. 
©inen 2lugenblkf oerfjarrte ftc nocf> jbgernb, bann fagte 
fie mit fanfter ©üte: „6ie f>aben eine fd)tt>ere '•pfltdjt 
übernommen, aber ermüben 6ie nid)t. g<$ rolll es 
Sfmen lohnen, fooiel id) tann. 9Iur galten ®ie aue." 

Jrau ©trumpe tüfcte bie fd;lanfen g^e* unb 
tnieffte. „Söerbe bod) bas £iebed>en nidjt perlaffen. 
SUl^ulange trirb fte'ö ja ntd?t me^r mad>en. §>ie 
werben alle nid>t alt. 33enn fie fo bie Krämpfe in ben 
$opf friegt, bann benEe \ö) immer: 9tu ift's aue! 
2lbcr fie f?ält'6 immer ipieber burd; — bie tieine, blaffe 
<jpuppe." 

©s gab ©£rifta einen (Stid) ins §erj. 2Ufo fterben 
— tot! „2£ie Eönnen @ie fo ettpas bcnlen, tpie bas 
aucfpred>en oor biefem ^inbe unb oor mir!" (tiefe fie 
mit ^itternber £>aft f>en>or. oertraue noef) immer 
auf ©ott, bafc er uns Reifen toirb." 

#rau «Strumpe brummelte etroas oor fkf> £m, 
träfjrenb fie bas ^euer fdjürte. 

„©crabe tpeil es ein leibenbes, fjilfsbebürftiges 
$inb tft," fu^r ©f>rifta fort, „weil es fdjulblos bulben 
mufo, ift es mir über alles teuer. £affen 6ie mid> nie 
trieber etwas oon feinem £obe f>ören. 35eten 6te 
lieber mit mir, bafe ein Reifer Eommt. 33ielleid>t finbe 
id> itm nod)." 

„§>er §err 33aron wartet auf bic gnäbige ^rau im 
6peife5immer," melbete ber jurüdlommenbe Liener. 

0ie t^anbte fid? rafd> ab unb ging an ibm oorüber 
ben l?ellerleuct)teten ©ang f?inab. 



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□ Vornan pon ©eorg §artn>ig (<£mmp Keppel). 75 



grrau Gtrumpe tpintte ben Liener näher ^cran. 
„^omifche £eutc, bie deichen! §)as" — fie u>ies 
nach bem 9*olljtuhl — „foll nun mit ©etr>alt leben unb 
groftgejogen werben. 91a, ber §err Q3aron mad>t 
fid> nid;ts braus, aber bie ©näbige. Hnfereins würbe 
froh fein, tpenn — 9ta, id; tpill nichts gefagt haben. 
s§)ie ®bchin foll mir ftarfen Kaffee für bie 9Iad>t herauf- 
fchicten!" §>amit fe^te f ic f ict> in ihrem 0effel jured)t 

©ctr angftoolle 6d)red lag <£f>rifta noch in ben 
©liebern, als fie bie 6d?tpelle bes Gpeife^immers 
übertritt 

§>er grofte 9taum, reich ausgeftattet, öffnete ftd> 
if>r einlabenb genug, unb bie gefd>ma<h>oll hergerichtete 
Slbenbtafel mit ben beiben fiel) gegenüberftehenben 
Stühlen »erliefe ein trauliches Veifammenfein, wenn 
jtrei embere 92tenfchen f ic|> ba$u eingefunben Ratten ab 
biefes ungleiche ^aar. 

„Verleih," fagte fie, ihm bie §anb reidjenb, „baft 
id> bid> warten lieft- l^atte brüben ju tun." 

§err p. Müper nkfte. g^m gingen anbere £>inge 
im $opf fjerum. 

3Ms ror einigen gafjren tpar er ein paffionierter 
Sanbmirt getpefen, ber in ber Verwaltung feiner ©üter 
feinen £ebens^ect fanb. §)er grofte ^c^lfc^lag in 
feiner <5tye fyattc barin einen 33ed>fel h^roorgebracht. 
§>er ©ebanfe, nicht für feinen 0of>n, fonbern für ben 
i{)m perfeinbeten Vetter unb beffen €>5hne ju fchaffen 
unb 5U arbeiten, perleibete ihm ben bisherigen 93eruf. 
<Sr 50g fid> pon allem jurücf, inbem er bie Leitung 
einem $lbminiftrator überlieft, unb tPählte bie €>tabt- 
pilla, fein früheres Slbfteigequartter, 5U feinem ftänbigen 
Aufenthaltsort, in fruchtlofen Gtubien 93efriebigung 
fuchenb unb teine finbenb. 

§>en 98eg jum Serien feines SBeibes, ipo er fie 



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76 



$>er fclige 9Kajor. 



hätte finben follen unb müffen, oerftellte bas mifc- 
gcftaltctc &inb. 

<£r hatte <Ef>rifta nie geliebt, fo jung unb fchön fic 
u>ac in ihren !aum erfchloffenen 9tei$en. 6chon bie 
9lrt fetner Werbung gab Seugnis baoon. 2lber er 
tpürbe i|>r ein guter ^^egatte getporben fein unb ein 
liebeooller, fotpeit es feine 9Iaturoeranlagung julie^, 
tpenn fie ihm ben erfehnten gefunben <£rben gefd>entt 
hätte. 

3^r tpar ber 6tabtaufenthalt fel>r Heb bes Iranfen 
ßtnbes tpegen. 3^r eigenes, jur 6chtPärmerei neigen- 
be5 ©emüt tarn babei nicht in Betracht. 8ule|t füllte 
fie auch bie Qtotmenbigteit, ihre brüefenben ©ebanfen 
im Umgang mit anberen 9Henfd>en ju erleichtern. 
Unb fie ipar allen fompatyifd), bie ernfte, ftille Jrau, 
bie fo tpenig pon bem, tpas fie befafe, ber QBelt $ur 
Gehau ftellte. 

^lüper hatte fchtpeigenb feine Gerpiette entfaltet 
$>ie 93läffe in (Shriftas 2lntli$ tonnte ihm nicf>t ent- 
gegen. 

„geh fürdjte fchon lange/' fagte er, bie umfehatteten 
klugen auf fie richtenb, „bafj bu bir 5UPiel jumuteft in 
beincr Gorge unb Pflege. <5s bleibt ju bebauern, 
bafe ber 93orfchlag bes ©eheimrats Gegner nicht aus- 
geführt tpurbe, bas ßinb einer Slnftalt ju übergeben, 
tpo es eine ebenfo gute Pflege geniest tpie tykt, ohne 
noch eine atpeite ©efunbheit ju untergraben." 

(Sine fliegenbe 9t5te bebeefte jäh ihre QBangen. 
„©eheimrat Gegner," fagte fie mit leifem 25>eben ber 
Gtimme, „ift nicht ber SHann, Altern ihre Pflichten 
por3ufchreiben. darüber entfeheibet einjig unb allein 
beren ©efühl. Unb mein (Sefühl fagt mir, bafr er> einer 
9#utter unmöglich fein mu(3, folgen 23orfchlag $u 
billigen." 



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D Vornan von ©corg §arta>tg (Smmi) ßocppcl). 77 

<Sö fam tym untPÜlEürlicf) über bie Sippen: „<Sö 
ftänbe beffer 3tt>tfd>en uns — u 

6ie füllte tyr ^erj bis in bie <Sd>läfen pochen, 
93enn fic au<$ fonft i^r ^ü^len unb Stellten in fi<$ per- 
barg, in biefem fünfte tämpfte fie mit unerfc^rodenem 
Freimut. „Unb tpie ftänbe es mit unferem ©etpiffen?" 
fragte fie, tyr Slntüij poll &u tym erf>ebenb. „9Hir ins 
©eft<$t |>at 9*tegner biefen 93orfd)lag &u machen m<$t 
getpagt, id> tpürbe tyn an feine eigene ^rau pertpiefen 
f>aben. 91i<$t bie (Sorge um gfa ift es, bie an mir nagt/' 
fu{>r fie !aum perne£mli<$ fort. „6ie ift mein ©lücf. 
34> £abe (ein anberes." 

3^m fcfjtpoll bie Stirnaber an in fteigenber <Sr- 
tegung. „Unb ber ^rieben bes Kaufes/' fagte er 
finfter, „mein ^rieben in biefem §aufe £at feinen Sln- 
fpru<$ auf beine €>orge? (Sin SBefen of)ne Vernunft, 
ein atmenbes Qfac^ts fte^t bir f>öf)er? <£m>äge eö too^lt 
Unb oergife nid>t, bafe mir 9*ecf>te aufte(>en — " 

2Bas bei biefen legten Söorten auf fie einbrang, 
überwältigte tyre Zinerf<$roden£eit. (Sin (gittern bes 
gan3en f^örperö liefe fie fehmbenlang bie Slugen 
fcfcliefeen. 

(Sr fd>ob ben <£tufcl &urü& „93ielletd>t fielet bu 
ed jet$t ein, tpoburd) 93efferung ju ertparten tpäre." 

$)a fie nict>t anttoortete, ging er aus bem Simmer. 

$>aö gufallen ber £ür f<f>recfte fie auf. §>er ©lanj 
bes £i#teö über bem gebedten £if<$e tat tyren Slugen 
me£. 2lud> fie perliefe ben 9*aum. 

3n tyrem ©emad; fonnte fie §>untell>eit fd?affen, 
Sin 3auberif<$e& £eu<$ten brang pon aufeen burd> bie 
£üUpor£äuge unb erfüllte ben ganzen SRaum mit 
fUbrigem ©lanje. 

Slb fie aum JJenfter trat, glitt bieö gefjeimntepolle 
£eu<#ten au<$ über fie f>m u>ie über bie ftarrenben 



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73 



$>cr fcltgc 9Hajor. 

- iTi- , -T-«r- — — 



93äume bes ©artenö. §>aö gelbliche £aub ber Ulmen 
unb ^aftanien lag tpie eingebettet in biefe näd>tlid;e 
bracht 2luf ben 23eeten neigte nod> £ier unb ba eine 
matte 9U>fe lebensmübe bas $Mumenl>aupt. §>er 9tebel 
Serflofe $tpifchen ben entblätterten 93üfd>en, unb finftere 
0<^attenlinien ftreeften fich über bie monbtpei&en Söege, 
£>ie klugen ber jungen Jrau fingen u>ie gebannt 
an btefer lichten unb toten @tille. 5)en ^rieben bacin 
empfanb fie nicht, nur ein triedjenbes ©rauen, tpie 
toenn hinter biefen (af>len 33üfchen, &tpifd>en ben bunllen 
Stämmen tyexvvx etwas 6<$re<fl>afte8 träte, bie 6tirn 
mit melfen blättern ge(rönt, langfam auefchreitenb, 
bem £aufe näher — ettras, bem (ein ©ingang je tpehrte, 
(eine 9Uif)e je unperletjlich galt, ungreifbar tpie bie 
Sflonbeeftrahlen unb pereifenb tpie bie Jroftnacht — 
ein <£tir>aö, beffen 2lnf>auch fie fd>on ju fpüren glaubte. 



drittes Kapitel. 

6eit §errn p. I^alaus §eimgang, ber ale ein lang- 
weiliger $e\txebmt, aber als ein braper 9Hann am ber 
5Belt gegangen tpar, befanb f ic^> bie 9ttajorin nid>t tpieber 
in folcher Erregung ab an biefem £age, ba ber 3Zad)- 
mittage^ug u)r bie £ochter jurüefbringen feilte. 

gtpar hatte jene £eeunterhaltung u)rem ^rohmut 
einen (leinen Kämpfer aufgefegt, unb einige mit ber 
^ommerjienrätin inatpifchen auf ber 6trafte getped>felte 
©rüfee atmeten auch nid>t ben ©etft nachbarlicher 8u- 
traulich(eit, aber Jrau v. ßalau f>iclt fid> bocf> für 
9Kenfd)en(ennerin genug, bem 5luöbiegen bee ^om- 
merjienrateö nad> ber anberen 0eite ber ©trafee (eine 
33ebeutung beilegen &u bürfen. Vielmehr \anbtc fie 
feinem ettra? zitterigen ©ange ein fanftes £äd>eln nad). 
(Schliefeltd) ift bie SKenfchheit im allgemeinen ber 6terb- 



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□ Vornan pon ©corg Qattwig ((Smmp ßoeppel). 79 



lichteit unterworfen, Gdjlaganfälle insbefonbere pflegen 
biefelbe ju befd>leunigen. 

©anj im geheimen machte fie fid> allerbings ben 
93or&>urf, §errn p. f^alaus Slnfchauungen betreffs 
eines altabeligen Gchtoiegerfohnes burch ben einfachen 
9Iamen Hertens nid>t entfpred>en, aber über biefen 
©etoiffensbift f>ob fie erfreulid)enr>eife ber Stoeifel 
himoeg, ob ber 9Hertensfche Reichtum für bas pral- 
tifche fieben nicht boct> eine bekömmlichere Beigabe 
fei ab ber hintergrunblofe ©lan^ eines ftol$en Samens. 

<£s war ihr ganj recht, baft 2lrnolf ^Hertens' Viüdttyt 
fkh einige £age länger hmaiehen follte, ab anfänglich 
berechnet war. Barbara erhielt baburch Gelegenheit, 
fich erft ganj in ben ©eift mütterlicher 93orausficht &u 
perfenten. 

<£ine toärmelofe Gönne beleuchtete bie strafte, 
ab gtau p. $alau ben 98eg jum Bahnhof einfdjlug, 
währenb baheim ber ^affeetifd; gebeett würbe unb bie 
robuften §änbe ber ^ausmagb eine wiberborftige ©tr- 
lanbe ab ^reubenjeichen über bem Jlureingang f eft- 
nagelten. 

$ki ber erregten ©angart, mit ber bie 9Hajorin 
auch bie (Scten umtreifte, fonnte ein Sufammenjtofo 
nicht &u ben Unmöglichkeiten gerechnet werben. 3h* 
Slugenmert war iebiglich barauf gerichtet, feine ßatje 
über ben 28eg laufen ju fehen, biefes für alle Söiffenben 
fo fchümme geichen, währenb ein frefjluftiger Täuberich 
bie 93erwirtlid>ung ihrer Söünfche h<mbgreiflich ju per- 
briefen fchien. 

60 bewanbterweife war es nicht ^rau p. ^alaus 
6cf>ulb, bafj fie beim Pehmen ber nächften <£de ber 
^ommer^ienrätin beinahe ben §ut pom ^opfe gejto&en 
hätte unb ein gewichtiges <£a!et aus ber §anb. 

„S>u meines £ebens!" fagte bie ^ommersienrätm 



Di 



80 §>er feiige 9Itajor. □ 



biffig mit einem £aftigen ©riff nad) bem ^eberaufbau 
tyree £>aupteö. „QBie tann man benn nur fo um bie 
<£de fegen, wenn bie strafte breit genug Iftl* 

„38te mir bas leib tut!" perftdjerte ^rau p. $alau 
mit liebepoller Qlac^fic^t gegen ben gerben Vorwurf. 
„9Han fann leiber nic^t um tiefe unglücfüc^en (Sden 
fefjen. — 6ie fjaben fid; ^offentlid) nkf)t we£ getan? 
SKeine ©ebanten t»efd>äftigten fi<$ foeben auc£ mit 
3f>nen unb S^rer ftteube über bie bepprftef>enbe §eim- 
tef>r gt>res 6pfmes, je^t wo id> im begriff bin, meine 
Barbara abholen." 

„0cf>r perbunben!" fagte bie ^ommerjienrätin, unb 
u)r f>ageres ©eficf>t brüefte nichts weniger ab §>an( 
aus für biefeö ©ebenten. „Waffen 0ie f ic|> nur ntd>t 
in g^rem SBettlauf ftören. 2ln ber nackten <5de," fügte 
fie mit anzüglichem <Sd>er3 f>in$u, „ftef>t übrigens eine 
arme ^rau mit Gtreid^bljern." 

§>er SKajorin £äd>eln bewies, bafe fie §erj genug 
befafc, biefen §ieb unb <Stid> ab unfd>ulbigen Gcfjerj 
ju bewerten. „6ie werben bie erfte fein, ber Bar- 
bara guten £ag fagt," rief fie ber f<$on Slbgewanbten 
nad>. 

$>as ©eräufd> eines porüberfafjrenben 58agene 
mod>te wpf)i ungünftig auf bie Beantwortung biefer 
§pflid>!eit wirten, benn man perna^m (einen £aut ber 
Entgegnung* 

£>em Automaten eine Bal>nfteig(arte entnef>menb, 
eilte gfrau p. <Mau bie Gtufen l)inan. <Sd>on brängte 
bas reifenbe qjubütum buref) bie <Sd>ran(en, ab ein 
fdjriller ^pfiff ber f>eranfd>naubenben £otomotwe bie 
©eele ber SKajorin erbeben liefe. 

Unb ba funEelten jwei ^cucvaxxQm in ber an- 
breebenben Dämmerung auf, grimmige klugen, bie 
über ben ganzen 6cf>ienenftrang l>inwegftterten, unb 



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D Vornan t>on (Seorg §arta>ig (<Smmj> ßoeppel). 81 



burd> bae jtofctceife Jansen bes Kampfes tnirfd>tc baö 
l^rcifcf>cn ber angejogenen 93remfen. 

$>er 3ug f>iclt. $)ie £üren fprangen auf. 

§>ie 9Hajorin, in ben Erinnerungen it>rcr Sugenb- 
5cit befangen, eilte 511m ©amenabteil, alö aue einem 
bidjtgefüllten Raucherabteil bie 6timme itjrer £od>ter 
erfüllte. „93arte nur — id> lommc fd>on!" Unb 
einen fefdjen ©rufe ins Abteil rufenb: „Slbieu, meine 
Herren !" fprang ^räulein t>. Ralau &ur <5rbe unb auf 
bie 9Hajorin &u, „$>a bin icf>!" 

„$>a bift bu, mein ©olbdjen!" fagte ftxau v. $alau 
mit überfliefeenber Jreube. „Slber, Riub, id> glaubte 
bid> — " 

„§>od> nict>t im Jrauenfjarem?" rief Bärbel lad>enb. 
„Singefd)act)telt jtoifc^en ßinbern unb §unben? 9tee, 
?ftuttd>en, bas gibt's nicfjtt" 

„$lber ber 9?aud> — bein ganzes §aar — " 

„QZknn man felbft raucht, mertt man'ö nid>t," Der- 
fieberte Bärbel, tyrer Butter berufcigenb bie QBange 
ftreidjelnb. 

„$>u raucht?" 

„Streiten, 9Huttd)en! £d>t türlifd?e, roenn'ö 
fein !ann, 6ie finb blofc fo um>erfcf>ämt teuer/ 1 

923ie fie fo baftanb, fd>lan! ir>ie ein £ilienjtengel in 
bem bunfelblauen ftoftüm, eine frifd>e hielte im ©ür- 
tel, ben £afd>entud)3ipfel im ^rujttäfd?d?en, eine 2trt 
^abpmü^e auf bem $opf, tur^rbefig bis ju ben feinen 
^nödjeln, frifd>it>angig unb rotlippig, u>ar fie rei3enb 
an3ufd)auen. 

^rau v. Ralau liefe biefen erften £eil ber groß- 
artigen (Snttmcflung tt>rct £od;ter, oon ber ü)r 6d?tx>ager 
getrieben, fd>toeigenb auf \\ö) mirten. 6ie erinnerte 
fict> allerbings nid>t, bie jungen 9Käbd>en ir>rcö 95c- 
fanntentreifes in biefer $Jrt gefetjen ju haben, aber bae 

itu. VIII. 6 



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82 



5>ct fclige 5Ha)or. 



O 



mar eben tue perbo£rte (Sngbrüftigfeit ber Keinen €>tabt, 
bie bem 0d>i4 ber Metropole ängftlict) ein paar ga^re 
nad^intte. 

w 9Za, benn man 511, 92iutt<$en!" fagte Bärbel un- 
gebulbig. „Gonft watym tpir tykt nod> an." 

„ga, mein ßinb!" rief bie 9Hajorin, fid> nun gan$ 
in tyre Stelle ab 9Kutter biefer £oc£ter perfenfenb. 
„£afe uns buref) bie Gtabt ge^en. 28ie bie £eute fiefc 
tpunbetn tperben!" 

„3$ werbe mtd> fjüten unb gegen ben Qötnb 
laufen/' fagte Bärbel, tyren ©epäcffc^ein fceraus- 
nefjmenb. — „§e, 0ie ba, ©epäd träger t — §ier! 
9lad> ber ^rofe^te! Hnb ein bi^en baüi, toenn'ö 
fein tann!" 

21(6 fie, tyrer Butter nadjfteigenb, ben gaife in ben 
offenen 3Bagen fe^te, trat ein §err aus bem 33a^nf>of- 
gebäube, bem mehrere Koffer nachgetragen tpurben, 
511 einem pracf>tpollen Sluto, bas, feiner fjarrenb, feit- 
irärtö ber $>rofd;te faulte unb ratterte. 

„23er ift benn bas?" fragte Bärbel, neugierig fte^en 
bleibenb. 



„gd> treiß nid>t," flüfterte Jrau p. ^alau, felbft jn 
brennenbe Söiffensbegier perfekt ' 

„S>aö ift fein Liener, ber ba ftefct," flüfterte 93ärbcl 
leife. „§err ^rofeffor tyat ber ju tym gefagt/' 

„2l£ t" rief bie SKajorin aufatmenb, tpie aus großer 
Gpannung erlbft. „9lun tpeift i<$'s. §>er neue (St>ef 
bes ^ranten^aufes ift es, ^rofeffor Gtettenborn. — 
2lber fe£ bid>, ^inbd^en — bu trirft noc^ fallen/' 

$>iefe 9Ka£nung tpar ni<$t unbegrünbet, ba in bem- 
felben Slugenblicf ber unruhig getporbene S>rcfc^!en- 
gaul einen anji^enben §ed?tfat$ unternahm, a>obei 
Fräulein p. ^alau bas <5letd>getPi<$t fo n>eit perlor, 
bajj fie mit gefefcidtem (Sprunge plofclicfc u>ieber auf 



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□ Vornan von ©corg §artu>i<j ((Smrnp ßoeppcl). 83 

' • , ■ - ] B 



bem (Stra&enpflafter ftanb, of>ne im minbeften £r- 
fd>redtheit 511 perraten. 

2$eim ^tuffcf>rci ber Sflajorin tpanbte fid> <profeffor 
6tettenbom fdmell um unb ging auf bae ©efäf>rt 311, 
beffen £enter jur gntfdnilbigung ehras t>on Vollblut 
unb 9*ennpferbmanieren brummte, „hoffentlich nichts 
(Schlimmes gefd>ehen?" fragte er mit freunblichem 
grnfte bie fehr blaß getporbene 9Hutter. „<}3rofeffor 
6tettenborn !" ftellte er fid> por. 

„fttau p. ßalau — unb id> bie £od>ter! §>as 
(entere ift baö (Schlimmfte bei berGad>e", fagte Bärbel 
iatynb. „3d> beute, es u>ar ein gan$ !>übfd>C6 $unft- 
ftüd, voae> ich foeben gemacht habe. §)as reine 6tef>- 
aufmäbel !" 

(fr lächelte, grüßte unb entfernte ficf>. 

„9ta, nun nehmen 6ie gfjren pollblütigen Durch- 
gänger etipae beffer in bie 8ügel," fagte Bärbel, per- 
gnügt einfteigenb. — „llnb bu, 9Huttd>en, tuft mir ben 
(Gefallen unb entgeifterft bid>. €>onft oergeht mir mein 
ganzer fd>öner Appetit" 

3n ber £at färbten fid) bie fangen ber 9Kajorin 
tpieber mit fanfter 9*5te. ,/3£elch feltfamer 3ufall — 
gleich bei ber Antunft!" 

©anj perfunten in biefe „6eltfamteit" fafe fie 
fdjtreigenb neben ihrer Tochter, bie mit gleichgültigen 
^liefen bem Aufflammen ber 6trafeenbeleuchtung &ufah. 

Ate ber 58agen tyklt, f prang Bärbel leichtfüßig bie 
Steppe empor, ber bieberen §auemagb als 323ill(omm- 
grufc einen tpohlgemeinten Schlag auf bie 6d?ulter 
oerfe^enb. „323ie ftefjt'ö mit bem Kaffee, ^ur$elchen? 
9Kir ift heute bas 9Hittageffen burch bie Sappen ge- 
gangen — ich bin u>ie ein auegenommener gering." 

„Ach, — Httfc fd;ön ift'ö ^räulein Barbara 

geworben 1" grinfte befagte ^ur^el überö gan^e ©efid>t. 



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84 



$>er feiige 9Ha|or. 



„§aben 6ie bas etwa anbers erwartet? — 93rauchft 
tein betrübtes ©cjicf)t 311 machen, Sftuttchen, wegen 
bes Jaftens. 9Kir waren bic ©rofehen ausgegangen. 
Jür bas le^te ©elb ^abe icf> mir noch ein ^aar famofe 
ed)u\)<ben getauft, gfujfceug ift bie $auptfad>e." 

„früher — " begann Jrau p. Kalau. 

„3a, ba fchlurftet i|>r in fdjrecflichen ©ehäufen 
herum, mein gutes 9Kuttd?en," fagte Bärbel ladjenb 
unb btfe mit ihren prad>tpollen Sännen in ben frifchen 
Gtreufettuchen ein. „ge^t (tob wir anbers. — 98as 
machen benn bie Hertens nebenan? £>aft bu mal was 
von bem bammlidjen Slrnolf gebort?" 

(5s burchauefte Sfrau p. Kalau. „<£r lommt je^t 
jurüd. $3ie fich bas trifft — bente nur!" 

„91a, mir tann er getrogen bleiben," fagte Bärbel, 
fid> ein neues 6tü<f Kud>en einoerleibenb. „Sin rich- 
tiger 6tiefel — ber! QBenn id? bas gewufet hätte — " 

6ie gebaute bes Hüffes, ben er if>r „abgedickt" 
hatte, unb langte nochmals Iräftig $u. 

„§aft bu manchmal an if>n gebadet?" fragte bie 
9ftajorin, inbem fie febetnbar gleichgültig einige Krüm- 
chen jufammenfehob. 

„9ln ben? Stein, SHuttchen, ba t>attc ich tPirtlid) 
93efferes 5U tun. <5r hat {ich boch wie ein richtiger £laps 
betragen, ©amab, als er abieu fagte, \tanb er ba tpie bie 
Butter an ber Gönne. Unb nachher — 9Ta, nun bin ich 
allmählich fatt! 9Iun temmt bie innere ©efchauung." 
6ie öffnete ein gigarettentäfchchen, fe^te eine Sigarette 
in SBranb, lehnte fich behaglich in bem 6effel aurücf, 
fchlug bie Jüfee nach 9F(Oglichteit übereinanber unb 
bampfte munter brauf los. (&ortktjunß folgt.) 




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^^^^^ 



















Don £otl>< ßrcnrcnöorff, 

Mit 9 Fildern. t (tlacftdrutf »erboten.) 

ie grofc auch Mc 8aj)l ber tsohlmeinenben 
Stoeifler {ein mag, bic mit gewichtigen ©rün- 
ben bavox toarnen, bem jum 93eu>u&tfein feiner ©Ictct>- 
berechtigung erwachten weiblichen ©efdjlecht nunmehr 
wahllos alle bisher ben Männern porbefjaltenen 93erufe 
ju erf fließen, gegen bie gulaffung ber grauen &ur 
Ausübung ärztlicher £ätigfeit werben ernftliche 93e- 
benten heute wohl nirgenbe mtyt erhoben. 

<Ss würbe ben 3öiberfad>em ja auch fc^tpcc fallen, 
ihre ©egnerfdjaft mit ftichhaltigen ©rünben &u recht- 
fertigen. 9tiemanb wirb behaupten wollen, bafc bas 
6tubium ber mebijinifchen 2Biffenfd)aften Slnforbe- 
rungen ftelle, benen bie gntelligenj ber normal ver- 
anlagten fttcm nicht getoachfen ift, unb für bie praf- 
tifche Ausübung bee ärztlichen Berufes follte bie {Jrau 
ban( ihrer natürlichen (Sigenfdjaften fogar befonbers 
geeignet unb befähigt erfdjeinen. 

darüber, bafo fie bie geborene ßrantenpflegerin 
ift, hat ja fchon feit ben älteften Seiten fein Sweifel 
beftanben, unb toir fönnen nicht einmal Slnfpruch 
barauf erheben, bafc bie berufsmäßige Ärztin als eine 
funtelnagelneue (Srrungenfchaft unferer £age ange- 
fehen werbe. (£in anfcheinenb belefener franjöfifcher 
Slutor, Marcel 93aubouin in <Paris, hat einen ganzen 




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86 



33anb mit ben £ebenebefd;reibungen von grauen füllen 
tonnen, bie fic|> u>cir;renb bes allerdings red>t langen 
Seitraums von 300 r>or <£l;riftuö bis 511m 3al?re 1800 




33cim fjiftologtfcfcen Unterricht. 



unfeuer 3eitred;nung mit mefjr ober minber bebeuten- 
bem Eifrige als ^icjte betätigt t>aben. Unb u>enn 
aud; rnele biejer 311 (old;em 9tad;rubm gelangten 
Sängerinnen Sefulaps nad? heutigen Gegriffen niefct 



□ 



93on £ot£. ©rentenborff. 



87 



t>öf?er einzufetten fein mögen als bie „tr>eifen ftrauen", 
bie fid> von alters t>cc bes befonberen Vertrauens 




gm a)emifd)cu Stab Oratorium. 



unferer (anbüken 23epölferung erfreuen, fo fet)lt es 
bod> aud> nid>t an 23eifpielen, auf bie bte S3orfämpfe- 
rtnnen ber mobernen ftrauenberpegung mit gerechtem 
6tol3 r;uut>eifen bürften. 



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90 Sine Srjtinnenfchule. □ 

- -— ■■ - ' — ■-• - — — 1 — 



@o erzählt 93aubouin nad> ben SUifaeidmungen bes 
beutfd?en SHönches 9Hartinus aus bem Safjre 1400 
©efdjichte eines angeblichen jungen Cannes, ber fid; 
in bie einem $öiener $lofter angeglieberte mebijinifc^e 
Qltabemie hatte aufnehmen (äffen unb es trot$ feiner 
großen JJugenb unb jicrlichen <5rfcbeinung allen anbeten 
etubenten halb in fo erftaunlichem Sttafce jiwortat, 
bafo er ab ber Gtolj ber 6d>ule betrachtet unb auf 
alle SBeife ausgejeiebnet würbe. Hm fo größer waren 
<£rftaunen unb (£ntfetjen, als fid? bann eines £ages 
burd; unglüdlichen Sufall berausftellte, bafo ber per- 
meintlid>e junge 9Hann in Söahrheit ein 9Käbd?en war* 
$>ie gelehrten Mönche überlieferten bie Günberin ohne 
weiteres bem ©ericht, oon bem fie einem fcharfeu 
Verhör über bie 33eweggrünbe il;res unerhörten Ver- 
haltens unterworfen würbe. Slber man tonnte nichts 
anberes aus ihr herausbringen als bie (Srtlärung, bafo 
fie ben gewagten (Schritt aus unbejtoinglicher Siebe 
&ur SDiffenfchaft getan Imbe, unb wenn ihr aud; ihre 
§anblungsweife nach bzz bamaligen Sluffaffung oon 
ben fechten unb Pflichten ber beiben ©efchled)ter als 
ein Schweres 93erfd>ulben angerechnet werben mußte, 
fo war man boch in biefem befonberen Jall llug genug, 
bie junge Frauenrechtlerin nicht ins ©efängnis, fon- 
bern nur auf einige 3af>re in ein Softer — biesmal 
war es natürlich ein 2tonnentlofter — ju fperren. 

§eute benft man ja glüdlicherweife anbers, unb 
bie Qafyi ber weiblichen S)örer bei ben mebijinifchen 
ftafultäten unferer §od>fchulen ift in rafchem SDachs- 
tum begriffen. Slnbere £änber aber finb uns in biefer 
^inftcht noch weit ooraus, unb in Slmerita tyat fich 
bie 3ir5tin fogar fd?on ein Tätigkeitsgebiet gefdjaffen, 
bas ihr anberswo bis jei$t oetfagt geblieben ift, obwohl 
es ihr Dielleicht mehr als jebes anbere Gelegenheit 



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93on £ot(>. ©renfenborff. 



9f 



bietet, biejenigen Qftgenjchaften jur ©eltung $u bringen, 
bie |ie por ihrem männlichen Kollegen t>oraue hat. 



a. 
o 

B 

■ 

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3n ben bereinigten 6taaten tpät>lt man nämlich ben 
leiblichen $)o£tor mehr unb mehr $ur [tänbigen §au6- 



92 

i 



(Eine ^Irjtinncnf^ule. 

, — 



äratin, tpobei jid; bann nu$t nur bas fd)tDad?e, Jonbern 
auct) bas ftarte ©efd>led;t tyrer 93e|wnblung unter- 
toirft, $>er 9iu^en biefer bei und unb anberstoo einft- 
toeilen no<$ oerpönten Neuerung beftc^t J>auptfäct>Uct> 
barin, bafe ber toeiblicfje $)ausar5t meift Diel grünblicf?er 
in bie für bie Beurteilung oon (Srtranfungen oft fel>r 
wichtigen intimeren 33erhältniffe bes Familienlebens 
eingetoeiljt toirb als ber männlid;e. 

<£s ift ja eigentlich aud> fd?tper einjufe^en, a>arum 
man nidjt auch bei uns ben ^ir^tinnen bie hausärjtliche 
^Praxis in Diel u>eitergehenbem 9ftafce erfd>liefet, als 
es bisher ber ftaii getoefen ift. 93orbert>aub fet>en f ic^> 
nämlich bei uns toie in Snglanb, SJrantreicl) tlnb anberen 
ßulturftaaten bie weiblichen Ölrjte lebigU<$ auf bie 
93ef)anbtung Don Frauen unb $inbern angebiefen, unb 
es ift nid>t in Slbrebe ju ftellen, bafe ihnen Don feiten 
ihrer ©efchlechtsgenoffinnen burdjaus nod) nicht gan$ 
allgemein basfelbe Vertrauen entgegengebracht wirb 
tpie ihren männlid;en 33erufs(ol(egen. 

$)ie (Srgebniffe, bie eine nad; biefer 9?id>tung t>in 
in (Snglanb angeftellte llnterfud;ung gehabt bat, bürften 
auch für beutle 33erl)ältni}fe zutreffen. (£s fyat fich 
nämlich t)erausgeftellt, bafc fich bie freiwilligen Patien- 
ten ber ärjtinnen in ber §auptfad>e aus ben Greifen 
ber arbettenben unb berjenigen F rau *H refrutieren, 
bie fich felber einem auf atabemifd>er 33ilbung be- 
ruhenben Berufe gewibmet t>aben. $>ie ©rünbe finb 
fchliefclich nid?t fcf>tt>er }U ernennen. Nolles Vertrauen 
in bie JJä&igteUen, bie £üd>tigteit unb bie ©etoiffen- 
haftigteit einer Angehörigen bes eigenen ©efcf>led;ts 
wirb immer nur basjenige weibliche 5Befen tyaben, 
bas an fiel) felbft erfahren hat, bis 511 welchem ©rabe 
bie £eiftungsfähigteit ber Frau, fei es burct> eigene 
(Energie, fei es burch ben 8u>ang ber 33erhältniffe, ge- 



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93en Seth. 2$icufcuborff. 



93 



fteigert tr>erben fann, $>ie einfache Arbeiterin, bic 
Dielleidjt jdjon ab 5ef)njäf>riges 9fläbd)en für bie er- 
werbenbe Butter ben §auöt>alt perjeben unb mit 
pierjetm 3<*(>ren i(?r 53rot felbft perbienen mufete, tpirb 
als Stpanaigjctyrige nichts 33cnpunberüd>e5 mef?r barin 




9lm <£piMaffop. 



finben, baft eine Jrau imftanbe fein joll, irgenb einen 
33eruf genau fo umjid>tig unb tüd>tig auszuüben u>ie 
ein 9ttann. 2lufeerbem toirb fie bei ber grau immer ein 
befjereö 33erftänbnis für bie 6d)tpierigfeiten unb 
^ümmernifje i^>rc6 $>afeinö porausjet^en als bei bem 
ftubierten £>errn, bem — nad; ifjrer Meinung wenigftene 
— bieje 93er(>äitni{fe fremb geblieben finb. Gie u>irb 



94 



□ 



fich nicht nur über ihre leiblichen, fonbern auch über 
il;re fonftigen 9töte freimütiger tmb rüdbaltlofer äußere 
unb wirb e& in mancher peinlichen Sage als eine 38ot>l- 
tat empfinben, bafc bas 3luge einer {Jrau gerabe in 
ben für fie wid?tigften fingen ungleich fdjärfer fieht 
ab bas bes erfahrenden Cannes. 

9ftan braucht nur einen 93lict in bas ^öartejimmer 
einer 3U 9Uif gelangten 3irjtin 3U werfen, um fich 311 
überzeugen, wieoiel lieber bie grauen unb Räbchen 
ber unteren 6tänbe bei ihr ab bei einem Slrjte 9*at 
unb §ilfe fuchen. dagegen ift bie $al)i ber „©amen", 
bie bem weiblid;en por bem männlichen $lrjte ben 
Vo^ug geben, einftvoeilen noch Derfd>winbenb gering. 
3öoher follten fie aud; bas Vertrauen 511 ber Tüchtigkeit 
bes eigenen ©efd;lechts nehmen, ba es ihnen boch 
nach ihrei* Ziehung unb Lebensführung unmöglich ift, 
fich felber irgenbwelche £üd>tigfeit im Lebenskämpfe 
jujutrauen. §>ie Unfelbftänbigkeit unb £>ilflofigkeit, 
beren fie fid; bei jeber bebeutfamen <£ntfd>liej$ung be- 
wufjt werben, cvfcf>cint ihnen eben ab ein naturnot- 
wenbiges Attribut ihres ©efchlechts, unb es ift wobl 
begreiflich, wenn fie unter jolchen Umftäuben Siebenten 
tragen, bie €>orge um bas S^oftbarfte ihrer ©üter ben 
„fdjwachen" §änben einer ftrau 31t überantti>orten. 

5>afe es ba weibliche Sir^te gibt, beren 93erufsauf- 
faffung unb ^Berufsausübung banach angetan ift, bie 
beftehenben Vorurteile meht 31t beftärken als zu ent- 
kräften, foll nicht geleugnet werben. 2lber finbet fid; 
ähnliches nid?t auch untet ihten männlichen 93erufs- 
genoffen? llnb barf man pergeffen, bafc biefe bebauer- 
liehen Ausnahmen faft burchweg jeuer 8*it entftammen, 
ab ber 9*ei3 ber Neuheit bas mebi3inifd;e 0tubium 
gewifferma&en 311 einer 9ftobefad>e auch fü* fold;c 
iungen Räbchen mad;te, bie ihrer ganzen Veranlagung 



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96 <£inc £U-$thmcuf<$itfc, D 



nach blutwenig (Eignung bafür bejahen? §eute, ba 
biee Gtubium aufgebort t>at, eine $lrt pon neuem weib- 
lichen 0port 511 {ein, barf man getroft behaupten, 
bafc bas Gtubentinnenmaterial ein überwiegenb por- 
trefflid>e6 ift, unb bafc überbies fd?on wäf>renb ber 
langen Sluebilbungsjeit eine grünbliche 9luslefe erfolgt. 
$>ie 93eforgnis por bem heranziehen einer großen Slnjatyl 
unfähiger unb untüchtiger Slrjte ift im $>inblicf auf 
bas weibliche ©efcfjlecht jebenfallö nicht beffer be- 
grünbet ab f>inficf>tlicf> bee männlichen. 

3n $>eutfd>lanb werben bei ber ärztlichen $hi6- 
bilbung !einerlei Unterschiebe 5wifd>en weiblichen unb 
männlichen Gtubierenben gemacht. 3" Englanb liegen 
bie 93erhältniffe für baö fchwächere ©efdjlecht noch nicht 
ganz fo günftig. §>ie beiben größten unb angefebenften 
Xlniperjitäten bes £anbee, Öjtforb unb (Sambribge, oer- 
jchliefeen ihm bie jetjt ihre Pforten, unb bie angefjenbe 
6tubentin, tpenn jie bas geforberte — nebenbei be- 
merk, nicht übermäßig ftrenge — tarnen im (£ng- 
lifchen, Lateinischen unb ©riechifcheu (wofür nach freier 
Söahi auch eine moberne (Sprache gefegt werben fann), 
fowie in ber 92kthematit glüetlich beftanben tyat, (ann 
für ihr Gtubium nur zwifchen ben £ochfct>ulen in ©lae- 
goip ober Sbinburgh in 6chottlanb, Dublin in Srlanb 
ober §>urham in (Snglanb tpählen. 

§)ie meiften aber ziehen es por, ihre Slusbilbung au ber 
^ebijinfchule für 5* a uen 31t erftreben, bie bem könig- 
lichen Jreihojpitaliu fionbon angegliebert ift. 93on ben 
ungefähr tauf eub promooierten Ärjtinnen, bie bas 23ritifh 
9ftebical 9*egifter gegentPärtig aufzählt, ift weit über bie 
§älfte aus biefem 3nftitut hervorgegangen, unb es ift 
barum gewifc nicht ohne 3ntereffe, an ber §anb unferer 
Slbbilbuugen einen (Sinblict in bie Einrichtungen unb 
ben Lehrbetrieb biefer 33ilbungöftätte )U gewinnen. 



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93on £oty. 93renfeuborff. 



97 



$>ie porgejchrtebene €>tubienaeit umfaßt einen 8*it- 
raum von jehn bis jtpölf 6emeftern, unb — toas neben- 
bei bemerft (ein mag — bie Soften für bie einjelne 
6tubentin Jinb recht beträchtlich. Sttit weniger als 
atpanjigtaujenb 9ttart permag in Gmglanb ein junges 
Sttäbchen bas ärztliche Gtubium taum burch^uführen. 




21m ftrcmfenbett. 



§>afür aber tonn fic bann auch mit 5iemlicher (Sicher- 
heit barauf rechnen, fpäteftens im jtpeiten ober britten 
3ahr ihrer Praxis Sinnahmen pon Pier- bis jed?s- 
taufenb 9Hart ju tyaben, bie jid>, je nach ocm SJtofec 
ihrer £üchtigtett ober ihrer persönlichen 93oraüge, rafch 
bis £U fef>r anjehnlichen Summen fteigern tonnen. 
$>a auch gejelljchaftliche ©tellung ber engli(chen 

1W4. vm. 7 



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98 



(Sine $r$tinnenfcfcule. 



Srjtm eine ausgejeidmete ift, barf alfo bas auf- 
geroenbete Kapital als fefjr gut angelegt bejetdjnet 
toerben. 

Slugenblidlid) jätjlt £onbon mef>r de &tt>eir;unbert 
a>eibüct>e 5irjte, 33rigl>ton fect)6, £eebö unb 9ftand>efter 
je fünf, imb es bürfte taum nod; eine bebeutenbere 
6tabt in Großbritannien geben, bie nid?t roenigftene 
eine Slr^tin aufjuroeijen hätte. 

§>ie erften fünf 6tubienfemefter ftnb ber t^eore- 




3n ber 25ibliotf)ef. 



tifd>en Sluebilbung gevoibmet. $>te 0tubentinnen hören 
bie 93orlefungen ber ^rofefforen unb arbeiten in ben 
oerfchiebenen £aboratorien ber 6d)ule, bie burchroeg 
muftergültig eingerichtet (inb unb in be^ug auf il>rc 
Sludftattung an Apparaten unb fonftigen Hilfsmitteln 
allen ftorberungen ber mobernen SfBifjenfcbaft Genüge 
tun. 2öir Jetten auf unjeren Slbbübungen bie jungen 
9ttäbd)en beim l)iftologijd?en Unterricht, bas heißt bem 
jetjt 51t jo großer 3Bid)tigfeit gelangten Unterricht in 



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Öon fioty. Skenfenborff. 



94 



ber ©ewebelefjre, fef>en Jie bei ber Vornahme von 
Slnalpjen im chemijchen Laboratorium, bei ber §er- 
ftellung mitro{!opifd;er 
Präparate ober bei ber 
Betrachtung ber oon bem 
Sptbtaflop auf bie wetfoe 
£einwanbfläche geworfe- 
nen £id)tbilber aus bem 
©ebiete ber Anatomie unb 
^Pathologie. SDtr beob- 
achten eine junge 5>ame 
bei ber Slnftellung p^>pfio- 
logifcher <£?perimente mit 
einem burch bie injizierte 
ßochfa^löfung „lebenb" 
erhaltenen S^atjenher^en 
unb tonnen bei einem 
93lict in bie reidjbeftellte 
33ibliotbet wahrnehmen, 
mit reellem (Sifer bie 
Schülerinnen auch an bie- 
jer Quelle ihren SDijjene- 
burft ju ftillen juchem 

9tach 2lbfoloierung bes 
fünften Semefterö, alfo 
nach jipeieinhalbjährtgem 
Stubium, werben bie 
Schülerinnen bann im §o- 
fpttal mit ber pratttfehen 
Verwertung ber erworbe- 
nen theoretischen $ennt- 
nijfe oertraut gemacht, 
unb ihre weitere Sluebübung am ftrantenbette wie im 
Öperationejaal unterbleibet f icf> in nickte oon ber an 




n 

-4-1 

£ 

(TD 



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100 Sine &ratinnenf<fmte. □ 



unjeren Uniperjitätstliniten üblichen, $>er aus atoei 
burch ben öterilifierungeraum poneinanber getrennten 
§älften beftehenbe grofee Operationejaal bee ftranEen- 
haufee tann ebenfalb als porbilblich bezeichnet toerben. 
<£r ift mit ©alerten perfef>en, bie ben Schülerinnen 
geftatten, in größerer 8<>hl ^cm Verlauf ber Operatio- 
nen au folgen, ohne ben mit ber Bornahme bes Eingriffe 
beifügten Sr^ten unb §ilfslräften ^mberltct) &u 
werben. 

Slber ee finb aufeerbem Einrichtungen getroffen, 
bie in bejonberen fällen auch eine Beobachtung aus 
unmittelbarer ^ät?e ermöglichen. 

Shte burch bae ©tubium nicht ausgefüllte Seit 
pertoenben bie Jungen tarnen nach guter englischer 
Sitte ponoiegenb auf bie Pflege unb Kräftigung bes 
eigenen ßörpere burch allerlei fportltche Betätigung. 
Sm ©arten beö ßrantenhaufes gibt ee für fie £urn- 
unb £ennieplä^e, bie eifrigft benü^t toerben, unb ju 
ben freubig erfüllten Pflichten ber Stubentinnen ge- 
hört fogar auch M« gärtnerifebe Bearbeitung unb Pflege 
ber Anlagen. 

gebe biejer angehenben §eil!ünftlerinnen ift eben 
pon ber Überzeugung burchbrungen, bafo ber ärztliche 
Beruf jehr h<>h c Slnforberungen an bie törperliche ©e- 
funbheit unb fieif timgsf ät> igteit beö ihn Slueübenben 
ftellt, unb toenn fie nach abgesoffenem Stubium 
in bas £eben hinaustreten, finb fie nach Dichtung 
hin meift beffer gerüftet ab bie jungen Scanner, bie 
einen öffentlichen £eil ber für ihre Slusbilbung be- 
ftimmten Seit am ßneiptifch ober mit anberen wenig 
gejunbheitegemäfcen Serftreuungen oergeubet tyabtn. 




■ 

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ttootlle von Henriette t>. JtUerljeimb, 

t 

(Hacf)öru(f oerboten.) 

1. 

e^t enblicb fage mir bie 3Da|>rJ>eit ! 3$ mufe, i<f> 
n>Ulfie Hüffen! 9öo liegt meine Butter begraben?" 
3Bilma ftanb mit jufammengeprefeten §änben vox 
ibrem 93ater. 3b* 2ltem ging rafd>. §)ie bunflen, 
gerunzelten brauen gaben bem jungen ©efic^t einen 
büfteren, entfcbloffenen Sluebrucf. 

<profeffor d. 9Mti$ fe^te ficf> ettoas umftänblkb 
auf feinen brebbaren 0effel t>or bem großen SpKnber- 
bureau unb blätterte in ben barauf liegenben 6<$rift- 
ftüden. 

Obgleich bae £ageslicbt noeb fytli über bem ©arten 
lag, brannte f<$on eine niebrige Slrbeitölampe unter 
grünem 6cbirm. §>urcb bie unoerbangenen {Jenfter 
fal; man ben geroitterblauen Gimmel, gegen ben bie 
grünen, ttfintenben #fte ber Sinbenallee leife im 
Slbenbtoinb fcbu>antten. 

„60 antworte bod> ' ^> c ^ n ^cb^igen foltert mieb !" 
rief 38ilma leibenfcbaftlicb» 

„Unb mieb bein ungeftümes fragen," entgegnete 
ber ^rofeffor tübl unb rcanbte ben ftopf &ur 0eite. 
§>ie £ocbter tonnte nur fein ftrenggefebnittenes Profil 




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102 



4 

$>Q5 9tec{>t bca ßinbcs. 

■ ■ • - . - 



fef>en. $>a6 eifengraue, turagefdjnittene §aar ftanb 
etwa* fperrig über feiner breiten, eefigen 6tirn in bie 

„ßannft bu es mir perbenten, bafc ic|> je^t, turj 
por meiner ^odjjeit, enblicty einmal am ©rabe meiner 
Butter (nieen möchte?" fragte SBilma tpeiter. (£in 
leifeö 6<$lu<$5en flopfte in tyrer stimme. 

„3<$ tpetfe nichts Pom ©rabe beiner ©utter," lautete 
• bie abtoeifenbe 2lnttoort. 

l;eifct: bu toillft es mir r\\<fyt fagen! $>enn 
es tarin bod> nid)t fein, bafc ein 9ttann nid>t einmal 
tpeife, tpo feine eigene $rau begraben liegt!" 

,,©ib 9Uif>' mit beinen ftxaqen, Söilma. $>ae ift 
beffer für bi<$ unb micf>." 

„60 l>aft bu mid; ftets abgefpeift. 9tie burfte id> 
ettpas unffen. Site ßinb rebete man mir por, id> bürfe 
ben tarnen meiner Butter por bir nid>t ero>äf>nen, 
toeil bein 0d>mera um tyren 93erluft ju grofc fei. §>eö- 
fjalb gäbe es auct> tein 9Mlb pon if>r im ganjen §aufe. 
5(uö 9?ücfftd>t für bid; babe id; alfo bie taufenb fragen, 
bie mir ftete im gerjen unb auf ben Sippen brannten, 
5um <£d?tpetgen gebracht. 2lber je^t ift's genug, gd; 
bin einunb5u>anjtg gafjre alt, in einigen $8od>en foll 
id; heiraten, gd> mufc feilte mit bir pon meiner 
Butter {pre<$en." 

„SBa* tpillft bu benn tpiffen?" 

„teilte Butter f)iefc grie 53renbel. 6ie tpar 6d>au- 
fpielorin am 53urgtyeater in $Bien. gd> perliebte micf> 
in if)r fjübfc^ee ©efidjt, in tyr munteres Gpiel unb heira- 
tete fie. 5>er 2lbfcf>ieb pon ber 33üf>ne tpurbe tyr fdjtoer. 
6ie tonnte fi<$ fd>led;t in geregelte f>äueli<$e 93er£ält- 
niffe fügen. S>ret gat>re nad> betner ©eburt trennten 
toir uns." 



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□ Sloodle pon Henriette t>. 9Heer{>dmb. 103 

» • ~~ • — — 1 .Ii, - 



„9Kcine Butter perliefc mid>, il;r Meines |>ilflofcö 
ßinb? Slrme Butter, was mag Tic babei gelitten ^aben t 
2Bie tonnteft bu fo gcaufam fein, Vater?" 

»3$ — graujam? SBiefo?" 

„(Siner Butter tyr $inb fortaunefjmen ift graufam, 
ja unper$etyli<$," 

^>cc <ßrofeffor fcfctoieg. Geine fcfcmalen Sippen 
fniffen \\ö) jujammen. Söie ein bünnec roter Gtrid) 
fa^en fie in bem faf>lgeu>orbcnen ©efid>t aus. 

„Unb tpann ftarb meine 9ttutter?" 

„ftür bxö) unb mid> an bem £age, an bem fie biefes 
§aus perliefe/' entgegnete ber <Profeffor f$arf. <5r 
griff nacf> einem Babbeln, bas jtoifc^en ben Geiten 
eines 53ucf>es eingetlemmt lag. 9fted>anifd> 50g er 
es heraus unb bog bie feine japanijc^e Glinge jtpifc^cn 
feinen mustulöfen Ringern* 

$>as jtoedlofe Gpiel mit bem Keffer erregte Söilmas 
reizbare Kerpen. 9ftit Gpanriung tpartete fie barauf, 
bafe ber Gta^l tlirrenb jerbred>en müffe. Gie hoffte es. 

5>cc ^3rofeffor fannte it>rc 9terpofttät fe^r u>of?l unb 
lächelte ironifd>. „©anj toie tyre Butter ift fiel" 
badete er grollenb. „§>asfelbe unbänbige Tempera- 
ment, ber etpig erregte Gtimmungsu>ed)fel, berfelbe 
unübertpinblicfje (Sigenfinn t" 

<£r tpar frof), bie Saft ber Verantwortung für biefe 
fd>toierige £od>ter balb auf jüngere, ftärtere Gdnütern, 
bie feines Gd>tpiegerfof>nes, bes Oberleutnants Sber- 
t>arb p. $öolfsburg, abwägen ju tonnen. 9ttod>te ber 
jufefjen, toie er mit bem Quertopf aured;ttam. SDar 
SBilma nur erft glüdlid) oert>eiratet, bann tonnte er 
fid> ipieber ganj feinen Gtubien tpibmen unb bie unglüd- 
li<$e (Eptfobe feiner (Sf?e Pölüg 511 pergeffen fud>en. 

SDtlma trat pon bem Gtuf>l bes Vaters einen Gd?ritt 
jurüd. (£in unbeftimmter $lrgtpo$m ftieg in tyr auf, 



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104 5>ad 9te<£t beö 5*tnbes. □ 



benn bie le^te 5lntoort fam i|>r fehr jtpeibeutig oor. 
3f)te großen fchtoar^en Slugen brannten in bem blaffen 
©eficht. Sine öetunbe zauberte fie nod), bann ftürjte 
fie toieber oor unb Rüttelte ben 2lrm bee 23aters. 

„3ft meine Butter tot? ©age bie 3BaI>rI>cit ! 3a 
ober neinl" 

„$ür uns ift fie tot/' miebert>olte ber qßrofeffor 
ungebulbig. (£r oerfuchte bie feinen $lrm umtlam- 
mernben Ringer ber £ocf>ter loszumachen. $lber es 
ging nicht. $>ie fd)lan(en 9Häbd)enhänbe gelten eifern 
feft. Ohne Slntoenbung oon <Setoalt tonnte er fich ni4>t 
befreien. 

„§>iefe etoigen Ausflüchte! Antworte boch enblich 
tlar unb beutlich! §aft bu !ein ^erj in ber 93ruft?" 

„9iun ja boch — fie lebt! Aber tt>o unb toie, bas 
geht bkh nichts an, 28ilma." 

,,©ie lebtl Steine Butter lebt! Unb bas !onnteft 
bu mir oerfchtseigen? 5Detftt bu nicht, toas bu mir bamit 
angetan h<*ft?" 

„$öas foll ich bir benn getan l>aben?" braufte ber 
<Profeffor auf. „S3ertoöhnt l?abe id> bid>, exogen toie 
eine ^rinjeffin in ben teueeften ^enfionen, biefc mit 
bem 9ttann oerlobt, ben bu fyaben tpollteft, bkh ausge- 
fteuert über mein Vermögen! Unb jum $>anf, toeil 
icf> bir alles traurige fernhalten wollte, |>3re ich nun 
Vorwürfe !" 

„$>u t>aft mich oon meiner Butter getrennt — unb 
bas ift ein Verbrechen. Ober f>aft bu wirtlich nie geahnt, 
wie mein §erj nach meiner Butter gefchrieen, nach bez 
£iebe ber Butter gehungert hat? Um einen ßufc oon 
ihr gäbe ich altes h^, was bu mir je gefchenft |>aft 
— 9lusfteuer, ja meinen Bräutigam, S)ocl>5eit — alles \ a 

„6ehr fchmeichelhaft für Söolfsburg unb mich." 

„Unb toarum |>abt ihr mich immer mit Söorten 



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□ 9topeUe von Henriette v. 92teec£cimt>. 105 

i t 

unb 93erfd>u>eigen belogen? ßann bas unrtlicf) roafjr fein, 
bafc meine Butter lebt unb id> toeife nid?t einmal tt>o? 
2lu<$ fie mufc fi<^> bod) nad> mir gefeint ^aben ein 
£eben lang!" 

SBilmaö 6timme bra<#. tränen ftürjten unauf- 
^altfam über i|>r ©efid>t. 

„Gpdr bir bie tränen V rief ber <}3rofeffor. „$>eine 
Butter ift freiwillig oon bir fortgegangen, of?ne Söiber- 
fprud) oerpflid>tete fie ft<$, ganj aus beinern £eben 
binausjuge^en, niemals bir $u f<$reiben." 

„98elcf> ein Opfer l 9Hit u>as für Martern bu 
fie ba&u gelungen?" 

„3ati>o{)l, id> fjabe fie auf einen glityenben 9*oft 
gelegt unb if>r bas 93erfprec|>en baburd) abgerungen!" 
fpottete i>er ^3rofeffor, ber f>art um ben legten 9*eft 
feiner ©ebulb rang. 

„<Ss gibt aud; feelifd?e Martern," antwortete SBilma 
finfter. 

„3au>ot)l, bas toeife id) aus eigener <£rfa^rung," 
betätigte 9Mti| bitter. „$>u tennft bie nur oom 
§örenfagen." 

„9ta<$telang l>abe ict> oft geweint, toenn anbere 
ßinber in ber ^enfion oon tyren füttern erjagten, 
ober roenn id> auf ber Gtrafce tleine 9ftäb<$en an ber 
§anb i^rer Butter {parieren gelten fafc. 33ater! 
SJteine ®inbf>eit, meine Qugenb ift bisher mutterlos 
getoefen. 3et$t ift's genug. 93on fceute an forbere i<$ 
mein 9ted>t." 

„2Beld>es?" 

„§>as <Red)t bes S^inbes, bas 3U feiner Butter will." 
„W\t meiner guftimmung ge^ft bu nid>t &u if>r." 
„3)ann gefdjiefjt es ofjne fie. 3d> bin balb <?ber- 
t>arbs ftrau." 

„2lu<$ ber wirb es bir oerbieten." 



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106 



$>as 9*ca)t bcs ßinbeö. 



Söilma tsarf ben $opf jurücf: „Göll id; immer 
unter einem fremben Söillen leben? <5rft unter beinern, 
bann unter bem meines 9Hanneö?" 

»8<* — 5U beinern eigenen heften, $>u f>af* 511 
oiel 3Umlid;Eeit mit beiner Butter/' 

,,e>ab' id> ba&?" (Sin glüdlkfcee £äd>eln fta^l fi<$ 
um bie fcr;öngefcf>rpungenen Sippen bes jungen 2Häb- 
c^ens. „SBie faf> fie aue, bie füfce, oerlorene Butter, an 
bie id; mid> nid?t einmal mef>r erinnern tann?" 

„6ief> in ben Gpiegel, bann toeifct bu'e. — freilief), 
bas ift a<$taer;n S^re |>er 

„Vielleicht ift if>r §aar injroifc^en roei& unb bas 
liebe ©eficf>t fdjmal unb blafe geworben aus Kummer 
um mid>. gd) tonnte auf ber 6trafce begegnen, 
unb toir würben aneinanber oorübergef>en 1 — Vater, 
f ief>ft bu bie grä&licr;e Unnatur biefeö guftanbee benn 
nicf>t ein?" 

„<£e ift ber einzig mögliche unter ben obtoaltenben 
Verl>ältniffen." 

„$Deil il?r eud; geftritten unb getrennt l;abt? $önnt 
if>r benn nidjt einanber oergeben? 3f?r t>al>t euef) bod) 
einft geliebt ! — £afc mid? jur Butter reifen, fie aurüd- 
fcolen. Vater, benf bir bas aus ! £ier wirb fie wieber 
fitjen, l;ier in biefer 6tube, b\ö)t neben bir!" 

„§>ante oerbinblid;ft. Stroas {fürchterlicheres tonnte 
id> mir gar nicht oorftellen. Gold) ein Qufammenfein 
pflegte ftets fef>r ftürmifd? 511 enben." 5>er ^rofeffor 
fut>c fiel) mit bem £afd;entud; über bie 6tirn. §>ie 
Erinnerung an bie Vergangenheit machte ihm l?eiß. 
„§ör alfo enblich auf mit bem Hnfinn, 5Bilma! §>eine 
Butter ift feit mehreren 3al?ren roieber perheiratet. 
2öafn'fd>einltd) hat fie anbere S^inber unb bentt gar 
nicht mehr an bid>." 

§>as ©efid;t bes jungen 9ttäbd>en6 rourbe fehr blafo. 



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STooclle von Henriette t>. SHeerfceimb. 



107 



„^Bieber perl;eiratet?" u>icbcrl>oltc fie tonlos. „Unb 
mit tt>em?" 

„28as geljt's bt<t> an!" 

„gd; toill 06 Hüffen." 

„9ftit einem 6d?aufpieler 9Utmann. 6ief>ft bu'« 
jet$t ein, bafc bu nichts mef>r mit beiner 9Huttet &u tun 
f>aben tannft?" 

„SDeil fie it>rc <£tnfamteit nid?t länger ertrug? S>as 
änbert nur bein 93erf>ältnis &u if>r, ni<$t bas meine. 
gd> bleibe barum boö) if>r ftinb." 

„£eiber." 

„3Bo lebt meine Butter?" 

„Sin fef>r oerfdjiebenen Orten." 

„3n n>eld>er etabt ift fie je^t?" 

„§)as weift ic£ n\d)L" 

„$)u toillft es mir ni<$t Jagen l" 

„gd> weife es tt>lrtltcf> nietjt," toieberfjolte ber tyxo- 
feffor mit erhobener 0timme. „9ftit ftrau Slltmann 
f>abe id> nichts me^r 311 fc^affen. $öas fie t>on mir 
an ©elb bejie^t, gel;t if>r burd? bie 93an! 511. — Unb 
je^t lafe mi<£ enblicf) in 9Uif>e ! gd> fage nichts mef>r. ©ef) 
in bein Sitnmer unb tt>afcf> bir bie Slugen, bamit 
bein Bräutigam unb feine Butter fi<# nicfjt über bein 
oerfjeultes ©efic|>t tounbern. Mnb bann fümmere btd> 
ums (Sffen. §>as ift beine 6ad>e. §>ie 93erf>ältniffe 
ber ffamilie Slltmann gef>en biet) gar nichts an." 

Söilma blieb no<# einen $lugenbli<f jögernb fte^eti. 
93ater unb £od?ter fallen ficf> an. 2Bie 3tx>ei §>egen- 
tlingen treusten f ic|> bie ©liefe ber ftatjlgrauen 9ftannes- 
unb ber famtfefnsaraen 9ftäbd?enaugen. 

^rofeffor OTalti^ las einen feften (^ntfdjlufo in 
SBilmas ©efid?t. SBie genau er nod> i>on früher t>cu 
biefen $lusbrucf fannte! ©erabe fo I>atte bie Butter 
biefes ftinbes bei tyren häufigen 9fteinungsoerfcf>ieben- 



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108 



5>a5 Stecht bes ftinbea. 



heiten por ihm geftanben, mit leibenfchaftlich funtelnbeu 
klugen, tto^ig aufammengepre&tem 9ftunb unb beben- 
ben 9tafenflügeln. 93is ftcf> bann urplo^Iic^ ein fjagel- 
fchauer von SDortPürfen, tränen unb Drohungen übet* 
ihm entlub. 6jenen, nichts tpie öjenen von früh bis 
fpät. flogen über perfektes £eben, gammern nach 
ber 93üf>ne, ©elbforberungen ohne (Snbe. ©aju bas 
Unbehagen im £aus, bas pernad>läffigte ßinb, bie 
tpiberfpenftigen §>ienftboten. SBie eine (Srlöfung hatte 
er ihren gntfchlufe begrübt, {ich pon if>m Reiben unb 
jur 33ühne aurüeftehren &u tpollen. $)ie Anrechte auf 
bas $inb gab fie für eine jährliche <Penfion tpillig auf. 
Unb nach biefer fjer^lofen, pflid>tpergeffenen Butter 
jammerte nun bie törichte, fenttmentale £ocf>ter, ftatt 
ihm bantbar 31t fein, bafo er if>r alle bie peinlichen 
53ertPicflungen ferngehalten unb aus bem Söege ge- 
räumt h<rtte! 

„93is ju beiner $)ochaeit perbiete ich b\x nochmale 
jeben 93erfuch, mit beiner Butter in Q3ertehr 51t treten," 
tpieberholte ber <Profeffor aus biefen ©ebanfen fyexam 
fd>arf. „SBas bu nad; beiner betrat tufi, geht mich 
nichts an. 9tur bas fage ich bk, über meine öchtpelle 
tritt niemanb u>ieber, ber mit SUtmann pertehrt." 

„5luch bann nicht, tpenn es beute eigene Tochter 
ift, 93ater?" 

„5luch bann nicht! — Unb jefct geh enbltch!" 

Söilma fentte ben ftopf unb ging fcfjtpeigenb hinaus. 

$>er ^rofeffor fat> noch riite Sföeile finfter por {ich 
hin, bann rücfte er mit einem erleichterten Stufatmen 
Q3ücher unb Schreiberei jurecht. ©ott fei $>ant, biefe 
Slusfprache tpar porüber. 3e^t tonnte er noch in 9Uih* 
ein paar 0tunben arbeiten, bis er bei £ifd> ben liebens- 
tpürbigeu $Birt fpielen muftte. 

$>er gebeugte ßopf bes 6chreibenben perfchtpanb 



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□ 91ot>eUc pon Henriette x>. 9Reec!>eimb. 109 

... . i ■ ■ . i ■ i i . i ■ r =~ 



faft Gintec bem gewaltigen 8l)linberbureau aus Qtufc- 
baumfrols, bas von einem ftenfter aus quer in bic 
6tube hineinragte unb mit mächtigen, bänbereichen 
Segalen im ftücten ein Heines Simmet im 8«™^ 
bilbete. 

2luch bie einförmig hellgrau gestrichenen $öänbe 
bebeeften Fretter mit 93üd>ern unb hochaufgeftapelten, 
pergilbten 9ttanuftripten, benen ein leifer 9Hobergeruch 
entftieg. (Sine ftlut von Qetteln unb blättern, alle 
mit ber haftigen, fd>tocrIcfcrlid>cn ^anbfdjrift bes ^ro- 
feffors betrieben, lagen auf ber platte bes 6cf)reib- 
tif<j[>es. ©eine §änbe fuhren barin fytxum, um bie 
nohoenbigen 9toti$en unb Slus^üge l?crau&5ufmbcn* 

§ier in ber engen Umgrenzung {eines Siffimers, 
an biefem altoäterlichen ©chretbtifd) erlebte 9Mtit$ alle 
ftreuben unb Qualen bes 6d?affenben. Entlüden 
wechfelte mit Entmutigung. Oft rang er oergeblich 
mit feinem fpröben 6toff, ohne ihn meiftern 511 
tonnen, ^aum um jtpei bis brei Qtiim rüdte bann 
feine grofce Arbeit über bas römifche Stecht oor, an ber 
er feit oielen fahren fchrieb. 5)ann wieber gab es 
©tunben, in benen bie ©ä^e leicht unb flüffig aus ber 
geber fprangen. $>er erfte 33anb bes 3Bertes u>ar 
in ben 3af>ren feiner unglüeflichen Ehe unter unfäglichen 
9ftühen juftanbe gekommen, ©er zweite oerbantte 
fein leichteres ©elingen ben frieblichen S^ten, in benen 
er ty'm meift einfam lebte, toährenb SBilma in <?3en- 
fionen erlogen würbe. Slber ber ©chlufo bes Wertes 
ftanb toieber im 8eid;en bes ©türme unb ber Unruhe 
burch SBilmas ^eimtefjr ins Vaterhaus, burch il>rc 
Verlobung, oor allem aber burd; ihre ewig bohrenben 
fragen nach ty r * r Butter; fragen, benen er weber 
ganj ausweichen noch fie oöllig wahrheitsgetreu be- 
antworten mochte. 



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110 



D 



$>as römifche 9^c<^>t toar bem gelehrten <ßrofeffor 
tlar, aber über bie 9*ed)te eines mobernen ßinbes 
ben (Altern gegenüber hatte er, toie er felbft eingeben 
mufote, nur fcl>t unbeutlicf>e begriffe, bie jebenfalls 
nid>t mit benen ber £od)ter übereinftimmteu. 

§>ie fteber ftoefte toieber, tpeil bie ©ebanten ab- 
fchtoeiften. §>te balbige £od;5eit ber £od;ter tauchte 
rote ein §offnungsftern oor ihm auf. 2öie toohltuenb 
füll würbe es bann um ihn ^er fein. $eine 93itten, 
tränen, Vorwürfe gab's bann mehr, tein rafdjes 
Hereinlaufen unb 93etteln. 

$rger über ben £etd?tfmn ber £od?ter, bann tpieber 
Sttitleib mit bem mutterlofen ßinb zogen if>n beftänbig 
von feiner Lebensarbeit ab. 

SBarum tonnte er nid>t eine ernfte, oerftänbige 
£od>ter haben, bie fein 9flanuftript abtrieb, bei ben 
Spaziergängen polier gntereffe feinen Slusetnanber- 
fe^ungen laufd>te, in ber er fid? nach unb nach einen 
Hilfsarbeiter heranziehen formte? 2lber biefer Qrr- 
vo\\d), bie SBilma, bie pflüette bei ben Säuberungen 
nur toilbe Blumen, fang ober pfiff beftänbig por fid) 
bin. ftlnQ er pon lilptan ober £>iofletian an, fo hielt 
fid> bie imunffenbe Heine ^erfon bie Ohren zu. 

5>cc ^rofeffor feufjte. 3rgenb etwas mufcte pon 
ber £od?ter im Sanier zurücfgeblieben fein, bafe feine 
©ebanten gar nicht pon ihr (ostamen. 

93erbriefjlich fat> er fid) um. Nichtig — tyalb perfteett 
pon bem lateinifchen £e*iton flimmerte eine opalifie- 
renbe ©lasoafe mit bunfelroten 9*ofen gefüllt $>ie 
tonnte nur Söilma t>ingcftcüt haben. Halbe £age per- 
tröbelte bie mit ihren 33lumen. Slber 1)kx in feiner 
Stube wollte er roenigftens pon bem $ram perfdjont 
bleiben. Heftig rüdte er bie 93afe fo toeit toie mög- 
lich fort. 



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□ Slopdle von Henriette v. 9fleer(?ctmb. 111 



§>te Dämmerung nahm an Stetigkeit &u. Seife 
©chatten trod>en über bic fielen unb perloren ficf> 
in ben <£den bes geräumigen Simmerö. Eintönig ging 
ber <}3enbel ber alten SBanbufjr mit ben feieren <5e- 
toichten. SBie ein müber, abgearbeiteter ^er^fchlag 
Hang bas fd>läfrige Xidtacf. 

OTit leifem Statten glitt bie ftebet über bae Rapier 
unb formte ben Saij: geber römifche 93ürger a>ar 
£err, ja kernig in feinem £aufe. gm ©egenfatj 
jum femitifchen Matriarchat ^atte bae ©efe^ ba$ 
^rin^ip ber Slgnation, nach bem bie ftamilie allein 
auf SDateroertpanbtfchaft beruht, eingeführt, tpoburch 
bie ganje SQeibertpirtfchaft pon pornherein abgerafft 
toar, 

„Oh, i^ toeifen Horner!" murmelte ^rofeffor 
OTalti^, inbem er ben legten 6a^ bief unterbrich. 

2. 

Söilma füllte lange bie hei&gweinten Slugen unb 
pcrn>enbete auch 9™6* Sorgfalt auf ihren Slnjug. 
Unberouftt regte {ich ber 3Dunfch in tyr, ihrem Bräutigam 
heute befonbere gut ju gefallen, um ihn nachgiebig 
311 ftimmen. §>afc fie fchliefolich fiegen unb ihren Söillen 
bei ihm burchfe^en toürbe, baranjtoeifelte fie&roar !einen 
Slugenblid, aber es roar boch angenehmer, bieö 
leicht unb ohne ©jenen ponftatten ging. Sie betpunberte 
ihre eigene 9Uu)e unb Umficht, mit ber fie trotj ber 
großen inneren Erregung alles für ihre Toilette 3tot- 
roenbige herbeiholte unb zugleich Slnorbnungen tpegen 
beö Slbeubbrotes erteilte. 

§>ie £uft roehte fo milbe unb angenehm burch bas 
offene ftenfter herein, bafc fie befchlofc, unten in bem 
tleinen ©arten, ber terraffenförmig bis &u ben Ufern 
ber Saale hinabftieg, ben £ifd; jum Slbenbbrot beden 



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112 



©as 9?ecbt bee ßiubcs. 



unb bunte £ampione &ur Beleuchtung barüber Rängen 
ju laffen. 

OTct>r toie Befehle ju geben brauste fic glücflicher- 
tseife nicht. $>er Liener unb bie alte ßbchin amfeten 
genau Befdjeib. 

§>af>er fanb fie alles fcf>on fertig unb nach SBunfch 
georbnet, ab fie in ben ©arten hinunterging* §)ie 
Sinter auf bem Efetifch unb bie farbigen £amptone, 
bie an Letten über ben $Beg gefpannt tt>aren, brannten 
bereits. §>as tüeifte <£afeltuch, auf bem filberne S^örbe 
mit S^uc^en unb ftmtyttn ftanben, bie roten £i<$t- 
fd)trmd?en festen ftch waxm unb tpirtungsooll gegen 
bas tpad)fenbe Tuntel ber benachbarten ©arten ab. 
darüber |>in fchtoirrten ein paar £eud>tfäfer. 

£ief unten raupte ber ftluft. Gchmale 9Urt>erboote 
fcf;offen pfeilfchnell hin unb h*r, 9ttan t>brte beutlich 
bas taftmäfcige Eintauchen ber 9Uiber, ab unb $u ben 
^ommanboruf eines Steuermanns. 

QBilma ging ungebulbig fyin unb h^ &wedlo& 
rüdte fie bie $örbe auf bem £ifd) eta>as anbers, n>obei 
fie unabiäffig ben Eingang bes ©artens im 2luge be- 
hielt. 6ie hoffte unb glaubte, bafc ihr Bräutigam 
juerft fommen unb feine Butter fpäter folgen toürbe. 
Slber fie täufchte ftd). 

Ein fchlanter §err in buntlem Sioil, ber eine ältere 
5>ame am 2lrm führte, tarn auf bas §aus 5U. 

SBilma tniff bie klugen jufammen. konnte bas tpirt- 
lieh Eberharb fein? 2Msf>er faf> fie ihn nur in Uniform. 

Qa, er ttwr's. 6chon oon weitem fchtoentte er ben 
§ut. Enttäufcht ging fie ben beiben entgegen. 

SBolfsburg liefe ben SSrm feiner Butter los unb (üfete 
feiner Braut bie §anb. 

„2lber Eberharb — roie abfeheulich bu ausftehftt" 
fd;alt Söilma. 



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D 9?ot>elle von Henriette p. 9Heer(>eimf>. 113 



„3* t>äfeüd>cr ab 9Henfd>, um fo fchöner ab §ufar I" 
stierte SBolföburg unb jeigte beim Sachen feine ge- 
funben weiften Qtyne. 

„$Barum fommft bu benn in Sipil?" forfchte 2BUma, 
inbem fic fic|> über bie §anb ihrer €5dnpiegermutter 
beugte, bie tf>r etwas fteif unb förmlich bie 6tiru 
Kifete. 

„SBetl mein (Sberharb uns noch I?eute nad>t per- 
laffen unb in {eine ©arnifon jurüdtehren mufe. <£r 
foll für einen fchtpergeftüraten 9*ittmeifter bie 6d>u>a- 
bron führen/' 

„Sich, une unangenehm!" SDilma bift fi<f> auf bie 
Sippen, §>urd> biefen 8wrifd>erifaU blieb ihr wenig 
Seit, mit bem Bräutigam allein ju fprechen. 

„Unb bu," Söolföburg fafcte Söilma um bie Taille 
unb breite fich if>r ©eficht &u, „bift noch £übf$er heute 
wie gewöhnlich." 

„$>aö wollte ich j<* au< $> &*tw ich möchte nachher 
mit bir allein fein, <£berharb." 

„3cf> auch — nur 8W gern* 3^t^^ mit bir ganj 
allein, bas war' am fdjönften !" 6eine Slugen lachten 
fic perliebt an. „<£inen ftufe, Söilmat" 

2lber in biefem Slugenblid brehte $rau p. 5öolfsburg, 
bie nach *>* m §<*ufe gefehen h^tte, fich um, unb bas 
^aar fuhr aueeinanber, 

§>te alte §>ame brängte fich 5tDifd>cn bie beiben, 
ergriff tPieber ben 2Jrm ihres (Sohnes unb fteuerte 
bem §aufe au* 

Söilma tpehrte ab. „bleibt nur gleich h^, SSto 
effen im ©arten," 

„3m ©arten?" ffrau p. SBolföburgs fttaQt Hang 
etwas gebchnt. „3öarm ift es ja, aber bie pielen $äfer, 
bie auf ben Heller fallen — " 

„JJleifch jum ©emüfe, liebe 9ttama!" rief SBilma 

19U. VIII. 8 



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114 



5>aö 9tect>t bee Äinboö. 



latent), „3d> werbe gleich 93ater rufen. — (Eberfjarb, 
Eomm mit!" 

<&)<t ftrau v, SBolfeburg nod> einen (Sinuxmb er- 
geben tonnte, lief bas Brautpaar bereits §anb in 
£anb bem §aufe ju. 

Söilma blieb tief atmenb por ber 93eranbatreppe 
fielen. „<5berf>arb, icf> fcabe bir nämli<$ etoaö furchtbar 
2Did?tiges ju fagen." 

„3<$ bir au<$," SBolfeburg 50g einen 23rief fcerpor. 
„9Bir ^aben baö §auö in ^Berneburg betommen. 33> 
f>abe gleich für brei 3at>re feft gemietet" 

,,9öeld;es §auö?" SDilma fd>ob 5erftret.1t ein paar 
föiefelfteine im SBeg mit tyrer ftu&fpi^e V m unb (>er. 

„2lber SBilma! $>aö tleine $aus mit ben grünen 
£äben unb ben pielen tpeifcen 98argaretenblumen auf 
bem ©raspla^ im ©arten, pon bem bu fo entjüdt 
tparft/' 

„Ql$ fo — ja — unb ba rperben tpir leben, unb 
tpenn fie fic£ ausrufen toill, tpirb fie ju uns tommen. 
— Sticht voa\)i, <Sberf>arb, lieber (Sberfjarb?" 

„9Heme Butter? ©etpifc — natürlich, fo oft fie 
tpill!" 

„§>eine Butter? Stein, meine — meine!" $>ae 
flang tpie Qaudjjen unb @<$lu<$jen augleid). 

„6elbftperftänblicf>, 9ftäu6d>en, beine Sftutter ift fie 
je^t ebenfogut toie meine, bie liebe, alte Sttama!" 
fagte SBolfeburg* 

SBilmas (Erregung entging it>m aber n\ä)t. (Sin 
unbeftimmter Slrgtoo^n ftieg in tym auf. Sollte fie 
bie $öatyrf)eit erfahren £aben, troij aller 93orfk£temafc- 
regeln beö ^rofeffors? 

„SHeine eigene, tpir!li<$e Butter meine i<$," fagte 
SBilma feierlid?. „(Snblkf) geftanb mein 93ater mir bie 
SBa^rljeit. 2ßir ift, als fjätte i<$ nie an tyren £ob 



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9ta>eüe pon Henriette p. 9Keerf>etmp. 



115 



geglaubt ©anj tief im ^erjen lebte immer eine Hoff- 
nung* — Qsberharb, id> tPtll je^t ju meiner buttert" 

f)aö ©eficht bes Offijiere umrbe fel>r ernft» 

w $Hi anttporteft mir nid>t, gbertwrb? §>u bift gar 
nict>t erftaunt? §aft bu pielleicht fdjon getpuftt, bafc 
meine Butter noch lebt?" 

„$>ein 93ater fagte es mir, als id> um bid> anfielt, 
Söilma. $>aö mufete er tun/' 

„Unb baß tonnteft bu mir perfd>u>eigen? §>u tparft 
mit im 93unbe gegen mid>? €>h, bas pergebe id> euch 
nie — nie! §>afo auch bu mich betrügen tonnteft, 
bae ^ätte ich ntcf>t pon bir gebaut ! Söem {oll ich je|t 
noch glauben unb pertrauen?" 

„3d> gab beinern 93ater mein 9Bort, &u fchtpeigen, 
SBilma. ge^t ift aber tetne 8<z\t 5U längeren Qlus- 
einanberfe^ungen. 93itte, fyok beinen 93ater* geh 
gehe ju meiner Butter jurüd. Stach bem Slbenbbrot 
tpollen tpir un$ ausfpred>en." 

3Bolföburg6 £on tlang anbere u?ie fonft, faft be- 
fehlend 92Ut einem feltfam leeren, tpehen ©efühl ber 
ffrembfceit im §erjen tpanbte Söilma fich ab unb ging 
im £aus. 

6ie unterbrach ben 93ater fef>r unliebfam bei feiner 
Arbeit Qiud) bie Sluöficht, im- {freien fpetfen ju Jollen, 
erweiterte ben ^rofeffor teineötpege. 9flit einigen an- 
züglichen 93emertungen über perrüdte SBeibereinfälle, 
Slbenbtühle unb Styeumatismuö {Riefte er fiel) an, feine 
©äfte aufjufuchen. 

£)a auch 5 rau *>• SBolföburg fo!d>c ©efüljle burd)- 
auö teilte, bas Brautpaar aber fef>r einfilbig unb jebes 
mit feinen ©ebanten befd>äftigt blieb, fo periief baö 
(Sffen nicht gerabe heiter unb gefprächig* 

<£rft ab ber ^rofeffor fich eine gigarre unb (£ber- 
harb eine gigarette anbrannte, ftrau p* SBolfeburg eine 



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116 



$>aa ftecht bes ßinbes. 



SBollftkferei aus ihrem Slrbeitsbeutel heworjog, würbe 
es gemütlicher. 

£>en ftlufo herunter tarn ein 93oot. 5>urch bie 
Sweige ber 33üfche unb 93äume fa^ man beutlich bie 
roten 9ftüt$en ber barin fit^enben €>tubenten. ©er 
©efang Elang tyalb wehmütig, fyaib heiter tyexatf. 

Erinnerungen an bie eigene 6tubenten$eit am 
fröhlichen 9*hein erwachten in ^rofeffor Sttalti^. $>er 
perhallenbe ©efang, bas weiche Sicht bes aufgehenben 
9ftonbes über bem Gaffer erjeugten eine ruhigere, aus- 
geglichenere (Stimmung bei ihm. Seife fummte er 
bas alte Sieb mit 

Sluch &<xu t>. SBolfsburg liefe für einige Minuten 
bie raftlos ftriefenben Ringer ruhen unb niette bem 
fd>weigfamen Brautpaar ju. „3h* feib ja fo ftumm, 
ihr &wei! 3ft bae fd>on ber £rennungsfchmera, ber 
such brüett?" fragte fic ein wenig fpi^. 

w3 a /' antwortete <Sberf>arb, währenb 5öilma fchwieg. 

„Vielleicht tonnte man bie §od>seit früher anfe^en," 
meinte ber <ßrofeffor. „§>er Shmfens ift ja bereits 
«ingetroffen." 

„$>amit bin ich M>* einoerftanben," rief Söolfsburg 
rafd>. Geine freunblichen graublauen klugen fuchten 
Wilmas ©lief. 

$lber fic hob bie Siber nicht. Söie ein fchwar^er 
Gtrich lagen bie langen, fchwarjen Söimpern auf ber 
jartgerunbeten 28ange. 

„9lun, wenn fich fo fchnell alles einrichten läfet — u 
meinte $rau o. SBolfsburg etwas jogernb. freilich, 
es wirb bann eine tieine §ochseit, aber währenb unfer 
junges ^aar reift, tann ich §aus in ^Berneburg 
inftanb feigen unb alles ftetyienbz beforgen. — 2Um, 
SBtlma, bu fagft ja gar nichts ! SBillft bu meinen 3ungen 
Dielleicht nicht mehr?" 



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□ 9IopcUc von Henriette d. 9Keer£etmb. 117 

■ - ■ 



„<Se^t ben §od)5cit6tag nur an, wann tyr wollt. 
9Bir ift alles re<$t. 3d> ftelle nur eine einzige 93e- 
bingung," antwortete bae junge 2ftäbd>en langfam. 

„20el<$e 53ebmgung benn?" fragte ber <Profeffor, 
wetyrenb SBolföburg mit gerunzelten 93rauen bie 2lfd?e 
feiner Sigarette abftrid). 

„§>te 93ebingung, bafe meine Butter, $rau 3rte 
^lltmann, bei meiner S^ocfoeit zugegen ift, unb baft 
id> aud> fpäter ungel?inbert mit tyr perfeljren barf," 
entgegnete SBilma feft. 

„$>apon tann nie bie 9*ebe fein," wies ber ^ro- 
feffor Burz ab. „gebenfalte müfcteft bu bann auf 
meine 2lnwefenf>eit bei beiner ^oefoeit perzk^ten, 
Söilma." 

„$luf meine aud>," ftimmte {Jrau p. SBolfeburg bei, 
inbem fie tyren 6d>re<f unb tt>rc unangenehme liber- 
rafefjung mityfam perbarg. 2ftit &itternben §änben 
fd>ob fie ifjre Arbeit in ben ^ompabour unb 50g beffen 
6d>nüre feft ju. „SJerjety, liebe SBilma, aber beine 
ftorberung erfcf>eint mir unter ben obwaltenben 93er- 
fjältniffen fe^r taft- unb f>eralos. 6d>on beines S3ater& 
wegen* ©anz abgefefjen baoon, baft Sber^arb als 
Offizier mit ber Familie Slltmann nichts zu tun f)aben 
barf unb mag — * 

„3ft bae ax\ö) beine 2lnfid)t, <Sberf>arb?" fragte 
SBilma. 

„3a," antwortete ber junge Offizier beftimmt. „Qd; 
l)alte es für bas einzig 9tfct>tige, bafc bu bie 93erbinbung 
mit beiner Butter nic^t wieber aufnimmft unb btd> 
ausfcpefcltd) an beinen 93ater f)ältft." 

„Slber, lieber ^rofeffor, warum fagten 6ie SBilma 
überhaupt etwas oon ber <£j:iftenz biefer ftrau l u tabelte 
fjrau p. Söolfeburg. 

§>er juefte bie 2ld?feln. „Einmal mufcte fie bie 



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118 $>ae ftecht bes ßinbcs. d 



Wahrheit bod> erfahren. 5>a{5 SBilma alles fo mer!- 
ipürbig auffaffen toürbe, tonnte ich nicht annehmen/' 

SBilma fprang empört pon ihrem 0tul;l auf unb 
trat b\d)t oor bie alte §)ame t>in, „€>ie finb felbft 
Butter, grau p. SBoiföburg," rief fic portourfspoll, 
„unb tro^bem tonnen 6ie es gutheißen, rr>enn einer 
Butter u)r $inb entriffen roirb? 2öie tpäre 3lmen bas 
geroefen, toenn man Qljnen (Sberharb fortgenommen 
unb ber fid> fpäter nie mehr um 6ie befümmert t>ättc?" 

„3d> mufe bringenb bitten, liebe SBilma, bie Be- 
ziehungen atpifd;en mir unb meinem 6ohn nict>t mit 
ben traurigen 93erhältntffen in beiner 5 a ffiMte ju per- 
gleichen, 3d> (>abe nad) turjen St)ejai?ren, ab ich per- 
roittpet jurüdblieb, nur für mein $inb geforgt, wäh- 
renb beine Butter freiroillig ihr — 2tomabenleben 
tpieber aufnahm unb btd> im Gttd) lieft." 

„$)arum ift fie bod> meine Butter, unb niemanb 
unb nid;tö roirb mich binbern, fie ab foldje anjuer- 
tennen unb aufeufuchen," braufte Söilma auf* „<£ber- 
harb, fty nicht ba roie ein 6toct unb la& beine Butter 
für bid> reben. €5age bu beine eigene 2lnjid)t." 

„§>aö tat id> bereite, Söilma. $>apon lann ich nidjt 
abgeben* (Sin 93ertehr mit beiner Butter tpürbe uns 
in eine ganj jcf>tcfe Sage unb unangenehme 93erroicf- 
Jungen bringen/' entgegnete ber junge Offizier unbe- 

„kleinlicher 9tüdfid)ten roegen foll icf> alfo alle 
natürlichen (Smpfinbungen mit ftüfcen treten?" 

„5>eine Butter trat alles mit ftüfoen," fiel $rau 
p. SBolfeburg ein, „inbem fie 9ftann unb kinb aufgab, 
llnb nun I>offc ich, liebe Wilma, bu bift unfer gutes, 
perftänbiges kinb unb \)öv\i von biefer unangenehmen 
©efchichte auf. gd> bin bereit, SHutterftelle an bir ju per- 
treten, bu haft ben treuejten 33ater, heirateft ben 9Hann, 



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D Stopelle pon Henriette p. 9Heet()eimt>. 119 

ben bu liebft, ber bi<$ Hebt — tpas tpillft bu nod> 
mefcr?" 

„Stteine 92Mtet u>ill id)l" 

SBolföburg trat &u feiner 53raut unb tpollte ben Qltm 
um fie legen. 

Slber ftc u>id> por if?m aurücf. „Stttyr mic£ nidjt 
an! Qlu<fy bu bift gegen mid>. 2lber bas fage i<# bir, 
fcf> heirate feinen 9flann, ber meiner Butter fein §aus 
per{<$liefet — niemals t" 

„EMlma! 5>u tpeifet md)t, ipoö bu rebeft!" rief 
SBolfsburg. 

„€>aö meife i<$ fefjr wofyl" 

„gd> beute, es ift bas befte, tpir (äffen unfer junges 
tyaav ben (Streit allein auetämpf en," fölug ftrau p.SBolfs- 
burg rafd) por. 6ie 50g bie tnifternbe öeibenmantille 
eng um ftd>. „Slufcerbem toirb es fef)r Ktyl, lieber 5*eunb. 
©efyen tsir ju unferer ©d>ad>partie ins §auö. 3n&toi- 
f<$en bringt mein (£berf>arb 3^re SBilma jur Vernunft." 

©er ^rofeffor nidte fct>r einperftanben- „JJür eine 
SBeile £abe idj) ^ebenfalls genügt" (£r tparf feinem 
0<$ttfiegerfo(>n einen f<$abenfrof>en 93lid ju, als u>enn 
er Jagen tpolle: „3e$t ift bie 9letye an bir!" 

Jtau p. SDolfsburg perliefe am 2lrm bes ^rofeffors 
ben ©arten, 

gberfjarb 30g feine 33raut tro^ if>reö 6träubene 
b\ö)t neben fi<$ auf bie 33anL „9tun fei mal per- 
ftänbig, £tebd;en t" bat er, inbem er tyren $opf gegen 
feine Gcfculter legte. „Giet> boej) ein, bafc bu auf 
beinen 93ater 9tücfftd>t nehmen mufct." 

„Suallererft £abe icf> ^flidjten gegen meine Butter," 
toiberfprac^ fie heftig. „Unb eine 6ef>nfud)t ift in mir, 
eine ©elmfu<$t — " 

6ie bzadp ab. 9Zi<#t einmal bem Bräutigam gegen- 
über tonnte fie barüber fpred>en. 



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120 



S>06 9*ccf>t bcs ®\nbce>. 



„$>aö ift ßinbilbung," behauptete Söolföburg mit 
einer bei if?m gan$ ungewöhnlichen §ärte. „§>u fennft 
beine Butter nicht, tsie tannft bu bid) alfo nach ihr 
fernen? §>u J>aft bir ein ^3I;antafiegebi(be von if)r ge- 
macht, bas mit bec Söirtlichteit fehr tx>enig überein- 
ftimmt/' 

„SDoher tsillft bu bas u>iffen? S^ennft bu fie t>iel- 
leicht?" 

„9täf)er nicht 3d> J>abe fie einmal fpielen fehen — " 

„98o? SBann tpar bae? Öl), gberfjarb, er&ähle 
mir baoon! 2öie fah fie aus? 9Bie fpielt fte?" 

„©anj gut Stur erfdjien mir bie Slolle reichlich 
jugenblid) für ihre 3a^re» §)urd)ö ©las burfte man 
fie nicht anfeuern Sief), SBilma, (äffen tsir bieö ^ema t 
<£s ift mir fd>redlich peinlich/' 

„§>u fchämft bid> meiner Butter? $Bie (lein gebaut, 
tpie flach geurtetlt! 3Ba$ ift benn it>r Verbrechen? 
§>a& fie ßünftlerin ift unb öffentlich auftritt? (Sure 
Slnfichten finb oolttommen mittelalterlich! 3h* fch* in 
6d)aufpielern tsohl noch ©autler unb fa^renbes 93olt!" 

„8tpifd)en 6d;aufpielern unb 6cf)aufptelern ift ein 
großer Unterfchieb, §>eine Butter fpielt an allen 
möglichen {leinen 93üf>nen. §err SUtmann, ihr &u>eiter 
©atte, foll ein Taugenichts fein, ber fich Pon ber 9*ente, 
bie bein 23ater gibt, mit burchfüttern läfet — 60, nun 
tpeifet bu bie 3Bat>rt>eit unb gibft mir t>offcntlid> recht, 
baft ich tpeber beine 9ftutter noch beren 9ftann in meinem 
§aufe fehen !ann unb null/' 

SBilma machte fid; los unb rüdte pon ihm fort 
bis an bas äufcerfte <£nbe ber 93ant 

„6iehft bu benn nicht ein, bafc ich ™fy u ^b bu 
unrecht h<*f*?" 

„Vichts fehe ich c ^ <*k & a fe meine Butter unglücf- 
lich ift, bafe ich au ihr mufe fo fchnell toie möglich/' 



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□ Stopclle von Henriette d. 9Heerf>eimf>. 121 



„QlbtvRlnb, fei bod> nid>t fo fc^)rcdlid> eigenf innig l" 
fuf>r SBolfsburg auf. <5r faftte SBilmas 2lrm mit un- 
bewußt f>artem (Sriff. ,,9ttad) uns bod> nid)t beibe 
unglüdlid) um eines S^irngefpinftes willen V* 

„9tennft bu bas ein §irngefpinft, tt>enn id> 511 meiner 
Butter t>altc?" 

,,3n biefem ftalle — ja." 

5Btlma 30g ben breiten golbenon 93erlobungsring 
pon tyrem Ringer unb f?ielt it>n intern Bräutigam l>tn. 

„SDas foll bas bebeuten?" fragte er tur^. 

„93itte, nimm beinen 9ting jurücf, <£berf>arb* 3d> 
heirate biet) nicf>t!" fagte Söilma. 

„5>as ift nid>t bein <£rnft?" 

„©od?. 2Dir würben nid>t glüeflid) werben. $>as 
33tlb meiner oerftoßenen, mißachteten Butter ftänbe 
ftetd awifd>en uns/' 

„SGÖilma, in brei 3öocf>en follte unfere ^od^jeit fein! 
SBir wollten in bem (leinen, weißen §aus in ^Berneburg 
glüeflief) leben! 3<$ liebe bid>, jeben SBunfci) will icf> 
bir erfüllen, nur — " 

„9Iur ben einen ntd>t, ben einzigen, berecfjttgtften 
oon ber SBelt! — §ier nimm beinen 9tfng!" 

„§aft bu mief) wirtlicf) geliebt, SDilma?" 

„3a. 2lber für meine Butter ift mir tetn Opfer 
511 groß unb &u fd>wer." 

„(£iner fixem wegen, bie bu taum gefetjen, beren 
bu bid> ni<$t mefjr entfinnen tannft, bie bir im fieben 
nur llnredjt zugefügt t>at, willft bu alles Einwerfen, 
bein ganzes aufünftiges ©lücf?" 

„<£s wäre fein ©lücf mef>r, benn id> tonnte es bir 
nie perjetyen, baß bu meine 9ttutter nid>t fel?en willft." 

„$lber es — u 

„kommen wir 3U (Snbe! — 9timm beinen 9*ing, 
(£berl>arb t" 



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122 §>as 9led)t bcs ßtnbcö. □ 



„»diu" 

„§>ann tserfe icf> tyn in ben ftlufe." 
„£u, toas bu toillft." 

SBilma fc^leuberte bcn Stfng oon ficf>. Ob tt ms 
©ebüfd) ober in bic 6aale fiel, liefe ftd) nid>t entfe^eiben. 

5>a5 ©cfic^t beö jungen Offiziere tourbe buntelrot. 
£r fprang auf. Sine ©efunbe blieb er nod> tr>artenb 
oor SBtlma fte^en, ab fie aber l>artnä<fig fcfctpieg, 
ging er of?ne SBort ober ©rufe bem £aufe ju» 

SSUma ftanb allein in bem f>albbuntlen ©arten 
unter ben leife raufcfyenben 33äumen. §>ie nieber- 
gebrannten £idf>ter in ben Sampionen f lacferten unruhig» 
5>ann löfct>te eines na<fy bem anberen mit fnifternbem 
8ifd>en aus. 

Sieben ber 93eranba toaren beibe ftenfter |>clL 9Han 
faf> ben £id>tfd?ein, ber in jtoei gelben, breiten ©tra^len- 
ftrömen l>eraus!am unb t>cüc ©teilen auf ben 9*afen 
fyinmalte. 

SBolfsburg flieg bie 93eranbatreppe hinauf* £>te 
£ür ftanb offen* ©eine Butter unb ber ^rofeffor 
fafeen an bem ^Tifd> unter ber §ängelampe unb fptelten 
©d)ad>. 33etbe fallen auf, ab er eintrat. 

„2Bas gibt's? 38o ift 2Mma?" fragte OTalti%. 

$>er Sluöbrucf im ©efid>t feines ©<$toiegerfo{mes 
liefe if>n Q35fcs afjnen. 

£>er junge Offijier er^äljlte fur$ ben ©treit mit 
feiner 33raut, ber mit ber Sluflöfung ber Verlobung 
enbete. 

„9tun, bas mufe id> fagen," rief {Jrau t>. SBolfsburg 
empört, „ein foldjer ©igenfinn, folcfye ^erjlofigfeit ift 
mir benn bod> nod) nie oorgefommen ! 93cr5eü)en ©te, 
lieber Jreunb, aber id> fürchte, ©ie toerben nod? man- 
chen Rümmer mit 3f>rer £odf)ter erleben. Offen heraus- 
gejagt, id) {>abe biefe §eirat für meinen ©ofjn nicfjt 



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□ 



getpünfd>t, fo b*><b tcf> 6ie perfönlicb fd)ä$c, lieber 
<Profejfor, aber bas 23lut ber Butter — u 

„£ aft bae, 9ttama !" unterbracb fic (Sberbarb. „6elbft- 
perftänblicb bin id> nad> tPte por bereit, Söilma &u bet- 
raten, tpenn jie in biejer <Sad>e nachgibt unb tpieber 
einlentt. 2lber id> fann unmöglkb ben erften 6<$ritt 
5ur Sluöfö^nung tun." 

„5Zetn, baö (annft bu niebt," ftimmte {Jrau p. $Bolfö- 
burg erregt bei. „2lm beften ift'e, tpir geben jet$t. Qd; 
möchte Söilma beute niebt mebr feben." 

„S>a5 begreife ich/' fagte ber <?3rofeffor falt. „lieber 
SBolfsburg, id) tperbe 3b n * n fd;reiben, tpenn bei SBilma 
eine 6innesänberung eintritt, unb &tpar roerbe icb mein 
möglkbftes perfud?en, Jie babin &u bringen." 

<Sr gab bem jungen Offizier bie §anb. 

£>er perbeugte fid> ftumm. 3n biefer 6tunbe tpar 
er &u erregt unb ju ärgerücb über Söilma, um ben 93er- 
{ueb einer 2üi6föbnung an^ubabnen. Öbne ben ©arten 
tpieber 311 betreten, perliefe er mit feiner Butter burd> 
ben porberen Sluögang bas £auö. 

S>er ^3rofeffor fab in ben je^t Pom SHonb bell er- 
leucbteten ©arten bmaus. Slber er fonnte bie £ocbter 
nirgenbs entbeden. Saut rief er ibren tarnen, Steine 
2lnta>ort. 

Sin febredbafter ©ebanfe burefoudte ibn. ßoüte 
3öilma in ibrer Aufregung — 

6d»peife trat auf feine 6tirn, ab er, immer roieber laut 
nacb ber £ocbter rufenb, bie 93eranbatreppe bmabftieg. 

9Bie erlöft atmete er auf, als er ibr tpetfeee ßleib 
bureb bie bunflen ©ebüfebe febimmern fa^ ©lei<b 
barauf trat SDilma in ben £kbt!rei6 bes Sftonbes. 

„2Bo ftedft bu benn?" fd?alt ber <}3rofeffor, beffen 
Slngft unb (Srletcbterung fofort tpieber tnSrger umfd>lug. 
„Unb tpie fiebft bu aus?" 



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124 



S>gs 9k<$t bcö tfinbcö. 



SBilmae S^leiberjaum fct>lcppte najj unb bef<$mui$t 
Gintec tyr t>ct*. gt>i* §aar u>ar toirr, tyr ©efic|>t jejir 
erfji^t. 

„S8o tsarft bu? Slntoorte!" 

„Unten am 5lu&/' jagte bas junge 2ttäbd>en leife. 
„<£s toar buntel unb feucht am Ufer." 

5>er ^ßrofejfor tonnte ben Sluebruct i|>rc6 ©cfic|)te 
ni<$t enträtjeln. <£tn geheimer £riumpl> fd)ien ifm 
aus tyren buntlen Slugen anaujpäfjen, ben er md>t 
3U beuten oermodjte. 

„2öas tpoüteft bu benn ba? SBie oft f>ab' id; bir 
perboten, in ber 9Zad;t batym ju gelten t §>ie £reppen- 
ftufen jinb glitjd>ig unb bte 6c£iffer ein rof>es 

„3d> mufote etoas fud>en, 93ater." 
„Söas benn?" 
„(Sin 6cf>mu<fftücf." 

„dummes 8cug! 2Um, f>aft bu's gefunben?" 
„3a." 

lieber ftal>l fid? biefes rätfeloolle Säcbeln, fcalb 
fctjmerjlid), £alb glücfltd;, um tyren 9Hunb. 3f>re §anb 
ballte fieb feft jufammen. §>enn niemanb follte tpijfen, 
bafc jie ben fortgefct)leuberten 9Ung nad; langem 
6ud>en glüctlidj toiebergefunben £atte. 

gt>re Verlobung toar ja gelöjt, aber ben 9*ing wollte 
jie behalten jur Erinnerung an bie jelige Seit 

©anj ftill ging jie neben bem jdjeltenben ^rofeffor 
bem §aufe &u. 

,,©ute 2tacf>t, Q3ater!" 

§>as toar alles, toas jie auf feine heftigen 93onoürfe 
ertoiberte. 

Unb nun tpar jie allein in tyrem Simmer unb 
!onnte rufjig nacfjbenfen über bie jid> überftür^enben 
Gegebenheiten bes heutigen Slbenbs. 



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□ 9topclle von Henriette o. 9tteer£eimf>. 125 



5>ie totgeglaubte Butter hatte fic aurücfgetoonnen, 
ben 93räutigam oerlorem 

£eife ftrich fic über bte 6telle am Junger, an ber 
bieder ber breite golbene 9tfng faß. §>ann nahm fic 
eine fchtoarje ©cfmur aus ber $ommobe, 50g fie burch 
ben Stfng unb banb fie unter bem bleibe um ihren 
§ale. 

§>as 931onbUct)t floß in breiten (Streifen burch bae 
offene JJenftcr unb beleuchtete taghell bie alten glatt- 
polierten 92*öbel mit ben feinen bunHen Linien, bie 
großblumigen 93ejüge auf bem 6ofa unb ben 6tüt>lem 
(Bin toeicher £aoenbelbuft, ber oon bem großen binnen- 
fdjrant in ber <£cfe ausgeatmet umrbe, burcf>tt>ehte bas 
altoäterifche, trauliche Simmer, Unb brinnen in bem 
großen 6cf>rant lag ihre Slusfteuer bereits oolltommen 
fertig, Verlieh georbnet, mit hellblauen 33änbern ge- 
bunben ba. 2111 bie ©utjenbe oon §anb- unb SMchen- 
tüct>ern, bie feinen §)amaftgebccfe, bie reichgeftidte 
£etbu>äfche. SBie oft fyatte fie bie §errlict)!eiten ge- 
muftert unb fiel) barauf gefreut, u>enn fie alles in 
^Derneburg in bem hübfdjen toeißen §aus einräumen 
xoütbe. 

6ie legte bie §änbe oors ©eficht unb toeinte. 

3, 

9tod> e^e $Öilma ben $3ater, ber ftete allein früh- 
ftüctte, gefehen h a ^e, ging fie am anberen borgen 
in bie 0tabt nach ber 33anf. §)ort f>offtc fie bie Slbreffe 
il;rer Butter ju erfahren. Sine tieine Notlüge tyklt 
fie babei für erlaubt 

6ie erzählte bem 93anlbeamten, ihr 23ater fei oer- 
reift unb höbe fie baher beauftragt, biesmal bie 9*ente 
an ftrau Slltmann ju überbringen, ©er junge 9!iann 
nahm feinen 2lnftanb, ihr bie Slbrcffe aufschreiben: 



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126 



§>as 9ted>t bes ßtnbes. 



{Jrau Sttö Slltmann in ©labberg am 9tyein, ftarl- 
[trafec IL 

(Sorgfam fchob 3ötlma ben toftbaren Settel in 
ihre £afd>e* 6ooiel fic toufete, toar ©labberg eine 
größere gabritftabt. Vermutlich fpielte t|>tc Butter 
bort an einem (Sommertheater. 

Skreitttfillig jaulte man ihr auch auf ihr Verlangen 
ben betrag ihres <Spartaffenbud>s aus. SBilma t>attc 
bie <£mpfinbung, ab fei ber fdjtoerfte £eil ihres Unter- 
nehmens bereits geglüeft* 

3m Kursbuch fanb fie leicht bie Söge nach ©labberg 
heraus. 0d>tDtertger toar es fchon, if>r ©epäd unbe- 
mer!t nach ber 93af>n beförbern. 2lber auch bas ge- 
lang. 6ie beftellte einen S^offerträger unb nmfete es 
fo einzurichten, bafc ber 9ttann (am, tsährenb ber Liener 
im ©arten arbeitete unb bie $öcf>in (Sintäufe in ber 
©tabt machte. 

S>er 'profeffor fafc am ®<$reibtifd>. S>er hörte unb 
fah bann nicht, toas um ihn herum oorging. 9Han hätte 
ihm bas ganje §aus ausräumen unb wegtragen fönnen, 
ohne bafc er bas geringfte bemerkt haben toürbe. 

Söilma jehtoanfte, ob fie bem 93ater lebetoohl 
fagen follte. (Srft befdtfofe fie, fo &u tun, als hanble 
es fid> um einen turjen 33efud>. Slber bann (am ihr 
bie £üge toie eine umoürbige gfeigt>ctt oor. 2ln ihrem 
Vorhaben tonnte niemanb fie hebern, benn fie toar 
münbig unb §errin ihres Gchicffals. 60 öffnete fie 
(ur5 entfchloffen bie £ür bes ©tubier&immers. §>er 
graue &opf bes ^rofeffors blieb tief über bie (Schreiberei 
gebeugt 

„3d> möchte je^t gehen, 93atert" 

Söie ^ingeu>c{>t ftanb bie fchlante 9Häbchengeftalt 
plöijlid; neben bem 6d)reibtifch* ^Bieber jehtoebte ein 
ftarter, füfcer ^ofenbuft &u bem <profeffor hin» SDilma 



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□ Stopclle von Henriette p. gHeer&oimb. 127 



|>icit einen großen 6trauft bunEelroter 9tofen in ber 
§anb. 9tur bie umgegangene judjtenleberne SReife- 
tafdje perriet ettoas von tf>ren planen. 6onft \a\) fie 
fo elegant angezogen auö, als fjanble es ficf> nid>t um 
eine tpeitere Reife, fonbern um einen (urjen ©pajier- 
gang. 

„6tör mid; ni<$t!" Enurrte ber <Profeffor ärgerlich 
o{me aufeufefjen. „3Benn bu bid> jebesmal lange per- 
abf<$ieben tpillft, tpenn bu für eine fjalbe Gtunbe 
tpegläufft, fomme id> nie $ur 9Uif)e." 

„diesmal bleibe id> tpotyl ettoae länger fort/' 

„SBtllft bu pielleidjt &u ftrau p. SBolföburg gefcen 
unb bid) bei if>r entfcfjulbigen? $>aö u>äre ein oer- 
nünftiger (gntfölufc." 

„9tein. 8d> reife nad> ©labberg ju meiner Butter 
unb bleibe bei if>r." 

$)er <profeffor toarf bie fttbet f>in. (Sin großer 
£intenflect entftellte bae faubere 9Hanuftript. <Sr 
öffnete ben 9ttunb, um ettoas ju fagen, aber fc^lofe tyn 
uneber. 

(Sine fdjtoüle <Paufe folgte. 9ttd>t6 toar fcörbar in 
bem ftiilen Simmer ab ba$ laute Sltmen oon 93ater 
unb £od>ter. 

„3<$ tönnte bid> mit ©eu>alt oon beinern wafyn- 
finnigen 93or^aben abgalten," fagte 9ttaltitj enblic^ mit 
jefrtperer ©timme. „2lber xö) tue es ni<$t. ©e£ nur 
3U beiner Sttutter. $)ae> ift bie größte (Strafe für beinen 
Sigenfinn unb llngetjorfam." 

„93ater, fei txxtyt fo t>art ! 3d> bringe meiner 
Butter ftofen aus unferem ©arten, ©ib mir einen 
©rufe für fie mit, ein SBort ber Q3erjeil)ung — u 

$>er Sßrofeffor lachte nur tura auf. 

Söilma juefte jufammen. „5>arf id> bir fdjreiben, 
23ater?" 



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128 



5>a6 9*ecf>t bes ßinbcg. 



„Stein. 92Ut ber £od>ter ber ßchaufpielerin SUt- 
mann ^abc ich nid>te mehr &u fchaffen. ©ae fagte ich 
bir bereits, S>u haf* getpählt. 60 geh benn beinen 
3Beg. Sc führt ins Unglüct, Ptelleicht in (Elenb unb 
€>c£anbe. 9lrt läfct nicf>t pem 2lrt. Hnbanfbar, leicht- 
finnig, ^erjlos, eine tpie bie anbere!" 

„3cf> bin tsebet ^erjlos nod> unbanfbar," entgegnete 
SBilma leife. 5>er Slnblid beö Katers erfdjredte fte. 
„93ater, ich gebe piel auf. ®ae tpeifo id> tpohl. SBenn 
im boch einfef>en tpollteft, bafc td> nicht anbers hcmbeln 
tann!" 

„6par bir bie 9*eben unb perfäume beinen gug 
nid>t!" 

£>er eifige §ot>n, ber in ben SDorten lag, empörte 
2Büma. Sie fagte nichts mehr. 

Site fie in ber £ür noch einen 93ücf aurüctawrf, 
beugte ftch ber graue $opf beö 93aterö fehem tpieber 
tief über bas por ihm üegenbe 9ttanujtript, ab ob ihr 
5ortget>en nichts tpie eine tieine unliebfame Störung 
geipefen fei. 

©etoaltfam fdjludte SBilma bie tränen beö ge- 
träntten Stolpes unb ber (Erbitterung hinunter. Qn 
tpentgen Stunben tpürbe fie ficf> in ben Firmen ihrer 
Butter austoeinen tonnen. 

$>en QBeg &um 93afmhof legte fie in ber elettrifdjen 
93af>n aurüct. £ro^bem perfpätete fie fid> beinahe. 

3n großer (Sile mufete fie ftafytlaxte unb ©epäd- 
fchein löjen. Sur 93efinnung !am fie erft, als fie auf 
ben leicht fdjautelnben ^olftern bes Slbteib jafe. 

©lüdlict>ertpeife blieb fie allein. §>te Schulferien 
begannen erft fpäter, unb n>er in ©labberg nichts 5U 
tun hatte, tPät>lte bie lärmenbe ^abritftabt fidjer nid;t 
311 feinem 9*etfe^iel. 

SBilma unfehte bie befprtyten ©Reiben ab unb fa|> 



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□ SIodcIIc von Henriette t>. Stteerfcimb. 129 



ins JJreie« §)ie £cmb(d>aft befnte \\<fy t>crfd?(cicrt unb 
nebelgrau aus. feiner 9*egen fprüfte gegen bie fr-enfter. 
§>ie £elegrapl>enbräf)te foben unb {entten fid>. ©lü- 
fenbe Junten fauften porüber. 8«crft fat> fie nocf> bte 
fanften SBellenlinien ber bunfelbetpalbeten Düringer 
53erge; einzelne 33auernl;äufer, Dörfer mit langfam fic^> 
brefenben SBinbmüflen tparen in bie ©egenb ein- 
geftreut. 93alb naf>m aber alles einen ganj anberen 
(Hjaratter an. $>er 3ug fufr an JJabriten unb (Sijen- 
tperfen porüber. §od?öfen glühten, €>d;ornfteine ragten 
au f> ruftgefcfroärate öcflote rauchten. Safllofe Kütten 
ber Bergarbeiter erfefienen, t>in unb roieber aud> 
größere Ortfcfaften. 2lber nid>t mefr freunbltd) unb 
fauber, pon SBälbern unb Mügeln umgeben, fonbern 
rufegefd>tpär5t, pon 9taud> unb S^oflenbunft eingefüllt 

3c mef r fid> SBilma if rem 9leife$iel näl;erte, um fo 
aufgeregter rourbe jie. Hnabläffig ging fie in bem 
fcfjmalen Abteil f>in unb fer, pon einem ftenfter jum 
anberen. 

(£nbli<$ ©labberg! 

<£s bämmerte bereits, als ber 8ug langfam in bie 
93af?nf>offalle einglitt. 

2öilma fufr in einer offenen, jiemlid) flapperigen 
§>rofcfte burd; bie lärmenben straften. £roij ifrer 
inneren Erregung fiel it>r bie §äfjltcfteit ber Gtabt 
unangenehm auf. Überall begegnete man £aftroagen 
unb 2lrbeitsfuf>rtoer!en aller 2lrt. ©efdjäftige 9flenfd)en 
eilten über bas fd?lüpfrige ^flafter. 5>ie Käufer fafen 
banal unb gleichmäßig aus. Unten ein £aben, mehrere 
(Stoeftoerfe barüber getürmt, $>ie Laternen brannten 
trübe in ber pon bidem ^oflenbunft erfüllten £uft. 

S>er SBagen fielt. Söilma nafm tf>re £afd>e. §>er 
^utfefer ftellte ifren Koffer in ben Hausflur. (Sinen 
Sortier gab es nieft. 

mi. viii. 9 



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130 



$>aö 9*e<$t bes ftinbes. 



□ 



£angfam ftieg fie bie £reppe in bie §öf>e. 3()c 
rafenber §erjfcf)lag erftidte fic faft. 2ln ben Spüren ber 
unteren Etagen las fic bie tarnen oon ben ^orjellan- 
fcfcilbern ab. deines jeigte ben gefugten. 6olltebie2lbreffe 
falf<^> ober if>re Butter bereits oon ©labberg fort fein? 
3Ba8 fing fie bann in ber fremben 6tabt an? 

gtjre dritte Hangen laut auf bem gelbbraun ge- 
ftridjenen gufcboben, benn ber Käufer t>örtc auf. öie 
roagte faum nad> ber £ür bes oberften 6tode 3U fe^en. 
(Sin ^orjellanfc^ilb r;ing nid>t baran, aber jroei 93ifiten- 
farten (lebten übereinanber. 6ie toarf fdjneü einen 
23lid t>in unb atmete erlöft auf. „Jrau fttle SUtmann- 
23renbel, 6d>aufpielerin" ftanb auf ber oberften Sparte 
— barunter „3ofepf> SUtmann, Dramaturg". 

9tad) einem Slugenbiid bes Sögentö brüdte Söilma 
auf ben &nopf ber ele(trifct)en Klingel. 3l>rer Unge- 
bulb (am es enblos lang oor. 3n 2Birtlid)feit mochten 
root;l nur roenige Minuten oergangen fein, bis fiefc 
6d?ritte näherten. <£\n 3>ienftmäbd;en in einer roten 
£rifottaille unb mit funftooll, aber unorbentli<$ frijier- 
tem §aar öffnete bie £ür. 

„Söojmt I>ier ffrau SUtmann? 3d> möd>te fie 
jpred>en," fagte Söilma leife. 

§>aö 9ftäbd>en ftarrte bie elegante <£rfd>einung ber 
jungen §>ame neugierig an. „3a, fie ift ju gaus. 
§eut abenb toirb nid?t gefpielt, u antwortete fie, immer 
nod) Wilmas rei^enbes ©efict>t, it>r hellgraues, fcfndes 
£ud>toftüm, bie lange fetnoarjefteberboa fdjarf mufternb. 
„Slber id> roetft ntd)t, ob fie 93efucr; annimmt. 38en 
foll \ö) anmelben?" 

2Bilma jögerte. <£ö (am tyr traurig unb läd>erlict> 
jugleid) oor, fid> bei tyrer eigenen Butter toie eine 
grembe anjumelben. „6agen 0ie, eine junge S>ame 
müffe grau SUtmann unbebingt fpredjen." 



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□ 9iot>elle oon Henriette u. 92teerbeimf>. 131 



S>as Stäbchen grinfte unb festen eine 33emeitung 
nur mübfam unterbrüden. $Bilma hörte }ie auf 
ihren JJUafchuhen ben (Sang h"™nterfchlürfen, bann 
eine £ür öffnen. 

Sie blieb in bem fd>malen, buntlen ßorribor, ben 
eine trübfelig brennenbe Petroleumlampe nur fehr 
notbürftig erhellte, ftehen unb laufdjte. 

3h* burch bie innere Erregung übernatürlich fdjarfes 
<5ehör liefe fie ben fich entfpinnenben SBortoechfel 
genau oerftehen. 

„Söer ift ba?" fragte eine stimme. 

m <£\n junges ^äuletn." 

„2Die Reifet fie benn? 8u mir toill fie? Sie meint 
tpo^i ju §errn Slltmann?" 
„Stein — &u Shnen." 

v 3<h tann niemanb fehen. Vermutlich eine Bettelei." 
„Sehr elegant — " 

„§>as ift mir einerlei. £>ann toill fie fein ©elb, 
aber eine {Jürfprache beim Styeaterbirettot ober fo 
tsas. ©ef>en Sie, Schrine, unb fagen Sie bem 
JJräulein 93efd>eib." 

9lber ehe noch bas $>ienftmäbchen bas (Sfnbe bes 
Rorribors trieber erreicht \)<\ti*, lief bie 93efucherin 
bereits bem Simmer &u, beffen £ür ftathrine fperr- 
angelmett offen gelaffen \)oiU. 

„93ei ber rappelt's toohl!" murrte bie erftaunte 
Küchenfee hinter ber £aufenben \)<zt. 

ftrau 3ns 2lltmann lag in einem nur nachläffig 
aufammengeftedten, fiedigen Sd>lafrod auf bem Sofa 
in ihrem mit allerhanb aufammengeftoppelten Pöbeln 
oollgeftopften Salon. Überrafcht \)ob fie ben $opf, 
als fie plötzlich eine junge, elegant angebogene §>ame 
regungslos in ber Türöffnung ftehen fah. 

„2Das münjehen Sie? Sagte 3i>nen mein Räbchen 



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132 



□ 



nicht, bafe id> nicmanb empfangen !ann?" fragte fic 
ärgerlich 

„Butter!" 9ttehr urie biefes eine SBort brachte 
SBilma nicht heraus. 93eibe 2lrme ftredte fie ber fich 
jäh aufrichtenben ©eftalt entgegen. „92hitter!" 

JJrau Slltmann fa|> mafclos erftaunt aus. „6agen 
€?ie mal, {Jräulein, (Sie toollen roohl jur 23üt>ne unb 
fpielen mir ^iec gleich eine einftubierte 9lolle por?" 

„Butter, ertennft bu mid; benn nicht? 3<h bin boch 
SBilma, bein ^inb! — O Butter, liebe Butter, roie 
habe ich mid? nach bic gefehnt mein £eben langl" 

{Jrau 3cid Slltmann ftanb auf unb tyob ben öchirm 
von ber £ampe, fo baft ber £id>tfchein Söilmaö ©eftcht 
blenbenbtjell beftrafjlte. 2öie por einer ©eiftererfchei- 
nung prallte fie jurücf. Söas war bae? 3^re eigene 
fdjmerjlid? betrauerte 3**genb, i^rc perlorene öchbn- 
f?eit hatte noch einmal ©eftalt angenommen! 3h rc 
eigenen klugen fahen jie flefjenb an, ihr eigener einft 
fo perführerifd>er roter 9Hunb lächelte if>r &ul 

„SBUma — (Sie — bu bift SBilma 2Halti$?" 

„3a, Butter, liebe Butter l" <£ö roar mit SBilmas 
€5elbftbeherrfchung $u <£nbe* Gie fant por JJrau $Ut- 
mann in bie $nie unb Derbarg fchlucfoenb if>r ©efic^t 
in ben {falten bes nid>t ganj einroanbfreien 6d>lafrocts. 

3=rau Slltmann, bie fid> fonft gern rühmte, jeber 
(Situation getoachfen 511 fein, empfanb eine peinlid;e 
Verlegenheit biefer roie Pom §immel l)eruntergefd;nei- 
ten £ochter gegenüber. 6ie befafc feJ>r roenig mütter- 
liche ©efühle, hatte bie ©eburt, bann bie Pflege ihres 
Meinen $inbes ftets als eine fchroere Saft empfunben. 
$>ie Aufgabe, eine herantoachfenbe £od;ter $u ergehen, 
u?äre il>r gerabeju unerträglich geroefen. 6ie hatte fich 
beöhalb nur erleichtert gefühlt, ab ^rofeffor 2Haltitj 
bei ber Gcheibung bie £od>ter ganj für fich allein be- 



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□ Stopelle von Henriette t>. SKcerfcdmb. 133 



anfprudjte. deiner if>rec Verufegenoffen af>nte, bafc 
fie eine enoadjfene £od)ter aus tyrer erften (Sf>e be- 
fafe. 2lm liebften fpielte fic no<$ jugenblid>e £ieb- 
fmberinnenrollen, unb eö u>äre boc£ ber ©ipfel ber 
£äd?erlid)teit getoefen, \\ö) als $>arftellerin ber Qung- 
feau von Orleans ober bes Räfytyens von §eilbronn 
alö Butter einer ertpa<$fenen £od>ter betennen ju 
müjfen, SBas tpürbe tyr um fünfee^n Qafjre jüngerer 
©atte fagen? 

SliiföneU fuhren if>r biefe t&cbantcn unb <Sr- 
ipägungen bxxtö) ben $opf, tpctyrenb SBtlma immer 
no<# auf ben ßnien por tyr lag unb fjerjbredjenb in 
bie galten bes 2Horgenroded l>ineinfcfclu<f)5te. 

„Ilm bee Rimmels tpillen, ftcf> auf V rief fie enblid) 
m nerpdö* 

3f>rc fdjarfe 6timme tat $Bilma törperlid) toef>. 
6ie fjob ben ßopf unb faf> bie SButter grofo an mit 
tyren pertpeinten Slugen. „$reuft bu bi<$ gar nicf>t, 
mid> ju fef>en, 97lutter?" 

„©etoifc — ja natürlich! $>u fcaft mid> nur fo über- 
ragt, SBilma!" ffrau Slltmann legte mit ettpas tf>ea- 
tralifc^er ©ebärbe tyre^anb auf ben ßopf ber Sottet. 
,,©e^ bi<$ ju mir unb erjage pernünftig, u>ie alles ge- 
tommen ift. Erlaubte bein 33ater biefen 33efud>, unb 
weshalb fdjrtebft bu mir nid>t porfjer?" 

SDilma ftanb langfam auf. Sin namenlofes C3e- 
fü|>l ber <£nttäuf4>ung lähmte fic förmlid). 3fcre Butter 
freute fic|> nicfjt, fic tpieberjufe^en, ()atte feinen $ufc 
— fein liebes SDort für fiel 

„Stein, 93ater erlaubte bie 9*eife ni<#t. <£r perftöfot 
mid>, tpeil id> $u bir tpollte V fagte fie enblicfc mit einer 
tpie pon 0c^mera ertpürgten 6timme* „9Reine Ver- 
lobung ift aud> bestpegen aurüdgegangem gd> fjabc 
memanb als b\<$, Butter/' 



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134 



$>a& 9tcd>t bcs ßinbes. 



„93eftes &inb, fag nid>t immer ,9ftutter' mit biefem 
u>e()leibigen £ont" rief ftzau Slltmann. 

„Unb u>ie foll i<^> bid> fonft nennen? SBenn im 
ipüfeteft, tpie i<# mi<$ ftets gefeint l>abe, einmal ,9Hutter' 
fagen 311 bürfenl" 

{Jrau 2Utmann 50g einen 6tul>l gerbet unb bot 
ilm SBilma tpie einer ftvemben an, „$)u unrft mübe 
fein. SBillft bu etoas effen?" 

„3cf> banfe." 

„Vinn, piellei<$t iffs ganj gut, tr>enn bu feinen junger 
|>aft. §ier im S)aufe gibt's nie ettpas Orbentlicfjes, 
tpeil ic|> ein fd>rccflid>cö 9Häbd>cn f>abe. 9Hein 9ttann 
unb id> effen immer auswärts, 5>aö ift bequemer unb 
auc£ billiger. ^attjrine mufc ^>auptfäd>U4> meine 
©avberobe inftanb galten. §>as tut fie orbentli<$." 

5>er guftanb bes ©djlafrocfs bilbete für biefe Be- 
hauptung gerabe feinen überjeugenben 93etpeis. 

$rau ^lltmann füllte bie forfc^enben 93licfe bet 
£o<$ter unb 30g fd>nell ben 6d>irm tpieber über bie 
£ampe. £rotjbem fat> SMma genau ben pon ber 
6d)minfe peuborbenen flecfigen £eint, bie mit föwattft 
Rotyie nachgezogenen brauen, bas gefärbte £aar, unb 
obtPot>l fie fidt> fagte, bafe bies alles bei einer 6<$au- 
fpielerin nid?t ungetpö^nlicf) fei, bereitete it)r boety bas 
2lusfel>en tpie bas 93enef>men ber Butter bittere 
04>mer$en, 

ftrau gviö mochte tpofjl ettpas pon ben <5e- 
füt>lcn bei* £ocf>ter erraten, benn fie fragte nad? einer 
^3aufe: „Qa, liebes $inb, tpas t>aft bu bir t>enn eigent- 
lid> gebaut? 2Bte foll's benn nun tperben? SBollteft 
bu ettpa bei mir bleiben?" 

„SBenn bu mid> ni<$t behalten ipillft, Butter — " 
„SBillft! @age lieber ,tannft'! §>ie 9*ente, bie 
bein 93ater mir gibt, ift fefjr bürftig. SBomöglich 



— .l TT 



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□ 91ooeUe von Henriette d. 9Heer|>eimb. 135 



&ief>t er fie je^t jurüct. <£r bentt pielleicfjt, tpir fteden 
unter einer £5>ccfc/' 

„<£cft geftern erfuhr id> pon it>m, bafr bu lebft/' 

„6prad>ft bu ni<l>t audj> pon beiner Verlobung?" 

„§>ie ift aurüctgegangen." 

„(Stroa meinettoegen?" 

„3a, toeil icf) &u bir tpollte." 

„9tun, liebes $inb, nimm mir's nid)t übel, aber 
bu f>aft allerbings fetyr topflos gel?anbelt. $ßarum 
fc^riebft bu mir nidjt Porf>er?" 

„98eil \<fy es nidjt mef>r ausfielt/' 

5rau 3riö feufjte. 9öeld>e Sentimentalität ! 9JUty- 
fam jipang fie fi<$ jur 5reunblicr;teit. „2Hir f<$eint, bu 
bift ein überfpanntes $öpfd>en, SBilma. Söie ^iefc 
bein Verlobter?" 

„<£berr;arb p. SBolfsburg/' 

„Söas ift er?" 

„Oberleutnant bei bem §ufarenregiment in SBerne- 
bürg/' 

„§at er ©elb?" 

„3a, tpenigftens feine Butter foll reief) fein/' 
„£>u mod>teft it>n aber u>or;l nietjt?" 
„3cf> liebe tyn fefjr/' 

„Unb bod> löfteft bu bie Verlobung auf?" 

„Söeil id> bid> mehr liebte, Butter/' 

{Jrau Qlltmann jog ungebulbig bie Schultern l)od?, 
SDarum gab if>r bas 0c(?i<ffal noef; 511 allem übrigen 
33erbrufo fold? überfpannte, fentimentale £od;ter? 93on 
if>r h<*tte fie biefe 6cbu>ärmerei fidler nid>t geerbt 
unb pon bem nüchternen, trodenen ^rofeffor 9Halti$ 
erft red)t nid;t „6i^t bein 33ater immer noef? über 
feinem römifdjen 9*ed)t?" fragte fie aus biefen ©ebanten 
heraus etwas unpermittelt 

„3a, er arbeitet vkl Unb $tet u — fie fcielt ber 



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' 136 



$>as Stecht bes ftinbes. 



Butter f<$üd>tern ben bereits toelfenben 6trauft roter 
Rofen f>in — „bas finb Slumen aus unferem ©arten. 
2Bir toofmen nocf> in bemfeiben i)aus. 3m ©arten 
blühen je^t 3asmin unb Rofen. Unten rauföt bie 
©aale/' 

„3a, es toar immer ein langweiliger Slufentyalt," 
meinte JJrau 3riö lei$tf>in. „3<$ backte oft, ict> 5er- 
bräche mir bie ßinnbaden oor ©äjmen. Sin £ag 
glid) bem anberen toie ein Regentropfen bem anberen." 

§>te Rofen beachtete fttau 9Utmann gat nic^t (sie 
tonnte Blumen nic^t leiben. 3" S3afen unb köpfen 
machten fie Arbeit, unb fteefte man fie an, gab's ftieden 
an ber Taille. @ie fragte gar nkf>t toeiter nad> SMmas 
früherem Ergeten, aber oon ficf> felbft fing fie an &u 
erjagen, oon ifjren Erfolgen an großen 93üf>nen. 
9ftit 0tol$ jeigte fie bie oertroefneten, ftaubigen £orbeer- 
tränje an ben Söänben, <pf>otograpf>ien, bie fie in 
allen möglichen Rollen barftellten, mufote Söilma be- 
tounbern. ©ajtoifc^en mieten ficf> klagen über bie 
jetjt fo geringe ©age, bas elenbe ©aftfpiel an bem' 
^iejigen 6ommertf>eater. £örid>tertoeije l;abe fie 
fid> oerpflicfjtet, bis &um §erbft |>ier ju bleiben. 

„Zlnb too gef>ft bu bann f>in?" fragte Söilma. 

„§>as i{t nod> unjicber," meinte ftvau Slltmann. 
„3cj? f>abe natürlich oiele Angebote, aber fo rccf>t pafet 
mir feines." 

Ilm (einen ^3reis wollte fie oerraten, bafo fie gar 
fein feftes Engagement in 2lusft<$t ^atte, toeil fein 
3ntenbant ober §)ireftor eines großen Sweaters (ie 
noef) in Augenblicken Rollen auftreten laffen wollte 
unb fie fid> f>artnäcfig fträubte, in bas 5<*d> ber „Mütter" 
überjuge^en. 

„@prccl)en wir jeijt nic^t toeiter oon mir, fonbern 
benfen lieber barüber na<#, roas mit bir werben foll, 



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□ Qtopclte pon Henriette p. 9Hcer£eimb. 137 

- — ■- — - - 



Söilma. 2lm beften ift's, \ö) fd?reibe beinern 93ater, 
u>te Pöllig unfct>ulbig id) an beinern 6tretd; bin, unb 
bu fetyrft ju tym jurücf. <£ö ift ja fe^r £art, aber of>nc 
bie 9*ente betnes 33atecö tann xd) nidjt beftefjen." 

»3<$ ge^e nid>t nad; gena aurüct. SHein 93ater 
würbe mid> gar nkf>t aufnehmen/' toiberfpract) SBilma 
erregt 

„Mnb bein Bräutigam?" 

„$>a& ift alles &u (Snbe. — Butter, perftofee m\ö) 
n\ä)t auä) ! 3cf> bin f eft überjeugt, bafc 33ater bir toeiter 
©elb fd>i<ten wirb* Unb icf> tann mir ja etoas per- 
bienen." 

„£äd?erli<$. §>u perftej>ft u>af>rfd>einlid> gar nichts." 

„gd> tann fe^r gut nä^en, au<$ ein bißdjen lochen. 
3cb tonnte bir ben §aue^alt führen/' 

„9tid>t einmal 9*aum f>abe id> für bid>, Söilma. 
3n ber tieinen S^offerftube, in ber meine ©arberobe 
£ängt, iPäre ber einzige spiat}." 

„92tit allem bin ic^> aufrieben, Butter, tpenn ic^> 
nur bleiben barf." 

5cau Slltmann backte nacf>. SBenn fie &atf>rine 
entliefe unb 2öilma beren Arbeit übernahm, fo {parte 
fie baburef) £o£n unb manche Unannehmlichkeit mit 
bem anfpru<$8Pollen §>ienftmäbd)en. 3ebenfalb tonnte 
bas perfudjt tperben, bis man toufete, toie OTalti^ ftd) au 
ber $lud>t feiner £od?ter unb ben fid> baraus ergebenben 
93erf;ältniffen ftellen toürbe. 

„SBenn bir bas gut genug ift, \)kt bie 9*olle einer 
,0tü$e' ju fpielen," meinte fie mit falbem £äd>eln, 
„fo foll's mir redjt fein." 

„Ellies toill id> gerne tun!" perfprad) $8ilma. 

ffrau 3riö 9lltmann f>ord>te plo^licf) auf. 9*afd>e 
6<$ritte tarnen bie treppe herauf. 3n bem bünn- 
gebauten §auö hörte man jebes ©eräufcf) ganj genau. 



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138 S>as 9*c<$t beö ßinbeö. o 

„9Rcm Wann fommt!" rief fie, unb mit einem 
Schlage peränberte f icf> ih* perbroffencr ©efichteaus- 
bruef. 0d>nell fcupfte fie por einem tleinen ötehfpiegel 
ihr §aar aurecht. 53on intern Gpiegelbilb tparf fle 
einen raffen SMicf auf ber £ochter ©efidjt, unb ein 
©efütjl pon 9teib, ja Abneigung gegen Söilma buxä)~ 
&u<fte fie. $öas hätte ftc in biefer ©tunbe für beren 
jartbräunlid^en £eint, ben <5lan$ ber fc^tparjen Sugen, 
bie blühenbe 9*öte bes 9ftunbes gegeben! 2lm liebften 
u>ürbe ftc bies perjüngte (Sbenbilb ihrer perlorenen 
6cf>önheit als ihre Getiefter porgeftellt haben. Stber 
ba §err 3ojeph 2lltmann bie ©etoohnheit befaft, jeber 
6d?ür5e nachzulaufen, fo u>ar ee fidlerer, SBilma als 
£od)ter angelernten. §>enn ber (Stieftochter gegen- 
über mufote er fic|> beherrfdjen unb 9lücffid>ten nehmen. 

§err Slltmann öffnete bte S^orribortür, unb gleich 
barauf \tanb er im Simmer feiner fttaxu „93efuch 
— noc^ fo fpät?" (£r 50g bie §änbe aus ben Saferen 
unb nahm ben §ut ab. „Folien 6ie Unterricht bei 
mir nehmen, gräulein?" 

$3ilma tpufcte nicht, tpae fie antiPorten feilte, unb 
faf? ihre Butter J>ilfcfncf>cnb an. 

„5>a5 fträulein ift meine Tochter SMma p. 98al- 
t%" Jagte 3riö furj, benn bie betpunbernben 93licfe, 
bie ihr 9Hann auf SBUma richtete, tpährenb er fie felbft 
gar nicht beachtete, ärgerten unb tränften fie. 

„(£i ber £aufenb — bie Tochter meines §errn$lmt5- 
porgängers!" rief SUtmann lachenb. „$>as ift ja eine 
f reubige flberrafchung. 9Um tpeift ich boch enblich, tpie 
bu mal ausgefehen h<*ft §übfch — perteufelt 

hübfeh!" £r ftredte SBilma beibe §änbe hm- 

6ie legte jogernb bie ftingerfptyen in feine rechte 
£anb. 

„9Um, nur gemütlich! §>ie 9*olle ab 6tiefpapa 



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□ 2tot>elle von Henriette v. 9Heer&dmf>. 139 



einer fo reijenben £od>ter gefällt mir ni<f>t fehlest l" 
fc^er^te er. „$Bir wollen gute 5 reun &e toerben unb 
uns gegen bie £prannei unferer Herrin" — er ver- 
beugte fid> noct) ber Stiftung hin, too feine Qtaxx ftanb 
— „perbünben. — 2Bie Eommt benn biefer plö^liche 
93efud>?" 

Sris erzählte (urj ben Hergang unb ba& SBilma 
porläufig hier bleiben unb u)r \tatt bes $>ienftmäbchens 
im Haufe unb bei ber Toilette Reifen toolle. 

„6ef>r einoerftanben !" meinte 5lltmann. „$lber 
bafe biefe Heine ftee Hausarbeit tun foll, bagegen er- 
gebe ich ^roteft. Söahrfcheinlich I>at fie nicht nur bie 
©chönheit ihrer Butter, fonbern auch beren Talent 
geerbt. 3d> gebe bramaturgifchen Unterricht, borgen 
tpollen tpir gleid; eine ^robe machen. 3rgenb ein 
Monolog ober — u 

„S>as ift gan& überflüffig," toiberfprad; Qriö Saftig. 
„S>apon (ann nie bie 9*ebe fein. 2Mti^ roürbe bas 
nicht billigen." 

„Söeld; jarte 9ttidfichten bu auf bie 2Mnfd>e meines 
Herrn Vorgängers nimmft!" fpottete 3ofcp^ Slltmann. 
„§>as toar too^l früher nicht in folgern SHafce ber 
5all — toas?" 

„Stein. Slber je^t mu& ich es tun, fonft jieht er 
toomöglich bie 9*ente jurücf. Unb oon beinen nid;t 
aufgeführten tyeatetftMen tonnen toir nid>t leben." 

„2lber befto beffer pon beiner tyotym ©agel 2Ule 
93üf>nen reiften fid) ja um bid>, liebe 3ris 1" fpottete er 
bagegen, inbem er ficf> in einen £ehnftuf)l toarf unb 
feine langen, toohlgepflegten Qtägel befah. 

Söilma fanb bas 2lusfehen unb benehmen bes 
Herrn 3ofeph 2lltmann abfd)eulich, obtoohl er eigentlich 
ein auffallenb hübfd>er 2Benfch roar. 93lonb, blau- 
äugig, mit regelmäßigen Sögen unb eleganter {Jigur. 



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□ 



S>aö geträufelte, rötliche Kärtchen über ber Oberlippe 
gitterte beftänbig beim Lachen über jeine eigenen 
2Bi^e. 

„Sluch ich wünfdje ee nid>t, baft meine £od>ter bei 
bic Unterricht nimmt. SBilma foll überhaupt mög- 
liche wenig mit meinem 33eruf unb 33erufögenoffen 
in Berührung tommen," entgegnete fttau griö mit 
mühfam unterbrüeftem Sirger. 

„$8esfyalb benn nur?" 

„9luö oerfchiebenen ©rünben." 

„$>iefe mütterliche JJürforge fteht bir auegejeidmet," 
lobte Sofeph 9lltmann. „$luch beine $unft wirb baburch 
gewinnen. $>u lebft bich jetjt ganj von felbft in bie 
,9ttütterrollen' ein. §>ie werben bir entfehieben beffer 
liegen als bie naioen ober tragifchen Liebhaberinnen." 

§)ie Sippen ber 93erfpotteten würben ganj weife 
oor jorniger Erregung. 

„©ae ift einmal bie Saatfolge im Leben unb auf 
ber 93üfme: naioe Liebhaberin, tragifdje §elbin, to- 
mifche 2llte!" 

„Unb bu finbeft, bafe ich bei ber legten 6tufe 
angetommen bin?" 

ft 9)m — ich fürchte beinahe, beinern ©efichte- 
ausbrud nach liegen bir bie ,böfen Gilten' noch beffer! 
— $ta, oerftehc boch <Spafe t SBas foll benn beine Toch- 
ter oon uns beuten?" 

„§>afe beine 3Di^e recht gefdnnadloö finb, vermutlich. 
3öo warft bu übrigens heute abenb^" 

„geh? S>as weifet bu bod> ! 9Mne 6cf>ülerin, 
gräulein (Slfc Martin, gab einen ^ejitationsabenb. 
Söas bas SHäbel jugelernt hat ! 38ie füfe bie im £>ialett 
fprechen unb wie natürlich fie weinen tann!" 

„§>ie flcine ©oubrette?" 

„6ie h^t bas geug &u einer brillanten 6chau- 



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141 



fpielerin. §>u läßt fic aber nie I>eran an it>r eigentliches 

„S>er SMreftor unb ber 9legiffeur werben wohl 
meiner Anficht fein, bafo fic nichts fann." 

„9tad> heute abenb müffen fie fiel) beteten. 9Han 
tlatföte wie toll." 

„^offenreifcer erringen immer ben Applaus eines 
orbinären 'publitums. — $omm, $öilma, bu mufct 
mübe fein, ßathrine foll bir in ber $of f erftube ein 93ett 
auffd>lagen." 

„Sn ber £röbelbube?" wiberfprad? Sofeph Qlltmann. 
„5>a war's boch beffer fym im ©alon." 

„3ch bin gan& aufrieben, wie meine Butter es für 
mich einrichtet," fagte SBilma fchnell. Ohne ihren 
6tiefoater ansehen, tykit fie ihm bie $anb \)\n. 

.„SBelch reijenbes ^Öatfcherl!" lobte er, inbem er 
bie fd>lan(en Ringer tüfete. 

SBilma 30g ihre £anb heftig fort. — 

grau 3ris gab fich nicht Diel 9Hühe, bas $of f er^immer 
für bie Tochter behaglich hinrichten, ^athrine, bie 
feht oerbroffen über bie vermehrte Arbeit ausfah, ftiefo 
Koffer unb Giften oon einer <£<fe in bie anbere. ©taub 
wirbelte auf. §>ie Sltmofphäre in bem lange nicht ge- 
lüfteten 9laum leqte fich fehler auf bie 23ruft. 9ln allen 
#aten unb Nägeln ber SBanb hingen S^oftüme, §ütc, 
9*öcfe aller 2irt. 

Söilma griff entfchloffen mit &u unb |>alf bas 91ot- 
wenbigfte orbnen. $rau Slltmann oerfchwanb. 

„$la, ffräulein, ba jinb 6ie in ein fdjones §aus 
getommen!" meinte bas §>tenftmäbchen tyaib froh, 
halb mitleibig, als ihre §errin fort war. „Vichts tote 
San! unb 6treit gibt's fcier«* 

„SMtte, ich möchte |e|t fchlafen," wies SBilma fie 
f urj ab. 



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142 



S>as Stecht bca $inbcö. 



Schrine rücftc einen 9^ot>rftuf>l neben bas 93ett 
unb oerfchtr>anb mit beleibigter hielte» 

$öilma legte ftd> unb fah ficf> in ber enggn 6tube 
um. gi)r 93lict fiel auf bie SBanb, bie mit einer 3er- 
fe^ten Tapete bejogen n>ar. 

$luf biefer alten, ftocfflecfigen Tapete trabbelte ein 
£ier, ein langer $äfer. 9ftit (£fel unb <£ntfetjen oer- 
folgte fie bie 33etsegungen beö £iers auf ber 2Banb. 
(£5 ftrebte bem £id>t auf ber ßommobe 311. SBeitere 
^äfer folgten. 

93on Unbehagen unb ©rauen u>ie gelähmt, bie 
ftarren Slugen unoenoanbt auf bie abfdjeulichen friere 
gerietet, blieb Söilma liegen. §>ie ganje Sflanb fcfcien 
3U toimmeln. ©ie S^äfer bilbeten eine förmliche ßara- 
mane. Überall, too eine Öffnung tlaffte, trabbelten 
fie ^eroor, fcharemoeiö (amen fie auch aus ben Spalten 
beö ftufcbobens. 

Söilma toagte nicht, fid> 31t rühren. 6<$toer tote ein 
6tein lag baö §erj in ihrer 93ruft. 

©anj bicht neben ihrer Cammer befanb f ic|> bae 
Simmer ihrer Butter. Slber fie mochte nid?t nach i$t 
rufen, nad> ber h*ife erfehnten Butter nicht, in beren 
Firmen fie allen Kummer l^atte auötoeinen toollen. 

„Gberharb — 23atert" flüfterte fie mit erftiettet 
6ümme, inbem fie ben S^opf tief in bie muffig riechenben 
Riffen ihres 93etteö oerfteefte. 

4, 

©ie (Sonne fd>ien fycli unb freunblich in bie elenbe 
Cammer, $>te golbenen ©trafen beleuchteten jtoar 
fcharf alle <Sct>mui$flecfe unb Gehaben, aber bie unheim- 
lichen £iere toaren in ihren (Schlupftointeln oerfchtoun- 
ben, unb SBilma fah bae £eben roieber etwas heiterer 
an. 3Beehalb auch gleich oer&tpeif ein ! Söeil fie ihre 



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» 

□ Qlooelte von Henriette p. 9Ilccc{)cunb. 143 

— — — . 



Butter (alt unb ihre 6tube umpohnlid) fanb? $>a$ 
tpar boch noch (ein ©runb, gleich bie filmte ins $orn 
ju toerfen ! Um ber Butter Siebe mußte fie mit (§e- 
bulb toerben, unb mit ßathrines unb einer Scheuer- 
frau §ilfe liefe fich mit meiern 3nfettenpuloer fchlieft- 
lich auch biefer 9toum noch toohnlicher l?errid)ten. 

6ie befchlofe, in bie &tabt ju gehen unb einkaufen. 
5>ant ber erhobenen 6par(affenfumme u?ar fie mit 
©elb ja rcid>ltcf> oerfehen. (Sie fang por fict> f>in, als 
fie it>c langes, braunfehtoaraeö §aar por bem jerfprunge- 
nen (Spiegel ^ufammenf locht. 

ftathrine hörte ben ©efang unb ftedte ben &opf 
5ur £ür herein. 

„Sta, JJräulein, bas ift nur gut, bafe 6ie pergnügt 
finb. §>ie §errfchaften haben \<S)on tpieber Sprach mit- 
einanber gehabt" 

„^Deshalb benn?" 

„9ta, ipedhalb es 1)'m eben immer 9Horb unb £ot- 
fc(>lag gibt!" ßathrine machte bie Pantomime bes 
©elb&ählens. „Unb tpeil §err Qlltmann ben jungen 
JJräuleinö Unterricht gibt. §>ie fixem ift eiferfüchtig, 
ber reine tpeiblkhe Othello ift fie." 

„ftrühftücfte meine Butter fchon?" fragte SBilma 
ftatt jeber anberen 2lnftport. 

„6ie trinlt ihren £ee im Q3ett unb ber §err 
feinen ftaffee in einer ftonbitorei. §)u meine ©üte, 
tpas ber allein für fich perbraucht I S)apon tonnte eine 
ganje ftamüte leben!" 

„^Bollen 6ie mir auch beforgen unb nachh^' 
hier grünblich reinmachen?" bat 3öilma. 

„^räulein, too benten 6ie hin!" tpehrte ^athrine 
ab. „$llte ^oftüme mujj ich fitoen. §>ie reinen Gumpen 
finb's manchmal. Slber auf ber 93ühne geht'ö immer 
noch/' 



144 $>üö 9*c<$t bca Hintes. n 



„93eim bilden f>clfc icf> 3t)ncn/' 28ilma lieft ein 
blandes §>reimartftüd in Schrines §anb gleiten* 

„§>afür tpirb'ö gemacht/' Jagte bas 9ttäbd>en be- 
friedigt. „Unb, gräulein, nod; einen guten 9*at. Sta\\en 
€>k bie §errfd>aften f)ier nur nicf>t merten, bafc 6ie 
«■pinfe tyabtn, fonft nimmt man 3t>nen ben legten 
©rofcfjen ab. ®ae ift fo fidjer ipie bas SJmen in ber 
$ircf)e." 

9Itit biefem 9*at perfdjtsanb Statine enbli^ 
3m (Salon ihrer Butter fanb Söilma bas grühftüd 
bereit. 9ftan merfte $atf>rines guten SBillen. 2lber 
ein <Seuf&er \)ob bod> Wilmas 93ruft, u?enn [ie biee 
fdjmu^ige £ifcf>tuch, bie plumpen Waffen, ben blinben 
Shipferteffel mit ihrem bisherigen grühftüdetifch ver- 
glich. §>as blenbenbtoeifje ©amaftgebed, bie jarten 
cf>inefifchen Waffen, bie graugrünen 9tefeben in ber 
gltyernben ©lasfchale in ber 9Hitte. 9flüt>fam toürgte 
jie ben bünnen £ee, bie trodenen 6emmeln hinunter 
unb überlegte babei, ob fie bei ihrer Butter anflopfen 
folle. 

<£in qualoolles 6chlud>aen, bas oom Qtebenjimmer 
her an ihr Of>r brang, machte allem Sogern fd?nell 
ein <£nbe. fieije brüdte fie bie £ür auf unb trat ein. 
grau Slltmann fafc mit ungefämmtem §aar unb lofe 
umgegangener grifierjade Por ^rem Gpiegel unb weinte 
herjbrechenb. 

SBilma beugte (ich erfchroden über bie Söeinenbe. 
„Siebe Butter, fag mir, roas bir fehlt." 

„£a& mich, laft mid>t" grau Slltmann u>el?rte bie 
u>eid)en 9ttäbd)enarme oon Jich ab, „9Hir fann niemanb 
Reifen." 

„93erfud)en (önnte id>'ö bod>." 

§>te Butter lehnte ben $opf jurüd. Söilma er- 
jdjrat über ihr 9luefehen. 3n biefem Slugenblid glich 



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145 



bas ©ejid>t ber Butter of?ne ^uber, 64>minte ober 
fonftige 23erf4>önerungemittel bem einer alten, tränten 
Jrau mit tief eingejuntenen 2lugenf>öf)len unb un- 
5äl>ligen feinen ^unjeln an ben 6d)läfen. 

„Butter, fagemir, was bir fef)lt!" brängte Söilma 
nodjmate* 

„(Selb!" entgegnete ftxau Slltmann turj. „(Selb 
unb nochmals ©elb. 9ftit ©elb tonnte id> mir beffere 
Engagements, eine rüdjidjtspollere 93etyanblung oon 
feiten meines Cannes ertaufen." 

„Einige Rimbert OTart tonnte id> bir geben, Butter/' 

grau 5lltmann lachte gelungen. „Ein tropfen 
auf einen Reiften 6tein!" 

„SBillft bu'6 nid>t annehmen, Butter?" 

„§>od) — geu% 93itte, gib es mir. 3d) mufe 
ja aud) betn Efjen bejahen — nid>t u>af>r?" 

„3«." 

„Unb tu mir noef) einen ©efallen. $Denn bu beinern 
33ater fd>reibft, baft bu glücfü<4> bei mir angetommen 
bift, lafc ein SBort wegen ber 9*ente einfließen, 93iel 
lieber tpäre es mir, er jaulte mir ein Kapital aus. 
2lber bas wirb er ni<$t wollen. 2tatürlic|> würbe id; 
einen fteoers untertreiben, bafe \<fy bamit abgefun- 
ben fei/' 

Söilma 30g bie brauen aujammen. „$>ae wirb 
mir fcl>r fdjwer werben." 

„5>u willft aber aud) gar nichts für mid> tun!" 

„$>od>, Butter, icf> fd;reibe tym nad>l>er." 

„Unb bas ©elb? Söieoiel ift'ö benn, was bu bei bir 

„2ld>tf>unbert Sflart." 

„3$raoo, bu tieine S^apitaliftin ! §ol'ö gleid), bitte!" 
„9tid)t nötig. gcf> trag's um ben £jalö in einem 
£ebertä{d;d?en." SBilma aetylte bie 0<$eine auf ben 
1914. vni. 10 



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146 



§>üö 9*ccj>t bes ßinbee. 



Q 



Srotlcttcntifch. Einen taum nennenswerten &eft be- 
hielt fic aurücf. 

Jrau Slltmann nidte aufrieben. 3t>cc tränen oer- 
jiegten, unb fic tourbe fef)r liebenstsürbig gegen bie 
£od>ter. „$öenn ee bir 6pafc maö)t, tannft bu mir beim 
Sinken Reifen, SBilma, unb mid> auf bie <}3robe be- 
gleiten." 

,,©em, Butter." 

„2lber nenne mid) bod> nid)t Butter, fonft lachen 
meine Kollegen mid; aus." 

„2Bte bu tpillft. 98ae fpielft bu benn f>eute, Butter?" 

„$id), einen alten Schmarren: ,§>orf unb Stabt'. 
3cb bin bae Seele." 

SBilma erfd>raf. £>aö Sorte! §>iefe urtoücr;jige, 
taufrijcfje 9ftäbd>engeftalt toollte bie Butter mit tyrer 
abgemagerten fftgur, tyrem oerfd>minften, gealterten 
®efi$i barftellen? 

„Es ift feine Siebimgsrolle t>on mir," meinte ftrau 
entmann gelaffen, inbem jie if>c §aar toupierte unb 
bann betmtfam ftarbe aufs ©eftebt legte. „Solch 
0ommertl>eaterpublilum befi^t eben einen rüdftänbigen 
©efcfjmad. 5>u follteft mid) in einem 3bfenfd>cn &ti\d 
fet>en. 9Zun, pielleid?t im hinter, toenn id> roieber an 
einem großen Sweater engagiert bin." 

Es toar erftaunlict), toie fid> ftrau Slltmanns Saune 
burd? 2lust?änbigung ber ad?t blauen Sappen gehoben 
f>atte. 3n ©ebanten begaffte fie baoon bereite für fid> 
neue Toiletten unb ausertoctylte ©elitate{fen für if>ren 
©atten. §)er Jd>macf)Polle Suftanb, f tct> bur<$ folebe 
§>inge feine Siebenstoürbigfeit ertaufen $u müffen, fam 
if>r freilid) ab unb 511 jum 33eu>ufttfein. SJber in ihrem 
an Enttäufc^ungen unb bitteren Erfahrungen reichen 
Seben untren einige Weitere Stunben immerhin ein 
©etoinn, toenn aud; bie @elb{tad?tung in Stüde ging. 



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□ 9toi>dlc von Henriette v. 2Hecrf)eimf>. 147 



Söilma benahm ficf> fo getieft beim Jafteren, bafe 
ftrau 2Utmann bie £od;ter lobte unb iJ>r bie grofte 
33ergünftigung in Slusfidjt ftellte, il>r t>on jettf an bei 
ben S:t)eaterauffüJ>rungen helfen 511 bürfen. §eute 
würbe nod> nicf>t im ^oftüm gefpielt. Stovern be- 
gleitete SBilma bie Butter, weil es fie intereffierte, 
einmal Gintec bie $uliffen ju fef>en. 

§od) waren il>re Erwartungen nicht gefpannt, aber 
folc^e (Srbärmlidrteit fwtte fie benn bod> nid>t erwartet. 
®a$ Theater von ©labberg befanb ficf> in einem ur- 
alten, unfd>einbaren ©ebäube, baö oon aufjen mef>r 
einer (Scheune ab einem ^unftinftitut gltd), unerbittlich 
profaifd) wirfte unb einen gerabeju ärmlichen (Sinbruct 
madjte. $>urd> bie Heine 6d>aufpielertür hinten am 
£nbe ber (Seitenfront traten fie ein. (Sin faber ©erueb 
nad> altem ßleifter brang ifmen entgegen. 9ttngöuml>er 
^errfdjte unburd>bringlid>e ftinfterniö. 

„§>ie <ßrobe mufc fd?on angefangen l>abeu," meinte 
$rau 9Utmann. „$>aö fd>abet aber nid>tö, benn id; 
trete erft im aweiten 2lft auf/' 

2Hül>fam tapptm fie weiter 311 einer SMiffe. 

„§ier mufct bu buxö) bie jroeite £ür gei>en, bic 
fü^rt ab Notausgang in ben 8ufcf>auerraum. 3d> 
f?abe nod> mit ber ©arberobiere 311 fpredjen." 

$Bilma ging porwärtö, aber fie oerfefjlte bie richtige 
£ür unb ftanb plö^lic^ an\tatt in bem 8ufd>auerraum 
auf ber 93üt>ne. 

(Srftaunte Ausrufe empfingen fie. 

„Via, wen haben wir benn ba?" fragte einer ber 
<£d)aufpieler, ber mit ben §änben in ben §ofentafd>en 
ba\tanb* 

„Sollen 6ie mitfpielen, Fräulein?" rief lac^eub 
ein anberer. 

„§immel — baö war' ein ©ewinn für unfere 33üf>ne \ u 



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n 



SBilma nwrbe buntelrot „3$ tpollte in ben 3u- 
fcf?auerraum," ftotterte fic. 

©er 9*egiffeur fafe am 6ouffleurtaften neben einem 
flcinen £ifd>. S3or tym lag ba& 93ud) be6 6tüdes, 
bas er mit 9*anbbeaeid>nungen unb 33emertungen per- 
fe^en fjatte. „3$ nuife bitten!" <Sr flopfte ärgerlid) 
mit bem 93ud?bedel auf ben £ifd>. „§>ie ^robe barf 
nicf)t gejtört toerben. 3Ber finb Gie, JJräuldn?" 

„$>ie £ocf>ter pon JJrau SJltmann," antwortete 
Sftilma, 3n it>rcc 93erioirrung Pergafc fic gan& bas 
Verbot ber Butter. „3$ fyabe meine Butter f>ierf?er 
begleitet unb — * 

Sin fdjallenbes ©elfter erbröfmte. 6elbft bas 
©efid)t bes 9*egi{feurö Perjog fid>* 

„§>ie £od)ter pon unferem £orle!" jauchte ber 
$omifer. ,,§ab' idj'ö nic^t immer gejagt, unjer £orle 
müfete eigentlich mit ihrem ^3rofejfor gleich filbeme 
$)och$eit ftatt Verlobung feiern!" 

Qüles fd;rie förmlich por £ad>en. 

3iud> ein paar Gtatiftiunen !amen aus bem §inter- 
grunb ber 93ütme, faxten f icf> an unb tankten um 
9öüma I>erum, bie por Verlegenheit bem ^Deinen nahe 
toar, 

„3e^t ift'ö aber genug mit bem Hnfinn!" rief ber 
9vegijfeur. „3<h laffe bie §err(d>aften fämtlid) auf- 
treiben, tpenn Jie nicht Jofort aufhören. — 5™"**% 
bitte, gehen 6ie burch bie £ür linte hinaus in ben 8u- 
jehauerraum." 

Söilma eilte ber angegebenen 9tfd?tung &u* Slber 
ehe fie bie Tapetentür erreicht hafte, tpurbe biefe 
plö^lid? aufgeftof$en, unb 3Bilma \tanb ihrer Butter 
gegenüber. £ro$ ber angebroijten 6trafgelber ging 
je^t ber 3ubel pon neuem I05. 

$>ie brotjenbe 6timme bee 9*egiffeure perhallte un- 



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D Stopctte von Henriette SHcccjMmb. 149 



gehört. £>ie junge Staioe, ffräulein (Slfe Martin, ein 
blonbes, fjübjc^eö <Perföncf>en, u>ar am (>efttgften. 6ie 
burfte immer nur Nebenrollen fpielen, tpäfjrenb grau 
3rt6 Slltmann immer nod) bie erfte £iebf)aberin blieb. 

„©rofcmutterrollen liegen ginnen fiefrer bejjer, oer- 
efjrte Kollegin t" rief fie mit einem fpöttifd>en ^niefs. 
„Sollen (Sie tpirflieb .nocf> nidjt ins ältere fjad) über- 
geben, wo 6ie f<f>on eine £od>ter pon atoanjig ga^ren 
fjaben?" 

„2ln gt)rer 6tclle, fträulein Martin, toürbe \6) erft 
fpredjen lernen, ct>c id> anberen bie Sollen tpegfd>nap- 
pen möchte/' entgegnete griö Slltmann gereist. „6ie 
lifpeln ja bei jebem SiW^ut!" 

„6d>on lange nkf)t me^r. gi>r 9ttann, ber f?übjd?e 
gofepf), ^at mir bas abgetpö^nt, g^r junger, liebene- 
unirbiger ©atte, Butter Slltmann!" 

^Bieber basjelbe ©eläd>ter. 

„92ttt biefer ©efell{d>aft fpiele ict) nid;t mef>r!" 
fd>rie {Jrau SUtmann ben Negiffeur an. „§>as finb feine 
Kollegen, fonbern 33anbiten." 

S>er Tumult tpurbe unbefcf>reiblid>. 

$>em Negijfeur rife bie ©ebulb. „ftrau SUtmatm, 
id) nefjme 6ie in Strafe. SBenn 0ie ba$ £orle 
nidjt fpielen toollen, bann lajfen öie'ö bleiben, ^röuleiu 
Sllattin mag Gie pertreten. 2Beld>e Gtrafe auf $on- 
trattbru$ ftefjt, toiffen Sie." 

„ga, baö tpeiß id>." griö SUtmann rife tyren ©elb- 
beutel aus ber <£afd>e. (£in paar ber blauen Scheine 
flogen bem ^egiffeur faß ine ©efidjt. „§>a — ba! 
$>amit mag bie §>irettion bie §ungerlöf>ne an fei- 
nem Affentheater bellen. 9Hicf> fefcen 6ie nicf?t 
tpieber." 

$>er ^egiffeur legte bie Gemeine in baö 33ud>. „§>ao 
weitere a>irb ficf> finben," jagte er lalt. 



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150 



i 



3ris SUtmann toarf ir)re aufammengebunbene Rolle 
auf ben 33oben. 

„§>as näd>fte 2M jpielen Gie hoffentlich eine ber 
§ejcen im ,2Hacbeth'. $>as liegt gfmen getoift oorjüg- 
lid)!" fieberte (Slfe Martin. 

„§>ie ^robe ift für eine tyalbc 6tunbe aufgehoben," 
jagte ber Regiffeur, bem biete. 6chtoeij}tropfen auf 
bec (Stirn ftanben. „3cb mufc bem 5>irettor ben Vor- 
fall melben." 

6olcr) ein ©aubium hatte man lange nicht erlebt 
Ringsumher faf> man fd>abenfrohe , oergnügte ©e- 
jichter. S)ie flehte Martin ftürjte fofort auf bie hin- 
geworfene Rolle los. 

Jrau 9lltmann faftte brausen im ©ang Qöilmas 
§anb. „$omm, u>ir wollen gehen!" Jagte fie nur 
hir^. §>ann fpracr) fie nichts mehr. 

Söilma jat) bie Butter fcheu oon ber «Seite atu 
2lber erft, als fie iht baheim gegenüberjtanb, fing 
jie an, fid) 511 entfdmlbigen. „Butter, es tut mir 
furchtbar leib, bafe bu meinetwegen ärger r)atteft." 

„Saft nur!" antwortete ffrau Slltmann mit einer 
gegen ihre vorherige §efttg!eit merfwürbig abftecr)en- 
ben Ruhe. „Einmal muftte es boch )Um &racb lommen. 
SBarum nicht I>cutc? borgen fahre ich nac t> VRam^ 
unb oerl)anble bort toegen eines ©ajtfptels am &tabt- 
theater. $>a habe ich früher oft gefpielt. §>as ift nicht 
folche elenbe 6cbmiere wie bas I>tcfige. — Unb je^t 
geh unb fchreib an beinen 93ater toegen ber Rente. 
93on ben achthunbert VRatt toirb burcr) ben heutigen 
Vorfall nicht oiel übrigbleiben, unb baran bift bu 
fclber fchulb, SBilma." 

§>er 33rief an ben 23ater mit ber ©elbbettelei 
uuirbe 323ilma entfettet) fcr)wer. $llle bie halben $Bahr- 
heitert, bie fie jcr)rieb, um nicht 511 oiel oon ihren trau- 



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□ 9tot>elte von Henriette p. 9Kcec{>ctmb. 151 



rigen (Erfahrungen &u »erraten, tarnen ihr wie eine 
einzige J>äfeU4>c £üge por. 

9lber Jrau SUtmann, bie bas 6chreiben burctjlas, 
ertlärte fid> einoerftanben bamit, 

2fttt 6pannung warteten alle auf bie Antwort bes 
^rofeffors, Slber feine tarn, dagegen lief am (Erften 
bie 9*enten&af>lung wie gewöhnlich burd) bie 33ant ein, 
6onft nickte, $ür 3öilma feine 6ilbe. 

2luch (Eberharb unb feine Butter fetnenen fie auf- 
gegeben ju f>aben. 

6ie führte ein entfe^licheö £eben. SBie ein böfc>r 
£raum erfdnen i^r bie ©egenwart, wenn fie fie mit 
ber Vergangenheit perglich. 

£agein, tagaus faß fie in bem perftaubten, un- 
gemütlichen 6alon ihrer Butter unb flidte an beren 
S^oftümen herum, 

Slbenbs blieb jie allein in ihrer 33obenfammer, las 
ober nähte bei bem trübfeligen £id>t einer Petroleum- 
lampe, Schrine voat gefünbigt tporben, Sine 2luf- 
rpärterin fam für bie groben Arbeiten, tpährenb SBilma 
alle Nähereien unb Sluebefferungen beforgen mufcte, 
3h^e 3llu[ionen über bas Sfyeatexteben fchwanben 
immer mehr, Sief fah fie in bas übertünchte (Elenb 
ber fleinen Vüfmenperhältniffe hinein« §>ie ©agen 
waren miferabel. Unb tro^bem brängten ficf> Unzählige 
immer toieber &u biefer £aufbaf>n, bie nur wenigen 
5lueertPählten mit wirtlichem (Erfolg lohnt, 

^cau ^lltmann würbe wegen S^ontraftbruch 511 
einer h*>h<M ©elbftrafe Perurteilt, benn fie weigerte 
{ich hattnäefig, in ©labberg weiterjufpielen. 3h*e 
9*eife nach ^ciin^ blieb nid;t erfolglos, 2ttan engagierte 
fie für ein ©aftfpiel. §>ie 33ebingungen waren aller- 
bings fehr mäfcig, 8u einem feften (Engagement 
wollte ber ©Ireftor bes 6tabttheaters fich nicht per- 



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152 



©aä 2*ea)t bcö ßiitbcs 



ftet>en. <5rft muffe er fef>en, u>ie fie bem $uMitum 
gefalle. 

Sofeph Slltmann faf> feine oft ironifch pon ber 
6eite an. §>a et aber an allen (Ecfen unb (£nben 
6d?ulben hatte, feine $rau ficf> hingegen bes 93efit$es 
ber 9tente erfreute, fo atoang er ftd> ju einer geuriffen 
§öfüct)feit it>r gegenüber. Slbenbs ging bas <^l>epaar 
aus unb fpeifte in irgenb einem 9*eftaurant $u 9Iad)t. 
SBilma blieb auf ihren eigenen 3Bunfd> ftets 511 §aufe. 
§err 3ofeph Slltmann tpurbe if>r täglich unangenehmer. 
Gie ging ihm, fo piel fie irgenb tonnte, aus bem Söege. 

5. 

Sm golbenen 2ttain5 herrfd>te nod> fommerliche 
©lut, obgleich bie <piatanenallee am 9^bein fchon ihre 
gelben 33lätter fallen liefe. 

3eben Slbenb faft tpurbe ^eater gefpielt. SBilma 
begleitete il>rc Butter aber nid>t mel;r 311 ben groben. 
§>as erfd;ien 5 rau 3^16 nach ben ©labberger Erfah- 
rungen ju gefährlich. Slber fie fd;entte ber £od>ter 
immer ein Freibillett, toenn fie auftrat. $ötlma ging 
ins £lK a ter, um ben Slbenb 311 perbringen. £>enn 
in bem fleinen ©afthof {weiten langes, in bem 
Sdtmanne ein paar Shnmec beioohnten, tpar es auf 
bie ^auer 311 unbehaglich unb öbe. 

93iel fanb fie an ben Styeatexbtfutym frei- 

lid; nid)t, toeil fie fid; beftänbig ängftigte beim 6piel 
ber Butter, hinterher erwartete ftrau 3ris nämlid? 
immer enthufiaftifd>e Lobeserhebungen pon ber £od;ter 
311 hören unb tpurbe fcf>t fd>lcd>t gelaunt, toenn biefe 
aueblieben ober ber Beifall bes ^ublitums lau ge- 
tpefen war. 

£>as 6ptel ber Butter quälte 923ilma oft gerabe^u. 
Tud>t baft grau Slltmann eine fd;led;te 6d>aufpieleiin 



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o Stopcttc von Henriette u. 9Hecrf>ctmb. 153 

m vi ; i 1 ■ — — - , 



getoefen toäre — im Gegenteil, fic voax eine recht ge- 
wanbte; aber ber jugenblid>e Aufpu^, in bem fic er- 
fdjien, bie leibenfehaftlichen £iebesfeenen, bie fic por- 
führte, erfchienen SBilma wenig angemeffen für eine 
ftrau it>rcs Hilters* §>ie eigene Sttutter als jugenblid>e 
Liebhaberin 511 fefjen, toirfte gerabeju abftofcenb auf fie. 

9^and)ma( freiließ fanb fttau 3riö rechte ^er^ens- 
töne, bie auch 5DUma ergriffen» §>as tpar, tpenn fie 
eine §elbin barftellte, bie von bem ©eliebten pernad)- 
läffigt tpirb. Aber bas berührte 3öilma auch tPiebet 
peinlich. SBie tonnte if>re Butter, bie ihren erften, 
portrefflichen ©atten perlaffen hatte, ficf> fo um bie 
©unftbe^eigungen bes jtoeiten, eines jungen, fef>r min- 
bertpertigen 9ttenfd>en, bemühen? <£rniebrtgenb tpar 
biefe Stellung, bie bie alternbe ftrau bem fo piel 
jüngeren 9ttann gegenüber einnahm. 9ftitleib uub 
(Empörung riffen SDtlma beftänbig fy\n unb f?er, 

3uerft perbrad;te 3ofeph Altmann auch in 9ttain$ 
feine £age in hergebrachter Söeife mit Söeinftuben- 
befud>en, gigarettenrauchen unb bem Unterrichten 
einiger f>übfd>cr Anfängerinnen* S8ar bie 6cf)ülerm 
nämlich häßlich, fo erklärte Sofeph Altmann fie fofort 
für talentlos unb riet ihr bringenb ab, Seit unb ©elb 
an eine Ausbilbung 511 toenben, bie feinen Erfolg per- 
fpreche. Einern h^bfehen ©eftcht gegenüber blieb _ 
fein Urteil ftets milbe, feine ©ebulb unermüblid). Se^t 
begann er auch, an einem ödjaufptel $u bieten» 

§>er Verbrauch türfifcher gigaretten unb guten 
SKofeltpeins tpar babei ungeheuer, benn ohne tiefe 
betben Anregungsmittel behauptete er nichts 93raud>- 
bares fchaffen &u lönnen. 

Qris Altmdnn lächelte erft etu>as ungläubig &u biefem 
erneuten 33erfud> ih^es ©atten. bisher lagerten, mit 
ganj toenigen Ausnahmen, feine fämtlichen £uft- unb 



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154 S>a6 9*ed)t bes ßinbes. □ 

B— ■■ - --irr i i i i 1 r- ■ ' " -— i i. 

£rauerfpiele in einer ^ommobe unb erblicften nur 
bas £ict>t, roenn er feine 6d>üierinnen etwas baraus 
portragen liefe. 

Slber als er feiner fjrau einige Sitte biefes neuen 
6tücfs porgelefen hatte, änberte fie ihre Slnficht. $>iefes 
6chaufpiel roürbe gefallen. Büfmentechnit befafe gofcph 
Slltmann &ur ©enüge, baju piel 2Bty unb fcfjarfe Be- 
obachtungsgabe. $>amit liefe fiel) bei einem glüeflich 
gewählten 6toff fcfjon etwas machen, unb biesmal 
fd>ien er wirtlich einen guten ©riff getan ju haben. 
§>er Gtoff roar attuell unb mtereffant Sllle Bor- 
gänge gruppierten {ich um bie §elbin, eine ejeaentrifche, 
aber fef>r rei5Polle ^rauengeftalt. 

3ris Slltmann brannte barauf, biefe Atolle ju fpielen. 
gebe $leintgteit fprad) fie mit ihrem 9ttann burch, riet 
}u einigen Snberungen, unb er fügte ficf> bereitwillig 
ihren Söünfchen. $>ie 9lu6fid>t, balb in biefer fet>r 
modernen, etwas gewagten SRoile aufjutreten, erfüllte 
3rts' gan3es Kenten. Söenn 3ofeph in ihr feine erbittere 
©eftalt pertörpert faf>, mufete bann nicht feine erlogene 
£eibenfd>aft für fie wieber h*U aufflammen? Sluch 
roürbe fie gewife burch biefe neue ©lanjrolle ihren ge- 
funtenen 9luf als €5chäufpielerin wieber tyerfteUen, 
SGBenn biefes (Stücf in 3öten gefiel, ging es über fämt- 
liche grofee Bühnen mit ihr als ber erften §elbin. 
S)ann roar ihr ©lücf gemacht. 6ie nahm es als ganj 
felbftoerftänblich an, bafe ihr 9ftann bei ber Sinnahme bes 
6d)aufpiels bem betreffenben 3ntenbanten bie Be- 
bingung {teilen roürbe, bafe feine ftrau bie Hauptrolle 
barin fpiele. 

S>as fagte fie auch ihrem SRann. S>er aber fertigte 
fie mit einem leichten 6cher$ unb ber Bemertung ab, 
erft müffe man abroarten, ob bas 6tüct überhaupt an- 
genommen würbe. $>as übrige fänbe ftch bann fchon* 



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□ Popelte pou Henriette p. Stteerfceimb. 155 

3risfd>rieb ficf> bie9*olle ber£ifa aus unbftubierte 
fie forgfältig. 8*ü genug fanb fic baju. 3J>r ©aft- 
fpicl in ^ainj ging &u (Snbe. <£in neues Engagement 
ftanb nid>t in 5lusfid>t. 6te toanbte bes^alb auch nichts 
bagegen ein, als Slltmann erhärte, es fei beffer, er 
ginge mit feinem (Sdjaufpiel felbft haufteren, um bireft 
mit ben £l>e<*terbtrertoren unb 9*egiffeuren &u oer- 
hanbeln. Vielleicht hatte ec red)t. 3ebenfalls traute 
3ris if>r letztes ©elb jufammen, um ihm biefe Reifen ju 
ermöglichen. 

Söährenb feinet Slbtoefenheit lebte jie ganj jurüc!- 
gejogen mit ber £od>ter. 

3ns ^^eater mochte $rau 9tttmann nicht gehen. 
Söenn fie felbft nicht auftrat, intereffierte fie fid> taum 
für bie 33üf)ne. Söilma mußte oft benten, bafc if>re 
Butter beshalb fo toenig ©enügen unb Skfriebigung 
in ihrem 33eruf fanb, tpeil fie auch babei ftete nur 
mit ber eigenen ^3erfon befd;äftigt blieb. 

9tad> mehrwöchiger Spannung, toahrenb u>eld;er 
Seit Sofep^ SUtmann nur furje, inhaltlofe Slnfichts- 
farten getrieben hatte, lief ein Telegramm pon if>m 
ein:„6chaufpiel amQMirgtheater angenommen. Romme 
l?eute abmb jurücf." 

ftrau SUtmann geriet faft aufcer fid? oor ftreube. 
6ie umarmte bie £od;ter: „begreif ft bu, toas bas für 
mich bebeutet, biefe ^ad>rid>t? 3n 2Bien werbe ich 
u>teber fpielen, meinem lieben, luftigen SBien, too id; 
juallererft aufgetreten bin ! 2ld>, je^t aurb mein liebes 
^Diener ^ublüum merfen, baß aus feiner fefdjen 3*i$ 
93venbel inatpifd;en eine totrfliche Rünftlerin getoorben 
ift. %e$t wirb alles gut. 3ofep|> muß berühmt werben 
burch biefes 6tücf unb burch feine fttau. §>enn fo 
wie id; feine §clbin fpielen will, fo brächte es feine 
anbere fertig." 



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15Ö $>aö 9*cd;t bed fSinbe*. ö 



<Sie lachte unb toeinte in einem Altern, ^ajtpifd^eu 
rief fie nach bem Kellner, bem $>tenftmäb<$en unb jagte 
auch SBilma beftänbig t>in unb {>er. 

(Sin großartiges Slbenbbrot follte jur (Smpfangs- 
feierlichfeit hergerichtet werben* (^^mpagner würbe 
(alt geftellt, alle £iebingsbelttateffen bes glüdlid>en 
Richters befä>afft- §>er Söirt mad;te ein bebendes 
©efkht. 2lber 3ris lachte if?n aus. 

§>ie erwartungsoolle ^reube ber Butter ftedte 
5Bilma unwilltürlid) mit an. 2luch für fie mußte f icf> 
ja burd> btejen günftigen llmfchwung ber Q3erhältnijfe 
bas Seben erträglicher gehalten. (Sie h<*lf 5rau 3ris 
bei ber Toilette unb $og auch ein hübfebes, tydice 
$leib an. 

„Butter, am liebften wäret ihr heute abenb bod; 
allein/' meinte fie enblich jögernb, als ber Kellner ben 
£ifch mit ungewöhnlicher (Sorgfalt hergerichtet unb 
auch frijehe Blumen ftatt ber oerftaubten lünftlid;en 
hingeftellt h<*tte. „6oll ich nicht lieber in meinem 
3immer bleiben?" 

2lber bas wollte ftrau SUtmann benn boch niebt 
jugeben. „Stein — nein. 3fc ruhig mit uns, SBilma. 
$>u gehft ja immer früh föfofeiu 2lber es intere{(iert 
bich boch auch, 5 U hbren, wie 3ofeph alles in $Bien ge- 
funben, welche ^ontrafte er abgefd>loffen h<*t — niebt 
wahr?" 

§>abei warf fie einen SMkf in ben (Spiegel, feft über- 
zeugt, es h^te ruhig mit ber jugenbfehönen £od>ter 
aufnehmen ju tonnen. §>as S^leib h^tte fie fich fchou 
ju ber Aufführung ber „£ifa" anfertigen lafjen, ein 
lichtgelber Kimono über tniftember orangefarbener 
(Seibe, hinter ben Ohren, in ben tief frifierten, fcharf 
gebrannten §aaren, fteetten ein paar weinrote <£h*9jan- 
tbemeu. 



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a 



9TopclIe pou Henriette t>. 9tteerf>etmb. 



SBüma tat ber Slnblid n>eh- Sic füllte einen feinen 
0d>mer5 am §erjen, toenn fie in bas perfchmintte, 
pon feinen ftältäpen burefoogene ©eficht ber But- 
ter fab. 

^ünftüd) traf $err Sofeph Slltmann ein- OTit ber 
93lume im Knopfloch bes gellen Überziehers fah er 
fo fiegesfreubig ans tpie ein 5*töh crr na< $ einer ge- 
wonnenen ©flacht. 

„9Um, tpie geht's, u>ie fteht's bei euch? §abt if>r 
euch nic|>t recht gelangtoeilt ohne mich?" 

„3ofeph t" ftrau 3ris hing an feinem §alfe. „3*>feph, 
erzähle! 2lm 33urgtyeater ift alfo bein 6tüd ange- 
nommen? 2tem, biefes ©lüett" 

SUtmann n>arf feinen Äberaieher auf ben @tuhl 
unb &upfte feine 9ttanfd>etten ^erpor. 6ein 23licf glitt 
begehrlich über bie bereitgeftellten §>elifateffen auf 
bem £ifd>. „$>u benfft boch nicht, bafo id) mein 6d?au- 
fpiel einem (leinen ^l)eater gegeben hätte?" 

„6e^ bid?!" bat 3ris. „§ier neben mid; aufs 
6ofa. — SBilma, giefce bie ©läfer ein! 2Öir tpollcn 
auf bas Söohl bes großen Richters trinfen unb auf 
ein glüdliches ©elingen ber kremiere/' 

„3tun, baran ift tPot)l (ein gtpeif el." %o\epfy Slltmann 
ftürjte ein ©las Sett hinunter unb fpraef) auch ben 
SMitateffen oor il;m eifrig &u. „93eim 93urgtheater 
finb nur erfttlaffige Gräfte, unb bie §>arftellerm meiner 
§elbin ift famos/' 

$rau 3ris lächelte ihm &u, „9Iun, ich fab* b\c 
9Solle ber £ifa bis auf bie (leinfte Abtönung burd>- 
gearbeitet. 9toch (eine lag mir beffer. Vielleicht 
(onnteft bu im britten 3l(t in ber legten 6jene ben 
6chlufo noch ^n tpenig änbecn? §>a fehlt noch ein 
ipirffamer Abgang." 

„Siebe 3ris, feit jehn £agen höre id; nichts als 



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15S ®a& Utecht b<?6 ßinbes. □ 



Söirtung unb Sffett. 3<h wäre fcot>, tpenn tu mich 
bamit perfchonteft." 

„6prad>ft bu in 2Öien bereite mit ben 6d>au- 
fpielern?" 

„2tatürlid; l* 

„Zlnb ber £>ireftor naf>m bae 6cf>aufpiel fogleid) 
an?" 

„©anj glatt, §>en ,2lnfänger' rieb man mir natür- 
lich juerft unter bie 9Xa\c unb bafo es eine bejonbere 
©unft fei, bafo id> t>on fold>en ßünftlern, an folgern 
^^eater gefpielt tpürbe." 

„3ft es aud>. 3Die freue id> mich, tpieber im 33urg- 
theater aufzutreten, ftür u>ie lange t>aft bu mir ein 
©aftjpiel auegemadjt?" 

„$>ir — tpiejo?" 

„9iun, ich mufo boch bie Stolle beiner £ija geben!" 
„£>u? Söer [agt bae?" 

5rau 3ris faf) ftcf> ganz penpirrt um. „§>ae per- 
fteht fich bod> ganj pon felbft t« 

„fteineetpege. 9Iteine §elbin ift eine fef>r junge 
ffrau, liebe 3rie." 

»3<h fptele bod> immer noch bie erfteu Lieb- 
haberinnen/' 

„OTit ben Korten ,immer nod>' fraß bu ben Qlagel 
auf ben $opf getroffen 1" rief er ladjenb. 

3rie feijte ben eben ergriffenen St)ampagnerfeld> 
hin. §>ae ©las flirrte gegen ben Heller. Sin lang 
nad)fummenber £on ging burd>e Simmer. 

Söilma tpagte es nid>t, ber Butter ine ©ejicht ju 
Jeben. (Sin Gebauer überlief fie. Sine S^ataftrophe nahte. 

„§>u haft alfo nid?t bie 33ebingung bei ber Annahme 
beinee 6tücfee geftellt, baft ich M* Titelrolle barin 
fpiele?" fragte 3rie nach einer ^auje mit erzwungener 
SKuhe. 



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a £to£>dl<? pon Henriette d. 9tteerl>eimf>. 159 



„3d> bin boc|> fein 9tarr! 2öer läfet tpofjl eine ftrau 
pon fünfunbpierjig Sagten, bie eine ertpad>fene £ocf>ter 
I>at, nod> jugenblicbe §elbinnen fpielen? §>as tut man 
piellei<$t an Meinen 6d>mieren ober auö 2Zot mal 
an einem <Propin$tl>eater, aber bod) u>of>l nicf)t am 
93urgtf>eater ! ffür einen £ad>erfolg ijt mein 6tüct 
mir benn bod) &u fc|>abe* §>ie groben fangen noef) in 
biefer 3öod>e an. §>ie holten finb alle befe^t." 

„38er fpielt bie £ija?" 

„<£in ©a[t/' * 

„SBie Reifet bie 6<$aufpielerin?" 

3*>fcpf> 9lltmann jd>enfte jid) nochmals {ein ©las 
Poll. ,,3e^t gibt's nämlich einen 6turm, Söilma," 
fagte er 311 biefer. „£>a gilt'e, fic^ 9flut an^u- 
trinEen." 

„SBer fpielt bie £ifa?" tpieberf>olte $rau SUtmann. 
3()re 2tajenflügel gitterten. 3^ 9ttunb judte. 

„5täulein <£lfe Martin, ©lüd muft man Ijabenl 
§>ie fleine ^erfon l>at alle §er&en gewonnen, als fte 
enblict) ban( beines Abgangs in bae £iebf)aberinnenfad> 
übertrat. 3d> l?abe fie in Söien empfohlen. 3$ 
faf)re jetjt mit il)r nacf> 9Bien jurüd, um ben groben 
beijutpo^nen unb if>c bie 9*olle einjuftubieren." 

„§>a6 bulbe id> nid>t." 

„3Ba8?" 

„3d> bulbe es nid>t — id> bulbe es nidjt!" u>ieber- 
£olte 3ri6 Slltmann. 3|>r ©efidjt oerjerrte fi<$. 6ic 
rifc if>r £af4>entu<$ in tieine fte^en. S>a8 Sittern biefer 
nerpöfen £änbe faf> gerabeju unfjeimlid) aus. 

„Butter, liebe 9Ruttett" bat Söilma leife. 

5rau 3ciö tpanbte ber £ocf>ter it>r oerjerrteö ©e- 
\\ö)t ju. „§>u — bu bift aud> mit fdnilb!" febrie jie 
mit erftidter Gtimme. „Söärjt bu bod; nid)t gefom- 
menl" 33om 8orn ging tyre 6timme in fläglidjeö 



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160 

■ 



$>as 9ted)t bcs ßinbcs. 



betteln über, „3<>feph> tu mir bas nid>t an ! $>u barfft 
mir bas nicht antun!" 

„Slber, liebes ßinb, id; tann u>irflich nichts bafür, 
bafe bic 5 ca uen einmal alt toerben. §>u ^aft boct) auch 
fein Monopol auf bic etpige 3ugenb!" 

„34> bin nid>t alt, ich u>ill nod; nid;t alt fein. — 
3ofepf), id) liebe bid> bod> fo fehr, nur für bid> l)abe icf> 
alles geopfert §>u follteft burch mein Gpiel berühmt 
toerben — " 

„5>ante fd>ön, bas febaff ict> aud) allein. $>u t)inberft 
mich nur." 

„34) — ich t)inbere btd>?" 

„3<upoI)1. ©erabeju lächerlid; tperbe id) überall, 
wo ich mit bir antomme. ,$>as ift ber 3ofcp|> Slltmann 
mit {einer Hantel' fnefe es in ©labberg immer. Hub 
nun foll id> bid> gar beim 93urgtf)eater als meine ftrau 
präventieren? §>anfe beftens." 

„2lm 93urgtf>eater f>abe icf> gefpielt, tpar bort be- 
tannt unb beliebt, ef>e man oon bir etwas touftte." 

„5>rum eben. $>as ift ausgerechnet fünfunb- 
aroansig 3at)re her. darauf bejinnen fich bie älteften 
£eute faum noch." 

„5>u bift brutal." 

„deiner aufbringlkhen Särtlichteit, beinen uner- 
hörten 2lnfprücf>en gegenüber reifet einem enblich bie 
©ebulb," brach er los. „SBenn bu bas nicht längft ge- 
merkt \)<x\t, tpie fatt ich bas alles tyabz — " 

SBilma fprang auf. 6ie hielt es nicht länger aus, 
es mit ansehen, tpie man ihre Butter moralifch mife- 
hanbelte unb mit JJüfcen trat. „2Beld>en £on erlauben 
6ie fid) gegen meine Butter?" fing fie mit oor Em- 
pörung jitternber 6timme an. 

„(Einen ettpas refpeftlofen," rief 3ofcpt> Slltmann 
la4>cnb. „§)as gebe ich h u " 



□ StoDcüc von Henriette ». 9Kccrj?cimt>. 161 

— . . . — 



Fit einer irouifeben Verbeugung öffnete er SBtlma 
bie £ür. 

„Butter, [oll id> nid>t lieber bei bir bleiben?" SBilma 
faftte nad) ber §anb ihrer Butter, 

2lber griö Rüttelte bie £od)ter oon fiel) ab. ,,©eh 
nur — geht" 

„6o, nun finb «>ir allein," meinte Slltmann. „3e^t 
fönnen u>ir bie tasten fallen laffen. 3d; bin bereit, 
bir oon ben (Einnahmen bes €>tüdes einen £eil abzu- 
geben. Fef)r !ann id) nid)t tun. §>amit faufe ich mid> 
los." 

(Sie wehrte mit ber §anb ab. „Vichts voiii id). Ve- 
ralte bein ©elb. Solange icf> oerbiente, t>aft bu mich 
ausgepreßt une einen <Sd)u>amm." 

„2Benn bu Vernunft annätjmft unb ins Fütter- 
fad; übergingft, fänbeft bu fd>on nod) ein Unterfommen 
an irgenb einem flehten 6tabttf)eater." 

„5öäf)renb bu beinen «Schüblingen £iebhaberinnen- 
rollen fd)reibft unb fie ihnen einftubierft !" 

„3a, bas tpill unb u)erbe id) tun. $>as ift eine 
angenehmere 93efd)äftiguug, als ju^ufehen, tpie's mit 
einer oeralteten ^omobiantin immer mehr bergab 
get)t." 

„Jreilid), bas if t tpober angenehm mitanjujehen 
nod; es burchjumachen. — Fein ganjes £eben habe id) 
bir geopfert, 3<>feph — unb bas ift ber $>ant!" 

„38ofür foll id) bir beim banfbar fein? $>u Eannft 
mir banfen, bafe id) bid) heiratete ! Q3ei beinern erften 
Fann bicltcft bu es nid)t aus. $>er toar bir 511 lang- 
weilig, ßr mag u)ot)l aud) ein ftumpffinniger Patron 
geroefen fein. §>as will ich nic^t beftreiten, aber — " 

„6tumpffinnig ! (belehrt toar Faltig, nid)t fo t>alb- 
gebilbet unb babet unerzogen u)ie bu." 

„0el;r fd) meid; elf) aft. SÖarum bliebft bu bann 

WU. VIII. 11 



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162 



ntcf>t bei beinern ^ßrofejfor , wenn er fo gelehrt 
war?" 

„SBeil es micf> juc ßunft aurücfyog." 

„93löbfinn! Runft! Slmüfieren wollteft bu bid>. 
§>u r;aft überhaupt gar fein $)er5. §>eiue eigene £od>tec 
be^anbelft bu fd>lcd)t. $>aa arme 9Zärrd>en tat mir 
oft leib," 

„Steine fd?led)te33ef)anblung fcfmbetSBilma weniger, 
wie beine ftürforge ^ getan t)aben würbe." 

„SBir werben uns bod) nie perftänbigen, gris, 
§ören wir alfo auf." 

„®as Reifet, bu bracht biefen San! nur Pom Saun, 
um mid) abschütteln?" 

„33erbenten tbnnte mir ba$ wal>rf)aftig niemanb. 
2lber id; fagte bereite, baft id? bir ©elb fd)icfen werbe. 
Siufcerbem bleibt bir ja bie 9*ente oon beinern erften 
2flann." 

„Sa, bie bleibt mir." 

„Unb bu f>aft beine Tochter." 

„gd) l>abe immer nur bid; geliebt, gofepf)." 

„$la, einemertwürbige2lrt, bas^u beweifen, ^aftbu." 

„8u allem fdjwieg id> unb gab bir (Selb über 
©elb." 

„2ld>, ber Settel! Hnb bie 6flaoerei bafür! §)ie 
05enen, ber #rger ! ftvcx will icf> fein unb mein Talent 
entfalten." 

ftrau griö badete an it>rc letzte Hnterrebung mit 
9ttaltit$. Jamale brauchte fie f aft bie nämlichen Söorte 
wie l;eute gofepf) 2lltmann it>r gegenüber. Qiuö) fie 
perlangte nad> 5reit>eit, um fid) ausleben, tyrem Talent 
gered;twerben &u tonnen. 

„Sllfo gut — gel)! gd> t>altc bic^ nid?t länger. $>eine 
paar <5ad)en tonnen bir nad> Wien nad)gefd)idt werben," 
jagte fie enblid) mit bebenber (Stimme. 



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163 

1 



„34> toerfe fcfmell nebenan alles in ben Koffer, 
bann !eine SHühe barmt." 3oJeph Slltmann 

{prang erleichtert auf. „6ei perftänbig, ftxie. Natürlich 
f<4>ict* ic^ ®* l *>> fd>ceib' bir oft, unb fpäter, tpenn tpir 
reicher jinb — u 

„Söaö fpäter?" 

„können u>ir eine elegante 5Bot>nung nehmen unb 
tpieber jufammen leben/' 

6ie Rüttelte ben $opf. „3d> tpill biet? nicht mehr 
mit meinem Hilter bekämen unb bir nid>t bie Siebe 
einer tei^tos getporbenen ftrau aufbrängen." 

(Er tpurbe ettpas perlegen. 3l>^w perjtpeifelten 
©efidjteauöbruc! gegenüber fielen if>m feine rollen 
Siufcerungen benn boch auf& ©etoifjen. „SDar ja gar 
nic^t ernft gemeint, 3riö," murmelte er. „©ibft bu 
mir nicht bie §anb 511m 2lbjcf>ieb?" 

„Stein." 

„9tun, toir fehen uns getPifc balb tpieber." 

„Vielleicht — pielleicht auch nicht." 

„60U ich bir beine £od>ter rufen?" 

„3d> möchte allein bleiben." 

(Sine 9öeile blieb er noch neben 3riö ftehen; bann 
tpanbte er jich &ur £ür. (Eigentlich ging alles oiei 
glatter ab, ab er gehofft hatte. $>iefe SHärtprinnen- 
miene, btefe tpie in öchmerj erftarrte Haltung wax 
natürlich nut ^ine @chaufpielerin fpielt nicht 

\ nur auf ber $3ühne, fonbern meift aud; im Seben 
Später. Wirtlich — für tragische Sftütterrollen befafc 
fie Talent. S>at>er brauchte er ficf> um ihre Sufunft 
tpeber 6orge ju machen noch jid; mit ©etpifjensbiffen 
5U martern. 9tur burd; Seiben unb bittere (Erfah- 
rungen reift bie ^ünftlerin. 

92lit biefem £roft, ben er flct> jelbft fpenbete, perließ 
3ofeph 3iltmann ba& Simmer* warf feine 0ad?en in 



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164 $>as 9tca)t bcs ftinbee. □ 



ben Koffer unb ging bann leife bie treppe fjinab. 
Unten fjänbigte er bem Söirt einige Greine ein 
für bie nod) ftet)enbe 6d?ulb unb bamit feine ftxau nid?t 
beläftigt toürbe unb in Verlegenheit geriete, 

Oer tarn fid> fct>r großmütig mit btefer ^anblung 
por unb reifte in fo pergnügter 6timmung ab roie ein 
Gd>uljunge, beffen grofoe fterien beginnen. 

Qriö 9iltmann fafo in u)rer 6ofaede por bem nod> 
mit öpeifereften unb ©läfern befe^ten <£\\ö). 
* ift ju (Snbe!" fagte fie f>albläut por ftd> fcftu 

kaltes Sntfe^en umtlammerte if)r ^erj. (Sin roür- 
genbeö ©cfüt>l im §alfe fdjnürte it>r bie $et)le. &u. 6ie 
rod> bie ^ummermaponnaife, bas 93rot, ben $äfe. 
2lber ber ©erud> ber (Speifen a>iberte fie fo an, bafc 
fie mit pt?pfifd?er Übelteit tämpfte. 

§>er Kellner fam herein unb fragte, ob er abräumen 
{olle. §>er §err fei abgereift. 

6ie antwortete gar nid;t. 

§>er t)in unb t>cr gef>enbe Kellner, ja bie 2ttöbel, 
bie Tapeten in biefem entfestigen 8*™™^ floffen für 
fie ju einer einzigen 2lbfd>eulid>teit aufammen, bie roie 
eine Saft auf fie brüefte. 

ftort nur — fort! Slber n>ot>in? 

3()r perlaffenes §eim tauchte por if>r auf, bas fülle 
©artent>au6 in Qena. Unten raufd)te bie ©aale, §>er 
^rofeffor fafo an feinem 6d>reibtifd> §>te Heine 3öilma 
pflüdte ©änfeblümd?en auf bem ©raspla^. §>en 
§)uft ber 9*ofen atmete fie roieber, t>örte baö jaud>- 
jenbe $inberlad;en. 

Vorbei — alles porbei 1 §>te große, fd>öne £od>ter 
mit ben emft fragenben klugen ift nid>t mel>r bae 
Ijerjige 23abp, bas perlangenb bie biden <Snübd>enl>änbe 



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□ 91opeüe von Henriette p. SHeer&etmb. 165 



nach \i)t ausftredte, unb von ihrem erften 92lanne 
trennte jie feit langen Sauren eine unüberbrüdbare 
ftluft. $>er fctpeite ©atte aber, bem jte an Siebe ge- 
geben (>atte, toas fie befafc, ber perüefe fie ^erjloö. 

38as jollte jie nun anfangen? tiefer, immer tiefer 
it>rc $lnjprüche I)erabftimmen, bis jie Pielleicf>t jcfjUefolid; 
ab öouff leuje an irgenb einer 2Binleljd>miere ihre Sauf- 
bahn befct>lofe? 6ie, bie gris Slltmann, bie einjt pon 
bem SBiener ^ublitum im Söurgtheater mit Sorbeer- 
tränjen unb Beifall überfetjüttet u>urbe! 

SÖöilma !am leije ^ereingejc^lictjen unb legte ben 
ßopf gegen bie 0<$ulter ber Butter. „Siebe Butter, 
jei boö) nicht jo traurig!" bat jie. „geh bin noch bei 
bir, beine SDilma. $>u folljt jehen, tpie gut nur ju- 
jammen leben roerben, tpir jtpei allein/' 

»3<* — W 5™u gris lächelte fct>u>acf?* „geh 
tann rhetorifchen Unterricht geben, unb tpir jtümpern 
uns o burcf>. — Wirmes $inb, bir h<*b' ich auch bas 
Seben perborben." 

„6ag bas nicht Butter!" 

„Se ijt aber boch jo!" 

Süilma tpollte nicht jagen, roelche <£rlöjung für jie 
5lltmanns (£ntfd>ipinben bebeute. £aufenb ^län? 
burd>treujten ihren $opf, tpie jie fid? mit ber Butter 
ein neues Seben einrichten tpolle. 2lber biejem gram- 
pollen ©eficht gegenüber ipagte fie nietjt pon gutunfts- 
hoffnungen ju reben. 

„befreie mich pon biejem gräftlichen $leib!" bat 
gris. „Unb löje mir aud> bas §aar auf! gebe 9tabel 
tut mir tpet). gd> tpill früh 8 U 95ctt gehen, borgen 
tpollen tpir <?3läne machen." 

2Bilma tämmte ber Butter bas trausgebrannte §aar 
glatt unb 50g ihr einen weichen 9ftorgenrod an. 

gris lieft tpie willenlos alles mit jich machen. 



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166 



5>as Stecht bes ftinbed. 



9flit einem järtlicfcen ftufe perüefe SBilma bie Butter 
enblid). 

3rie ftanb por bem 6piegel unb ftarrte unpertpanbt 
hinein, bb ifjr ber eigene Slnblid unheimlich mürbe. 
3h** Slugen fahen ftarr unb gläfern, bie Süge u>ie 
in bie Sange geredt aue. 

„3n 6d>bnheit fterben V 60 gingen ihr bie Söorte 
ber §ebba ©abler aus gbfene S)rama burd? ben 
€>inn. 

2Ber bas fönnte! gn 6d?önt)eit fterben! $lue- 
löfd>en u>ie ein £id>t — nicht mehr fein ! Söeld) ^imm- 
lifcf>cö ©efttyl tpäre es, einjufchlafen, trenn fo langfam 
unb allmählich bae 93etpufetfein fchtoanb! Ellies löfte 
fid>, fiel ab ! $öem nützte fie noch, toenn fie bie 93ürbe 
bee £ebene roeiterfchleppte? 2tiemanb. 3m ©egenteil, 
ihr £ob enftpirtte alle 33ertpidlungen. Söilma tonnte 
au ihrem 93ater aurüdtef>ren unb ben 92knn, ben fie 
liebte, heiraten, Unb QofcpI> Slltmann tpürbe erft recht 
fein £eben genießen, frei pon jeber läftigen Ver- 
pflichtung. 

traurig ift'e, toenn man nur nod? burd> ben £ob 
ben Seinen nü^en !ann, fiatt mit feinem £eben. 2lber 
ee tpar nun einmal fo. Ellies toiberte fie an. 6ich 
pon neuem an £l)eaterbireftoren u>enben ober mit 
SBilma in irgenb einem ^ropinaftäbtdjen eine billige 
Söohnung mieten — beibee tpar gleich gräfelid;. 9ftan 
pertaufd;te nur eine Qual mit ber anberen. 

OTit weit offenen Slugen lag fie im 23ett. §>er 
(Schein bes nieberbrennenben £id>tes fiel auf bas ©e- 
fimfe pon ©taub an ber §>ede, beren größerer £eil 
ber (Schatten bee 93ettfd;irmö perhüllte. 

^3lö^lid> begann ber <Sd;atten bes 33ettfchirm8 ju 
fd>ipan(en. Sr belmte fich aus — anbere ©chatten 
toctten ihm entgegen — bann perfchtpanben fie alle, 



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□ StoocUc von Henriette v. SRccrfccimb. 167 



fammelten ftch aber toieber unb floffen &ufammen in 
ein fchtsarjes, unburchbringliches S>unteL 

Um fich von intern 5lngftgcfüt>l $u befreien, ftanb 
3cis fd>nell auf unb ging in SBilmas Gchlafjimmer, 
bas neben bem Galon lag. 

SMe £od?ter fchlief fd)on feft. grie trat &u i|>c unb 
beleuchtete i|>r ©efid)t. Sange fa|> fie fic an. Se^t, 
ipo 2BUma fchlief, ruhig ausgeftredt, ben 2lrm unter 
bem S^opf, fanb fie bie 8üge bes ^inbergefichtchens 
toieber. 

„kleine SBilma, mein hübfd>es 33abr> ! ' fagte 3ri8 
<*eife t>or fic|> I>m. 

5>ie 6chlafenbe fcfjien ben auf fie gerichteten 93li<f 
3u fpüren. Unruhig toanbte fie ben $opf jur 6eite 
unb murmelte ein paar unbeutliche 5Borte. 

3ris trat in ben (Schatten jurüd. Sine SBeile 
blieb fie regungslos fielen, bas £id>t mit ber #anb 
bebedenb. §>ann, als ^ilma tpieber feft fchlief, beugte 
fie fid? tief über bas 33ett unb (üfote leife ben auf ber 
$>ede liegenben sartgerunbeten $lrm bes jungen 9Räb- 
cfjens. 

33orfichtig, auf ben S^^nfpi^en, fchlkh fie bann 
u>ieber hinaus. 

93or ihrem 93ett in ber na<htfchtt>ar5en Cammer 
graute ihr. €>ie blieb im 6alon. Sin 9*eft Cham- 
pagner ftanb noch in bem ßübel, beffen Sie längft &u 
fchmu^igem SBaffer jerfchmoljen u>ar. 

3ris gofc f ict> ein ©las ein unb tränt es burftig in 
(leinen 6d?lüden aus — noch eins unb ein brittes. 

3lH'e ©ebanten fingen an f icf> ju oertpirren. Sin 
toilbes 6ef>nen übertam fie nach einem neuen §>afein, 
bas &u ihrer ffreube gefchaffen roäre, neue ©eftalten, 
neue Hoffnungen jeigte, in bem es (eine Vergangenheit 
gab. Slber bas toar ja bas 6chredliche, bafe es un- 



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168 



- 



möglid; ift, bas <$efd>ehene ungesehen 511 machen. 
Qlud) bie Erinnerung rann man toeber töten noch per- 
graben. 6ie bleibt lebenbig — folange man felber 
lebt 

6d>toanfenb ftanb fic auf unb ftrid) ficf> über bie 
(Stirn, 2Die getrieben von einer unroiberftehlichen ©e- 
roalt, mechanifch aber pöllig aielberoufct tat fic alles. 
Suerft nat>m fic eine £eeferpiette, breite beren 3ipfei 
feft jufammen unb perftopfte bamit forgfältig bas 
6d>lüffelloch 5U SBilmas £ür. Sin Teilchen laugte 
fie auf bie frieblid>en QUemjüge ber £od>ter, bann 
löfd>te fie bas Sf#t 

3e^t rourbe fie fid> betpufct, bafc fie etwas Snt- 
fdjeibenbes tun wollte. Stroas Sntjcheibenberes, als 
fie in il>rem £eben jemals getan Ijatte. 

93orfid)tig iappte fie porroärts. §>as gimmer rcar 
nid>t ganj bunfel, weil bas £aternenlid)t pon ber 
6traf$e burd) bie nid)t feftgefd>loffenen £äben herein- 
fiel. £eid>t fanb fie baf>er bie 6telle an ber 2Banb, 
pon ber ein bünner ©asfd)lauch jum 3BaffertPärmer 
herabf)ing. 

6ie rollte einen 6effel bis bid>t an bie Söanb, 
breite ben ©ashabn auf unb nahm bie Öffnung bes 
6d?laucf)s in ben 9ttunb. Qt>r S^opf lag gegen bie 
£ef>ne bes (Stulls, bie übereinanber gebiffenen 8äfme 
gelten ben 6chlauch feftgeflemmt. 3n tiefen $ltem- 
&ügen fog fie bas töblid?e <£>ift ein. Sine Seitlang 
horchte fie auf ibren immer heftiger roerbenben 
§er5fd?lag. 

„3d? roerbe mid? pon allen — unb mir felbft be- 
freien!" $>as u>ar ihr le^ter flarcr ©ebanfe. 

3n ibren Ohren fummte unb fang es teie ferne 
9tteeresbranbung. §>ie 2lrme faulen fd>laff hinter. 
$>er $opf fiel haltlos auf bie Q3ruft. 



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• • • •■ • ■ ■ 



D SioDcllc von Henriette i>. 92teer£cimt>. 169 



7. 

$>a5 Begräbnis pon Jrau 3riö Sütmann u>ar porüber. 
2tur bie £ocf>ter unb ein paar gutmütige Kollegen 
pom 9Hainaer 6tabttf>eater Ratten ben (Sarg begleitet 
3ofepf> Slltmann tpar nid>t erfd^ienen. 0tatt feiner 
traf nur ein fdnoülftigee Telegramm unb ein großer 
fiorbeertranj ein. 2Dilma t>atte ben S^ranj ftumm auf 
bae ftufeenbe bee 6arges gelegt. 

6ie fanb (eine tränen, ab ber fdnoarje ©edel 
über bie ©eftalt ifjrer toten Butter gelegt tourbe. 
6d>öner unb jünger u>ie im £eben fal) 3riö 5lltmann 
im £obe aue. Site ob eine u>eid>e £>anb alle $ummer- 
falten, allen ©ram unb Sirger pon iljrem ©efid;t toeg- 
getoifdjt t)abe, fo bafo bie urfprünglid) fein unb \d)ön 
gefdjnittenen 8üge toieber ficfjtbar würben. 

§)ie legten £age lagen toie ein toirrer, toüfter £raum 
hinter Söüma. $>er fd?rectltd>e borgen, an bem fie 
mit heftigen, pon bem betäubenben ©asgerucfc er- 
zeugten S^opfjc^merjen ertpad>te, inftinttip ba$ {Jenfter 
aufriß unb in bas Siwwer nebenan ftürjte, in bem fie 
tyre Butter tot, immer nod? mit bem ©aefdjlaud? 
5toifd>en ben Sälmen, fanb. 

§)en §af>n jubretjen, na<$ §ilfe rufen, auct> f>iec 
alle {Jenfter öffnen, toar bas $8ert eines Slugenblictö. 
Qlber ber fdjnell pom 3öirt herbeigeholte Olt^t tonnte nur 
ben £ob burd; ©aeoergiftung feftftellen. 

2lus 9*üdficf>t für bie £od)ter tourbe unoorfic^tigeö 
Öffnen be$ ©asljafcne, alfo ein Unglüdefall als £obes- 
urfad>e angenommen. 

$8ilma tpar bantbar bafür. ©lauben roürbe u>ot>l 
niemanb red?t baran. Slber u>enigftenö ging bod> bei 
ber turjen Jeier am ©rabe ein ^rebiger mit, läuteten 
bie ©locten unb fang ber &ird;end)or. 



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170 S>as 9*ea)t bes ßinbes. 



3Bilma machte in biefen fdjtperen Magert bie 33c- 
mertung, bafc nid>t nur 9leib unb 921tf3gunft, fonbern 
au<$ tpirtlkfje $amerabfd>aft unter ben 6d>aufpielern 
l>errfc{>te. Obroofjl it>rc Butter bocf> nur turje Seit 
in 9Haina gaftiert fjatte, teiner Kollegin tpkflic^ näf>er 
getreten tpar, fo erhielt 38ilma bo<$ piele ^ilfreidje 
Verbieten. 0ie leimte alle bantenb ab. 5Sa6 fic 
eigentlich tun sollte, ipar tyr felbft no<$ nid;t ganj 
flar. Suerft bejahte fic von bem tpenigen ©elb, bas 
ftc|> porfanb, bie Auslagen bes 5Birtö. §>ie ßoftümc 
ber Butter nalmt tyr ber SMreftor be& Sweaters ab. 53on 
bem (Srlös tonnte bas Begräbnis bestritten tperben. 

2lber tpaö nun? 38o follte fie f>in? 2ln tpen fiel) 
tpenben? 

$ln tyren 33ater? 

§>ae u>ar tpofjl tyr 9*ed>t als $inb. Slber ettpas 
in tf>r fträubte ftd> bagegen. (Seine legten garten 
SBorte fielen tyr lieber ein. 

6ie tpollte it>rc tote Butter aber ebenfotpenig 
perleugnen tpie bie lebenbe. 8u tyrem 93ater tonnte 
fic alfo nid>t flüchten. 

Sine ber 6d>aufpiclerinnen f>atte it>r fjier ein billiges 
§eim für ftellenlofe junge 9ttäbcf)en genannt. §>al>in 
mufote fie fid> toenben unb perfu4>en, irgenb einen 
spiatj als (Stütje ober 33onne ju betommen. 

2öie fagte ber93ater bod>, als fic tynbamalsperliefe: 
„(Sei) beinen Söeg, er füf>rt ins Unglüd — pielleid>t 
in Slenb unb 6c$>anbe!" 

3n6 Hnglüct u>ar fic geraten — ja. Slber in 6d?anbe 
— nein, bamit follte er nidjt red?t behalten. 6ie 
trug einen Talisman um ben §alö, if>ren 33erlobungs- 
ring, ber fd?ü^tc fic por jeber 93erfud[)ung, ebenfo toie 
bie (Erinnerung an bas perfeblte £eben unb troftlofe 
sterben it>rer 9!Uitter. 



□ Novelle von Henriette v. 9neetheimb. 171 



(Sin rafcf>e6 Klopfen an bei: £ür unterbrach SBilmae 
©ebanfen. 

„3d> bin für niemanb &u fprechen," rief fie bem 
eintretenben Kellner entgegen. 

„(Sin §err ift unten, ber fträulein buretjaus {ehen 
wVL" 

„(Stoa £err 2lltmann?" 
„Stein — ber nicht." 

„3ft es ein alter §err?" fragte SBilma Saftig. 
„Stein — ein junger, unb ben tarnen nannte er 
aud? — SBolf ober fo ähnlich." 
„Söolföburg?" 

„3a, richtig — Söolfsburg!" 

§>em unten im film Söartenben tpar bie Seit &u 
lang getporben. Stoch ehe ber Kellner 93efd>eib &urücf- 
gebrad>t ^atte, {prang Söolföburg feiern bie treppe 
hinauf. 

Unb bann ftanb er por Söilma in bem flehten, 
dben ©aftboföjimmer unb faftte ihre §änbe. „$Bilma, 
meine liebe, füfee SBilma!" 

Gie ftanb tpie im£raum unb liefe es ruhig gesehen, 
bafc er fie in feine Slrme 50g unb if>r blaffes ©eficht 
tüfete. „SBohet tpetfet bu, bafc meine Butter geftorben 
ift?" fragte fie enblid>. 

„$Bir lafen ben Hnglücfsfall in ber Seitung, SBilma." 

„Unb ba fd>icfte mein 23ater bich?" 

„Stein, ich fut>r fogleid) 5U ihm nach Qena, unb 
bann reifte id) mit meiner Butter nach 9ftain&, um bich 
jurüdjuholen. Sftama ertpartet bich * m ,©olbenen 
Sinter'. — SMma, bu tommft mit uns — nicht 
tpahr?" 

6tatt jeber anberen Slntoort jog fie ihren Sting 
an ber ©ummifchnur fycwox unb J>iclt ihn ihm tym. 
„§>en h<*b' ich noc £ benfelben Slbenb am 6aaleufer 



172 



gefudjt unb gefunben, Eberljarb. 6eitbem trug id> 
if>n immer bei mir/' 

SGÖolfsburg rife bie £<$nur burd> unb ftedte ben 
SKing tpieber an ifjren Ringer. „§>as §aus in 2Berne- 
burg tpartet auf biet), 38ilma. 5Ules ift unperänbert." 

„§>ie tpeifcen Margareten finb injtpifdjen abgeblüht/' 
meinte fie *mit leifer 2Bet)mut. 

„3ebes 3af>r blühen neue. Unb nun tomm fort 
aus biefem gräßlichen gimmer mit all feinen traurigen 
Erinnerungen/' 

Gie folgte ot)ne 38iberfprud). Erft bidjt por ber 
£ür jbgerte fie. „Eberfjarb, in biefem gimmer ift 
meine Mutter geftorben/' gi>re großen Slugen faf>en 
tyn ernft an. „3d; tonnte nie ein partes Urteil über 
meine Mutter ertragen." 

„§>u tpirft feines pon mir frören, gBüma. §>as 
perfpreetje i<$ bir." 

„Unb pon meinem 33ater?" 

„93on bem auet) nict)t. §>ein Q3ater läfet bir fagen, 
er bitte biet), &u ibm jurücfäufommen. Er fiefjt ein, bafc 
er ju f>art getoefen ift. Es fei bod? tPor)l bein Stecht 
getoefen, biet) um beine Mutter 311 bekümmern." 

Ein fd;lud?3enber 6eufeer t>ob it>rc 33ruft. 

„§>ein 93ater ift fet>r alt geworben aus (Sorge um 
bid>," fut)r 3öolfsburg fort. „&ud> feine Arbeit rüctt 
nid>t portoärts, bas Kenten an bid> 30g ifm mei)r ab 
tPie bie flehten Störungen früher. §)te etpige (Stille 
uuirbe bebrüdenb. Er feinte fid) nad) beinern §erein- 
laufen unb ^za^en" 

„Unb tro^bem formte er mid> meinem (Sct)idfal 
überlaffen! Er beanttportete ntct>t einmal meinen 
33rief! 2luct). bu, Eberfmrb, liefceft nie ettpas pon bir 
t)ören/' 

„§>amit ftrafte id; mict) felbft am ^ärteften." 



□ 



Otooeüc poh Henriette r>. 92teeri?eunb. 



175 



„38ee£alb tatejt bu es benn?" 

„SBeil id) auf einen 9Uif von bir wartete." 

„3d> u>ar fc^r elenb unb serlajfen." 

„3a, u?ir f?aben Diel unnötige Seit serloren. $lber 
je^t bleiben tt>ir beifammenl" 

Wüma fat> an tyrem fdnsaraen $leib hinunter. „§>ie 
arme Sftutter l>at mt<$ boö) liebgehabt 1" jagte [ie leife. 
„6ie ift in ben £ob gegangen aus ©ram unb <£nt- 
täufd?ung, aber aud) bamit i$ ben $8eg &urücffänbe." 

(Sr antwortete ni<$t, ipeil bie innere 93etr>egung it)n 
ftumm mad>te. 9Ilit feftem $>rud umfdjlofc er bie 
weiche 9näbd>en^anb. 




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/tmetfen/ludfen im Sfmmer* 

Don <t. $alfenr)orft- 

tllit 5 Öüdcrn. t (na*öru<f »erboten.) 

mmer lebhafter tpenbet f ict> gegenwärtig bas gnter- 
effe ber Qtaturfreunbe ben Slmeifen &u. 6ie per- 
bienen es aud>. 6inb fie bo<$ „fokale" £iere, bie in 
if>cec emfigen £ätigteit fo fct>r an menfcf>liches §anbeln 
unb 6treben erinnern. Slderbau treiben ja bie einen 
unb bie anberen eine 5lrt 33ief)&ucht. ©trafeenbauer 
finbet man unter if>nen; piele finb im ©raben unb 
dauern 9tteifter, einige arbeiten in §0(3 tsie Simmer- 
leute. 6efu)aft finb bie meiften, aber auch 9comaben- 
pöller gibt es unter ihnen. Regelrechte Kriege führen 
fie gegeneinanber, perteibigen tapfer bas rpinjige 6tücf- 
d>en £anb, bas ihnen bie §eimat bebeutet 9iacf> langen, 
erbitterten kämpfen ftnben fich jebod) gleichwertige 
©egner bereit, ^rieben 5U fcbließen, unb leben bann 
in Eintracht neben- unb untereinanber. 

9ttif>renb gerabeju fft it>re unermüblid;e Brutpflege 
unb bie £iebe jum angeftammten Sief*, unb grofe jeigt 
fiel) ihre §ilfsbereitfchaft, rpenn ihresgleichen in 2lot 
unb ©efa^r geraten; fie ertpeifen fich als mitleibpolle 
6amariter, aber rpenn es gilt, auch als tpaefere 23er- 
teibiger, bie mit aufopfernbem 2Hut it>r £eben für bas 
©emeintpefen einfe^en. 

§>iefe unb anbere Betätigungen ber rührigen fleinen 
©efdjöpfe fann man in ber freien 9catur nicht fo gut 




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□ 



beobachten, tote man ee n>ünfcr;t. 6elten nur füt>rt 
uns ber Sufall intereffantere €>&enen aus tyrem £eben 
vot 9lugen. 3f>r £un unb treiben im tiefte bleibt une 
pollenbö unfidjtbar. Sollen u>ir in baefelbe fnnein- 
blicfen, fo muffen toir ee aerftören, aufwühlen unb auf- 




f$ünftlicf>c8 Slmeifenneft mit bet „^orclfc^en Mirena". 



beefen. §>ann ergreifen ^anif unb 53er3tpetflung bas 
fjeimgefucfjte 93olf, unb tt>ir fet)en nur 93erfud>e ber 
33erteibigung, Rettung ber 93rut unb allgemeine Qiudjt 
33on ben intimen Vorgängen bes 9?eftlebenö fpielt fid; 
ba leiner t>or unferen klugen ab. 

Qlu$ biefem ©runbe haben 9^atuiforfct?er 511 bem 
Hilfsmittel gegriffen, Slmeifen in tunftlicfjen Heftern 



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176 Slmeifenftubicn im 3 mimcr » Q 



&u galten, bie fo begaffen finb, bafe man jeberjett einen 
(Sinblict in bas geregelte unb gewohnte treiben bes 
Boltes gewinnen fann. §Me Srgebniffe biefer Beob- 
achtungen finb überaue lehrreich. 2Bas JJorcl, £ubbocf, 
Söafemann, €f$eri$, 3anet, ftielbe unb anbere aus 
ben ©eheimniffen bes Ameifenlebens enthüllt t)aben, 
war 311m größten £eü nur burd> bie Beobachtung ber 
£iere im fünftüchen 2tefte möglich geworben. 

$>iefe Art, bas Ameifenleben &u ftubieren, ift jebem 
2taturfreunb fcl>r ju empfehlen. 6ie bietet häufig 
me^r Vergnügen, Unterhaltung, Befriebigung unb Be- 
lehrung als bie $u<fyt ber ftumpfen ffifche ober bie 
Pflege ber trägen furche unb Kriechtiere. §>ie beweg- 
liche, nimmer ruf>enbe Ameife ftellt uns ftets oor neue 
Probleme unb führt uns gerabe auf bie gegenwärtig 
fo oiel erörterten ©ebiete ber fokalen Betätigung unb 
ber <-pfi)chologie im Tierreich. 

6d>on in ben 6prüchen 6alomonis Reifet es: „©ehe 
hin jur Ameife, bu fauler, unb lerne, ob fie wohl feinen 
dürften, noch Hauptmann, noch Herrn h^t, berettet fie 
boch ü)t Brot im «Sommer unb fammelt ihre €>peife in 
ber dritte." Roxel fügte biefem noch treffenb hi n S u: 
„6ie gibt bem 2ftenfchen bie fokalen Sehren ber Arbeit, 
ber Eintracht, bes 2Kutes, ber Aufopferung unb bes 
©emeinfinnes." 

§>te 9taturf orfcher haben für ihre S^ecte oerfchiebene 
fünftliche Ameifennefter erbaut. 6ie finb häufig fo 
folib gebaut, bafc man fie auf Reifen unb felbft ju ^ferbe 
mitführen fann. $>er 9Zaturfreunb, ber in feinem Sim- 
mer Beobachtungen anftellen will, fann fid> mit ein- 
facheren Hilfsmitteln begnügen. 2Bir möchten ihm 
barum eine Anleitung &ur §erftellung einfacher 2kft- 
behälter geben, bie bem gweef oöllig entfpred;en unb 
noch ben Borteil bieten, baft fie fo gut wie gar nichts 



dby 



177 



toften unb ungemein Ictd>t unb rafd) fi<±> anfertigen 
laffen. 

8unäd>ft führen toir ein ©lasneft por. $>aö Ma- 
terial baju befielt aus ©lasfdjeiben, ^oljleiftctjen unb 
bem nötigen S^ttt nebft ettoas SBatte ober 9öolle. 
platten pon mißlungenen pf>otograpf>ifd>en Aufnahmen, 
bie bei jebem Amateur ficf> in unertoünfdjter ftülle an- 

r • i 



©ruubrift eines ©laeneffes für 3lmetfen. 

fammeln, eignen fid> fef>r gut für unfere Srrecfe. £>an- 
belt es fiel) um Beherbergung Heiner $lmetfenarten, fo 
genügen platten t>on bem gangbarften ftormat von 
9x 12 Sentimeter; für große Birten tpctylt man platten 
pon 13 x 18 S^ntimeter. 3ftan reinigt fie in roarmem 
38affer pon ber anf>aftenben ($elatinefd>id>t unb läßt 
fie trodnen. £>ann befebafft man ficf> fdjmale, etroa 
V 3 bte 1 gentimeter biefe §oläleiftcr;en, fd;neibet fie 
entfpred?enb ber ^lattengröße aured;t unb fittet fie auf 
mi. vui. 12 



178 



Slmeifenftubien im Simmer. 



□ 



bie platte am 9*anb t^ccum auf. 2Jfp£altlad ober be- 
liebiger Spirituslad lieben am ©las genügenb feft unb 
finb a>afferbid>t. 2ttan beftreid?t bamit bie ©lasplatten 
am 9*anbe unb bie eine Seite bes £eift<$ens, baö bann 
auf bie platte feftgebrüdt tptrb. 3ft ber £ad troden 
geworben, fo fann man bie <£den bes fo entftanbenen 
ßäftdjens mit etoas Siegellad feftigen, rooburef) aud> 
ettoa oorl>anbene ^itjen gefc^loffen werben. 




©lasneft jur 51ufna(>me ber Slmcifcn eingerichtet. 



21n 5tx>ei ©teilen bes 9fcu)mens läftt man Süden frei, 
in bie man ©lasröf>rd)en einfetjt, bie mit ©laferfitt ober 
Siegellad bid>t eingeüttet werben. Unfere 21bbil- 
bung auf Seite 177 jeigt ben ©runbrifo eines folgen 
©lasneftes. 9tun flebt man oben auf bie £eiftd>en 
streifen oon tpolligem Stoff ober 2Bollgarnfäben unb 
legt eine ©lasplatt* barauf. Sie prefct ftcf> an ben 
wolligen Stoff berart an, bafe feine £üde bleibt, bur<$ 
bie bie $lmeifen entfdjlüpfen tonnten. $>ie 2öolle ift 
aber genügenb porös, um ben nötigen £ufta>ed){el im 
9Je[te 511 ermöglichen. 



□ 33on <£. Jalfenhorft. 1 79 



©obalb ber £adgeruch fich perflücbtigt hat, lann bas 
9teft benü^t tperben. $>as gebogene ©lasröhrcf>en auf 
unferer nächften 9lbbilbung bient &um 8wfü^ren von 
3Baffer; por feine im Steft befinbüd?e Öffnung legt man 
einen Söattebaufch, ber bas eingetröpfelte SGÖaffer auf- 
faugen foll. Sin beftimmter ©rab oon fteuchtigteit 
ift für bas ©ebetyen ber Slmeijen unbebingt notig. 
§>as jtpeite gerabe ©lasröht<h* n foll in gegebenen 
fällen pon ben 9lmeifen als Eingang unb Ausgang 
benüfct werben; fonft oerf erliefet man es mit einem 
flehten Söattebaufch. 

$>ie Simetfenforfcher befi^en auch aus ©ips gegoffene 
9kfter, bie geariffe Q3orjüge tyaben, aber nicht leicht 
herstellen finb. 2Bir haben nun für biefe 2lrt Hefter 
im Sement ein portrefflid>es, leicht &u bearbeitenbes 
Material gefunben. Sttan begafft fich ein flaches §olj- 
ober ^ßappfäftchen oon entfpredjenber ©röfce. $>ie 
^appfchachteln, in benen photographifcf>e platten oer- 
padt tperben, finb ba&u fehr gut &u gebrauchen, gm 
9*anb berfelben toirb an einer 6telle ein <Sinfd?nitt 
gemalt, in ben man ein längeres ©lasröh^hen fo 
einfügt, bafe es ettpas tiefer in bas Qnnere ber 6chachtel 
hineinragt unb auch einige Sentimeter nach aufoen 
heroorragt. 9Uin rührt man ben Sement mit 3Baffer 
ju einem recht biefen 93rei an unb füllt biefen in bie 
Schachtel; ber 33rei muf$ biefe reichlich über bem 
9lanb ausfüllen. §>ann ftreicht man bie ftiädpe mit 
einem Frettchen ober einer ©lasfdjeibe glatt unb läftt 
bie SHaffe ettpa eine 93iertelftunbe ftef>en. §>er gement 
ift inatPifchen f efter getporben; boch ift er noch v>*ty 
genug, bafc er fich bearbeiten unb mobellieren läfet. 

9Zun jeichnet man ehoa in ber 97Htte ben Umfang 
bes Heftes ein unb hebt mit einem «Spatel ober £afdj>en- 
meffer fo piel Sementmaffe aus, bafc eine Höhlung 



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ISO 



SimeifenftuMen im Simmer. 



cnt}tef>t, bie für fleine 2(meifen etu>a V 2 Sentimeter, 
füt grofte etu>a 1 Sentimeter tief fein foü, Sugletcf) 
rsirb bie 9ttünbung bes im Sement eingebetteten ©las- 
röfjrdjens aufgejud>t unb freigelegt. 6ie bübet ben Ein- 
gang ins 9tejt. StPifd)en bem Sleft unb bem Gd>ac|)tel- 




f^ünftUc^cs Slmeifemtefi aus Scntcnt. 



ranb roirb in ber Sementmajfe eine fleine ©rube aus- 
gehoben. SHiwj) (Sinfe^en pon Quer^öl^en teilt man 
fd>lief$lid) bas 9teft in brei Abteile, bie ben Kammern 
ber natürlichen ^ejter entfprec^en follen. 3e^t läfct 
man bie 2ttaffe trodnen. 3n etrr>a ju?ei £agen ift ber 
Sement fteinfjart geworben, unb bas Steft fann in 23e- 



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□ 



93on £. Jdfenfjorjt. 



nüt>ung genommen werben. 93orl>er Hebt man aber 
um ben ftanb ber 9teftyöf)lung SBollfäben auf unb legt 
auf biefe eine ©lasplatte. 

3n biefem fef>r bauerfjaften Steftc u>irb für bie 8u- 
füfjrung ber ffeudjtigteit berart geforgt, bafc man von 
Seit ju Seit bie feitlid) gelegene ©rube mit 2öaf jer füllt. 





Slmcijenpolf im (ü»ftticf>en 9Teft. 



§>a ber gement burc^läfjig ift, fi<fert bas SBafter nad; 
unb nad; in ben 6tein. §>ie ber ©rube netyer liegenben 
9teftabteüe finb feuchter, bie entfernteren bleiben troefe- 
ner. §>ie Slmeijen fönnen bie tynen für bie 33rut am 
meiften jujagenbe (Stelle auswählen. 

5>ie Heine Vorarbeit ift bamit getan. Tlnn Reifet 
es, bie QZefter bejiebeln. $luf einem Qlusfluge im freien 
ober im §ausgarten finbet man leid)t 5Imei[ennefter. 
2Bir graben eines berfeiben auf unb entnehmen it>m 



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182 Slmcifenftubien im 8imtnet. □ 



einen £eü beö 23oltes mit $ofon&, ben fogenannten 
„Slmeifeneiern", unb fonftiget 93rut. 6inb bie oft fo 
intereffanten „Slmetfengäfte" babei, fo werben fie natür- 
lid; gern mitgenommen; in einer bichtfchltefeenben 33lech- 
büchfe bringen toir ben QaxiQ nad) §aufe. §ter nehmen 
voll eines ber tünftlichen Hefter, breiten in ihm ein 
wenig gut burd>feud>tete Srbe auö unb bebeefen ee mit 
einer ©lasplatte. 2luf einem ^oljbrett flutten wir 
bann ein^i etwa 5 Sentimeter |)of>en freiöformigen 
28all aus frifd>em ©ips auf. 2ln biefen SBall {Rieben 
wir nun bae ju befiebelnbe 9teft t)eran, unb &war fo, 
bafe bas oorragenbe ©lasröhrchen bie ©tpswanb burd>- 
ftofet unb frei in bas gnnere bes Tinges münbet. $>urd> 
Auflegen eines fehwarjen ^apptartons wirb fd>liefelich 
baö $teft Derbuntelt. 3>ie neue SBofmung ift je^t jum 
93ejiet)en bereit. 

9lun nehmen wir bie 9Mechbücf>fe mit unferem ftang 
unb fd>ütten rafd) ben Qnhalt in bas gnnere be$ 9lmg- 
walls. Natürlich werben bie Slmetfen oerfudjen, $u 
entfliegen; fie ftieben nad? allen Dichtungen aueein- 
anber, aber ber ©tpswall bilbet für fie ein unüberwinb- 
Udjes ^inbernis; faum bafc fie einen ober &wei S^nti- 
meter h*><h an ihm hinaufgeklettert finb, purjeln fie 
plötjlkh pon ber loderen Sftaffe herunter unb liegen 
wetfcbepubert am 5 U 6 C pCö unheimlichen 93ergee. 9Zad> 
turjer Seit geben fie biefe 5lud>toerfuche auf; nur 
einige wenige §artnädige laufen unermüblich Cturm 
gegen ben uneinnehmbaren Dingwall. §>ie anberen 
juchen fid) &u oerbergen, unb ba bietet ftd> ihnen bie 
freie Öffnung bee ©laerbhrchend bar. 93alb ift fie ent- 
bedt; bie erfte Slmeife triebt jogernb hinein; oorfichtig 
rüdt fte in bem ©lastunnel oorwärte unb gelangt in 
bas 9kft, bas fie bis in bie entlegenften Fintel unter- 
fucht. Q3alb oerläfct fie bas 9Ieft, fehrt in ben Ding- 



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93on <S. Jaltenfcorft. 



roall jurücf unb oerftänbigt anbere t>on ihrer (Sntbedung. 
Smmer größer urirb nun bie 8<*hl ber Ameifen, bie 
bae Qtcft auffudjen unb prüfen, unb enbltd) fic^>t man, 
tsie eine ber Arbeiterinnen ben erften ftoton in bas- 
jelbe hineinträgt. 

9lun folgen rajeh anbere ihrem 53eifpiel; in wenigen 
©tunben ift je nad> ber 6tärte beö 93olteö bie 33rut 
in bem neuen tiefte geborgen. 2Han fict>t nur noch 
einzelne Arbeiterinnen in ben (£rbbröcfeln inmitten bes 
9ttngu>alleö t>erumtpü^(en, um t)ier unb bort einen 
oerjehütteten $oton ^erauejuarbeiten unb in bas neue 
§eim ju föaffen. (Snblich t>at ficf> auch bieje ftettungs- 
tolonne in bas Steft aurüctgejogen, unb toir tonnen nun 
bie 9Mnbung bes ©lasröhrchenö mit einem 3Battebaufch 
oerftopfen. SMefe 㣟r" fchliefet fieser, leine Ameife 
!ann fid> burch fie aroängen, feine £inburd>beißen. 

Irinnen im tiefte geht es aber lebhaft 5U. §>a 
tx>erben bie S^ofons auf Raufen gewichtet; bie junge 
53rut wirb burch 93elecfen gereinigt unb eifrig gefüttert. 
£ag unb Qtac^t arbeiten bie emfigen £ierchen, bis 
enblich Orbnung gefchaffen ift unb, tpie a>ir auf unferem 
legten SMlbe fehen, bie einzelnen Abteile ju 33rutneft, 
ff utterneft unb Abfallneft eingerichtet finb. $>en ©tps- 
toall tonnen toir aber fpäter noch brauchen, tpenn toir 
ben Ameifen einen Auelauf gejtatten toollen, um ihr 
£un unb treiben außerhalb bes Heftes &u beobachten. 
$>ie QZaturforfcher nennen ihn ju <£hren bes berühmten 
fchioeijerijchen Ameijenforfchers bie „fforelfd>e Arena". 

$>ie ffütterung ber Ameifen ift leicht. 9ftan gibt 
ihnen je nach Strt jufagenbe Nahrung, ffleifchfrejfer 
erhalten gnjetten, Söürmer, gehabtes rohes ff leifcf? unb 
bergleichen, natürlich in annagen Mengen. Vegetarier 
ffrüchte, 9ttehl unb ähnliche ^flanjentojt. Alle aber 
najehen leibenfdmftlich am §onig unb an befeuchtetem 



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Slmcifenftubien im 3"nmer. 



□ 



8uder. Söirb bann nod) für bic nötige fteudjtigteit ge- 
borgt, fo gebetyen bic Kolonien trefflid); jahrelang !ann 
man fic erhalten unb retyentpeife neue ©efd>led)tec 
t>erantpad?{en [ef)en, 

ftreilid) bro{>en unjeren Pfleglingen aud) ©efafjren, 
$rantf)eiten, ©er 6d>immel ijt it>r größter 5*wb; in 
perfctyimmelten Heftern gel)en jie ^ugrunbe. 8^i9^n 
fid) aljo bie erften 6puren bee jd)limmen ^il^es, bann 
Reifet es, bae 93olE umquartieren, unb bas tft bei 33e- 
nü^ung unferer Qlcftcr leid)t gejd)ef)en. £>er Söatte- 
baujd) roirb pon ber Singangsöffnung entfernt, bae 
©lasröfjrcfjen bes untjpgtenijd) geroorbenen QZejtes mit 
bem bes neuen burd) einen ©ummtjd)laud) ober einen 
burd)bof)rten {Jlafcfjenlor! perbunben. 5>a6 neue SIeft 
u>irb perbunfelt, pon bem alten aber ber <ßappbedel 
abgehoben. £>ie £ageöt>elle im 9tefte pertragen bie 
Slmeijen auf bie §>auer nid)t; jie fuc^cii halb bas neue 
9lejt auf unb bejorgen prompt ben Umjug mit 6ad 
unb ^ad, mit $inb unb Siegel. 

(Starte Hölter jollte ber Qlaturfreunb in tunftlid>en 
Heftern n\d>t galten, benn roenn Rimberte t>in unb £er 
rennen ober ju Raufen jicf) jufammenballen, bann roirb 
bie Beobachtung er{d)trert ober unmöglich 3ft bas 
9teft bagegen nur pon atoei bid brei §>u^enb ber gier- 
ten befiebelt, fo !ann man bie einzelnen genauer in 
if)rem £un unb treiben perfolgen. §>ie £upe jollte 
aber ftete neben bem Steft liegen, benn erft bur<$ bas 
Bergröfeerungsglas toerben uns bie feineren Be- 
wegungen unb #u{$crungen ber Slmeifen fict>tbar. §>ann 
ernennen roir aud) bejjer, roie fie jid) burd) if)re 5üf>ler 
perftänbtgen, unb lernen nad) unb nad) ein roenig pon 
ber feltjamen, für uns jo jd)tpierigen „2lmeifenfprad)e", 




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2)0* <Touffä0^cn. 

(Eine Sd)mugflelflefd)td>te. Don Katl Pauli. 

(nad>6ru(f »erbaten«) 

©lüdftabt an ber öftcirctd>tfc|)-preufei}d>cn ©renje im 
©la^er ©ebirge ift ein reijenbes 6täbtd)en. 3n 
einem lieblichen £ale liegenb unb von fyotycn bea>albeten 
53ergen umgeben, bietet es einen Slnblicf, baft jeber, bec 
es r>on ber 5 crnc betrachtet, 511 bem ©lauben ver- 
leitet tpirb, baft if>r 9tame ber 6tabt mit 9*ed>t ftutämc, 
unb baft f>ier nur gute unb glücflicfje 9ftenfd)en u>of>nen 
tonnten. 

9Um ja, im ganzen toar bas £eben in ©lüdftabt, 
fotveit es bie Zlnvolliommenbeit bes 9ttenfd>enbafeins 
3ulie{$, erträglich, bie ©egenb tpar u>of>lbabenb, unb bie 
Simpotjner tyattm it>r gutes Slustommen. 2lber in 
biefem 9*ofengarten lauerte bod> auch eine (Schlange, 
bie bas §>afein trübte — bie ©renje, bie ficf> hier 
jtpifd)en jipei großen deichen ^itiftog. Sttan mußte 
fid> allen 33eftimmungen unterwerfen, bie biefe (Ein- 
richtung auferlegt. 6ie perfdjlofc bas jenjeits liegenbe 
9teid> unb verteuerte bas £eben, ba jeber ©egenftanb, 
ber über bie verhängnisvolle £inie bin ober I>cc ging, 
mit einem frohen Soli belegt tvar. 

§>as tränfte bie braven Bürger febr, bejonbers ba 
es fein Littel bagegen gab. 

QUin, es hätte fd>on eines gegeben, aber bas war 
mit ©efal>r verbunben, tveil es verboten tvar, unb 



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185 

. 



$>a$ £auffaft4>cn. 



wer fd;muggelte, bei* mufcte Strafe &al;len unb tonnte 
fchliefclid; eingefperrt werben. 

S)ic.3oübcamtcn in ©lüdftabt waren ja ganj nette 
5eute, was bas bürgerliche £eben betraf, aber als 
23eamte waren fie nur aus Paragraphen unb 93or- 
fd>riften aufammengefe^t, um bie Einwohner am 
Schmuggeln 3U perhinbern. 

3Der jemanb funbert, feinen Vorteil ju fud>en, 
ber (ann natürlich nicht perlangen, bafe er fct>r gern 
gejehen wirb. So ging es alfo auch m ^ btn ScHbeamten 
in ©lüdftabt; ab 9Henfchen lebten fie zwar ungeftbrt 
unter ben anberen bürgern, aber ab 33eamte mußten 
fie manches ertragen. S^ten fie fich in ©efellfchaft, 
fo pflegte man fie gern mit Sd>muggelgefd)ichten auf- 
zuziehen, unb wenn fie auch fo (lug waren, mit ben 
anberen barüber &u lachen, fo fonnten fie bod? nicht 
©letchee mit ©leichem pergelten, benn fie wufcten 
(eine tomifchen ©efd>id>ten, burch ihre Berichte tpehte 
immer nur ber ©eift ber ©ewalt unb ber Autorität 

3a fie hatten wirtlich hübfehe ©ejd)id>ten, bie „<£hren- 
fchmuggler pon ©lüdftabt", tPie jie fich f*H>ft nannten. 
$>a erzählte einer, wie er einen 9ftann gefannt f>at>c # 
ber fei im SBinter mitunter im Schlitten nach Öfter- 
reich gefahren unb \)<\bt mit tparmem 5Bajfer gefüllte 
33ettflafd>en mitgenommen. Grüben aber in Öfter- 
reich uuirbe bann bas warme Söaffer auögjegoffen, 
guter Ungarwem in bie 93ettflafd)en gefüllt unb auf 
biefe $Beife glatt über bie ©renje gefchafft. 

Sin anberer gab eine ©ejdjichte jutn beften, wie ein 
ftreunb pon ihm eine 8**0* in ein ^ubelfell eingenäht 
unb über bie ©renje gefchmuggelt habe; fogar einen 
92kul£orb \)<\bz bie 3^9* umgehabt — nicht etu>a 
wegen bes 33eifeene, fonbern bamit ber ^ubel nicht 
anfange 3U medern. 



□ 33oii flarl $auli. 187 



SBieber ein anberer erjagte eine ©efchichte von 
einem SBarenhausbefi^er, ber Liener 6d>uhe aus 
Öfterreich h^infchmuggeln wollte unb fich babei einer 
gan& raffinierten £ift bebiente. <Sr liefe bie 6d?ul>e 
an einen Jreunb Riefen — pierunb^tpan^ig ^aar toaren 
es — ber in einem öfterreichifchen ©ren&borfe wohnte. 

9Um mietete er atoei §>u^enb Gcbulfinber aus 
©lücf ftabt; bie mußten barfufc über bie ©renje gelten 
in jenes §>orf, in bem ber JJ^nb wohnte, bort bie 
Gd>uhe anziehen unb nach ©lüefftabt aurücflaufen. §>as 
taten fie auch, an ihrer 6pi^e ging ber 3Barenf>aus- 
inf>aber, eine ffafme in ber §anb unb mit ebenfo 
lauter stimme wie bie $inber bas £ieb fingenb: 
„Üb' immer £reu unb 9tebUd?!eit bis an bein tüf>les 
©rab", 5lls bie Beamten bie sielen S^inber mit ben 
neuen 6d>uf>en fahen, wollten fie biefelben nicht 
paffieren laffen, aber ber SBarenfjausinhaber behauptete 
mit Stecht, es fönne niemanb oerweigert werben, in 
feinen @d>ul>en über bie ©renje ju gehen. 

§>as war nicht ju bezweifeln, unb bie Beamten 
toaren genötigt, fich aufrieben &u geben* 6ie lachten 
fcbliefelich felbft über ben 6treid>. Qtur einer ärgerte f icf> 
barüber, bas war ber Sollinfpettor 9Ierger, ber erft 
por tarier Seit bie 93orfteherftelle bes ©lüefftabter 
Sollamts übernommen hatte, unb jwar ärgerte er fid> 
weniger über bie 6d?mugglerftreid>e felbft als über 
bie $lrt, mit ber bie Bürger ben Gteuerbeamten fie 
erzählten. <£r war ein ftoljer, hochmütiger Sftann, 
ber in bem Beamten bie 93er!örperung ber (Staats- 
autorität faf>. $>ie Bürger follten 9*efpeft oor it>m unb 
feinen Beamten tyaben; biefes behagliche S^fammen- 
leben ber Einwohner ber 6tabt unb ber Beamten war 
ihm ein §>orn im 2luge. §>as muftte anbers werben. 

Unb es würbe anbers. $>ie größte Gtrenge rourbe 

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188 5>ae $auffäfed;en. □ 



eingeführt. früher waten bie 33ürger, bic aus Öfter- 
reich jurüdfamen, roenn fie mit leeren §änben ober blofe 
mit tieinen ^afeten am Solkaus vorübergingen, mit 
einem ^opfniden feitens ber Beamten abgefertigt 
toorben, jetjt mufete jebes Rädchen vorgezeigt tverben, 
unb toer ettoas heroorfiehenbe £afd>en hatte, bem rourbe 
ber 9*od hinten unb vorn befühlt $Behe, toenn einer 
bann brei^elm \tatt nur jroölf 8i9<*<*en bei fich führte ! 
(fr tpurbe u?ie ein ftaubmörber befwnbelt — natürlich 
nur, u>enn ber §err 3nfpeftor ^erger felbft bei ber 
Hnterfud)ung zugegen toar. 

93or allem bie 6tammtifc£ler oom „flauen Ockfen", 
too er feine Meinung oft in recht grofefprecherifcher 
Söeife jum beften gab, toaren tvenig entjüdt über 
feine 21rt unb befchloffen, ihm einen $>enfjettel ju ver- 
abreichen. 

(Sie tyatten jtoar nod; feinen regten <pian, aber fie 
hofften, bafc fid> fchon eine Gelegenheit finben werbe, 
llnb fie fanb fid). 

<5s roar an einem 6onntagoormittag im Söinter. 
Söie gewöhnlich fafeen bie Honoratioren von ©lüdftabt 
beim $ r ühfd)oppen aufammen, unter ihnen auch *>er 
3nfpettor Qierger, ber fid) eben toieber über feine Er- 
folge in ©lüdftabt ausliefe. 

$>a unterbrach ihn ber 33aumeifter 93orberg, ber 
neben ihm fafe, mit ben Korten: ich's oergeffe, 
ich feiere am ftreitag 0 j c £aufe meines güngften. 
9flein ganzer §of ift feierlich gelaben!" (£r umfing 
mit einer £anbbeu>egung ben ganjen $reis ber um 
ihn 6i^enben. 

93orberg war in ©lüdftabt bie angefehenfte «perfön- 
lid;feit, er war, toie man fo 511 fagen pflegt, ein 9ftann, 
ber in bie $Öelt pafet, fein Vermögen erlaubte ihm ein 
behagliches £eben, unb es blieb auch nod; ettoas für 



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□ 



©on Rad tyauli. 



feine guten {Jreunbe übrig. §>abei tx>ar er ein flauer 
$opf, in allen @ätteln gerecht, beef>alb £atte il>n jeber 
gern, unb ba alle touftten, baft er ein gaftfreiee §aus 
führte unb für bas SBofjlfein feiner (Säfte forgte, fo 
faf> man rings freubige <5efid>ter, unb bie Surufe 
Hangen oon allen leiten. 

„6ie fommen bod) audp, §err Qnfpeftor?" tt>enbete 
Jid> Vorberg an 9terger, ber fid) nod> ntc|>t geäußert 

f>atte. 

tiefer batte nict)t bie 2lbficf>t gehabt, bie allgemeine 
Sinlabung auf fid> ju bejiefjen; als aber ber Vau- 
meifter fo |>öflicf> fragte, fonnte er nid>t unu)in ju 
erflären, baft er gern fommen toerbe. 

„2Ufo gut, id> rechne auf 6ie," fagte ber Vaumeifter. 
„6te werben es ntd?t bereuen, benn \ä) \)aba mir ba 
ein 5äf$d>en ©umpolbsfirdmer fommen laffen — toas 
SMifates!" 

„§offentlid> boct> gefd?muggelter!" rief ber £eber- 
bänbler Silbers ladjenb. 

„6o weit finb u>ir nod? nid)t," gab ber Vaumeifter 
&urücf. „§>aö 5af$ liegt nod) brüben." 

„§>u wirft itm bod) nid)t oer^llen?" fragte Sllbere. 

9ierger fafo ftodftetf ba. 3n feiner ©egentoart wagte 
einer eine fol<$e 8 U * un ! 

Slber es follte nod) beffer fommen. ,,9tatürlid) wirb 
ber gefcf)muggeltl" rief es oon allen 6eiten. „Ver- 
teuerter würbe uns gar nicf)t fdjmeden!" 

„Stein, nein," erwiberte Vorberg, „bas gef>t gegen 
mein ©ewifjen!" 

,,$lcf) was," fd>rie Silbers, „Slngft J>aft bu, 31t feige 
bift bu, bu wagft's jetjt nid>t mefct — H 

„SDagen? 2öas ift benn ba 3U tragen? $>u weifet 
bod), wie oft wir fd)on 3ufammen 

— bas waren eben anbere Seiten. SJbcr 



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190 $>ae Sauf fäfecfcen. D 



je^t f>aft bu fturdjt, jc%t toagft bu's nid>t me£r! 3<$ 
gef>e jebe SBette ein, baft bu es nic^t toagft!" 

3c^t tourbe 93orberg ernft. „Sin meinem Sttut laffe 
icf> niefct atoeifeln." 

„Stun, fo beu>etfe if>n boefc!" rief Silbers, „§ab' 
i<$ nicf>t re<$t?" tsenbete er fid> an bie anberen. 

„®eu>ife V riefen einige Herren. „€r foll's betueifen I" 

„<£rft tsettet !" rief ber SJpotyefer 0d>inbler. „§>er 
eine fagt, er l>abe ben Sltut, ber embere behauptet bas 
©egenteil. 60 a>ettet boct>, ba tpirb man ja gleid) fe^en, 
n>er red>t f>at." 

„(Sinoerftanben !" rief Silbers. „SBenn bu bas 
JJäßd^en unperjollt über bie ©renje bringft, gebe icf> 
ein weites !" 

„eingenommen!" gab S3orberg $urü<f. 

„Slber," tparnte ber ^fefferfücfjler SBagner, ,,it>r 
tonnt bodp f)ter, oor bem §errn gnfpettor, ni<$t eine 
fold>e SBette abfd>liefcen F 

„Sief? was," jagte S3orberg, „ber §err 3nfpe!tor 
ift fjier ©aft unb ni<$t Beamter. — Übrigens gebe ic|> 
U)m Polle SBillensfreifjeit. Söenn id; mid> überhaupt 
auf bie 6ad?e einlaffe unb bas JJäftdjen pafcf>e, fo muft 
i<$ ja bod> auf alles gefaxt fein. Söenn feine ©efaf>r 
toäre, tyätte bie ganje Söette ja gar feinen ®inn! — 
Söas id> gefagt f?abe, babei bleibt's!" 

S3om 9tatf>aus läutete bie Sttittagsglode, unb bie 
Herren ftanben auf unb gingen. 5>er le^te toar ber 
3nfpeftor Sterger. <£r fa£ mit flauem Säbeln ben 
©el>enbeu nad? unb murmelte oor fid> t>in: „3a — 
ja, id> bin t>icc nur SHenfd), nicf>t Beamter, aber wartet 
nur, ber Beamte u>irb eud> fdjon paefen!" 



8a>ifd)en ©lüdftabt unb bem näcf)ften öfterreicf>ifcf)en 
Ort ergebt ficf> ein fcofjer, fteiler, langgeftreefter 3Jerg, 



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5)ou ßarl ^Jauli. 



beffen &amm fid) vootyl eine Stunbe toeit jtoifc^en ben 
beiben ©renjlänbern fjtnjie^t Äber biefen 93erg 
führen pon ©lüdftabt nach Öfterreich hinein aroei 
Straften, (Sine bapon ift eine moberne ßunftftrafte, 
in Serpentinen angelegt, bie fid> in pielfachen 2öin- 
bungen bis jum ©ipfel fchlängeln unb von bort, an 
bem neugebauten Soltyaufe oorbei, ben 33erg auf ber 
anberen Seite roieber hinabführen, $as 8<>Nh<*u$ 
ftcf>t genau auf ber ©cen^e* Slufter biefem SDege, 
ber erft por turpem angelegt rourbe, gibt es aber noch 
eine alte Strafte, bie früher bie 93erbinbung aroifchen 
beiben Sänbern herftellte, biefe ift, ba fie ab {Jahrroeg 
ntd>t mehr benü^t roirb, aiemlich PerfaUen, polier 
£öd>er unb baher im Sommer faft unpaffierbar; 
höchftens im 2öinter, tpenn ber Schnee bie fchlimmften 
Unebenheiten ausgeglichen h<*t, !ann ein tüfmer ftahrer 
auf einem Schütten bie Strafte roählen. 

(Ss roar eine bittertalte Stacht, als Qterger, hinter 
einem {Jelsftüd perfteeft, auf biefer Strafte 93orberg 
erroartete» Qwti dächte tyatte er fd>on tykv geroad)t, 
aroei 9Zäd>te flappernb por {Jroft hinter JJelfen unD 
§ecten geftanben — aber hier muftte er ihm in bie 
£änbe laufen, es gab feinen anberen SBeg nach ©lud- 
\tabt <5r überlegte, roie 93orberg bas 5äftd>en roohJ 
transportieren roürbe — nun, er roürbe ja fef>en. 
£eute muftte er rommen, benn es a>ar ber le^te £ag* 

§>er 9Honb trat eben hinter ben Söolfen h*n>or, 
ba fah 9terger einen tieinen Schlitten, ber oben Pom 
föamm langfam unb porfidjtig h^bfam. 

Sein §era fdjlug höher — bas roar er ! <£r lief ihm 
alfo, roie er es oorausgeahnt, gerabesroegs in bie 
§änbe. 

2terger fchlich, forgfältig jebe §>e<fung benü^enb, 
ber Strafte näher unb ftellte ftch mit fd;uftbereitem 



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192 



§>as £auffäßd)en. 



©ewefjr hinter einem alten 93aumftumpf auf. §ier 
mußte 33orberg porbei, f>icr wollte er if>n entarten. 
5lber er tarn nicht. 2öo blieb er benn nur? 

✓ 

93orfid>tig ftredte Qlerger ben $opf por unb fal), baß 
ber Gelitten ^ielt, eine perf>üllte <perfon benfelben 
perliefe, ein <Stüd bie 6traße herunterfd>lid>, eine $öeile 
naef) allen leiten llmfdmu fyklt, bann jum Gelitten 
jurüdfetjrte, einen ©egenftanb l)erau6naf>m unb ba- 
nnt im (Straßengraben per{d>wanb. 

Se^t fal) ber 3njpeftor Har. 93orberg, ber fürchtete, 
überrafd?t ju werben, hatte bas gaßd^en perfteeft, um 
es burd; einen anberen abholen ju laffen. 3e^t fonnte 
er ru^ig fi<$ abfangen laffen, ber 6d)litten tpar leer. 

Slber er, ber gnfpettor 9terger, würbe it>m biefen 
fdjönen <pian grünblid) perjal^en. 

33orfid>tig fd>Uc^> er näfjer, unb ee gelang ü?m auch, 
unbemerft bis $u ber 6telle ju fommen, rpo ber 93au- 
meifter perfd>wunben rpar. 9vid)tig, wie er gewußt, 
war biefer bamit befd;äftigt, bas Jäßdjen in eine ge- 
mauerte 2lblaufröf>re ^u fliehen. 

9ftit ^>öl)nifd?em £äd>eln beugte er fid> nieber, legte 
bem fauernben 93aumeifter bie §anb auf bie 6cf>ulter 
unb fagte freunblid): „<£i, ei, §err 93aumeifter, was 
mad>en 6ie benn l)ier?" 

33orberg, ber ben Sollinfpeftor längft gefef>en, 
fcf)on ehe er fein ^3ferb angehalten l;atte, ful;r mit 
einem lauten 6d>rei in bie $)öf>e, ergriff bie §anb beo 
gnfpeftors unb 50g mit einem fo heftigen 9Uid an, 
baß ber Beamte in ben ©raben taumelte, §>abei 
ftarite er it>n entfe^t an, fd?rte mit angftper^errten 
Lienen: „§ilfe — Räuber ! Vorher!" unb war, ehe 
fid; ber £aumelube aufrichten tonnte, mit großen 
(Sprüngen im nahen SBalbe perfd)wunben. 

Q3erbu^t jdjaute Cfterger bem (£ntfliehenben nach. 



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©oii Karl «Pauli. 



195 

- 



(Sr wollte tym folgen, aber er fal; u>of)l ein, bafc er U;u 
ju>ifct>cn ben Räumen unb Reifen nid;t erretten 
toerbe, auch toar baö ja gar nidrt nötig, benn er ^atte 
ihn ernannt, bas gepafdrte 5äfed>en war in feinen 
§änben, 33orberg fonnte fagen, toaö er toollte, er war 
überführt. 

Sin frof>er Gtolj fd;nellte feine Stuft, er Jjatte ge- 
fiegt! $Bie \tax\b er je^t ba! 2Zun mußten bie ©lüd- 
ftabter einfef>en, bafe mit bem Snfpet'tor 9terger ni<$t 
311 fpafcen toar! 

(£r t>o(tc bas Jüpchen aus bem 33erfted f?eroor, 
nid>t olme (Senden unb (Stöhnen, benn es toar oon 
bem @ct>lamm unb Söajfer, in bem es gelegen, na& unb 
fd)lüpfrig, er muffte binfnien, um es faffen 311 fönnen, 
unb als er es enblicl) fh beu §änben hatte, bemerkte 
er 311 feinem 3'lrger, baft c& über unb über mit <Sd)lamm 
bejubelt toar. 2lber er oerbifc feinen Srger, benn bae 
6d>limmfte toar ja überftanben, bort f>ielt nod> gebulbig 
bas ^ferbc^en oor 93orbergs €>d;litten, es u>ar nur ein 
paar 6d>ritte bie bal;in. <& nahm alfo bas 
auf unb fcbleppte'es 3um 6d>litten. £s toar eine 
fdjtoere Arbeit, unb ber 6d>lamm, mit bem bas 5 a fe 
bebeeft toar, befubelte ihm bie gan3e Uniform. 2lber 
es gelang. 

Stuti ging er hinüber 311m Solkaus an ber neuen 
6trafee unb holte fich einen S^Hbeamten, mit beffen 
§ilfe er beu (Schlitten 311m goUamt in (Slüdftabt 
brachte. §>ort uuirbe bas ffäfjd;en mit 33efd>lag belegt, 
toetyrenb er ben (Schlitten 311 33orberg febiefte. 

§>anu fuchte er, 3toar erfd;öpft unb 3erfd>lagen, 
aber bod) ftol3 unb befriebigt, fein £ager auf. 

6d>on früh am anberen borgen crfd)ien er toieber 
auf bem 2hnt. Qctjt wollte er ©erid;t halten. (Fr 
liefe alle Beamte in bie grofce £>alle fommen, bamit 

1914. VIII. 13 



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194 



©äs £ouffäfecben. 



fic Saugen feines £riumpf>es wecken follten, unb fd?idtc 
einen von ihnen ab, um 33orberg l;erbei3ul;olen. 

2lber biefer tarn eben von felbfr. 9ttit ausgeftrerften 
§änben ging er auf 2Ierger los unb rief mit bewegtet 
(Stimme: „Taufenb $>anf, mein lieber §err gnfpettor, 
für 3(>re fjreunblicftfeit, mir meinen 6d>litten jurüd- 
gebraoM 311 I;aben, unb 3ugleid> meine (Sntfcbulbigung 
für mein 3f>nen roal>rfd>einlicf> gan3 unoerftänblidjes 
^Benehmen geftern. teufen (Sie nur, icb habe 6te für 
einen Räuber gehalten! Stut besfwlb ergriff id> bie 
JJiucbt. 2lls (Sie mid; anfaßten, glaubte icf) tatfäd;lid>, 
mein fielen fei in ©efabr — roir Ratten uns nämlid; 
brüben in £. ben ganzen Qlbenb von Räubern, • bie 
früher hier im ©ebirge gehäuft haben, unterhalten, 
unb ber etwas rcid>lid> genoffene porjüglid^e 93öslauer 
trirb u>ol>l aud) bas (Setnige baju beigetragen f>abem 
(£rft als id> ein ganzes (Stücf gelaufen toar, merkte ich, 
roelcbe Dummheit id; gemacht hatte, gd; fe(>rte um, 
aber id) tonnte mich nid>t gleid; 3tirecf>tfinben unb tarn 
erft tpieber auf bie (Stelle uuferes 3ufammentreffens, 
als (Sie febou fort voarem" 

„Sich, (Sie firmer!" fagte ber Qufpeftor mit fpötti- 
febem £äcbeln. „Hüffen ba in 3iad;t unb Qcebel im 
SDalb herumirreu unb noeb ba3U bas gepaffte Söein- 
fäfeeben in meinen §äuben laffen!" 

,,©epafd>tes 2lknnfäftd>cu?" fragte 33orberg oer- 
unmbert. „323as meinen 6ie bamit?" 

„§>as meine l$\ a erroiberte ber gufpeftor, bie S)anb 
auf bas Söeinfäfccbeu legenb, bas mitten in ber §alle 
\U\nb. „SVtefes $äfed;cn haben 6ie geftern nacht über 
bie (Srenje gefcbmuggelt unb in einem 93erftecf unter- 
gebrad>r, um es bort abholen 511 laffen. ©eben (Sie bas 311?" 

„Natürlich l" antwortete Q3orbcrg lad>enb. „Tiur ift 
fein Söein in bem ffäflcbciu" 



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93on ßarl <P<mli. 



„60?" fragte feiger fpöttifd). „SBae ift benn barin?" 

„SBaffer, §err 3nfpeftor, f>elleö, flares SDaffert" 
antwortete ber 33aumeiftcr. 

(Siner ber Beamten l>atte in)wif<$en einen fd;on 
Dörfer bereit gehaltenen §af>n in bas ftäfec^en geftedt, 
je$t breite er tyn auf, unb }ti aller 93erwunberung lief 
wtrtlid) Hares, helles Gaffer in bas untergehaltene 
©las. 

„§>as — bas — bas ift ja wirHid; Söaffer!" ftam- 
inelte ber 3nfpeftor, bas ©las ergreifenb unb gegen 
bas Sict>t Ijaltenb. 

„3d> f>abe es 3f>nen ja gefagt!" 

„Unb W03U brauchen 6te benn ein ftafc SBaffer über 
bie ©renje 31t bringen? $>a ftedt etoas bafjinter!" 

„S>urd>aus nid>t, £>err 3nfpettor. 3d> will es 3(>neu 
gern jagen, W03U id; es brauche. §>as ift £aufwaffcr ! 
3d; bin Öfterreic^er, unb alle meine ^inber finb mit 
öfterreid>ifd?em Söaffer getauft. S>as ift ein alter 
33raud> in meiner ftamilte." 

„9fler!würbiger 23raud>!" Jagte ber Snfpeftor fpöt- 
tifd;. „2Barum oerftedten 6ie bann bas ftäfedjen? 
$öaffer ift bod) fteuerfrei!" 

2lber 93orberg liefe fid; nid;t aus ber Raffung bringen. 
„§>as £aufwaffer tmijj über Stacht im freien bleiben, 
fonft oerliert es bie Straft. $>as ift uatürlid; ein Aber- 
glaube, ben id; ja als aufgegärter 3}}enfd> nicht teile, 
aber bod; mitmache, weil es ja aud; nichts fd;abet. 
9Hein ftutföet follte bas {Jäfcd;en heute morgen abholen. 
3e^t muft er nun hinüber nad; Öfterreich, benn bas ift 
nicht mel;r 31t brauchen." 

§>er 3nfpeftor tyatte aber uod; eine Jrage. „Unb 
bie SBette?" rief er. „Silas ift bannt? 3ft bie aud; 311 
Söaffer geworben?" 

„2(d; ja, lieber §err 3ufpe£tor, bie l;ab' id; oerloren! 



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196 



5>aö £auffäfed)cn. 



□ 



$>en 6d;aben muß id) tragen unb trage ihn gerne, 
benn bie ©elbftrafe, bie id; r;ätte fahlen muffen, wenn 
6ie mich beim Söeinfchmuggel erwifd;t Ratten, wäre 
bod; noch größer gewefen. §)as $äft$en mit bem SGBein 
fteht noch brüben in Öfterreich, aber es wirb uns btefen 
Slbenb bod; nicht fehlen, mein ßutfd;er ift fd>on hinüber- 
gefahren. 3d> hoffe alfo, baft wir heute red>t vergnügt ein 
©läsd)en jufammen trin!en werben, benn bas }inb 6ie 
mir, 6ie ftol^er 6ieger in biefem Strange, fd?on fd>u4big !" 



(Ss war eine fcf>c gemütliche fttizv, ber £auffct>maus 
bei 93orbergs. (£s würbe gut gegeffen unb noch beffer 
getarnten. Slud; ber gnfpeftor, ber nod> immer in 
feiner 0iegerlaune war, hatte bas ©las öfter geleert, 
als er's fonft gewohnt war. 

3n befter £aune trat er an 93orberg heran unb fagte: 
„$>er $öein ift famos ! — Unb wiffen 6ie auch, warum 
er fo gut febmeett? $3eil er oerfteuert ift — - unb bas 
haben <Sie mir ju perbauten!" 

„§>a muf} id; wiberfpred;en," gab 33orberg jurücf. 
„§er Sitein ift bod) gepafebt!" 

^erger lad;te, er wufytc ja bas ©egenteil $u genau. 
„$>a wäre id> bod> neugierig, wer ihn gepafcht |>aben 
follte!" 

„SHis follen 6ie fogleicb erfahren," antwortete Dol- 
berg. „6ie felbft, mein lieber §err 5nfpe(tor, tyatten 
bte ©üte, bas 311 tun. 3a, 6ie! — 6ie! — (Sie!" 

„3efct tommt wohl wieber eine ^äubergefchiebte?" 
antwortete ber 3"!Pettor. 

„©aii3 unb gar nicht," fagte 93orberg rul;ig, „nur 
ein ftreng fachlicher 2?erid;t, ber 6ie über alles auf- 
gären wirb. 9tttf bem Schlitten befanben fid; nämlid) 
jwei ftäkcbeu, eines mit Söein, bas anbere mit Söaffer 
gefüllt. S>as mit bem SXtein ftanb unter bem 9*üdfi^ 



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D 93on Rail <Q3auli. 197 



bes 0d)littens, bas anbere auf bemfelben. (Sines ber 
betben mufete id) gt)ncn jtim Opfer bringen. (Sic 
werben begreifen, baf$ id> bas mit bem SBaffer wählte. 
£s tpar ber $öber, ben id> auswarf — unb (Sie nahmen 
ben ^öber an/' 

„6agen (Sie bod; nid>t immer Sieber," rief ber 
3nfpettor ärgerlid), „id; bin bod> fein Jifd>!" 

„53er3eif)ung, ber 33ergleid> war piellcid)t nid;t ganj 
paffenb. 3ebenfalls aber gelang es mir, in 3Jwen bie 
Überzeugung $u erweefen, bafc bas ftäfedjen bas piel- 
befprocf>ene SBeinfäfcdjen wäre. §>as war es, was id> 
wollte, unb meine 6d;luf}folgerung, bafj 6ie nunmehr 
eine weitere Unterfudnmg bes (Schlittens uid>t t>or- 
nefjmen würben, erfüllte fici>. 3a, nod; mehr. <5s 
erfüllte ficf> aud; meine Vermutung, ba& (Sie mir mit 
bem <Sd;litten aud) bas gepafebte ffäpd>en SDein ins 
§aus fdjkfeu würben." 

Ellies lachte, unb ber §err 3nfpeftor erwies fieb 
als ein fluger Sttann — er lad;te mit. 

„6o ift's red)t," fagte ber 93aumeifter. „Unb alle 
meine ©äfte werben fd;weigen über ben 6treid>, ju- 
mal ja je^t bas Jäfedjen ^ ccr ift« 2lber bleiben 6ic 
nur, meine §errfd>aften, id> f>örc eben einen (Schlitten 
flingeln. §>as ift mein Shitfd>er mit bem zweiten 5=äft~ 
d;en. 33on bem fönnen au<$ 6ie ruf>ig trinfen, §err 
3nfpeftor, benn bas ift perfteuert — nid)t von mir, 
fonbern von meinem $8ettgegner. kommen 6ie, wir 
trinfen ein ©las auf unferc ftreunbfdjaft unb bie 
Hoffnung, bafc <Sic uns in Sufunft ein milberer 9*id?ter 
fein werben. §>ann foll bas unfer letzter (Sdjmuggler- 
ftreid) gewefen fein." 

§ell Hangen bie ©läfer jufammen. 




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Domen 311 Pferde* 

Don 0>la TUfetn 

HIÜ $ ftüdtrtl. i (nacr,drucf »erboten.) 

^^tc 9ftorgenfoune fpielt in bem erfrifdjten ©rün 
unb roirft i^rc £icf)ter auf bie betauten ©räfer. 
§uffcr;lag ertönt, eine 5^at>attabe fronet Leiter unb 
Leiterinnen geniest bie ftiICo 6tunbe unb bie er- 
quiefenbe fiuft. 

§>as bequeme, ftiloolle Leitfleib umfölieftt bie {plan- 
ten ©eftalten, unb bie 33licfe if>rer Begleiter folgen mit 
<£ntjücten ben raffigen Verlegungen. £)as fportlicf?e 
Training blieb nid)t erfolglos, es räumte mit oiel 
£äffigem unb Äcaftlofcm auf. 

$>ie fportlid>e Betätigung ber JJrau entkräftete Diele 
trabitionelle Vorurteile unb erfd>loft tyr eine Letye 
neuer ©ebtete. 3ebes birgt feine eigenen Leije unb 
SBerte, unb bennoer; roirb es tuele geben, bie bem Leit- 
fport bie ^3alme juerrennen. (Sr ift lein ^robutt ber 
Leujeit, unb feine <Ef>roni! weift oon ber erften Leiterin 
511 berichten, 

ftern im grauen Lebellanb bes 9ftärd>ens ritt fd?on 
bas rounberfd)öne ^önigsünb auf golbgefdjirrtem 
weiften Seiter über blumige liefen unb laufdjte ben 
2Bunbern bes halbes, ^enttjefilea, bie Slma^onen- 
foutgin — 

„Hub bie Socfeu bann entrüftet um entflammte Söcmgeu 

fcfmttelnb, 

9ef>t fte pom ^ferberutfeu l;ocf> f icf? auf." 



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Margareta von ^ßarma, Obeiftattfjalteuii bex Qlicbcrlanbe, 

bei i[>rem Sinjug in ©ent, 

Sange u>ar ber Steitfppvt bas Vorrecht bes 9(bete. 
9tid;t weil verbriefte 9*ed;te bieje ©unft umhegten. 



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■ 

200 $>umen ju <pfctbc. o 



£>ie ^bantafie umgab bie Leiterin mit blaublütigem 
Nimbus unb ariftotcatijd)em (£lan bei* ffigui unb 3?e- 
tpegung. 

3untr entreißt uns bas QMlbnis ber Margareta i>ou 
^ßarntft; bec £cd>tci $arls V., biefer gilufion. 6d;illei 




Sttarie 5Jntoinette von Jranftcid) in Uniform im £)crrenfitj. 

9?iirfj einem ©eniälbe oow £ouiß 9lu<}. QniH. 



betreibt fie in bec ,,©efd;id;te bes Abfalls bei' 3Uebcr- 
lanbe" als eine 5iau mit männlichem ©eift unb Nei- 
gungen, beten gan$e Sebcnswetfc tyres ©e[d>led>teö 
jpottete. ©ang seigte fo wenig ©rajie, baft 

man t>erjucbt wat, fie füv einen redleibeten 2ttann 
ju halten. 

60 paftte aud> bie jtclje ieid)c Stacht bei* Spanier, 
bie bie bamalige 2ftobe t>c(?ccrfchtc, fd>led>t 511 tyr. 



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□ ©oi! Ola SUfen. 201 



&tatt ber £ocfen unb bes funftoollen Aufbaues verbarg 
jte if>r §aar unter einer fd;lid>ten £>aube, unb bie vunbc 
^alelraujc liefe tyre von ber ©id)t rer^ogene (Seftalt 
nod> türjer erjd;einen. 

2Us einigen 6d>mu<f trug fie über ber furzen, pou 




OTarie 3(ntoincttc in faltigem ^eitvoef unb ©ei&enu>efto. 



5ifd)bein ^ufammengeprefeten Taille an einer [«grcpar&eii 
<Solb!ette ein ©iamantontrou$. Unter ben £iebestt>erfcu 
unb QMifoübungen, womit fic if>re (Sitelfeit freujigte, ift 



202 



$>amen $u $3ferbc 



eine ber mertttmrbigften, bag fie in ber &anr>o<$e jebes 
ga^ces einer gereiften 2ln$af>l Sinner, betten auf bas 
fcf>ärffte unterfagt roar, jid> porfjer $u reinigen, eigen- 
t?änbig bie 5üßc tpufet;, fie bei £ifd? roie eine 9Hagb 
bebiente unb mit reichen ©efcf>enfen entlieg. 

Hnfer erftes 33ilb ft£llt ben (Sinjug ber 9*egentin in 
(Sent(1559) bar, tpo il;r trüber ^ilipp fie mit glänzen- 
bem ©efolge empfing. 3bre ^Perfon roirft böchft an- 
fprudjslos unb unfd>einbar, tP(U)renb bas fd>u>ere, maf fige 
^ferb prunfpoll unb farbenprächtig aufgefebirrt ift. 
Sine golbgeftidte ^urpurbeefe liegt über bem 9*üden, 
bie 8ügel tragen golbene SDappen unb 6d?ellen, von 
9ttcu)ne unb 6d?u>eif ragen bunte ötraufofebern in bie 
§öf)e. 3 m ^iutergrunb fiel)t man bie 6tabtmauem 
unb 6cf)aren f>erbeiftrömenben 93olfes. 

5>ie franjöfifcfje (^lan^ett beö 18. Sabrr^unberts 
liebte bie elegante Leiterin, damals trat im all- 
gemeinen in ber Reibung bas 6portelement gänzlich 
in ben ^intergrunb, unb bie pr;antaftijd>e 3Iote, bie 
alles unb jebes bef>errfcf>te, brüefte aud) ber Leiterin 
ifnen Stempel auf. 9Han faß fogar im ^eifroef 51t 
<Pferbe, unb bie Tanten, bie pon jeber ©tuttbe eine 
6enjation erhofften, liegen oon' tyren 92tobenfünft- 
lerinnen bie aparteften ^eitan^üge fomponieren, bie 
jtpar imttier ein tpeuig bie §errenntobe topierten. 

0o fef>en wir bie in allen mobilen fragen por- 
bilblid?e unb tonangebenbe Königin 9ttarie Slntoinette 
auf einem ©emälbe pon £. 51. 33run in ber Uniform 
im §errenfit$, mit fteberfmt, 6d?ärpe unb 6teett!erle, 
roie fie bie Männer 511 tragen liebten. (Ss roar &u jener 
8ett feinesipegs üblid;, im #errenfi^ )U reiten, unb 
nur einer §errfd)erin erlaubt, bie in pielen 5 ca 9* n b* x 
6itte unb altf>ergebrad>ten 2lnfd>auungen luntpäl^ungcn 
W>uf. 



95on Ola 2Ufen. 



2Jls glän&enbe Retterin unb kibenfd;aftlic|)e gägeiin 
f>atte fic ben Söunfcf), aud> bei biefen 6portausübungen 
alle anbeten 511 überflügeln. §>er §erren£ut mit ben 
u>ef>enben Jfebern, bec 2Hännerrocf mit ber leudjtenben 
6d>ärpe unb bie engen 33einfleiber geben u)rer fdjlan- 
fen, gefd>meibigen ©eftalt ein elegantes, t>ielletd>t 511 
apartes ©epräge. 

(Ebenfo originell if t ber S^upferjtid; von 2ttontignr> 
aus bem 3<*fH'e 1778, ber 9Harie Slntoinette in einem 
weiten Jaltenrocf jeigt, u>äf)renb über einer rofen- 
farbigen, mit $nöpfd>en gefdjmüctten, fic|> genau an 
männliche 33orbilber anlel;nenben 6eibenu>efte ein 
blauer, mit ©olb borbierter $arato liegt Sine Heine 
6d>leife über einem 6tel;£ragen umfcljUefet ben §als. 
§>ie gepuberten, brollig coiffierten §aare feffelt teil- 
toeife ein fc^iparjer 6eibenbeutel. 2luf bem $opfe 
thront ein rotes §ütd>en mit Jebern, bie palmenartig 
in bie §öf>e ragen. $>ie rofigen 6eibenfd>ufye finb ab- 
fat^los unb mit 9*ofetten gefdnnücft. §>a bie ftarbe ber 
6d>uf>e unb §anbfd>ul;e übereinftimmen, finb fie aus 
rofigem £eber, 6elbft bas ^ferb trägt an 6dnx>eif 
unb 9!ttu)ne Seichen ber fenfationslüfternen Seit, ein 
llmftanb, ber ben pofierenben (Einbrucf bes 33ilbes be- 
beutenb unterftü^t. 

$>ie (Sjtraoagana unb maftlofe 93erfcf>toenbungsfucf>t 
bes §ofes unb ber ©efellfd>aft fd>rieb man &um größten 
£etl bem (Einfluß ber jungen leichtlebigen Königin ju; 
fie veranlagten bie erften geinbfeligteiten. (Eine (Sfjronif 
aus ber 3eit ber ©eburt bes erften §>aupl>ins, ben ein 
früher £ob oor bem graufamen 6cf>ictfal feines 93rubets 
bewahrte, d>arafterifiert 9Harie Slntoinette fdjon toie 
folgt: „Ilm bie erfte 9ftobel>elbin 511 fein, mad>t fic 
0d?ulben, tpeil es 9ftobe ift. 6ie reitet unb taujt, u>eil 
aud; bas tPteber 2ttobe ift. 6ic unmfdjt, bie fn"ibfcf>eftc 



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□ 



ff HUI 311 fein unb als jold;c genannt 511 werben, weil 
biejer 28unfd> feit <&>as £agen jeitgemäfe tx>ar, unb 
alles bies ift einer großen Königin unumrbig." 




tßrhifteff-in (Sophie Söityelmine, (Sibftattyalterm t>on §pll<mb. 



2lus bein £nbe bes 18. S^rlnuibertö flammt bas 
SMlbntd doii 6opt)ic 9Bill;ehnine, einer £od>tcr von 
^3iin3 Slugujt 98ityetm, bei unter bei 93ejei<£uung 

f 



93on Ola Stilen. 



205 



„Srbftattyalterin von §ollcmb" betonnten 9Zid>tc 
5riebrid>8 be$ (Srofoem 5Utc|> jie fitjt merftoür- 
bigertpeife im £>errenjit$ 511 <pferbe unb trägt über 
if>rem 9*eitrod aus l;ellgrüner 6eibe eine mit Orben 
gejdjmüdte golbgeftidte Uniform aus rotem 6amt, bie 
ebenjo roie ber oon farbigen 6trauftfebern umtoebte 
§ut mit ben ©olbborten franjöfifcben Grinftufi oerrät. 




3agbjug nad) einem ©emälbe von g. 3. Stoebad)- 
5>edfontainee 511t Smpiuejeit. 



2(ud) ber Qinjug be& ©efolges im §intergrtmb be& 
33übes bohimentiert franjöftfcben (Seicbmod, ber ba- 
mate nrie freute bie gefomte jiotlijierte SBelt be- 
l;errfd>te. 3ntere[fant if t bie Sinjeidnumg bes 3ftof>ren, 
ber als Begleiter bober tarnen 311 jener %e\t im- 
erläftlicf; toar. 

SDieberum eine anbere intecejjante Stacht aus bem 



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20o 



©amen Spferbe. 



Anfang bes 19. 3ahrhunberts 5eigt bas ©emälbe 
von 6webadHS>e6fontaines. $>ie £>ame im 9Hittel- 
puntt bes Sagbjuges trägt einen weiften, faltenreichen 
6d>lepproct, eine feuerrote, hirje, oerfd>nürte 3agb- 
taille im SmpireftU, eine grofte, mit Gebern über- 
lastete weifte 0trof)f<#ute # bie flattembe 33inbebänber 
unter bem $inn aufammenhalten. Hber beu blenbenb- 
weiften 6d;immel ift eine purpurne 6amtbede gebreitet. 
3hre (Srfd;einung bietet fraglos einen malerischen 2ln- 
blid, ber in ber 6jenerie mit 3ägern, <Pferben unb 
^unbemeute eines 9Mers 2luge ju entlüden oer- 
mochte. 

5iber nicht nur als S^unftwer!, fonbem aud; als 
Scitbofument befi^t bas 33ilb bemerkenswerte Quali- 
täten. 9!Ut unferen heutigen Gegriffen oon Gport- 
fleibung bedt ftch ber 3Bun(d> nach 8o>^dmäftigfeit, eine 
2lnjchauung, bie bamals wof>l Gintec bem einjigen Qfck, 
ber beforatioen Sötrhmg, weit aurüdftanb. §>er flat- 
ternbe9*ocf, bie roehenben ffebern über einem weit oom 
Stopfe abjtebeuben S)ut laffen einen föatfen 9*itt gar 
nicht 511. 

9Iod> mebr oerrät bie „Qlmaaoue oon £ongd;amps" 
ben 2!kubel ber ?ftobe. 31V\t ber gejierten Mrt bes 
Sftotofos räumt bie 9*eoolution auf. Das lieber fiel, 
mit ihm ber 9*eifrocf unb bie gelünftelte (Soiffüre. 
Sftabamc Pallien pläbierte für eine antitifierte 9ftobe, 
beren crjte Entwürfe oon bem 9Mer 3acqueö £ouis 
Daoib ftammen. 

Die „9lma$oue oon £ougd)amps" trägt bieje ^e- 
jeichnuug nach ber 2loenue oon £ongd;amps, einer 
breiten ^romenabc im 23oulogner 2Bälbd;en, an bereu 
£nbe bie Slbtei oon £ongcl)amps lag. 33c]onbers befud>t 
war biefe ^romenabe STiittwocb, Donnerstag, ftrettag 
oor Oftern, ba an biefen £agen befannte ^crfönlid;- 



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□ 35on Ola SUfen. 207 




feiten großartige 6piele nad; altgried;ijd>en 23or- 
Hlbern arrangierten. 3?erür;mte 6änger ber Oper 



208 



5>amen 511 <?3ferbe. 



betrachteten es ab (Styre, an tiefen £agen in ber 
Qlbtei 511 fingen. 

Natürlich a>ar bie 2IUee von einem reid)gefleibeten 
^Pubutum befugt, unb 6d;neiber, Surocliere, <£oiffeurc 




**** \ ^ - 



Königin 53iftoria von (Snglanb mit Souie <}3I)ilipp, i>em 55ürger- 
fimig von gfranfreid), bei einem Spazierritt im 2ZUnbfor-^3arf. 

erfteebtett es, if>i*c ^3robuftc an biefen Sägen getragen 
511 [eben. 2lud> bic Leiterinnen wetteiferten, burd; ihre 
S^leibung aufjufallen. 

(£in iurjgegürtctcs weites ©eipanb mit roter ©ar- 
nitur umfebmiegt bic Slmagone, rotbcbanbfd;uf)te §änbe 
balten bic Sügcl. 2luf bein Ropf tbront ein f>of)er 
£urnierl;eun mit ©olbborten unb u>cl;cnber roter 



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□ 93oii Ola Olfen. 209 



(Straufoenfeber. §>er abfatjlofe 6d;uf), ber immer ge- 
tragen tPtrb, ftimmt mit ber roten JJarbe ber £>anb- 
Jdju^e übereilt» 

$>ae> 3Mlb ber Königin 93iftoria pon (£nglanb mit 




ßaifetin GUfabcty von Cftcrrcic^. 

bem 93ürgerfönig ^oub ^tyüipp von ^rantretc^ bei 
einem (Spazierritt im SDinbjor-^Part im Oftober 1844 
19U. viii. 14 



□ 



belehrt uns, bafc bas 93erftänbniö für 6porttletbung 
von (Snglanb feinen Ausgang na^m. 

8um erften Sftale jctgt eine Slbbilbung ben feibenen 
f>of>en £ut auf bem $opfc einer $>ame; ein blauer, 
u>ef?enber (Soleier gibt tym bie a>eiblid>e 9tote. $>iefe 
2lrt bes 6d>leiertragens auube nocf> fef>r lange als 
a l'anglaise bejeidmet. §>as ©cfid>t wirb oon S^ort- 
3icl)erlo<fen umrahmt, aber bas fcbmudlos fd>lid>te grüne 
S^leib, nur buret) einen roeifcen fragen unb ^laftron 
belebt, beutet auf bie Anfänge einer befonberen, jtnn- 
gemäßen Gportfleibung. 

§>ie gefnöpfte £aille mit weitem fragen unb 2ttan- 
jd>etten gibt ben Sluftatt ju einem 9*eitanjug, ber t>iele 
3al>re oorbilblid; u>ar unb unbebingt als SUtegangepunft 
be& mobernen 9*eitfleibee angefefjen roerben mufe. $>et 
9lod befi^t jtuar nod> eine unjroecf mäßige (Stofffülle 
unb roeift auf bie brofjenbe, neu aufblü^enbc 9leifrod- 
periobe, ba bem Warfen 23eobacbter bas unfimipatyifdje 
9\o[s(>aarfiffcn nid>t entgehen fann. 5>as 0attel5eug 
l>at ftd> pon ben bisherigen Spielereien befreit — ber 
©efamteinbrud fommt unjerem beutigen ©efd>mad 
bebeutenb näl>er. 

^önig £ouis 93l>ilipp trägt in bem 2lusfd;nitt (eines 
bürgerlid>en blauen Öberrodes über einer roten Söefte 
ben Q3atermörber unb auf ben £oden einen filbergraueu 
3plinber, ber bamals bei ber ^errenfleibuug eine große 
9vol(e fpielte. 

£>ie £ntu>idlung btejer 9tid)tung betätigt bas 33ilbniö 
ber burd; rudjloje 2ftörberf>anb in ©enf jäf> aus bem 
Sebeu geriffenen Staiferiu Slifabetb aus bem 3at>rc 
1870. Sie trägt ben faltigen SReitrod unferer £age, ber 
naturgemäß alle teebnifeben Neuerungen ber allerletzten 
Seit entbehrt 

S>ie ftüße in 9?eitjtiefelu oerfd^roinbeu unter bqn 



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□ 



33on Ola Sllfen. 



211 



fdjiparjcn SSleib, 6tulpen^>anbfd)ufK — eine feilte übec- 
tsunbene 9ftobe — bebeefen bie §änbe. $>er fleine, ein 
tpenig fpanifcf; anmutenbe §ut — eine SBienec 6pc- 
jialität — gibt bem fonft red?t ftifoollen Stnftug ein 
pbcmrafti)"d;e6 SKontcnt. 

Sttcm fiefjt, baft bas SReitfleib manche Söanblung bis 
511 feiner heutigen 6tilreinf>eit erfuhr, bie in unferem 
gatjr^unbett bes 6portes eine felbftoerftänblidje $01- 
berung bec Seit bilbet. 




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♦ 


* 



Mannigfaltiges- 
t 

(llacf>öcucf verboten.) 

$ie 4^%UMH^etl ttfjifcit. — €in gefötytticfre* 93or- 
fommnie, bae feiner$ett ganj Europa in Stufregung perfekte, 
hat, tro^bem injroifchen über breihunbert gahre oerfloffen 
finb, immer uoeh (eine Sluftlärung gefunben. <£ö finb biee 
bie Sogenannten €khu>arjeu Slffifen, bie unter ber Re- 
gierung ber Königin ölifabeth in Örforb abgehalten würben, 
6ie führen ihren tarnen oou bem Hmftanbe, bafj faft alle, 
bie jenen ©eriehtsocrhanblungeu beiwohnten, Richter unb 
©efa)u>oreue, ^Proje&beteiligte unb 8u(d;auer, faft breihunbert 
<£erfonen au ber Qatyl, innerhalb aehtunboierjig ötunben nad; 
93erlaffen beö ©erichtfaaleö ftarbeu. 

2ln brei h^ifeeu 3ulitagen fanb biefe ©eriehtfitmng \tatt. 
6ehäbliche ©afe, bie aus bem 93obcu aufwiegen, follen, wie 
man fpäter erflärte, ben Sluftechmgsftoff enthalten h aDcn , 
tpahrcnb £orb Q3erulam-33acon, ber große ^phi^foph/ occ 
Anficht war, baß aus bem ©efangniffe eine anfteefenbe 
l^ranfheit in ben ©eria}tfaal oerfejjleppt toorben fei. 

223äbrenb ber 6ttmng war bem 93orfi$enbeu, 6ir Robert 
©eil, tpieberholentltch ein fehlechter ©eruch aufgefallen, unb 
er hatte nach beffeu Urfacfje gefragt, ohne eine genügenbe 
Antwort ju erhalten. 

Sine recht eigentümliche Auftlärung für biefes feltfame 
Sterben gibt ein Autor, ber inbeffen oon ben Partei fämpfen 
unb bem Aberglauben jener Qc'it ftar! beeinflußt ift. <Sx 
fa)reibt: „93or ben Gd;u>ar$eu Affifeu ftanb Rowlanb 3ente, 
ber fieb u>egeu beleibigcuber unb oerrätertfehcr 3lufoerungeu 
über bie Königin oerantworten follte. Räch einer langen 
9crj>anMun$ würbe er jum $obe oerurteilt. SSährenb ber 



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□ Mannigfaltiges. 213 

- ■ — i ' -~ - ■= 



dichter «üt gewohnter ^eierlichtcit ben 6pruch bes ©efetjes 
perfünbete, erfüllte plojjlich ein übelriechenber Qualm ben 
ganzen ©aal. Über feine <£ntftehung finb bie perfdnebenften 
Vermutungen geäußert tporben, pon benen inbeffen feine bas 
Süchtige trifft. Auf ©runb unu?iberleglid?er Betpeife bin ich 
jeboa) in ber £age, bie roahre Hrfacf)e angeben 31t Wimen. 

$>urch Sufall gelangte ich in ben 23efi$ eines feltencn unb 
roertpollen Sttanujfriptes, bas einem gelehrten $urio[itäten- 
fammler gehört hatte, ber jur Seit ber $ataftrophe in Orforb 
lebte. 3n biefem 9Hauu[fript wirb nun behauptet, baft bem 
erwähnten 9ioiPlanb genfs pon bem ©c^eriff öfters bie Er- 
laubnis erteilt tporben war, in Begleitung eines Auffejjers 
in bie Btabt ju gehen. $>urd; fchönc Qöorte unb reiche ©c- 
fd;enfe habe er einmal ben Auffeher be[tod)en, mit if>m eine 
Apothete au befud>en. §icr habe er ein ^ejept gezeigt unb um 
befjcn fcfjleunigftc Anfertigung gebeten, Slachbem ber Apo- 
tt>cfcr bas 9tejept gelefen, erklärte er, bafc bie barauf oer- 
jeiefcneten QKtttel fct>r teuer im greife unb pou ftarfer SBirfung 
feien, unb bafe bas Jtejept jur Bereitung lauge Seit erforbere; 
ehe er fola) (tarfe ©ifte aus ber §anb gäbe, müffe man ijm 
übrigens aud? jupor barüber pergeu>iffern, baf} fie nicht $u gefeij- 
ipibrigen Steden perrpanbt unirben. geufs ertoiberte hierauf, 
bafj hatten unb anberes Itngejiefer bie Büd>cr, bie man it>m 
in feinem ©efängniffe gelaffeu f^atte, befchäbigten unb be- 
fcfjmu^teu, unb bajj er bas perlangte ©ift gegen bie[e £iere 
pertpenben wolle. $>ct Apothefer erbat f icf> eine furje 
Bebenfjeit aus; toährenb berfelbeu fdjrieb er fia) bas 9tejept 
ab unb gab es bann bem Befteller mit ben Söorten jurürf, bafe 
er mit fo gefährlichen fingen nichts ju tun haben tpolle. 

§>ie einzelnen Beftaubteile biefer merftpürbigen ARirtur 
fönnte ich toof)l mitteilen, bod) ift ihre A3irfung eine fo furcht- 
bare, baft ich lieber baoon Abftanb neunte, bamit nicht buta; 
b&fe 9Henfd;en irgenb welch es Unheil angerichtet werbe. Auf 
bie eine ober anbere Art fd;ciut inbeffen Senfs bod) fein 
Steppt gcmad;t erhalten 511 haben; als ber £ag ber 33er- 
banblung herannahte, formte er bie einzelnen Beftanbteile 
mit 5>itfc eines $oa)tes 511 einem Sichte jufammen, bas 



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n 



bann wie eine ßerje brannte. 21b bas Urteil gefproefcen 
werben follte unb er tou^te, bafe er bein £obe ntct>t met)r 
entrinnen tonnte, jünbete er mit einem Jeneijeuge, bas 
er f icf> 3ur>or bcfd>afft i)atte, biefes £öllifd;c £i<$t an, bas 
bem £eben fo vieler ein oorjeitiges (Snbe machte. §>ie folgen 
feiner £at fiub ja bcfaimt unb für ben nicf>t ocrtounberlid), 
ber bie fd>äblid;en unb ftarf toirfeuben Stoffe fennt, bie fein 
9*ejept oerlaugte." . 

©iefer fcltfame ©eriefct ift offenbar oon jemanb oerfafet, 
ber für alles 5öuuberbare eine befoubere Vorliebe f>atte, 
bem 55rüffteitl ber l^riti! unb bes gefunben 9Henfd>enoer- 
ftanbes |>ult er inbeffen niefct ftanb. 2Kan fann fragen, toiefo 
beim ein 9lngeflagter, ber eben jum £obe oerurteilt würbe 
unb bal;er boa) ©egenftaub allgemeinfter 2lufmerlfamfeit 
getoorben ift, unbemerkt unb unget)inbert Jeucr angefd>lageu 
unb bamit ein £i<$t angejünbet (>aben foll. geber im Saal 
t)ätte ja bann auet) gefe^en, wot)er bie fcbäblicfcen kämpfe 
tarnen, unb ber SJorfi^enbe t)ätte nict>t fa>on ein paar Stunben 
juoor feine 33emertungen über ben wiberlicf)en ©eruef) &u 
machen brausen. 3a, toeun es bamals \<fyon 8ünbt)öljer 
gegeben fnitte, fo liefoe fid? biefc <£rtlärung oielleicfjt et)er 
t)ören, fo aber tann fie nia)t baju beitragen, bas SHmfel 
biefes 9*ätfels <tuf}itt(äreu, bas wof>l ewig ein ©ef>eimnis 
bleiben wirb. 3. <£. 

C^ttt rctteitbcr ShtfaÜ. — 2ln einem Frühlingstage bes 
3at)res 1853 tourbe ein junger &ilbr)auer namens 33ennt;ofer, 
ber bereite beachtenswerte groben eines ungewöhnlichen Talents 
abgelegt unb fid> nach einigen Erfolgen auf Slusfte Hungen mit 
einem jungen 9Häba)en oerlobt hatte, bei einem Spajiergang 
in ber 9täf>e oon 2öien wäbrenb eines ©ewitters 00m SMifce 
getroffen unb für längere 3*it betäubt. Sanbleute fanben 
ben 33ewtifot(ofeu unb fcf>afften if>n in ein 3Biener ^ranfenhaus, 
100 er aber erft nad; Stunben ins geben ^urürfgerufeu werben 
formte. 

$>as Erwachen für ben 2irmften loar furchtbar. <£r war 
bur4> bie (Jimoirfnngeu bes eleftrifcben Stromes bes Slugen- 
lid)tes beraubt werben. Seine 33erwanbtcn brachten i(m in bie 



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D Mannigfaltiges. 215 



_^üni! bes berühmteren Slugenarates von 98ien, bes ^3rofeffor6 
Jerbinanb p. 2lrlt. §>ocb aud> beffen ßunft permoebte if?ni bie 
geftorte 0ef?fraft nicht rpieberjugeben. 

2lls 55ennbofer erfuhr, baj$ er für fein weiteres Seben blinb 
bleiben roürbe unb nie ipieber feine geliebte 33ilbbauerfunft 
ausüben fbnne, brach er pöllig jufammeu. $>a er ein nur 
befebeibenes Vermögen befafo, löfte er auch f c ' nc Verlobung 
auf, obrpphl feine 33raut fcblicfjltcb nur bem ©rängen ihrer 
eitern nachgab, tagelang jaft 53ennhofer in feinem l^ranfen- 
jimmer unb brütete büftcr por fich h»^ Mehrmals perfuchte 
er fich oas fieben 311 nehmen. 93on £ag ju £ag fteigerte fich 
feine trübfinnige Stimmung, unb bereits machten fich *h m 
bie erften Slnaeicben einer beginnenben ©eiftesftörung bemert- 
bar, als ber ^rofeffor auf ein einfaches Littel perfiel, bie 
©ebanfen bes unglüdlicbcn jungen 9Hannes eta>as abjuleufen 
unb junächft rpcuigftens ein getpiffes ^ntereffe für anbere 
$>inge rpieber bei ihm ju ertpecteu. (Sr fnüpfte in eine Schnur 
einen pielfad? perfch lungeneu knoten unb bat 35ennbofer bann, 
ben knoten 311 entrpirren, eine £ätigfeit, bie immerhin eine 
gcipiffe geiftige Slnfpannung erforbette. 

2lrlt hatte ben richtigen 2öcg eingefd;lagen, um bem er- 
blinbeten Htinftlcr bie £ebeusfreubigteit $urüc!$ugeben, beim 
bie[cr fanb an bem Entwirren ber pcrrpicfeltften Knoten immer 
mehr Vergnügen, fo bafe er es fcbliefolfcb ju einer folchen gfertig- 
feit bax'm brachte, baft er bie fomplijierteften Aufgaben biefer 
2lrt fpieleub löfte. §)aburcb gerpannen feine Jingcrfpijjen eine 
unglaubliche Jeinfübligfeit, bie burch anbere ähnliche Arbeiten 
immer rpeiter entrpicfelt unirbe, bis man 33ennbofer nach 33 cr ~ 
lauf eines t>albcn gabres 311m erftm 9Hale eine ftnetmaffe 
anpertraute, aus ber er bann bie perfefnebenften, porläufig 
noch einfachen ©egenftänbe ju mobellieren begann. 

9ßtt bem jungen 9Hann rpar foa>obl förperlid) rpie geiftig 
eine grefce $nberung jum 33cfferen por fich <K0<mgen. Seine 
©leld>gültigfeit, feine geiftige Stumpfheit tparen gerpichen. 
Sein ©efiebt batte ipieber frifehere Jarben befommen, unb 
mit eiue^m geroiffen Stolj jeigte er feinem 9öoh^äter jetjt ftets 
bie groben feiner giugerfertigfeit auf. 9uid> tpeitereu jipei 



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216 Sttannigf altiges. □ 



ga^cn ipac er bereits imfiaube, bie 3ierlichften Jtgürchen 311 
mobellieren. gfrm, bem bas 2lngcnlid?t fehlte unb ber fid; 
bafjer in feine eigene phantaftifefre 33elt cingefponnen ^atte, 
flogen bie gbeen für immer neue Jiguren- unb £iergruppeu 
förmlich 311. 35alb würbe ein <por3cllanwarenfabri?ant auf bie 
in jeber ^infiebt !ünftlerifd>en unb eigenartigen 98erte Sknu- 
bofers aufmerffam unb befchäftigte ihn bauemb, fo bafe ber 
blinbe SHobelleur f tcf> feinen Lebensunterhalt mehr als reichlich 
oerbiente. 

Unb bann trat auefr wlrtlicfr pto^Cicf> ftrahlenbes ©lüct in 
bas Leben bes einfamen, $um ernften SHanne herangereiften 
^ünftlere. $>ie SJraut, bie il>n nur \>a\b ermutigen auf- 
gegeben hatte, teerte 311 ifrm jurüct, unb balb würbe aus beiben 
ein feltges ^aar. SJennfrofete <Sfrrgei3 gab fich jetjt aber mit 
bem bisher Erreichten nicht mehr gufrieben. Er nahm eine 
größere Arbeit in Angriff, bie er für bie SHünchener äiiuft- 
ausftellung in ^ro^e gießen laffen wollte. 60 entftanb im 
Verlauf pon brei Monaten feine rührenbe ©ruppe „$>er blinbe 
©attc", bie ihm 1S64 in 9Küncf>en bie golbene SHebaille ein- 
brachte unb bann von bem Liener 9Tationalmufeum angekauft 
würbe. 9K?t biefem 38er! hatte er fid> einen <pia$ neben beu 
erften bilbenben ßünftlern feiner Seit errungen. 

0ein Talent, niefrt mehr eingeengt burch Heinlicfre 9?ahrungs- 
forgen, entfaltete nun erft feine gan3e 93ielfeitigfeit. Sc fa)uf 
noch eine S an 3 c Sutjafrl oon ©nippen unb <£in3clfigurcn, bie 
cbenfo burch Reinheit ber Ausarbeitung wie eigenartige 9luf- 
faffung bas waf>re ©enie oerrieten. 93ennfrofer ftarb im gaf>re 
1889 an einer Lungenentjünbung. ©eine Jamilic bewahrt 
noch freute »fe eine 9Wiquio bie 6cfrnur auf, in bie ber be- 
rühmte 2lugcnar3t eiufi jenen erften Knoten gehlüpft fratte, 
burch ben ein obllig Verzweifelter fich in 9Bat>rt>cit au fich felbft 
3urüctfanb. 38. 

St uviofi täten in ber Wflia 2üpl)in. — 33c!anntlicfr ift 
bie weltberühmte §auptmofchee Ronftautinopcls, bie ßlgia 
Sophia, in ber ^auptfache noefr bie eilte (Sophienfircfre, bie 
^aifer guftinian in ben 3af>ren 532 bis 537 oon gfibor oon 
SHilet erbauen liefe, eie blieb bis 1453 cfrriftticfr, in welchem 



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9ftannigfaltigc&. 



217 



3a{>re ^onftantinopel oon ben dürfen erobert, bas $reii3 
auf tyrer §auptfuppel bmä? einen riefigen bronzenen §alb- 
monb erfe^t unb bas Snnerc ben mof)ammebanifcf>en 2lu- 
fci>auungen angepaßt unirbe. 

$3ie »iele Heiligtümer, (o befi^t aud; bie 2lgia 6op£ia 
aus ihrer d>riftlicf>en unb frül;mof>ammebanifd>en Qclt gc- 
loiffe ^uriojitäten. 
60 toirb ein {>of>ler 
33loct aus rotem 
Marmor gezeigt, 
ber in 3ktt>le(>em 
bie Grippe bes 
gefudfinbleine ge- 
bilbet j>aben foll. 

Sine anbere 
$urio[ität ift ein 
§anbabbrud! bes 
«Sultans 9Ho£am- 
mcbll.im füblicfcen 
6eitenfd>iff. SBäfr- 
renb ßonftantiuo- 
pel oon ben dürfen 
erftürmt tourbe, 
tyatten fief) Diele 
<£f>riften in bie 
6opl>ienfircf)e ge- 
flüchtet. 5>ie oer- 
rammclteu £üren 
uuirben oon ben 
türfifdjeu Kriegern 

eingefdjlagen, Sttobammeb IL (türmte 311 <pferbe in bie 
ftird)e, richtete mit feinen Statinen unter ben (Shrifteu ein 
furd;tbarcö 95lutbab an, taiKbtc bann nad; ber £egenbe 
feine §aub in flüffiges ©olb unb brüdte fie 311m Sei^u 
ber Q3efit$ergreifuug neben einer <porpf)2)rfäule an bie Söanb. 

Site eine anbere Ruriofität toirb im utfrblid;eu cScitctxfd^iff 
bas „$alte gteiiftcr" gezeigt, 100 beftänbig ein frifd;er Suftjug 




©er S)anbabbrucf 9flo(>ammebs IL 
in ber Slgia 6opf)ia. 



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218 SHannigfaltigeö. ü 



u>el?r. (gwbM) gehört t>icu(>cr aucf? nod> bie „6c£u>itjeni>e 
(Säule" — 3a[d? bivct — (inte i>om §aupteingang. §ie Skonjc- 
beNeibung ber @äule weift ein Meines £od> auf, bur<$ bas 

man (eil Sftarmor berühren 
tan« , ber fid> ftets voie oon 
Sdjvoeijj feucht anfüllt. §>ie 
9Hof>ammcbaner glauben, bafj 
burd) bie 93erüf?rung biefer 
Gaule Slugenentjünbungen gc* 
f>cilt werben. £f>. 6. 

$8i(b bev ^rin$ejjm. — 
Sin ein 93ilb ber ^rinjeffin ßlc- 
mentine 9Hetternia), bas im Lie- 
ner §ofmufeum f)ängt, müpft 
fid? folgeube ©e]*cbid?te. 

(£s mar im 3af>re 1818, ab 
ber berühmte Porträtmaler Sto- 
mas fiarorence, bamals eben in 
9Bien oeruxilenb , auf einem 
Spaziergange burd? bie Stabt 
ein junges 9fläbcf)e?t, nein einen 
<£ngel, tote es il;m (d)ien, an ber 
6eitc einer ©efellfd^afteriu er- 
Midfce. <Sr folgte beu beibeu 
$>amen unauffällig über ben 
f^ot>lmarft, ben SHidjaelerplat}, 

SHc „ed;u>i$enbe 6äule" WfyM K» 3 um ^ orc bcr 
in ber Qlgia Sophia, etaatstoujlci, in bem fie oer- 

(d)ioaüben. 

§>er Sttaler (türjte auf ben Sortier 51t, ber eben feine cr>c- 
furdjtsoollfte Verbeugung beeubet f>atte, mit ber ^ragc: 
„38er toar bie junge 5>ame?" 

„§>ie ^riujcffiu ftfementine Stetternich." 

„Felben (Sie mid; [ofort bem Jürften!" ruft £au>reuce 
auö unb eilt fd?ou bie treppen Kilian, 

5>er (Staatsfanjler Klemens 98ctternid;, mit bem berühmten 
Künftlcr längft befannt unb in l;äufigem, gefelligem 93erfef>r, 




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219 



empfängt ihn aufö freunbltchfte. „Wim, mein lieber Lawrence, 
was wünfcf>en 6ie?" 

„§)urd;laucht, 6ie haben eine Tochter!" 

„9Um?" 

„geh ^at>e nie etwas 6d>öneres gefebeu. 3$ mufj fie 
malen!" 

„9Hein lieber," meinte bei* Jürft mit bebächtigem &>pf- 
fchütteln, „bas ift recht fd>mei<$eu)aft, aber 6ie finb mir 311 
teuer! SHeine 33erhältniffe erlauben mir bas nicf>t." 

„3d? mad>e gimen einen 23orfd>lag, Durchlaucht. (Erlauben 
(Sie mir, eine ^tijjc ju entwerfen. 6ie werben, fobalb 6ie 
biefe gefehen tyabm, bas Porträt machen laffen, bejfen bin id> 
fieser r 

„21un gut," antwortete ber 6taatstanjler fcr)on f>alb unb 
l;alb bejiegt, „u>ir wollen fehen." 

21b nacr) fur^er Seit Lawrence bie entjücfenbe &t\föe brachte, 
jehwanben bie Siebenten bes 93atcrs, bie wohl ofmebies nicht 
allju ernft genommen werben burften, oollftäubig, unb er 
erteilte bem 9Haler in aller ^orm ben Auftrag, ein 93ilb bernaty 
auszuführen. 

©er 9Haler reifte nach <£nglanb jurüd. Sin oolles 3al;r 
bauerte es, bis ber 33ielbefd>äftigte bas ©emälbe oollenbet f?atte. 
§>a ftanb es nun fertig, ein Stteifterwerf : bas blü^enbe fed^jehu- 
jahrige 9Häbc^en als §ebe, als ©öttin ber ewigen gugenb! 

2lber wal;renb in Sonbon ber ^pinfel bes Malere, 6trid; für 
(Strich ancinanberfügenb, ein leben[prül;enbes Stbbilb fd;uf, 
breiteten in 38icn bie fd;war$eu Jlügel bes Xobes if>re Schatten 
über bas arme Qöefen aus. £>ie 6dnr>inbfud;t hatte bas jeböue 
f^inb ergriffen unb aufs l&anfenlager geworfen. 2Ule Hoffnung 
war fd?on aufgegeben, als bas Porträt in SSien anfam. (Es 
würbe am Ju&enbe bes Lettes aufgehellt, ©ie ^rinjcfliu 
betrachtete es lange unb verlangte nad; einem ©pietjcl. „9?iem 
(Sott, wie h<*be ich mich oeränbertl" fcufjte fie. 

33alb barauf war fie tot. 9lm [chöuften bid;tet nod; immer 
bie WM^ML O. 0. 55. 

^ottfirmationSgejtfjeitfe. — (Ss ijt heute tu><$ mehr als 

früher Sitte geworben, ben ^onfirmauben 511 feinem (Ehren- 



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Sftanuigfalttges. 



tage ju befa)cnfen. 9lu unb füc fid; lügt fid? bagegen gewijj 
aucl? nid?ts eiuwenben. $>er £ag ber ttrcj)lid?cn (Sinfegnung 
— oft jugleid? ber ber 64>ulentlaffung — foll ja möglic(?jt 
f>eroorgel?oben werben, in biefer Seit ift bas junge 9Henfd?eu- 
t>cra otelleid?t aud? empfänglicher als fonft int gafcre, unb eine 
gutgemeinte ©abe wirb ja ein ^inb faft immer glüdlfc(? machen, 

Allein es fommt boef? fet>r barauf an, wie unb was gefd?cn tt 
n>irb. Unfer 6ct?cnfcn erforbert im allgemeinen f?cute eine 
Reform. QBir bead?ten ju wenig ben feinen, jarten 0inn bes 
SBortes fd?enfcn. 38ir benfen 511 wenig baran, bafo in jeber 
©abe, aua) in ber getauften, immer etwas ^erfönlid^s liegen 
mufe, bafe wir nad?benten, erlaufenen müffen, was ben anberen 
erfreuen tonnte, ba& bas, was wir fpenben, in feiner 
2u*t folib, ca)t, gut, baueri?afr, awedentfpred?enb fein mufc. 
3ft es nid?t beaeidjneub für ben Xiefftanb unferes 6d?cntens, 
wenn jene Slnetbote cntftet?en tonnte, voonad) bic 33ertäuferin 
ben Käufer fragt: „28olleu 6ic etwas jum 55er freuten, ober 
foll es etwas 35c ff eres fein?" 

2Bas wir bem jungen 9ttcnfd?cu geben wollen, bas fei baf?cc 
an ficj? wertooll, womit natürlid? nicht ein £o£er ©elbwert 
gemeint ift. §>enn was ber 3ugenb gefd?cnft wirb, bas foll 
bod? anhalten, oiclleidjt ein £eben lang als Slnbenten au- 
bauern, immer wieber ben Slcij einer fd?cmen (Erinnerung 
auslofen. 2lu einem £age, an bem ber junge 9Henfd? oft fo 
oiel gcfcfjentt erhält, ba foll er an biefen ©aben inerten, wie 
gcfcf>cnft wirb, ba foll er fclbft bie ßunft bes guten 6d?entcus 
baran lernen. 

3m allgemeinen mufo wotjl f?eutc gefagt werben, bafe faft 
511 oiel an biefem Xage gcfd?cnft wirb. 9Han mufc manchen 
©abentifd? gefef?cu f?aben, um 511 biefer 9Hcinung 511 tommen. 
$n biefer Überfülle liegt eine ©cfal?r. §>as junge 9Henfd?entinb 
wirb baburcr; oicllcictjt oerleitet, in biefen ©cfcjjcnfen bie §aupt- 
fad?e ber freier ju erbliden, fid? in jenen ernften £agcn ju aus- 
fd?lie{$lid> mit ben ©cfd>enfen 311 befdjäftigcn, fdjliefclicf? aud? 
ben Wext ber 93erwanbtcu unb frreuube bes Kaufes naa) ben 
©aben ab3iifd?ät}cu. lluferer Qc'it wirb ber Vorwurf gcmad?t, 
es liege in il?r ein materieller 3ug unb fie neige baju, aud? bas 



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□ Mannigfaltiges. 221 

. . ... - — — — 

3nnerlichfte 311 pcräufecrlichcn. 6ichcr ift bicfc Anflöge nicht 
unbegründet, unb auch bie goille ber ßonfirmationsgefchenfe 
ift ein 3^i<4>^n biefec Qc'it, fic leitet nur 311 leicht 3m 33er- 
äufeerlicbung hin, 311 einem grobmateriellen @inn. 

Sticht nur bas öcbenfen im allgemeinen, fonbern auch bas 
Pehmen unb Tanten ift eine ßunft, bte mancher nict>t perftef>t. 
2lud> ber 3ugenb wirb fie nicht immer eignen. Slber gerabe 
be&halb bietet [ich l?ierbei für bie Altern eine gute Srjie^unge- 
gelegenhcit. 5luf bie Altern u>icb es piel mit aufotnmen, beu 
üinbern 311 jeigen, bafj ber materielle Söert einer ©abe burd;- 
aus nid)t immer bie §auptfache ift, u>ie auch in ber äußerlich 
fehlichten unb pielleicht billigen ©abe etwas von ber ^erfbn- 
H$teit bes ©ebers 3um Slusbrud fommt, wie foldjes ©eben 
bann fcclcnpolles öchenfen ift, wie jeuer Spruch wahr ift: 
„Sin S)aud> ber Siebe abclt jebes S>ing, a>er geben fann, gibt 
nie gering!" (Sache ber ©Item wirb es por allem fein, ü)re 
ftinber in bas richtige Verhältnis 311m ©cfcj>en! an fkh 3U 
bringen, ihnen feinen fachlichen 33ert 311 3cigen, fie 311 lehren, 
ben richtigen, ben würbigen ©ebraueh bapon 311 machen. 

6el>r piel fommt es, tpie bei jebem 6cbcufcn, auf bas 33as 
au. S>ie ©reiben im 9lcid?e bes 6cf)cnfbarcu liegen ja unenb- 
lid> ipeit auscinauber. ©6 ift 3unäa)ft gleich, ob tpir etwas 
wählen, was bem praftijcfjen alltäglichen ©ebrauchc bient ober 
mehr für beu (Sdmtuct bes Sehens ift, bie S)auptfad)e ift, 
bafj es au fid) gut ift unb bem ©mpfäuger Jreube macht. 2lua) 
l?ier ift bas 6ct)eufeu feine 6ad>e ber 35cqucmlich!eit, es bebarf 
ptelmehr einigen 21acf>fimtcns, ^rüfens, Sluswählcns. 

9Han macht ficf> heute bas 0d>eufcn au ^oufirmanben in- 
fofern leicht, als meift ober bod? mit Vorliebe (Scbmucfgcgen- 
ftänbe gefpeubet iperben. ©s (ommt gar nicht fo feiten per, 
bafo ber junge 9Hcnfd>, namentlich bas9Häbcbcn, nur mit fingen, 
5lrmbänbern, 35rofchcn, Zlhrcn unb ähnlichen 6ad;en bebaut 
loirb. Söir wollen bicfc $>ingc auch nicht ohne weiteres oer- 
urtcileu. 6ie tonnen an fid) fcf>r fcf)ön fein unb ihrem Qwcd, 
unferer äußeren ©cfchcinuug 311 bienen, gut nachfommen. §>cr 
junge SKcnfch nutzte auch eben nicht uod; 311111 guten Seil 8inb 
fein, um fleh über biefen (Schntucf nicht pon £cr3en 311 freuen. 



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222 



SRoimtg faltiges. 



Slber wir wollen uns ja aud; nur Dagegen warten, bajj 311 oiel, 
manchmal ausfehl iefjlid; fold;e €>a<$cn gefd;enft werben. $a- 
burch wirb bas $inb einmal »erleitet, fie 311 übcrfdjäijen, 311m 
auberen bleibt fo manches ©efd;cnfgut unbeachtet, bas bod; Im- 
ftanbewäre, and; 311 erfreuen, bas mehr ©emütsweit befäfce unb 
311m frud;tbareu 6amenforn für manche gute Regung würbe. 

Ski Dielen jungen 9Kenfchcn ift eine Sieblingsneigung 
oorhanben. Sin Sieblingsfad) l;at faft jeber 6d;üler gel;abt. 
28ieoiele 9Höglid;fcitcn crfcbliefeen ficf> ba febon fürs 6d*enfcn ! 
Vielleicht fällt ba bie 3Babl auf einen £anb gute 9wten, auf ein 
beffercs SReifoeug, einen erafteu ©lobus, einen phpfifalifcheu 
Apparat. 9luch ber sufünftige 23eruf gibt wertvolle Singer- 
jeige für bie 5luswaf>l bes O. freute. Jreilid; ift es in allen 
biefeu fällen nötig, ben ftonfirmanben 3U fennen, ein wenig 
nad>3uforfd;en, fid; etwas 9Hi'ü)e 311 geben; etwas 58ertoolles 
unb (Srfreuenbes wirb fid; babei immer finben. 

2luf einige paffenbe Ronfirmationsgefchenfe mag (hierbei 
befonbers bingewiefen werben, gn ben meiften fallen werben 
fid) gute Silber eignen, 93ilber, bie als 9öanbfa)mud bienen 
tonnen. #äufig wirb ja bas Ottäbcheu oon biefer 3eit an fd>on 
if?r eigenes Sanier heweu, ba wirb fie fid>er aud? einen folgen 
6d>muct mit Jreuben anneinnen. Sin guten Silbern, bie mit 
Kähmen oicllckht jd?on für fünf bis jelm 9Harf 311 haben fiub, 
l;atfi;t ja (ein Langel, ©emüts- unb ©efdnnactswert liegen 
rtiiu; in ben ftunftmappen unb &unfn)efteu perborgen. 3u;nlid; 
wie jeber gebilbete 9tfenfch feine eigene 33üd;erei befi^en unb 
ocrgröfjeru foll, oerhalte es fid; auch mit ben Silbern. <?s 
follte ber 6tol3 eines Knaben unb 5Käbd>ens fein, eine eigene 
55ilberfammlung 311 beftyeu unb 311 pflegen. SBir fiub im 
beutfd;en §aufe 31t febr gewöhnt, bie Silber nur oon ber 28anb 
auf uns Wirten 311 laffen, wir beftyeu 3U wenige 4)ausbilbcreien, 
bie oon Seit 311 Seit uufer 2luge unb §er3 laben mögen. QBirb 
erft ein ©runbftod gefd?eu!t, fo wirb gewifo in oielen gfällen 
weitergebaut werben. Sind? l>ier fehlt es nicht an wertoollem 
unb bod; billigem ©ut. 

Sin ^oufinnationsgefd;enf, bat? aud? immer angebracht ift, 
[fort wertoolle 35üd;er. 2lber aud; hierbei gilt es, wie jut 58eu)* 



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ö Mannigfaltiges. 223 



nachtsjett, nacfoubenten, auszuwählen. Olicf^t jebes %>ud) wirb 
jebem jungen Sttenfchentinbe ©leid>es fein. 9Hit Vorliebe 
werben ja ju biefem £age Bibeln, ©efangbüdjer unb Qtnbadpts- 
fchriften gefchenft, unb tl;r 2Bert foll burd>aus nid>t herabgefetjt 
werben, wenngleich ja bie Vermutung ausgesprochen werben 
mu&, bafo fid> bie 3ugenb "id)t alljuoiel in ihrer ^ttufjejeit 
mit biefeu 6cJ)ä^cn bcfcfjäftigcn wirb. Empfehlenswert aber 
bürfte es fein, ben ^onfirmanben einige ^laffifcr — jebod; 
nur in Sluswahlausgabeu — 51t fd>en!en. Jtnfere gugenb weife 
aufcer ben Titeln unb ßitaten oft fd>rccftid> wenig oon unferen 
großen Richtern; oiele 9Häbcf>en h<wen jwar oft bie Romane 
ber mobernen <5rjäl)ler gelefen, tauten aber nt$t bie $Heifter- 
werfe unferer SMchterheroen. Jür ein poetifches ©emüt wirb 
eine ©ebichtfammlung ein wertpolles ©cfcf>euf bilben. Überall 
wirb es auch l;ier barauf ankommen, bie Neigungen bes ju 
33cfd>entenben 511 berüdfkhtigen. &alb wirb bann mehr ein 
©efduchtswert am <pia£e fein, balb eine 9teifebefd>reibung, 
balb ein naturwif[eufcbaftlid?es ^ud>. gür alle Jalle bürften 
nocl? 33ücher über bie Lebensführung angebracht fein. 9Heift 
finb fic jwar etwas fdjwer gefebrieben, aber mit ben gahren 
lieft fich ber ernftgeriebtete 9Henfch in fie hinein unb profitiert 
bann oiel oon ihnen für feine (Selbftcrjiehung. 

3u ben ©efd;enfen, bie liebe unb oielfagenbe Slnbenfen 
fein [ollen, gehören auch bie ^onfirmaubeujebeine. Stfan ift 
jetjt immer mehr baoou abgenommen, fie mit nichtsfageubeu 
©chnörfeln, mit füfolicbeu £>arftellungen, mit unoerftäublichen 
6pmbolen ausjujtatten, foubern bietet in ifmen flüchte, 
gute ftuuft, inbem meift ein beftimmtes 2Mlb in ben SHittel- 
puuft geftcllt u>irb. Seouarbo ba 33inci, 0. 2lf>be, 0. ©ebfjarbt 
unb aubere Meifter ber rcligiöfen Runft finb babei oer- 
treten. 9Jtan erhält bie 6cbeine nach belieben bunt ober 
einfarbig, mit einem freien ^piatj für Eintragung ber ^erfo- 
nalien ober obne ihn. 

58ie bei jebem 6cbeufeu follteu wir aud? ben ftoufirmanbeu 
gegenüber immer in erfter Sinic an ben Empfänger beuten, 
gimt wr allem foll bie ©abe oon 6egeu fein, ihm foll (ie „311m 
©rote werben, bas nie alle wirb". $>amit werben wir burd; 



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224 



SHannigfaltiges. 



bas ©efchenf jum (S^ieher bes jungen SKenfcheu, unb biefer 
©ebanJe mufj uns immer an eine beftimmte 93erantwprtung 
erinnern. <p. §pchc. 

(Sin SogelblteH. — $>cr Sperling, pou bem ein dichter 
fingt: 

„£>ir gönnen nirgenbs einen ^Jlaij 
$ie Meinen Herren unb bie grofeen; 
SUlüberall, mein lieber Spa^, 
28irft bu gegolten unb geftofcen — " 

gewinnt unfere Sunctgung unb 2ld)tung, wenn wir fe(>eu, 
wie er fein 5)eim unb {eine 25rut gegen beu Scrftörer feines 
(Slternglüctes perteibigt unb fein fiebeu mutig unb tapfer in 
bie (Sd?anje fehlägt. (Sin 93ogelbuell jwifchen Sperling unb 
Slmfel hatte folgenben Verlauf. 

Sin Sperling fam gerabe ins 9Xeft geflogen, ab eine räubc- 
rifchc Slmjel (ich mit einem jungen Spatjen baoonmachen 
wollte. S>er Sperling [türmte fid; fofort in furchtbarer (Erregung 
auf bie 5lmfel, bie por Schrccf ben jungen Sperling fallen liefe 
unb ficf> bann gegen ihren Angreifer tpanbte. ©er Sperling 
irollte fid; aber junäcbft auf nichts weiter einlaufen unb nur 
fein junges wieber in bas 9teft retten. Sllleiu ba hatte er nicht 
mit ber 2lmfel geregnet, $ie Qlmfel nahm aufs neue beu 2lngriff 
auf, unb nun entfpanu (ich ein erbitterter Kampf juerft in ber 
£uft, ber bann weiter auf ber <£rbe angefochten unirbe. An- 
fangs fd?ien es, als ob bie Slmfel febr im Vorteil gegenüber 
bem Sperling wäre, ba [ie piel träftigere Stiebe mit bem Schnabel 
austeilen tonnte, tiefem (am es aber wieber juftatten, bafe 
er piel gefehietter unb gefebwinber als bie Slmfel war unb 
fid; per beu Eingriffen ber Slmfel befonbers baburch retten 
tonnte, bafe er unter [ie froch unb fie pou unten mit bem 
Schnabel bearbeitete. (Snblid; fd>ien es, als ob bie Slmfel 
pon bem Kampfe genug hätte unb fid) bcwonmad>eu 
wollte. Sie hatte ba aber nicht mit bem (Segner geregnet. 
5>er Sperling, ber felbft fd;ou perwunbet unb flügellahm 
war, I>inftc ber langfam baoonhüpfenbeu 2lmfcl nad? unb 
begann wieberum ein heftiges ©efecht. Sichtlich wiberwillig 
wehrte fid; bie 2lmfel bagegen; aber bie Sd;nabelhiebe 



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□ 



9Hannigfaltige6. 



225 



umrben halb auf beibeu 6eiten f<$tr>äd)er. 6d>Üefelid? benutzte 
bie Slmfel einen günftigen Smgenblicf,- um in einem ©ebüfdj 
ju per[d>rt>inben. <L & 

Leiter C&ftftänber. — $>er untenftefrenb abgebilbete 
Dernidelte Obftftänber, bec in per[c£iebenen ©rbfjen ge- 
liefert wirb, ftellt einen j)übfd?en 6d>mud für bie £afel bar. 
Einmal fann bas Öbft burd; bas freie Siegen feine $>ru<f- 




Obftftänber. 



fteüen bekommen, unb fobann wirft aud; J>übfd> Man! ge- 
putztes Obft fcl>r nett mit bem ötänber. Gipfel, SMruen, 
2ipfel[inen lafjeu fid) in biefer Jorm auf ben £ifd; bringen. 
2lu<$ bie Slusjtattung ift, tpie roir auf unferem 33ilbe fefjcn 
fonnen, uorjüglid). gn ben §anbel gebracht wirb ber 
Qippaxat von ber Jirma 21. (Schümann, Berlin W, 
£eipjiger 6trafce 109. §. 

9Werfiutiti)iöe trf)rlirf)f eit<tyro&C. . — - £ef[ing |><rtte einen 
dienet, beffen £reuc unb 3ut>cr(ä([igfeit ifmi titelt gaua 

loii. viii. 15 



SHannigfaltiges. 



n 



geheuer porfamen, unb er entfchloj} f ic|> baher, ben 9Kauu 
einmal auf bic tytebt 511 [teilen. <£r crjähltc bics einem 
Jreunbe unb fügte ^inju, bafe er, um Klarheit 311 gewinnen, 
©elb habe auf bem $ifd;e liegen laffen. 

„§aft bu bic benn aud> gemertt, wieoiel bu Eingelegt |>aft?" 
feagte bet gtounb, bec beö Richters 3crftreut^eit tonnte« 

fieffing fal; ihn erftaunt an, benn bas ©elb 311 jaulen 
(>attc er pergeffen. 21. 6<$. 

$te ^Ber^tiiberun^tanonc. — 9Hit biefem ungewöhnlichen 
Slamen bejeidmet man ein 9*iefengefchütj, bas cinft ber erftc 
preufjifdjc Köllig Jriebnd) L im 3a£rc 1704 pon bem ^3ots- 
bamec ©efchütjgiefjer gohann gafobi hcrftellen liefe, unb bae jwar 
nie friegerifche Lorbeeren errungen, bafür aber bei einer befon- 
beren ©elegenfceit eine merfwürbige politifd>e 9*olle gefpielt hat. 

SHefe toloffale ^3run(!anone, bereu über lSJufe langes ftohr 
mit fünftlerifchen, erhabenen ©erjieruugen reich gefdjmücft 
u>ar, u>äre fähig gewefen, kugeln pon 100 ^funb ©ewicht 
fortjujchlcubern. §>afür wog fie aber aud; utc|>t weniger wie 
370 gentner. 8u i|)rer Jortjchaffung war eine fiafette von 
27 Jufj Sänge notwenbig, beren 9*äber einen 5>urchmcf(er 
von 9 Jufo befafjen. ©etoftet |>at biefes für bamalige Seiten alö 
28unber angeftaunte Ungetüm, bem ber König ben tarnen 
„2l(ia" gab, 17 828 SReich&taler. grricbrkfr L bcabftytigte, nod> 
$wei weitere SKiefengefchüfce pon benfelben Slbmeffungen 
gießen ju laffen, „(Suropa" unb „Slmerita", bie bann alle brei 
vot bem königlichen 8^ugj>au5 in ©erlin aufgcftellt werben 
[eilten. §>ie „Europa" aber ift, wie Dr. 23eiuit$ uachgewiefen hat, 
nie gan$ fertig geworben, unb mit ber Slusf ühcuug ber „5lmerifa" 
f>at mau überhaupt nicht begonnen. 5>er König (>attc [ich bie 
6a<$e injwijchen anbers überlegt, ba ü)m bie Ausgaben für 
nod) jwei 6chauftücte biefer 2lrt bod> ju fycd) erfchienen. 

9Iur bie „2lfia" fanb al[o ben ij>r jugebachten <piafc oor bem 
3eugl;auö, wo fie nict>t nur pon ben Berlinern, fonbem auch pon 
allen Jremben weiblich angeftaunt würbe. Jünf gahre \tanb 
fie bort ftolj in eiufamer ©röfce. $>a trafen in ber erften guli- 
hälfte bes gahres 1709 bie Könige Jriebcid; IV. pon $>anc- 
mart unb Slugujt ber 6tarfe pon 6ad)fen-^3olen in ©erlin ein, 



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□ Sftmnigfalttges. 



um aud; beu <preuf}en!önig für ein 95ünbnis gegen Schweben 
ju gewinnen. 93ei tiefen politifchen 93erhanblungen war es, 
wo bie „Slfia" eine befonbere 93erwenbung fanb. 

Sin jeitgenöffifcher Bericht eines beim berliner $of 
glaubigten auswärtigen Diplomaten Gilbert bie eigenartige 
Sjene f o.lgenberma&en : „93or bem Seughaus waren bie 
preuf$ifa)en Gruppen im 93iered aufgeteilt. 3n ber Sttitte 
biefes ftanb bas mächtige ©efefm^, baoor eine niebrige, mit 
(oftbaren Stoffen befleibete treppe. 2Us bie brei SRonarcfcen 
erfa)ienen, präfentierten bie Gruppen unter fromme Ifa) lag. 
Bobann beftieg als erfter 9luguft pon ^3olen bie treppe unb 
fetjte fich auf bas 9*ohr ber Kanone. 3f>m folgten ber bänifche 
unb ber preufjifche König. Stadlern bie ©errfcher aljo neben- 
einanber ^pla$ genommen hatten, reichte ber Oberhofmarfchall 
bem preu&ifa)en König einen golbenen, mit SBein gefüllten 
93echer, aus bem Jriebria) I. auf eine beftänbige unb ewige 
8reunbfa)aft mit feinen beiben lieben Oettern einen Schluct 
tran!, worauf bie beiben anberen ihm in berfelben 98eife 93c- 
fcf?cib taten. Qunx Scf>luffe reichten bie brei 9Honarchen f ic|> 
bie §änbe unb oerjicherten mit lauter Stimme, bajj bas foeben 
gefchloffene 93ünbnis unoergänglich fein folle wie bas Srj bes 
©efehütjes, welches 8euge biefer Abmachungen fei." 

91un, was es mit folgen „ewigen g-reunbfehaften", bie einen 
Politiken 5)intcrgrunb haben, auf fia) hat, jeigt uns bie 
©efchichteberSJölter an unzähligen 93eifpielen. Slucf> bie Allianz 
Dänemar!, <pokn-Sachfen unb <Preufeen hielt genau nur fo 
lange oor, als fia) feine wiberftreitenben gntereffen einftellten. 

Die „Afia" würbe am 11. g-ebruar 1744 auf 93efehl Jrieb- 
ridjs bes ©rofcen jerfchlagen unb bas baraus gewonnene 9Hetall 
ju ftdbgeföüfyn umgegoffen. 

Sine genaue Abbilbung ber 93crbrüberungsfanone hängt 
im berliner 8eugh<ms unter ben Anbeuten an bie 9tegierungs- 
3cit bes erften preufu'fchen Königs. 93. K. 

$ie »fomen&iubefmtft hat eine hohe Stufe bes ©efa)mades 
erreicht, unb bas fuubige Auge ruht mit Wohlgefallen auf ihren 
Sräeugnifjen. Das, was ber 9ttaler in feinem ©emälbe als 
Stimmung bezeichnet, bas ift in feinen ©lumenarbeiten bie 



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228 



SHannigfaltigea. 



□ 



tünftlerifcfje 2inorbnung. $>ie Jarbe foll ftetö fcfjon ben (Sf>arafter 
bee ©lumenftüde aeigen unb bie jeu>eilige Stimmung bei bem 
©efefcauer erweden. 

5>ie [ieben Jarben bes 9*egenbogens finb 9*ot, Orange, 
©elb, ©rün, ©lau, gnbigo unb Violett. Slufeer biefen Jarben 
fcat bie Statur in unenblicfcer 98eife für 2lbwed>flung geforgt 
unb eine grofee 98enge 6c|)attierungen gefebaffen. 5>ie färben 
werben in falte unb warme g-arben eingeteilt. 8u ben falten 
grarben a<u)lt man ©rün, ©lau unb ©iolett; warm finb 9*ot, 
Orange unb ©elb. ©rün ift eine ©ermittlung&farbe unb gleicht 
in ber ©inberei oft ©egenfätje aue. §)ie wärmfte grarbe ift 
Orange, bie fältefte ©lau. S>ie 9Ha<$t ber warmen grarben über 
bie falten ift fo grofc, bafe jum ©eifpiel in mehrfarbigen 33er- 
binbungen auf Beeten fowofcl wie in 6träu{jen unb anberen 
©lumenarrangementö ein 3e|>ntcl Orange ober ©elb ju neun 
8e(>nteln©lau ober Violett genügt. ftot, ©elb unb ©lau fjei&en 
reine Jarben, aud; §auptfarben ober ^rimärfarben, Orange, 
©iolctt unb ©rün fefuubärc grarben unb ©lauoiolett, 9*otoiolett, 
Orangegelb, Oraugcrot, ©laugrün ufw. £ertiärfarben. 

223 c i ö !?errfd;t unter ben ©lumen am meiften oor unb gehört 
überall fcin; C6 trennt unb permittelt unpaffenbe grarben, unb 
felbft bie fetnften Slbtonuugen treten buref) SÖetß tyeroor unb 
fommen jur ©eltung. 5>a es aber fo ftarf wirft, barf C6nid?t ju 
fefcr in ben ©orbergrunb treten. 9Uir bei $rauerarrangementö 
fann ee neben 6ct)warj unb SHmfelblau überwiegen. 

9* o t ift eine lebhafte gfarbe unb 6pmbol ber Siebe, woburefc 
fie überall beliebt ift. 5Han finbet 9Sot in allen erbentlicfcen 
0cf)attierungen oertreteu. §öd>ft oorteityaft wirft es neben 
©elb, Orange, 28eif$, ©raun, ©rün unb hellblau. 91ic aber barf 
9^ot neben ©iolett ober Sila geftellt werben, bas müfjte jebeö 
ßennerauge beleibigen. ©benfo oermeibe man eine Sufammcn- 
ftellung oon 9^ot unb §>unf elblau. 

^ o f a ift eine 3wifcf>enfarbe oon 9*ot unb Söeife unb als 
jarte, weiche gfarbe allgemein beliebt; fie wirft fefcr f#bn 
neben 98ei&, jartem hellblau unb ©rün, aud) uod> neben ©elb. 

©lau, bas 6pmbol ber £reue, finbet fi<$ ganj rein nur 
wenig unter ©lumen. ©s ift eine fiieblmgsfarbc ber meiften 



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O 9Hannigfaltiges. 229 



9Henfchen. hellblau pafet gut JU Söeife, 9*ofa, ©elb unb Orange, 
©unfelblau 511 hellgelb unb 28eifc. ©a fich 93lau, namentlich 
bie bunflen £bne, ju roenig oon bem grünen bunflen Staube 
abgebt, oerroenbet man in ber 93inberei mehr gelles £aub 
baju, weift- ober gelbbuntes ober hellgelbes. 

Violett wirft ähnlich toie 93lau, unb fct>r oiele als blau 
geltenbe 33lumen finb eigentlich oiolett. <Ss pafet ju 98ei&, 
SHattgelb unb Orange, barf aber nie neben 9*ot geftellt werben, 
©te ju §ellblau neigenbc (Schattierung oon Violett t>cifet fiila, 
bie $u 9Kattrofa neigenbe „9Kauoe"; beibe, £ila unb 9Hauoe, 
würfen am beften neben 28et& unb SHattgelb. 

(Selb, bie Jarbe bes paffes, bes 9teibes unb ber Salfch- 
heit, war früher nicht beliebt, fie ift aber heute ju einer oiel- 
begehrten SHobefarbe geroorben. (Ss barf bte[e Jarbe jeboch 
nicht ju ftarf fyetvoxtzeten, fie barf nur fparfam oerwenbet 
werben. 2lm oorteilhaftejten wirft es neben 93lau, Violett, 
£tla, 9tot unb Orange. 

Orange fteht jwifchen ©elb unb 9*ot, gefällt am beften 
neben ^lau unb Söeifc. ©ie bellete (Schattierung oon Orange 
roirb „ lachsfarben" genannt. 

© r ü n fommt unter ben SMumen nur bei ber grünblühenben 
9lofe, „Rosa viridiflora", oor, ift aber als SMnbefarbe oon großer 
^ebeutung, toeil es, roie fchon früher bemertt, tybt unb oer- 
mittelt unb bei SKifcgriffen in ber Sarbenjufammenftellung 
ben unangenehmen (Sinbruct ab(chu>ächt. <S. £. 

2k bvaurljt feinett <©tf)ufc! — $n ber Slnfunfthalle eines 
ber Söiener Bahnhöfe erwarteten jwei einfach gefleibete 
©amen bie anfommenben ftetfenben. ©ie ©amen ftanben 
im ©ienfte jener 93ahnhofmiffion, bie (ich bie Aufgabe ftellt, 
jungen unb unerfahrenen Sttäbchen 00m £anbe, bie mutter- 
feelenallein bie 9tfefenftabt betreten, um bort Unternommen 
unb Slrbeit ju fuchen, ^ilfrcic|) jur 6eite ju ftehen, fie oor ben 
©cfahren ber ©roftftabt ju roarnen unb ju fchütjen. ©er 
6trom ber 9*eifenben ergofc fich nach ber §alle, bem Ausgang 
ju. SRitten barin fchritt ein Räbchen mit jugenblkhen, 
hübfehen 8ügen, in ber §anb einen großen haften tragenb. 

€ine ber ©amen machte (ich an bas Sttäbchen fatan: 



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230 Mannigfaltiges. EJ 



„6ie erlauben, Jräulein — 6ie fint> toohl fremb ^ier? 9tehmen 
6ie bic Jrage nicht übel. 0ie fuchen toohl eine Zlnterfunft?" 

„3a, bie fudje ich f<4>on. Slber ic|> benfe, ic|> toerbe fchon eine 
finben. ftbrigeus — toarum intereffieren 6ie ftch für mich?" 

„3a, ipiffen 6ie, liebes Kinb, 98ien tyat bocj> feine ©e- 
fahren für ein 9ftäbchen, bas ganj allein bafteht. $8enn 6ie 
für bie erften Sage 6cf)ut} brauchen ober tPünfchen — " 

„Sich fo, ich oerftehe. 3d> banfe fehr, tcf> brause aber 
roirflich feinen 6cf>u$." 

$>ie S>ame tr>ar ettoas perblüfft, benn fo furj angebunben 
hatte fie noch feine 6cfm$bebürftige gefunben. „6ehr felbft- 
betpufjt, liebes Kinb! Slber fagen 6ie, toas finb 6ie benn 
eigentlich?" 

„Sierbänbigerin," u>ar bie 2lnta>ort. „Unb in bem 
haften |>ier finb jioei Klapperfchlangen. 3<h benfe, bereit 
0chuij bürfte genügen." 

$>ie beiben ©amen Ratten in ben nächften 9Boa)en öfters 
©elegenheit, bie berühmte Sierbänbigerin §. im Sixtus ju 
betounbern. O. o. 95, 

$ie gröjrf)e als Altern. — 5>ie Fortpflanzung ber $röfche 
erfolgt in ber Siegel burcf> Sier. 5>a biefe im SBaffer abgelegt 
toerben, entbehren fie fefter Umhüllungen, roie fie bie Sier 
ber Sanbtiere befiijen. $>ie belebenbe 6onnenroärme, bie fid; 
bem 28affer mitteilt, entioicfelt in ben Siern bie Surc^c ober 
£aroen, bie in ber ©eftalt pon Kaulquappen bie <£ier perlaffen 
unb ben 95au pon Söaffertieren beftyen. 9Rit bem fortfehrei- 
tenben SBachstum gehen mancherlei 33eranberungen mit bem 
Körper ber Kaulquappe por ficf>: bie §inter- unb 33orberbeiuc 
fproffen heroor, bas Gfclett wirb immer fefter, unb ber ftuber- 
fa)tpana perfchtoinbet nach unb nach ganj. $>as $ier tpirb nun jur 
Jortbctpegung auf bem £anbe getieft. 5>ie Kiemen oerfchiohiben, 
unb Hungen bilben fich aus. 5>as 9flaul u>irb immer breiter, ber 
5>arm u>icb ein Jleifchf reff erbarm, bie 8unge bilbet ftcf> aus, 
unb bas £ier nimmt nur noch lebenbe tierifche Stauung ju fich. 
2lus ber fifchä'hnlkhen Kaulquappe ift ein Srofch getoorben. 

2ln allen biefen tpunberbaren Vorgängen nehmen bie 
^rofcheltern feinen Anteil; haben fie bie (Sier gelegt, fo haben 



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■ ... • 



Mannigfaltiges. 231 



fic jur Schaltung if>rer 2lrt genug getan, fie betummern f icf> 
nid?t weiter um bie (Sier nod? um bie gungen. 

2lber in bec weiten 2öelt gibt es no<$ anbere Birten oon 
5röfc$en unb barunter aud; fold?e, bie eine ftrengere Sluffaffung 
ij>rer <£lternpflic(>ten behmben. 

§>a ift jum Skifpiel ein japanifcfjer £aubfrofc£, bec an ben 
Jlufuifern bei ben 9leisfelbern ein 9teft baut unb in biefes 
feine (Sier legt. 3ft bie Seit gefommen, unb tpiü bas ftxofö- 
weibefcen feine <£ier legen, bann wirb es vom 9Hännc£en auf 
feinen 9ttic!en genommen, unb fo begibt fi<f> bas (Sfcepärcfcen auf 
bie QBanberung unb fud;t eine paffenbe ©teile, voo fie bie fleine 
9Ieftj)b^le in bie <£rbe bicfjt am Ufer graben. §>a hinein legt 
bas $8eibd>en feine <£ier, bann bringt es eine jetye 9Kaffe Ijeroor, 
bie beibe mit tyren Hinterbeinen ju 6c^aum fc^lagen. tiefer 
6d>aum |>üllt bie <5ier ein unb verfielt fie mit Jeuc^ttgfeit unb 
fiuft, biö fie entwidelt finb, worauf ber &<fyaum roteber flüffig 
wirb, fo baß bie Meinen Kaulquappen burd> bie Öffnung 
ber 5)öi>le ins Gaffer gelangen lönnen. 

^Bieber anbere »erfährt ein in 93rafilien lebenber £aubfrofcf> 
bei ber $crftelluug eines Heftes für bie (Sier unb jungen, 
gn utebrigem 3öaffer unb auf bem &oben besfelben richtet bas 
98eib<$en in monbbelleu dächten aus Qrrbe unb 9floraft einen 
Qöall auf, ber fd;liefclid> bis ju einer £5fce oon 10 8*Nti- 
metem über bie Obcrfläd;e emporragt, wo er einen 9ting mit 
20 bis 35 gentimeter 5>ur<^meffer barftellt. liefen 9teft- 
bau fütn-t bas Söeibdjen ganj allein aus; es glättet innen bie 
Qöäube mit ben Süjjen, bod> bie Slujjenfeite bleibt rauf? unb 
uneben. 28ät>rcub bes Nauens gibt bas 28eibcf>en feinen £on 
von fieb, aber ringsumher fifcen bie 9Hänn$en unb fonjer- 
tieren, fie fingen unb rufen unb bieten in biefer Qöeifc bem 
28eibd>en ©efell[a)aft unb Unterhaltung. $n 5wei £agen ift 
ber 33au fertig, bann folgt eine 9Un)epaufe, unb bann beginnt 
bas Eierlegen. 5>ie ausgefctjlüpften Kaulquappen bleiben 
innerhalb bes fdniijenben Tinges, bis ber „ftafyn ber 8*it" 
if>n jerftbrt unb bie Kaulquappen ins Söeite entfc^lüpfen lägt. 

Stuf ben <Sepd;eUen im gnbifd>cn Ojcan lebt ein Srof<#, 
ber über feinen Siern eine 9lrt 93rütung ausübt, ©erfelbe legt 



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232 Mannigfaltiges. 



feine <5ier auf feuchte (£rbe ober faule 93aumftümpfe, fe^t ft<$ übet 
(te l;in unb erhält il?nen babur<$ bie ^euc^tigfeit, bis bie jungen 
aus|<$lüpfeu. §>iefe jungen Kaulquappen finb per^ältnismäfu'g 
grofo, (ic Hämmern fi<# am 9Uiden bes 33aters feft unb bleiben 
bort, bis [te ü)re Polle ©nttpidlung erreicht f?abem §ier f>at 
bas 9Hänn<$eu biefe fonberbare Kinberpflcge übernommen, 
tpäfcrenb bei einem anberen grofe^, ber in ©uapana portommt, 
bie Kaulquappen auf bem dürfen ber 9Kuttcr feftftyen. 

93ei ben 9kutelfröfct>en in Stenejuela (>at bas S8eibd>en 
mitten auf bem 9*üc(en eine Öffnung, bie nacf> einer großen 
33rutfammer fü^rt. §)iefe fetjt fiefj 5U beiben @eiten in jtoet 
Räumen fort, bie faft ben Kopf erreichen unb fi<$ juglcicj) unten 
im Jrofdjlcib l? in er f treten, fo bafe fie faft unter bem 35aucf>e 
jufammentreffen. 5>as 9Hännd>en ift babei betyilfüd), bie fcf>c 
großen (Eier in bie 35rut(ammer ju bringen, $>ie 35ruttammern 
liegen bid?t unter ber §aut; tyre 2öänbe finb pon pielen Slbern 
burdjjogeu, unb ba basfelbe mit jtpei mächtigen Kiemen ber 
Jall ift, bie bie jungen roie eine ^appc einfüllen unb fi$ 
ben SBänben bicf?t anf4>miegen, mufj mau annehmen, baß 
ein 6toffaustaufcJ) ju>ifc^en bem Körper ber 9Hutter unb bem 
ber jungen ftattfinbet. 

©te merfopürbigfte (Sntu>tcHung ber jungen jeigt fid? iu- 
beffen bei einem in (Et>Uc lebenben, (aum 3 8<mtimcter 
langen Jrbfdx^en, bei bem bie (Eier im Körper bes 9Hänn<$ens 
auegebrütet werben, a>o alfo eine gerabeju naturipibrigc 
Xatfad>c porüegt. (Sbenfo merfipürbig ift, bafc bie <5ter, um in 
bie 93rutfammer ju gelangen, burd? ben SHuub bes 9Hännd>cus 
ge^en. 9ln ber 8unge, blty bei ber 9ttunböffnung, befinbet fid? 
ein ©ang, ber nad) ber 95tutlammct füfjrt. §ier euttpideln 
(id) bie jungen aus ben (Siern, befommen teilte unb (leine 
<Sd;u?änje, unb mau nimmt an, bafe fie bort fo lange per- 
bleiben, bis fie pollftänbig lungenatmenbe, fdjtoanjlofe Jröfcfye 
geworben finb unb als fold?e aus bem SKunbc bes Männchens 
(unausivaubem in bie SBelt. S. £. 

§err bOlt fcattetytanb. — Barles Maurice §erjog pon 
Xallepranb-^pertgorb, fouoeräner Jürft pon 33eneoent, ber 
berüfcmtefte etaatsmann ber großen 91apoleonifc£en Seit, 



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233 



mar als „$u>eiter &o\)\\" am 2. g-ebruar 1754 in ^ßartö ge- 
boren. 3n feiner buxö) Hilter unb 93erbienft ausgezeichneten 
Jamiüe wat ee &rau<$, bafe ber ältefte 6o£n, ber fünftige 
(Styef ber Jamilie, ben militärifefcen, ber ju>eite 6o(m ben 
geiftlia>en 93eruf ergriff. SJwrlee Maurice tr>ar bereite 2lbb£, 




als fein ältefter Skuber jtarb. Sibcc ba er mit einem ßlump- 
fufo geboren u>ar, tpar tym bie militärifa)e £aufbafcn r>er- 
fcfcloffen, unb ba fein (ütyaralter unb feine törpcrUc^e 33er- 
unftaltung tym bie Siebe feiner Altern geraubt Ratten, fo 
tourbe nicj>t er, fonbem fein jüngerer trüber 9ttajorat6- 
erbe. $>iefe r»om ßönig fanftionierte Vergewaltigung feiner 



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□ 



SRecfcte erfüllte ben gelb- unb macfctbucftigen jungen SKann 
mit fold> bitterem §afe, bafj er fic£ bei 2lu8bcucf> ber fteoolution 
eng an Danton anfa)lof5, ber als 92tfntfter ben per(cf> lageneu 
Jreunb jum ©cfanbten in £onbon machte. 

6<$on bamate £atte ^allepranb fein jtaatsmännifc^ee 
Programm, an bem er aucf> mit unb gegen Napoleon feftyielt. 
<£ö ift in feinem 3kcid>t an Danton Pom 25. Qtooember 1792 
enthalten unb lautet: „92tan fcat erfahren, bafj alle ©ebietö- 
eru>etterungen, alle mit ©etpalt unb £ift bur<$gefe§ten 
Ufutpationen nur graufame 6piele politi(4>ec Hnreifteit 
finb. Jranfreicfc mufe in feinen eigenen ©renjen bleiben." 

6olcf>e 2lnficf>ten matten tyn natüclid) ^obeepierre unb 
beffen g-reunben ber „©egenrepolution" perbä<$tig. Kantons 
6turj foftete i{m fein Slmt. ©r flüchtete naefc 2lmeci!a, 
too er fi4> butcf) einen Meinen §anbel ernährte. ©rfi nad) 
bem 6tur$ ber 6d)tcdeu&fKccfd>aft fefn*te er tpieber nad; 
^ariö aurüd, wo er butcf) 55arrad unb baö $>iceftorium jum 
SHinifter bee SlustPärtigen ernannt würbe. 9ttit beifpiellpjer 
6ftupcllofig!eit benü^te er fein fcerporragenbeö 2lmt juc 
perfönli$en Vereiterung, fcatte er bocf>, ipie er jpuifcf) bem 
preuf5tfd;cn ©cfanbten jagte, „bas ^3öftcf>cn mitübernommen, 
um es ab armer Teufel $u perlaffen". ©c oerjtanb feine 
©efd?äfte fo gut, ba& er in hirjer Qcit feine erfte Million 
im troefeucn fmttc. §>ie Spaden pfiffen cö balb oon ben 
§>äd>ccn aller ©e[aubtfd>aft6t>otel8, toie täuflic(> er fei. 3" 
ber £at betrieb er feine 9tebenge(d)a'fte in ber öffentlich feit 
mit [old>er 9ttidfid>tslofigteit, bafj if>m 6iepc&, ber Harras 
im 93orfi$ bes SHreftoriums erfe^te, ben fiaufpafj mit ber 
fd>riftlidKn 93cgrünbung gab: „®a& (d?lcd?te 33eifpiel, aus 
bem foftbarften ©ut bee Ottensen, feiner ©f?rc, ©elb ju 
fdjlagen, |>at auej) 6ie perfüt>rt." 

91ad; bem etaatsftreid) pom 18. QJrumaire 1799, an bem 
er fjerporragcnbcu Slnteil f?atte, tpurbc er tpieber jum 9Kini[tcr 
bee dufteren ernannt. Journier fagt baju: „Napoleon, 
ber if>n als 9Hcnfd>cn nidjt f>od>ad;tctc unb if>m feine Ver- 
achtung uid;t pcr£el>lte, f>iclt bod) fo grojje Stüde auf feine 
glänjenben ftaatsmänni[cf>en Talente, bafe et tyn u>iebec 



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Mannigfaltiges. 



5um91müfterbes dufteren machte." 21b folget leitete er nidjt 
nur fa[t felbftänbig bie Jriebensperhanblungen pon £unepille, 
^Prefjburg, ^ofen unb £ilfit, fonbern legte aucf> bas Junba- 
ment jum (Srbtaifertum Napoleons, pon bem er fiel) bie Er- 
füllung feines alten Programms, bie frieblic^e 33orj>errfc^aft 
Jranfrcic^s in ber Söelt, perfprad;. §>ie i(>m perfonlid; per- 
lten „©ebietsertpeiterungen" unb „Ufurpationen" nützte 
er babei für f ic|> perfonlicj) mit folcj>er ©ertffent>eit aus, ba& 
ijm jeber anftänbige SHenfa) gleid; bem bieberen OTarfc^aü 
Sannes als „6cf)mu^ unb ©red in einem feibenen etrumpf" 
peracf>tete. gn ber £at löfcfjte ^allepranb (einen unerfättlic£en 
©urft naö) ©elb aus allen Kanälen, ^reufcen, Öfterreicf>, 
9Uifolanb jaulten tyttt Tribut, $>as Stibelungengolb ber 9tyein- 
bunbfürften, bie fid) bei ber Aufteilung ber gei[tlic{)en ©uobej- 
(>errfcf)aften gegenfeitig ben 9tong abliefen, ftrömte ij>m ju. 
5lucf> (Englanb fehlte n\ä)t, roas 6d>lofjer mit ben 2J3orten 
feftftellt: „Übrigens wußten bie (Snglänber fid? burd? grofce 
Gummen genaue Kenntnis pon allen planen Napoleons 
ju perfdjaffen, ba £allepranb felbft, tpenn au<$ nur burej) 
9ttittelsperfonen, ber 23efte4>ung jugänglid? a>ar." 

Übrigens mad?te Sallepranb gar (ein $el?l aus feinen 
9tebengefc(>äften. (£r felbft t>at feine £rin(gelber auf runb 
fedjjig Millionen ftxantcn, alfo noej) um jtpanjig Millionen 
f>ö£er augefd>lagen, als fein Jreunb Soucf?e äufammeu- 
gegaunert t>at. 2lber Joud>6 |>atte au<$ nicf>t 9!tabame ©rant 
jur grau. SMefe $>ame tpar als 9Katrofeufinb geboren unb 
in gnbien öls £änjerin perborben. £allepranb f;atte fie 
in Slmerifa entbedt unb nad> <paris perpflanjt, u>o (ie im 
^ninifter^otcl bie §onneurs machte. Napoleon, ber in^tPifdKn 
bie cbenfo eiubeutige 3ofept>ine be SJeaufcarnais jur erften 
$>ame gtanfreid>s gemacht hatte, fagte eines $agcs in ©egen- 
roart £allepranbs in feiner fc^roffen 2lct ju 9Kabame ©rant: 
„6ie müffen ben tarnen £allepraub führen, fonft bürfen 6ie 
im 9Kinifterium nicf>t länger toolmen." §>ann gab er £allep- 
ranb einen £ag 93ebenf$eit, in brei Sagen feine Haushälterin 
ju heiraten ober bas 9ttinifterium &u räumen. 5lm jtpeiten 
£ag fcj>on roar SKabame ©rant S)er5ogin pon £allepranb. 



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256 



9Ranntgfaltigc5. 



Site ficfc nad> biefer ©alopp£>eirat bae neupermäfclte *?Jaar 
in ben Suilerien porftellte, rief Napoleon ber jungen Jrau 
laut ju: „3<$ fcoffe, bafe gfrau pon £aller>ranb uns bie £ei<f>t- 
fertigfeiten ber Sftabame ©rant pergeffen läfct." 

„©ctpife," fagte biefe, f icf> perbeugenb. ,,3d) tperbe hierin ipie 
in allem ganj bem 53cifpic( ber 9Rabame 33onaparte folgen." 

Unb fie folgte ifcm, benn fie na£m, toie aud> gofep^me 
ju tun pflegte, mit Vergnügen i^cc „§>ouceurs" pon ben 
Hoflieferanten tpeiter an, fo pon einer genuefifefcen Jirma 
einmal 400000 gfranfen. 

SBenn Scfcloffer behauptet, bafe ^allepranb fein 2lmt 
im Sluguft 1807 toegen feiner 93efte4>licf>!eit aufgeben mufete, 
fo ftimmt ba$ nic^t. <Sr banfte freiroillig ab, weil tym bie 
•^oliti! ber Srobcrungerrtege nid>t mefcr jufagte unb er fein 
Programm ber eigenen ©renken Jranfreic^s nun mit S)ilfe 
ber Q5ourbonen burdjfetjen toollte. 5>er &aifer, ber ben 
großen Staatsmann ab Berater ni<#t entbehren fonnte, 
machte ifcn jum ,,9*eic{)5pi3egrofetPät>ler" mit einem ©efcalt 
pon 330 000 Staufen, tooau no<$ feine ©infünfte ab Jürft 
pon 93eneoent mit 120 000 Jranfen unb ab Oberfttammcrer 
mit 40 000 Jranfen famen. 

©rft 1809 fiel er lieber in Hngnabe. Napoleon »eilte 
bamals in Spanien. §ier mclbete man if>m, &af$ £allepranb, 
gou<$e unb 93eruabotte mit ber beutfefcen, ruffifc^en unb 
englifcf>en Slriftofratie gegen i£n intrigierten. $>er ßaifer 
reifte nad> ^aris jurüd unb (teilte £allepranb in ©egentoart 
pon (Sambaceree, Sebruu unb §>ecre& jur Siebe, ©r toiffe 
wotyl, bornierte er, bafe eine Partei unter £allenranb, Jouc^e 
unb 55cmabotte gegen ijm tonfpiriere; bann roarf er tym 
ben £ob bes ^erjogs pou ©ngj>ien unb ben billigen ^rieben 
pon ^refcburg por unb fragte if>n, u>of>er er feine Millionen 
£ätte, unb mit roeldjen Summen er fi<$ Pom Sluslanbe fcabe 
beftecfjen (äffen. 

Of>ne mit ben 28impern ju juden, ftedte £allepranb bie 
pielen 93eru>eife ein, bann fünfte er hinaus unb fagte brausen 
einem ßammerf>crrn ad>fel3udeub: „gammerfc^abc, bafj ein 
fo großer 2ttann eine fo fcjjlecfcte ©raiefmng genoffen fcat." 



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□ 9Ranmgfaltigce. 237 



93ou biefem £age an i>afetc et nid;t nur bie ^3olitit, fonbern 
auch bie spcrfon bes Haifers, beffen $£rcm er grünblkh unter- 
minierte. 3m Januar 1813 gab er baburef) bas 6ignal juni 
6turj bes Horfen, baß er bem Surften 6cf>tparjenberg 
fagte: „3e£t ift ber Slugenblict gekommen, too ber Haifer ber 
Jranzofen Honig oon g-ranfreia) werben muß." 

<2lad> ber 93ölferfcf>lad>t bei fieipjig bot ihm Napoleon 
trofcbem bas 9Riniftcrium bes Äußeren roieber an. Sr fchlug 
es aus. 5>ie Statte hatte nicht fiiift, mit bem perlorenen 6<$iffe 
unterzugehen. 33. g\ 

Äöltiö Wttb Sogenfdjltefjei'. — Jür geroöhnlid; liefe Honig 
Jriebrkh 2J3ilj>etm IV. bei ben (separatoorftellungen in 
^3otsbam nur Suftfpiele aufführen. Sinft befahl ber Honig 
jeboch bie Aufführung emes £rauerjpiels, bas ein ©elehrter, 
ber ihm oou einflußreicher 6eite fef>r empfohlen roorben u>ar, 
getrieben t>attc. 5>as 6tüd roar $cxtfi$ langroeitig, unb 
nur mit ^üt>c hielt ber Honig brei Sitte bes fünfattigen 
Sxauerfpiels aus. S>cr britte 2Ut u?ar noch nicht ganz ju (Sube, 
als er {ich erhob. $>er bamalige ©eneralmtenbant 35otho 
p. §ülfen öffnete bie Jüt ber Soge, um bem Houigc bas 
©eleit zu geben. $>er fiogcnfchlicßer, ber hinter ber £ür faß 
unb nicht toiffeu tonnte, baß bie ^errfchafteu inmitten eines 
2Utes aufbrechen würben, roar fanft unb feiig entfchlummert, 
was fein ziemlich lautes 6cfmarchen unzweibeutig perriet. 

hülfen wollte ben SPflichtoergeffenen roecten, boch ber 
Hönig wintte ab unb fagte lächelnb: „fiaffen 6ie ihn nur, 
ber Slrme hat gewiß gehorcht." 21. 6d>. 

Sin $olt3aufftanb tuegen ju gto& gefallenen $rote§. — 

gn ben pierjiger fahren bes porigen 3ahrf>unberts bufen bie 
SÖtener $$ä<fer, burch ihr 8unf tmonopol gefichert, ein ungewöhn- 
lich Heines 33rot, perlangten aber bafür um fo höhere greife. 
£>ic 35ehorbe rügte biefc Verteuerung. 5>ie SJäcter roehrten f icf> 
unb fchoben bie 6chulbauf bas^ublifum. 5)ie 6onntagsjugabe, 
bie allgemein üblich fei, unb bie piele 6elbftbäderei an ben #eier- A 
tagen notigten fie, fo hohe greife zu nehmen. $>ie 93ehörbe 
orbnete nun au, bie 6onntagszugabe aufzuheben unb bafür 
größeres 93rot ju baden. $>ie ©äder zeigten roieber einmal, 



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238 



SHaunigfaltigeö. 



bafj fie gutherzige 9Renf$en unb entgegentommenb in jeber 
23eife waren unb — liefeen bie ©onntagsjugabe mit Vergnügen 
weg. §><i6 93rot aber unb {ein ^3rcis blieben wie jupor. 

einzelne SHeifter permeinten aber boch, bafeeebamitbesSnt- 
gegentommenö nicht gauj genug fei, unb bufen tatfächlich bas 
Sörotfo grofe, ab fie eö unbefchabet baden tonnten. Unter anbe- 
rem tat bas auch ein QJäder In bem Liener Vororte Jünfhaus. 

Jlber ein foldj „untollegiales" Verhalten roaren natürlich 
feine Sunftgenoffen aufjer fich, unb ba (ich ber wadere 9Reifter 
nicht an il;re Vorwürfe tehrte, fpielten fie ihm einen Streich, 
ber 3u?ar als Uit gebaut war, aber fcf>r üble Jolgen hätte haben 
tonnen. Sic (durften ihm nämlich fo piele ßunben ine §au$, 
bafj er unb fein «perfonal felbft bei angeftrengtefter Slrbeit 
ben Slnbrang nicht bewältigen tonnten, gmmer großer tourbe 
ber Suftrom $u bem £aben, allerlei ©cfinbel, bae gern einen 
3ur mitmacht, ftellte fid; ein, unb binnen turjer Seit roar ber 
93oltehaufe por bem ©äderhaufe auf über jweitaufenb <Per- 
fonen angewachfen. 9Han brüllte, tobte, fdumpfte, unb fchliefclich 
begann man gar nach bem §aufe mit Steinen ju roerfeu. 
§>ie ^olijei tonnte gegen bie 9Haffcn nichts ausrichten, Militär 
mufote anrüefen, unb fcr>Uc^Ucf> roar es nur ber 9\uhe unb Energie 
bes Sxuppentommaubanteu ju bauten, baß nicht noch ein 
33lutbab angerichtet tourbe. 93erwunbungen burch Steinwürfe 
unb Säbelhiebe tarnen genug por. 

S>ie Urheber biefes Sdnilbeifpicls für bie 28af>rheit besSöortes : 
„kleine llrfachen, grofee ^Birtlingen 1" eben jene humoriftifch oer- 
anlagten55ädermeifter ; mußten jwar empf inbliche ^olijcibufeen 
jahlen, unb ber Obermeifter tarn nur gerabe noch f° Witt bem 
9toctarmel am ©efängnis oorbei, ihren 8t*>ed hatten fie aber 
boch erreicht: bie „5lbtrünuigen" fügten (ich bem 33il(eu ber 
Mehrheit, unb bas 93rot blieb fo Hein toie juoor. O. 

$ic *ötontcne<jrfncv tmb bie fctfstylm. — 3m tür^ich 

beenbeten ©alfantriege ftellte Montenegro ben Serben 
ein §ilfstorps. §>ie ferbifchen Offiziere wollten nun, fchon 
ber Rommanboeiuheit falber , Hefen montenegrinifchen 
£ilfstruppeu, bereu Selbftänbigteits- unb llnabhängigtcits- 
gcfühl ihnen wohl betannt war, etwas militärifchen §>rill 



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O Mannigfaltiges. 239 

— 1 ■ - — - 



beibringen. S>a Ratten [ie jeboa) bei bem unbänbigen Gtolj 
ber eb^ne ber e^tparjen 93erge einen feieren etanb. 

2luf bie teilnefcmenbe grage, tuie ihm feine ferbifefcen 
Kameraben gefielen, bie ein Kriegsforrefpou bent an einen 
Montenegriner richtete, entfpann [icf> folgenbes ©efpräd>: 
„Ofy," meinte ber toaefere Sjernagorje, „fie färben ganj 
f4>bn. Slber warum follten fie aud> ntcf>t, fie finb ja pom 
jelben Gramme u>ie tpir. 93o£er follten fie alfo gaudrt 
fennen? Slbcr u>i[fen 6ie, es ift ja fcf>on reefct unb gut in 
Gerbien, aber es gibt bod> aucf> §>inge, bie ein echter €jetna- 
gor3e nicht ertragen fann. 2ils mir Korten, bafe bie Bulgaren 
unfere ferbifc^cn 93rüber angegriffen Ratten, jogen fofort 
12000 pon unferen gunatji (gelben) tynen ju §ilfe. 28ir 
ipollten mit tynen fämpfen. §>a famen aber ferbifdje Offiziere 
unb wollten mit uns alle möglichen ©efd>icf>teu aufteilen. 
9öir follten ftillftetjen , fie grüben , ©etpetyrgriffe mad;en 
unb bcrgleicf?en. Slber fola)e Gacf>en finb bei uns nia)t Gitte." 

„58as umrbe benn pon 3f>nen perlangt?" 

„5Us toir gefommen iparcn, fagten bie Offiziere, tpir müfcteu 
nun erft 5>iijiplin lernen. gd> bitte Gie, ipoju foll ein Sjerna- 
gorje SMfeiplin lernen? £aben u>ir bie dürfen nicf>t gefc^lagcn, 
unb u>er tann uns na4>reben, bafe tpir baju SMfeiplin gebraust 
Ratten? Sllfo ber Offizier na^m mid> unb meine trüber, ftellte 
uns in etne9teif?e unb liefe uns tyn anfe^en, 5>ann fagtecr: ,§>u 
bi[t ber erfte, bu bijt ber atpeite, bu bift ber britte.' 2lber bas 
u>ar mir benn bo<$ ju ftarf. ,§ore,9$ruber,' fagte \<fy ju ifym, ,alle 
2la)tuug oor bir, aber \d) bin noa) nie ber britte getpefen unb 
babe aua) gar feine £u(t, es ju werben. gcf> bin gefommen, ju- 
fammen mit bir ju fämpfen, aber bcleibigen laffe id> mi<$ nicf)t.'" 

„Söas fagte ber Offizier ba3u?" 

„5>a alle unfere gelben bas nämliche jagten, fa(> er ein, 
bajj er nichts machen fonnte, unb er fjbrte auf, uns ju säfjlen 
unb uacf> unferer Körpergröße ju orbnen. Sin Sjeruagorje 
läfjt fiel) nid;t befd>tmpfcn." 

9Jad> einer ^aufe fuhr er nad?benfli<$ fort: perftelje 
bie Seute f>icc in Gerbicn nid)t. ©ei uns fommt bie Jrau mit 
in ben Krieg unb fod;t für bie §elben, tpäfcrenb fie fämpfen. 



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240 



Mannigfaltiges. 

_- - 



Slber als wir i>icr^ci* (amen, erfcf>icn 5er Offizier unb brachte 
unö5$o£nen, Kartoffeln unb Slei(cf). ,§>ae Eft euer(£ffen/fagte 
er, ,einer pon eud? mufe es (o<#en/ §a, fo<$en — wirt Sin 
Gjernagorje lochen! 28ir fagten tym: ,98ir finb gefommen, 
inn 511 fämpfen, aber ni<f>t um ju foefcen. §>a5 fannft bu tun, 
wenn ee bir Vergnügen mad?t, aber nur werben nid?t fodjen.' 
5>a liefe er uns, als er faf>, bafe nickte ju machen u>ar, in 9Ui|>e. 
Suerft meinte er auefc, wir follten uns beim 6<$iefeen legen, 
aber bas tut (ein Sjernagorje. 23ir finb bo<$ gunatfi unb 
fte^cn beim 6<$iefeen, um beffer &u fefjen. 9Kan tonnte mir 
piele 6<$afe geben, i<f> u>ürbe mief) bo<S) nid?t legen." 

§>iefe Zinterrebung bilbet wofcl bie be[te giluftration 
für bie felbftbcwufete £errennatur ber fiefc „gunatfi" nennenben 
6öf>ne ber 6<#waraen 93erge. 21. 921. 

3ttt Gegenteil. — §>ie alte Jrau ftotyföilb, bie etamm- 
mutter bes ©efcfcle<$ts ber bekannten ©elbfürften, befafe piel 
unb ©eifteefraft; beibe blieben ij>r bis an if>r fiebensenbe 
getreu unb perltefeen fie auc£ auf bem Totenbette nict>t. <Sie 
erreichte ein Sllter pon adjtuubneunjig gaf>ren. 

2lls fie in ij>rer legten Krantyeit ben 5lrjt rufen liefe, fanb 
biefer, bafe bei ber ©reifin bas £ebensflämm<$en im 33er- 
lofdjen unb jebe §ilfc ausgef4>loffen fei. Slber bie geiftes- 
ftarfe Jrau wollte noef) nid>t fterben unb bat ben 3lrjt auf bas 
einbringt fte, if>r bod> irgenb etwas ju perfc(>reiben. „Sieber 
§>oftor," rief fie, „perfud>en 6ie's bo<# wenigftens, ob 6ie 
nic^t uoc£ etwas für micf> tun tönnen!" 

„9Habame," ertoiberte ber 2lrat, „was foll icf> für 6ie tun? 
3cf) (ann 6ie boefc unmöglich roieber jung machen!" 

$a glitt ein Säbeln über bas ©efid>t ber 6terbenben. 
„2lber lieber §>ottor," rief fie, „icf> toill ja au<$ gar nicj)t 
ipieber jung werben! gm ©egenteil, kf> wünf<$te nur, bafe 
Sie mid> noef) piel älter werben liefecn!" 

5>icö war tyr leerer 98i$. QBenige (Stunben barauf fcf>lief 
fie fc^meralos ein. %. 8. 

$etau6geaef>eu unter üeiantnjortlidjer 9?e&aftion von 
21) co bor ftreunb in (Stuttgart, 
tn &fterreidHtnöam uerantwortlidj Dr. ©rnft ^erleS in ©icn. 



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^^^^^^^ verleiht ein rosiges, jugendtrischer 

■ M Antlitz und ein reiner, zarter, schönes 

^^^L^ä Te int. Dies erzeugt die allein echte 

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fdjon, 



ba§ man fjeute Sunt Griemen beö tölabierfpielS ftotenfenntniffe uidjt met)r 
benötigt unb baß man, um eine gute $au3mufit pflegen gu lönnen, jefot 
nur einen SSrudjteil öon ber 3«it aufjuioenben braudjt, bie früher abfolut 
notmenbig toar? ftad) bem feit Sauren glänjenb anerfannten „Saften* 
| dj x i f t" = tflaoierfpieljt)ftem fann jeber, ob alt ober jung, ob Oon leitetet 
ober fd)toerer ?luffaffung, ba§ Älabierfpiel in fürjefter Seit otjne irgenb» 
mcldje S3or!enntniffe unb oljne frembe £>ilfe erlernen. 20er nad) ber 
2aftenjä)rift ba§ ftlabierjpiel erlernt, betreibt nidjt einfeitige SJtufifftümperei, 
fonbern bilbet fidj gu einem flotten Älabierjpieler au§, toie er überall gern 
gehört toirb. 35er Üaftenjdjriftfpteler fann nad) biejem ©Aftern tlalfifdje, 
wie aud) |>au§* unb ianjmufi! ausüben. Qx fann 93eett)oben, ©dnibert, 
Sd)umamt, Gfjopin, 9Jlojart, £>änbel, SBagner unb fiortjing, alfo bie Oper 
unb ba§ ÄonjertftüÄ genau fo pflegen, toie bie 9Jlarjdj* unb Sanjmufi! 
ber älteren unb neueren 3*it, toie S- SB. Offenbad), Straufc, £incfe, ftall 
unb Gilbert. 2ßie beliebt bie £aftenjd)rift ift, geljt toofjl am beften au§ 
ber 2at|ad)e t>erbor, ba§ foeben baö 41.— 50. laulenb ber ßlabierjdjule er= 
fd)ienen ift. ötn Gjemplar biefer neueften Auflage, bie aüe§ ba§, toaS jur 
(Erlernung be§ ßlaoierfpielä überhaupt nottoenbig ift unb aufterbem nod) 
ettoa 25 DoUftänMac *tfitiftffta<ft, toie ßteber, Sänje, TOrjdjc u\to. enthält, 
f oft f t *JW. 5.— rgfl. %\oxt o. 

Sin Sntereffenten, bie e§ für erforberlid) galten, fenbet ber 



Itlujik-Iterlag <2upt]onte 
f riefcenau 11 bei £erün 



einige ^robeftütfe unb genaue Slufflärung biefeS einzigartigen #labierfpiel= 
ft)ftem§ gegen borberige (Sinjenbung oon 5o Pfennig. 

Weben ber boflftänbigen .tUabierjrfjule finb in ber 2aftenid)rift bereits 
ettoa 500 9Jlufitalien aller 9trt erjdjienen, f oba& alfo berjenige, ber nad) 
biejem ©Aftern ba§ fllabieripiel erlernt, jeberjett eine feinem ©ejd)mai 
entjpredbenbe WotenauSionlil finbet. 

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Nach der Behandlung. 




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93erfudjen Sic e3. fo gut cS gefjt, unb 
fcfjicf cn Sic inrt bic ^cicfjnung mit 3hrcr 
genauen Stbieffc ein! 33ir roerben Shncn 
bann foftcnloä unfere ©roidjüre ,,/lusft<ftts- 
ttiQt ^nfttiiift", bie für Sic oon größtem 
Sntcrcffe fein bürfte, flujenben unb Sljncn 
mitteilen, ob Sie 511m 3 c i c ^) ncn Talent haben ober 
nicf)t. Slbcr and), roenn Sic glauben, talentlos £u 
fein, machen Sie, $crr ober Dame, jung ober alt, 
ben SÖedudj, unfere Vorlage naef^i^eic^nen, benn 
in unfrei Srofchüre loollen mir Shnen JBege^u fünfte 
lerifdjen unb praftifdjen Erfolgen roeifen. über bie 
Sic erftaunt fein werben. SBir roiffen au£ Qx- 
fahrung, bafe oft gerabc ba ein Talent fdjlummert, 
reo e$ uicmanb ahnt. Grfolg im 3cicf}nen aber 
heifet, feine ttebenälage berbeffern! 

3ogern Sic bcöhalb nidjft, 100 eS fidj oicf* 
tcidjt um eine auöfidjtärcidjc 3uhmft für Sie 
banbclt unb fenben Sic und noef) heute 3f)rc 3eid)nung 
ein! Sibrejfieren Sie Shren iörief genau roic folgt: 




jttat-«»3eif1jfn-|(ntcrridjt «.m.i» ö fiur. U9,$erliK 0« 



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